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Literatur

Saga Homo Novalis

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Saga Homo Novalis



Aerandil Falkenauge 35.812:

S chwärme von Mücken haben uns auf den letzten Wanderungen eingehüllt. Selbst sie flohen vor den Schwaden von schwarzem Rauch, der träge und dick über den Graslandschaften hängt. Riesige Brände treiben alles vor sich her. Nichts als verkohlte Erde hinter sich lassend. Verkrüppelte Bäume und leeres, wurzelloses Gebüsch. Und tote Tiere, die nicht schnell genug waren.

Die Versteppung breitet sich aus und treibt uns immer tiefer ins Innere des Landes. Nur Fliegen und Käfer scheinen den Feuern der Neuankömmlinge zu entkommen. Verwelkte Büschel von Gras und trockene Halme bleiben übrig. Nichts vermag wieder zu wachsen wie zuvor. Kaum genug, um uns zu ernähren. Wir ziehen entmutigt über eine rote Erde, die die Hitze der Sonne in sich trägt.

Die Gegend wird immer unwirtlicher und bietet wenig Gelegenheit zum Verweilen. Wir haben schon lange kein Quaratar mehr gehabt seit dem Erscheinen der Wingen. Wer sind diese anderen Menschen? Ich will ihnen entfliehen, denn sie bringen nichts Gutes. Sie sind eher eine Bedrohung. Ich muß zu einer Entscheidung kommen.

Mich dürstet nach einer wahren Begegnung mit den Göttern. Zu fliegen und die Unendlichkeit der Welt um mich herum zu empfangen. Doch wie selten bin ich auf einen Ort getroffen – hier in dieser menschenleeren Steppe – der mich den Geistern nahe genug brachte, als daß ich sie in mir fühle.

Jetzt sind wir an einem Bergmassiv angelangt, dessen Weite mir ein Gefühl des Triumphes verleiht. Hinter uns ein flach abfallendes Tal. Vor uns die mir längst bekannte, riesige Felsnase. Ist es der Vulkan, an den Al Erador grenzt?

Um mich herum nur Wüste. Auf dem Weg hierher haben wir längst den Djungel verlassen. Nun scheinen wir angekommen zu sein, wo nichts überleben kann als Quuanqunquum. Die Pflanze, mit der wir durch Zeit und Raum reisen werden.

Am Rande des sich über uns erhebenden Felsens habe ich eine Höhle entdeckt. Sie wird mir endlich genug Muße geben, um meinen Geist zu den Göttern zu erheben. Und mit Thoranda Zwiesprache zu halten. Was mit meinem Volk geschieht. Den Tjuokurpa, die dem Lamatt entflohen sind, um ihre Blutlinie zu bewahren. Und sich aufmachten, das ewige Leben zu finden.

Sind wir nun angekommen? Haben wir Al Erador erreicht? Oh, ihr Großen Geister, die mich führten. Ihr habt mir meine Füße gelenkt und meinen Willen gestützt. Ihr habt mir die Kraft und die Zuversicht gegeben, diesen Weg einzuschlagen. Um Ruhe zu finden für mein Volk. Ihm ein Ziel zu schenken und eine Heimat.

»Schau dir diese Wände an, Aerandil. Sie sind glatt und glänzen wunderschön.«

Moringa ist zu mir getreten. Sie allein darf diesen Teil der Höhle sehen. Denn sie ist seit ungezählten Zeiten meine Gefährtin. Aus ihrer Familie, ihren Schwestern, suchten sich meine Ahnen ihre Partnerin. Auch sie teilt jetzt mein Bett mit mir und wird die Mutter meiner Kinder.

Es ist schwierig geworden, eine Frau zu finden, die nicht mit meiner Familie verwandt ist. Wir treffen nur noch selten auf andere Stämme. Je mehr sich die Clans auf die Suche nach der Pflanze machten, desto seltener haben wir uns selbst gefunden. Und wir werden weniger in den langen Jahren der Wanderschaft. Ich sehe nur noch wenige der einst zahlreichen Kuruls. Es sind soviel, wie ich Finger an meiner rechten Hand habe, die jeweils an der Reihe ist, wenn alle Finger der Linken durchgezählt sind. Und in jedem leben ein Mann, seine Frau und ein bis zwei Kinder. Dieses Land ist größer, als ich dachte. Wir scheinen darin aufgesogen zu werden. Und nur die Treffen der Schamanen halten noch die Bande, die wir benötigen, um einander beizustehen.

Ich wende mich Moringa zu. »Ja, diese Höhle ist gut geeignet, um wieder ein echtes Silhamon abzuhalten.« Ich setze sehr auf die nächsten Trancen. Denn ich muß mit den Geistern sprechen. Wir scheinen nicht mehr die zu sein, die wir einmal waren. Zu sehr verändern sich unsere Körper. Es gibt schon mal Kinder mit sechs Fingern an einer Hand. Oder einer gespaltenen Oberlippe.

Auch werden unsere Kinder weniger. Ich bin mittlerweile alt und muß zusehen, wie mein Geschlecht dahinwelkt. Die Kraft meiner Lenden schwindet. Und noch immer haben sie mir keine Nachkommen geschenkt.

Doch am schlimmsten scheint es Moringa zu treffen. Ihr Schädel ist oben flach und streckt sich weit nach hinten. Als ob ihn etwas hindere, in die Höhe zu wachsen.

»Ich glaube, ich kann dir dabei helfen«, sagt sie jetzt. Sie redet noch vom Silhamon.

»Wie meinst du das?«

»Ich werde den Göttern Zeichen senden.«

»Du meinst, mit deinen Bildern?«

»Ja. Du kannst mit ihnen sprechen, wenn du reist. Ich tu es, indem ich meine Gedanken an die Wände male.«

Sie tat sowas bisher an den Orten, die wir verlassen. Und die von uns erzählen sollen. Für diejenigen, die nach uns kommen. Doch diesmal sind es nicht andere Clans, sondern die Götter, mit denen sie reden will.

»Du glaubst, sie werden dir zuhören?«

»Ich werde das fragen, was du wissen willst. Und sie werden durch dich antworten. So wird nur das aufgemalt, was sie dir sagen.«

Das ist recht. »Der Wille der Götter wird durch mich sprechen. Und alle können ihn sehen.«

Ich bin zufrieden, diese Höhle gefunden zu haben. Vielleicht ist sie ja der Vorläufer des Berges, der das Reisekraut birgt. In dessen Schoß die ewige Flamme des Lebens brennt. Die über die Zukunft der Menschen bestimmt.

Ich bereite mein erstes richtiges Silhamon seit langer Zeit vor. Vor mir stehen bereits zwei Schalen. Die eine ist mit verdünntem Bienenhonig, die andere mit dem Saft der Weinbeeren gefüllt. Zimtrose und Edelmohn sind hier leider nicht zu finden. Aber die Gärung der Tollkirsche sorgt für reichlich Betäubung.

Ich trinke beide Schalen aus. Dann falle ich in Bewußtlosigkeit. Doch bevor ich den Boden erreiche, erhebt sich mein Geist und verläßt meinen Körper. In weichen Nebeln gleite ich durch die Wand der Höhle. Fühle die kalte Feuchtigkeit des Gesteins. Dann trete ich hinaus und befinde mich bereits hoch über dem Land.

Ich habe kein besonderes Ziel als das, dem Stern zu folgen, der von vielen anderen, kleineren umgeben ist. Sie bilden ein Kreuz. Und da ist Thoranda, der größte unter ihnen. Ich fliege ihm entgegen und Licht wird um mich herum. So gleißend, daß sich alle meine Sinne verdunkeln ausser mein reisendes Aug und Ohr. Ich lausche.

»Du wirst deinen Stamm hierher holen. Und ihr werdet euch wieder zu einem Volk vereinen.«

»Bin ich dort angekommen, wohin ich alle rief?«

»Du hast das Ziel erreicht, das du suchtest. Folge dieser Höhle, und sie wird dich leiten zu Al Erador.«

»So ist es noch nicht die Höhle von Quuanqunquum?«

»Sie ist das Tor. Und hierdurch mußt du treten, um die Pflanze zu sehen.«

»Also bin ich angekommen?«

»Ja. Denn dein Ziel ist es, dein Volk zu vereinen.«

Ich verharre. Quuanqunquum ist mein Volk?

»Dein Volk ist das ewige Leben.«

Quuanqunquum ist keine Pflanze?

»Quuanqunquum ist die Pflanze. Aber du suchst das ewige Leben. Und das ist dein Volk.«

»Was muß ich tun?«

»Hole die Tjuokurpa zu dir. Nur sie werden dir neues Leben geben!«

Ich bin also angekommen.

»Nein, du bist weggegangen. Nun mußt du dein Volk um dich sammeln.«

Mein Volk, die Tjuokurpa. Ich muß sie finden und hierher bringen. Denn hier ist auch die Pflanze. Und wenn wir wieder vereinigt sind, dann werden wir ewig leben.

Ein eisiger Hauch empfängt mich und umschließt meinen Geist. Ein mächtiger Blitz entsteht aus einer Wolke von Licht, und Earazzil schleudert seinen Blitz, an dem ich zurück zur Höhle gleite.

Hände greifen nach mir und halten meinen krampfgeschüttelten Körper. Moringa legt mir ein feuchtes Tuch auf die Stirn. Meine Augen sind noch so geblendet, daß sie verdreht in ihren Höhlen liegen. Jemand wischt meinen Speichel ab. Allmählich beruhigt sich mein klopfendes Herz. Meine Brust hebt und senkt sich im Rythmus der einkehrenden Ruhe.

Als ich erwache, sehe ich Moringa vor der Wand hocken. Im Schein einer Fackel erkenne ich ein erstes Bild. Es zeigt mich, wie ich auf einem Sternenstrahl wieder hinab gleite. Auf die Erde, die sich unter mir wölbt.

»Woher weißt du das?« frage ich sie verblüfft.

»Du hast es mir erzählt, während du ohne Bewußtsein warst.«

Ich sehe noch einmal hin. Es ist genau, wie ich es erlebt habe. Earazzil, der Geist des Donners hat mich zurück geleitet.

»Dann werde ich dir jetzt von Thoranda berichten. Was er mir sagte.«

Ich überlege, denn noch allzu fremd sind mir seine Worte. »Ich werde unser Volk wieder zusammenbringen. Gleich heute noch werde ich die Schamanen rufen. Denn ich weiß nicht, wie lange es braucht, bis sich alle eingefunden haben.«

Und es entsteht eine zweite Malerei. Mit ihren Fingern trägt sie rotes und gelbes Pulver auf. Setzt schwarze Striche aus Kohle und weiße aus kalkigem Stein. Das Bild sieht mir ähnlich, wenn ich mich im Wasser spiegle. Es hat eine hohe Stirn mit einem länglichen, zerfurchten Gesicht, scharfe, dunkle Augen und darüber zusammengewachsene Brauen. Schwarzes Haar wallt herunter bis zu den Schultern. Ich befinde mich bei den Sternen, die ein Kreuz bilden. Und dann nimmt sie etwas Kalk in den Mund, löst ihn mit Speichel und spukt alles durch ihre hohle Hand. Es wird der hellste, der den Berg überstrahlt, der sich weit über uns befindet. Und zu dem die Stämme aus allen Richtungen kommen. Unter ihm muß Al Erador sein. Das uns vereint und unsere Blutlinie beschließt.



Das Land ist zu riesig. Wir haben uns verloren. Anstelle, daß unsere Clans wieder zusammenfinden, treffen wir nur noch auf diese Wingen. Ich werde die Schamanen jetzt täglich aufsuchen. Mit diesem Quaratar werde ich keine Schwierigkeiten haben. Ein Art Bilsenkraut und roter Mohn ersetzen meine gewohnten Zusätze jenseits des Lamatts. Ein Pilz, den ich hier gefunden habe, und den ich mit Curare mische, führt mich in eine schnelle Betäubung. Ich werde sämtliche Stämme beschwören. Wir müßen beratschlagen, was zu tun ist. Die Zeit scheint uns davonzurennen. Anstatt die Reinheit unserer Blutlinie zu bewahren, habe ich uns vielleicht für ewig getrennt.

Auch wenn mich diese ständigen Reisen schwächen. Ich muß die Tjuokurpa zu einer Einigung bringen. Wie in den letzten Tagen, so nehme ich auch jetzt den Segen der Tollkirsche ein. Verhülle mich in den Nebel von Kräutern und Wohlgerüchen. Auch ein gärender Früchtesaft kann hilfreich sein.

Am bedrohtesten vom Zerfall sind die, die den intensivsten Kontakt mit den Wingen haben. Einerseits betrachten diese uns als den Göttern nahe. Und bemessen unsere Fähigkeiten entsprechend hoch. Könnten uns sogar dienen und nützlich sein. Andererseits verlangen sie unseren Schutz. Wollen in der Geborgenheit unserer Nähe leben. Und hoffen, daß es ihnen bei uns wohlergeht. Fast habe ich den Eindruck, daß sie sich selbst einwenig aufs ewige Leben einstellen.

Wenn ich nur an Eloin denke. Mein Herz krampft sich zusammen vor Trauer und Schmerz. Er starb vor langer Zeit, rücklings erdolcht. Sein Dorf niedergebrannt. Kinder und Frauen vertrieben. Seine Sippe ausgerottet wie eine nutzlose Brut. Er hatte es nicht verdient. Hatte sich immer als ein guter Krieger erwiesen. Wie konnte er da einen Kampf verlieren? War es die Krankheit, die sie über seinen Clan brachten?

Gewiß, die Wingen sind nicht so dumm wie die Flachköppe und Breitnasen des Lamatt. Und sie lernen schnell. Zu schnell. Sie haben unser Wissen gegen uns selbst verwendet. Haben uns mit unseren eigenen Fackeln und Waffen geschlagen. Vielleicht werden sie einmal unsere Erben sein.

Oder wir gehen in ihnen auf. Denn wir sind zuwenige. Unser Volk, die Tjuokurpa, haben sich nur aus einigen Clans zusammengesetzt. Vielleicht waren es einmal 10 mal unsere beiden Hände voll gewesen. Jetzt sind nur noch 12 Clans übrig.

Aus einer der letzten Verbindungen zweier Clans kam einst Elase hervor. Sie ist der endgültige Beweis für die Wichtigkeit, sich zu treffen und zu mischen. Zum Wohle unserer Fähigkeiten, deren Quelle in unserer Fruchtbarkeit liegt. Mit ihr nahmen im Laufe vieler Jahre die Zahlen Gestalt an. Aus einer reinen Fingerbeschau wurde ihr genaues Abzählen bis zur Zahl 35. Darüber hinaus können wir uns noch viel mehr vorstellen. Doch reichen die Finger nicht mehr dafür aus. Und es ist auch nicht notwendig.

Das Wissen um diese Fertigkeiten aber scheint wieder verlustig zu gehen. Mit der Vermischung verlieren wir nicht nur das Wissen um unsere Vorväter und -mütter. Auch das Rechnen mit den Zahlen, eine heikle Aufgabe, die viel Kenntnis abverlangt, schwindet wie die Verwässerung von Traubenmost. Und noch schlimmer: Kopfschmerzen begleiten den Zerfall des Gehirns, sowie ein sich allmählich einfindender Wahnsinn, der mit dem Rückgang des Gedächtnisses einhergeht.

Die letzten Beispiele finde ich bei Ibrahim und Ismaellarion. Ersteren suche ich nun auf. Mein Flug geht über die Wüste hinaus. Zurück zur Küste, wo wir einst gelandet waren. Er ist dort Clanführer und hat seinen Schamanen seit vielen Jahren verloren. Ich halte links einen Finger, rechts drei hoch für deren Anzahl. Dessen Verlust gebar neuen Schrecken und ließ uns endgültig die Wahrheit hinter der Vermischung erkennen. Es ist nicht nur, dass wir unser Ahnengedächtnis verlieren. Sein Sohn hatte nur ein Auge seitlich des Kopfes, keine Haare und drei Finger an jeder Hand.

Ich muß diese Gedanken verdrängen, denn sie zerstören meine letzte Tatkraft. »Ist es dir möglich, einen neuen Schamanen zu finden«, frage ich Ibrahim.

»Oh, Aerandil, welch Tragik«, klagt Ibrahim. »Du weißt, seit seiner Vermischung mit Olanda aus dem Volk der Wingen hat er keinen Sohn mehr zeugen können, der klar im Kopfe ist, wie ein Mensch aussieht und gar zum Reisen fähig ist. Geschweige denn, sich an die Ahnen seiner Familie erinnert.«

Ich seufze. »Ich weiß. Doch wer nur soll unsere Traditionen fortsetzen?«

»Ich fürchte, wir werden immer mehr verlieren. Auch Tikaton ist nun mit einer der Neulinge der breiten Langnasen zusammen. Wir sind einfach zu wenige, um uns ihnen gegenüber behaupten zu können.«

»Weh nur, o weh.« Wir sind ohnmächtig. Werden in der Vermischung aufgehen. Einer Gefahr, der wir einst zu entfliehen hofften und ihr nun doch erliegen.

»Wir müßen unsere letzten Kräfte bündeln. Die Clans, die noch an der Küste sind, sollen sich zusammenfinden.«

Ich fliege rasch zu Ismaellarion. Er ist der einzige Schamane dort, den ich noch kenne. Und er hat keinen Clanführer mehr. Denn Turin ist vermischt. Und kann nicht länger der Blutlinie folgen.

»Verlasse den Clan«, rate ich ihm, »und finde Ibrahim. Er ist einer der Letzten an der Küste, der noch versucht, seinen Stamm rein zu halten.«

«Die Gestade sind weit, und sie nehmen kein Ende.«

»Aber du bist ein Schamane. Fliege zu ihm. Merke dir den Weg. Folge dem Saum der Küste. Und vereine dich mit seinem Clan.«

»Ich werde sogleich aufbrechen. Und ich bin sicher, daß mich ein großer Teil der Familien hier begleiten werden.«

»So eile rasch. Und wehret den Wingen!«

Ein letzter, verzweifelter Aufruf. Dann wende ich mich um. Meine Kräfte lassen nach. Doch es ist noch eine Aufgabe zu tun. Aber ich weiß, daß Orin und Sander auf meinem Weg zurück liegen.

Mit einem Aufstöhnen lande ich im Kurul des Schamanen.

»Ich bin froh, dich wiederzusehen«, hauche ich.

Er wundert sich über meinen Schwächeanfall. Will mir etwas von seinem Wein anbieten. Doch wir wissen, wir reisen nur geistig. Es ist ja gerade der körperliche Flug, den wir anstreben und uns von der Pflanze erhoffen. Der ich nun so nahe bin.

Sander öffnet seinen Geist weit, damit ich es leichter habe, mit ihm zu sprechen. »Wir sind nicht mehr allzu weit von euch entfernt. Noch einige Jahre, wer weiß. Der Rand der Wüste ist schon erreicht.«

Ich spreche mit ihm über die drohende Vermischung.

»Auch wir sind mittlerweile diesen Wingen begegnet. Doch haben wir uns vorgesehen, uns mit ihnen zu paaren.«

»Das ist nur zu klug.«

»Aber sie haben uns etwas Interessantes mitgeteilt.« Sander überlegt, wie er es mir am besten erklären kann. »Sie halten uns ja für mächtig und weise. Vielleicht sogar mit den Göttern verwandt.«

»Dabei tun wir nur, was uns die Wissenslinie der Tjuokurpa lehrt.«

»Genau. Wir sind keine Götter, nur weil wir mit ihnen reden können.«

»Ich wunder mich sowieso, warum sie es nicht selbst tun.«

»Das kann ich dir sagen.« Sander lacht kurz auf. »Sie denken, sie tun es bereits. Mit uns!«

»Eine ungünstige Verquickung. Das wird die wahren Götter erzürnen.«

»Vielleicht sind sie es ja schon. Die Wingen haben uns von einer Göttin berichtet, die aus der Erde emporgestiegen ist. Und gar schrecklich gefaucht soll sie haben. Hat Feuer und flüßiges Gestein nach ihnen gespukt. Dann hat es tagelang geregnet, so daß sich ein See bildete. Am Ende ist ein großer Regenbogen entstanden, auf dem die Göttin ritt und sich wie eine Schlange wand. Und aus dem Strom des Wassers ist ein Riesenwal erschienen, der sie in sein Maul nahm. Darin verschwand sie, und der Wal wurde zu einem Berg aus Stein inmitten der Wüste.«

Ich kann es kaum glauben. »Du sprichst von einem Vulkan. Und der Berg ist hier, wo ich bin.« Habe ich es wirklich geschafft? »Ich bin in Al Erador angekommen.«

»Bist du dir absolut sicher?« fragt mich Sander. »Hast du die Göttin gesehen? Die Wingen nennen sie Ungud, die Regenbogenschlange.«

Ich lächle. »Du weißt doch, wie schnell sie einen zum Gott erheben.«

»Ja, aber ich habe noch nie von Ungud gehört. Da gibt es Biral, Tanatanjapol, Bundjil und dich, Aerandil Biami.«

»Du hast recht«, sage ich nachdenklich. »Ungud, Ungud. Wer mag das sein?« Ich werde mir noch Gedanken über diese mysteriöse Person machen müßen.

»Wie auch immer.« Sander hält inne. »Da scheint was Wahres dran zu sein.«

»Der Vulkan muß hier irgendwo sein. Und den Berg habe ich bereits gefunden. » Ich bin sicher. »Ich scheine Quuanqunquum sehr nahe zu sein. Spüre seine Gegenwart. Und auch Thoranda gibt mir die Zuversicht, es bald zu finden.«

»So hat er es dir versprochen?«

»Ja, aber auf seine Art.« Wir kennen beide die Vorliebe des Großen Geistes für indirekte Ratschläge. »Er meint, mein Quuanqunquum, das ich suche, wird das ewige Leben sein, das ich in meinem Volk finde.«

Sander schweigt, denn ihm erschliessen sich die Worte erst recht nicht.

»Ich habe die Stämme der Tjuokurpa gespalten. Die Vermischung ist das Ergebnis.« Ich schlucke. »Aber auch ich bin bedroht.«

Sander will verwundert etwas einwenden. Aber ich lasse ihn nicht zu Wort kommen. Er ahnt garnicht, wessen ich Gefahr laufe.

»Ich bin selbst bedroht von der Zeit, die meine Blutlinie auslöscht.«

»Wie meinst du das«, fragt er kurz und entsetzt.

»Ich werde keine Kinder mehr kriegen.« Er kennt mit aller Konsequenz die Folgen.

»Deine Familie wird sterben?«

»Sie wird weder in einer Tochter noch in einem Sohn fortgeführt werden. «Und damit ist der mächtigste Schamane, den es je gab, vernichtet. In der Gegenwart und in der Zukunft, die er so gerne mitbestimmen wollte. Und in der Vergangenheit, denn es werden keine Nachkommen mehr da sein, die sie noch kennen können.

»Ist da nichts zu machen?«

»Ich habe es bereits mit Moringas Schwester und anderen Frauen versucht. Es liegt an mir.«

»Ich werde gleich mit Orin sprechen«, stammelt Sander. »Wir werden sofort aufbrechen. Aber es wird einige Generationen dauern.«

»Wenn es nicht zu spät dazu ist.«

»Wie meinst du das?«

»Meine Gefährtin ist schon zulange Moringa. Und ich weiß, daß auch Orin seine oft aus der Familie von Arine sucht.«

»Dann wird er es ab jetzt unterlassen. Und du auch! Unsere Clans müßen sich vereinen. Harrt solange aus.«

»Ich fürchte, es wird für mich zu spät sein. Ich bin alt. Nur eine sofortige Blutauffrischung wird mir noch helfen können.«

Sander grübelt. »Aber das ist genau das Problem, das wir mit der Pflanze lösen wollen.«

»Ja. Das körperliche Reisen. Durch Zeit und Raum. Nur so wird die Welt noch beherrschbar sein.«

»Schnell und wirkungsvoll. Schwierigkeiten und Lösungen sind nicht mehr voneinander getrennt.«

Es ist genug ausgetauscht. Ich verabschiede mich. Sander weint, doch er will seine Tränen nicht zeigen.

»Wir werden uns schon bald wiedersehen. Aber vielleicht ist es jetzt besser, wenn du mich besuchen kommst. So kannst du dir den Weg auch am besten einprägen.«

»Ich werde dich gleich morgen aufsuchen«, ist seine stille Antwort.

Müde kehre ich zurück. Und ermattet liege ich auf meinem Lager, daß mir Moringa in der Höhle gemacht hat. Ich werde nur noch selten das Quaratar verlassen. Und dann auch nur, um den Berg zu ersteigen und nach einem Vulkan Ausschau zu halten.



Es riecht nach frischem Gras und dem Honig der Blumen. Ein Bach zieht sich durch die kantigen Schluchten und plätschert fröhlich in ein kleines Tal. Hier ist es fruchtbar und grün. Ich stehe auf einer der vielen Bergspitzen. Um mich herum ragen mehrere andere aus dem ockergelben Gebirgsmassiv. Loses Geröll von Faustgröße ist mit grobem Sand verbacken.

Tief unten erstreckt sich rote Wüste. Weit, weit vor mir sehe ich den Horizont, in den jetzt die Sonne taucht. Und fast schon dahinter verläuft ein daumenbreiter Bergrücken, der unter den letzten Strahlen erleuchtet.

Ich komme von einem Silhamon mit Isamira Sternenmund. Immer wieder fällt mir auf, daß ich weiter über den großen Strom fliegen muß, um zu ihr zu gelangen. Ist ihr klar, daß sie sich noch jenseits des Meeres befindet?

»Warum trittst du nicht auch endlich die Überfahrt an«, habe ich sie gefragt.

»Ich bin ständig auf Wanderschaft. Wir haben unzählige Wasser überquert. Doch es will uns nicht gelingen, das Große Meer zu finden.«

»Du bist nicht in die richtige Richtung gegangen.« Mir ist klar, woran das liegt. »Warum habt ihr keinen Schamanen, der euch führt?«

Die leidige Frage. Entsprechend ist ihre Reaktion. »Wer sagt, daß ihr euer Quuanqunquum wirklich findet, wo ihr seid? Bisher scheint eure Suche doch selbst ergebnislos zu sein.«

»Aber wir sind bereits in seiner Nähe. Ganz bestimmt. Hier ist der Ort, wo ich es dereinst gesehen habe.«

»Was macht dich so sicher? Wo ist zum Beispiel der Vulkan?«

»Der Vukan?« Da hat sie recht. Ihn kann ich nirgendwo sehen. »Auch er wird sich finden.«

»So? Ich bin bereits an mehreren vorbeigekommen. Auch wenn Al Erador nicht da war, glaube ich doch, selber auf dem richtigen Weg zu sein.«

Sie will nicht verstehen. »Es geht um mehr, Isamira. Wir werden immer weniger. Hier ist eine neue Spezie aufgetaucht. Menschen mit anderen Gesichtern. Breiten, großen Nasen und fliehender Stirn ohne Augenwülste. Wir können uns nicht mehr lange gegen sie behaupten. Viele haben sich schon mit ihnen vermischt. Du weißt, was das heißt?«

»Ja. Aber in meinem Clan gibt es sowas nicht.«

»Das ist gut zu hören. Deshalb brauchen wir dich. Alle Clans, die noch die Blutlinie besitzen.« Ich spreche eindringlich auf sie ein. »Komm zu uns, damit wir unser Blut eneuern. Und ein Volk bleiben.«

»Hast du dir das immer noch nicht abgeschminkt? Ich werde niemals deine Frau!«

»Es geht nicht um dich oder mich. Es geht um die Erhaltung der Tjuokurpa.«

Aber soviel ich auch auf sie einredete. Sie bleibt stur. Will ihren eigenen Weg gehen. Und – wie ich den Eindruck habe – führt dieser immer weiter von uns weg.

Ich mache einen letzten Versuch. »Der Ring. Willst du ihn nicht zu uns bringen. Ich bin mir sicher, er hat etwas mit Quuanqunquum zu tun. Er wird uns zu Al Erador führen.«

»Aber er führt mich bereits.«

»Wohin, Isamira, wohin?«

Ich merke, wie sie zögert. »Er führt mich zu seiner Blüte«, sagt sie unsicher.

»Aber ich weiß nicht, wo es ist.«

‚Hier, hier bei uns’, will ich ausrufen. Doch ich weiß, sie wird nicht auf mich hören. Sie ist bereits zu weit fort von der Reisepflanze.

Ich selbst habe Schwierigkeiten, mich noch deutlich mit ihr besprechen zu können. Immer öfter reißt die Verbindung zwischen uns ab. Auch jetzt entgleitet sie mir wieder. Meine Verzweiflung ist unendlich. Welche Blüte? frage ich mich noch, bevor ich in der Wirklichkeit ankomme.

Ich setze mich, wo ich gerade bin, auf einen Stein. Ich muß mich in der Nähe meines Quartars befinden. Der wolkenlose Himmel brennt auf meinen Kopf. Es ist sehr heiß. Obwohl es Abend wird. Ich schaue über das Land. Hier ist der höchste Berg. Die Gipfel um mich herum sind alle etwas niedriger. Doch wo ist der Vulkan? Er speihte eine Regenbogenschlange, die dann im Maul eines Wales verschwand. Wo ist Wahrheit und wo Einbildung?

Wer mag diese geheimnisvolle Ungud sein? Eine von uns? Mir kommen Zweifel. Ich müßte sie kennen. Doch je länger ich darüber nachdenke, um so mehr entspinnt sich ein Gedanke, der ganz tief in mir lauert. Dem ich bereits seit langer, langer Zeit nicht mehr nachhänge. Ihn letztendlich verwarf. Wie eine unbekannte Form. Nie richtig verstand. Als eine alte, längst vergangene Sprache ansah. Eine mir ferne Erinnerung, die über das Wissen der Tjuokurpa hinausgeht. Aber mir wird immer klarer, daß es Ungud wirklich gibt.

Ich schaue über die Schluchten und Riße des Bergmassivs, auf dem ich stehe. Während ich mich über den Grat eines Felsvorsprungs beuge, streuen meine Gedanken in die Vergangenheit.

Da höre ich plötzlich eine Stimme. Ohne einen Menschen zu sehen.

»Der Vulkan ist nicht dort, wo du ihn suchst, Aerandil.«

Ich drehe mich um.

»Und ich bin es auch nicht.«

»Wer bist du?« frage ich mit etwas zitternder Stimme.

»Das weißt du längst. Verweigere dich nicht mehr der Erkenntnis.«

»Eosine.« Meine Zunge bewegt sich nur langsam. Allzu fern ist die Erinnerung.

»Ja. Ich bin Eosine. Die euch über zwei Meere führte. Zu Al Erador.«

Eosine. Mein Gehirn findet sich allmählich ab mit dem Namen. Und ihrer Erscheinung. »Wieso kann ich dich nicht sehen?«

»Weil ich meinen Körper formen kann, wie es mir beliebt. Und jetzt ist er durchsichtig wie ein Lufthauch.«

»Du bist die Regenbogenschlange.«

»Werde ich so genannt?«

»Nicht von uns.«

»Ah ja. Wingen nennt ihr sie. Sie kamen mir bedrohlich nahe.«

»Warum hast du sie erschreckt.«

»Nun, aus den gleichen Gründen, weshalb ihr sie jetzt meidet. Um sich nicht mit ihnen zu mischen. Und sie nicht durch unser Wissen in Versuchung zu führen. Denn das habt ihr getan. Aus Hagestolz und Selbstgefälligkeit. Nun werden sie euch vertreiben. Denn sie sind so zahlreich wie das Gras der Wiesen.«

Ich nicke bekümmert. Ich weiß, daß ich versagt habe. Nie hätte ich mein Volk über das Große Wasser schicken dürfen.

»Ich habe dafür gesorgt, daß sich unsere Clans aus den Augen verloren haben. Doch jetzt will ich versuchen, sie wieder zu einen«, flüstere ich.

»Du hast Fehler gemacht, weil es dir gefiel, zu den Göttern zu fliegen und selbst zu einem zu werden. Und es war dir Recht, daß die Wingen dich für einen hielten. Du wolltest die Macht des ewigen Lebens. Und dich zum Herrscher von Zukunft und Vergangengeit emporschwingen.«

»Aber ich habe endlich gefunden, wonach ich seit undenklichen Zeiten suche.«

»Du hast garnichts gefunden. Du stehst nur auf einem Berg.«

»Aber hier muß Al Erador sein!«

»Du irrst schon wieder.«

»Wie kannst du das behaupten?«

»Weil ich Quuanqunquum gefunden habe!«

»Du hast Quuanqunquum gefunden?« wiederhole ich ungläubig.

»Ja, schon seit langer Zeit. Denn Quuanqunquum zieht Quuanqunquum an.«

»Quuanqunquum zieht Quuanqunquum an?«

»Eine dieser Pflanzen ist bereits in meinem Besitz gewesen, noch bevor ich das erste Meer überquerte. Und sie war es auch, die mir die Kraft und das Wissen verlieh. Und das Ziel, nachdem ihr so lange selbst sucht.«

»Aber, wo ist es dann?«

»Das werde ich dir nicht verraten. Denn in deine Hände darf es nicht fallen.«

Ich verstehe. Ich bin nicht würdig, das Quuanqunquum zu halten.

»So helfe meinem Volk. Wenn schon nicht mir. Es trägt keine Schuld.

Es ist mir nur gefolgt.«

»Das ist wahr. Du bist für das Niedergehen der Tjuokurpa verantwortlich. Und euch kann nur noch geholfen werden, wenn ihr euch vereinigt und nicht weiter mischt.«

Ich bin heilfroh, daß sie wenigstens für die anderen Clans einsteht.

»Sorge also dafür, daß sie alle aufbrechen, um zu dir zu gelangen. Hier gibt es nur Wüste. Ein Ort, den die Wingen nicht mögen.«

»Ich habe schon seit meiner Ankunft hier alle Schamanen beauftragt, sich zusammenzuschliessen.« Ich zögere. »Bis auf eine. Aber sie ist keine eigentliche Schamanin.«

»Wie ist ihr Name?«

»Isamira«, antworte ich.

»Isamira? Isamira...«, sagt Eosine daraufhin, als ob sie sich an sie erinnert.

»Sie muß als erste unbedingt hierher.«

»Warum«, wage ich zu fragen, denn ich weiß, daß es unmöglich ist, sie von der Großen Überfahrt zu überzeugen.

»Weil sie den Ring hat.«

Oh ja. Ich kenne diesen Ring. Wie oft habe ich versucht, ihn selbst zu bekommen. Aber was ist seine wahre Bewandtnis?

»Was hat es mit ihm auf sich?«

»Er wird einmal die Geschicke der Menschen retten«, sagt Eosine knapp. Mehr zu erklären, hält sie nicht für nötig.

»Aber es ist unmöglich, sie davon zu überzeugen«, gebe ich zu Bedenken. »Sie geht ihre eigene Wege.«

Eine Weile bleibt es still. Eosine versucht, sich das Problem zu vergegenwärtigen.

»Dann werde ich es selbst versuchen müßen.«

»Aber was ist daran so wichtig? Isamiras Ring hat doch nichts mit dem Kraut zu tun.«

»Mehr als du glaubst«, erwiedert sie daraufhin. »Beide müßen wieder zueinander finden.«

Ich erinnere mich. ‚Der Ring sucht die Blüte’, hat Isamira vorhin gesagt.

»Was haben die Pflanze und der Ring gemeinsam?«

»Ich werde dir nur soviel sagen: Sie sind mächtig in der Zukunft. Aber es ist die Gegenwart, die mir Sorgen bereitet.«

»Wieso?«

»Sie ist der Hort der Zukunft. In ihr entscheiden sich unsere Schicksale. Und mit ihnen die Natur dieser Erde.«

Auf einmal fühle ich einen zarten, kühlen Hauch, der über meinen Nacken streicht. Er kann nicht vom Wind kommen, denn die Abenddämmerung ruht still über dem Tal. Ich drehe mich um, und ein Schimmer von Silber löst sich auf und zieht zum Horizont, hinter dem die Sonne verglüht.

»Eosine!« rufe ich, doch erhalte keine Antwort mehr.

Es ist das einzige Mal, das ich mit ihr sprach, nachdem ich den Großen Fluß überquert habe. Gesehen habe ich sie nie. Und wie sie es darstellte, wird auch niemand anderes diese Möglichkeit gehabt haben. Denn sie hat die Pflanze, die das Reisen durch die Zeit ermöglicht. Und den Vulkan, dessen Feuer das Leben ist. Ich bin sicher, daß sie in Al Erador wohnt. Und ich weiß, daß ich ihr sehr nahe bin.

So nahe, daß ich es fast selbst geschafft hätte.