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Literatur

Saga Homo Novalis

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Aerandil Falkenauge 53.316:

W ir sind jetzt in einem kargen Gebiet ohne viel Pflanzen und Tiere angekommen. Hinter uns breitet sich ein letzter grüner Strich Landschaft aus. Auf den sich vor uns teilenden Ebenen formen sich Dünen dichten Strauchwerks. Der Djungel hat abgenommen und ist einer eher kargen Steppe aus Farnen, Moosen und Flechten gewichen, wie wir sie vor der Großen Überfahrt kannten. Doch auch hier hopsen diese Riesenhasen mit ihren Beuteln herum. Viele andere Tiere ernähren sich von den Früchten vereinzelt herumstehender Bäumen. Die Wälder sind einer Koniferenart gewichen, die sich zu kleinen Gruppen zusammenschließt. Dennoch entfaltet die Natur ihre ganze Schönheit, wenn sich die hellgrünen Nadeln und das Laub der kleinen Büsche zu einem leuchtenden Sonnengelb verfärben.

Wir haben nun eine steppenähnlche Savanne erreicht. Dahinter müssen die Berge sein. Ich fühle die Gegenwart von Al Erador, der Heimat des Quuanqunquum. Auf meinen Reisen durch die kühlen Lüfte der Gebirge, die von hier aus noch fern sind, vergeht immer mehr Zeit, bis ich bei der Höhle der Pflanze eintreffe. Doch irgendetwas hindert mich inzwischen, sie zu betreten. Auch wenn es nicht mein wirklicher Körper ist, der sich dort aufhält, fühle ich einen direkten Widerstand. Eine Macht, die mir die Sicht über das Land vernebelt und meine Flüge mit gegenläufigen Winden leitet. Immer wieder werde ich abseits getrieben, so dass ich schließlich den Rückzug antreten muss.

Ich bin sicher, dass es Eosine ist, die mein Näherkommen spürt und meine Versuche, zur Pflanze vorzudringen, vereitelt. Sie muss Quuanqunquum gefunden haben. So wie es jetzt in ihrer Macht steht, mir den Zugang zu verwehren.

Schon lange ist es her, dass sie sich mir gezeigt hat. Seit der Eröffnung dessen, was sie in der Zukunft gesehen hat, bleibt sie verschwunden. Gewiss, sie hat Al Erador gefunden. Vor mir. Und will ihre Entdeckung mit keinem teilen. Aber Quuanqunquum ist vor allem für mich da, weil ich der Schamane bin, der die Zeiten bereist!

Ich muss es aufspüren! Es ist mein Schicksal, die Tage davor und danach zu sehen. Zu ihnen zu fliegen. Mit den Göttern. Denn mir haben sie es versprochen. Mir, der bei ihnen wohnen wird. Doch:Wo ist Eosine?

Seit Tagen versuche ich, die Wege zu erkennen, die mich und meinen Stamm über die Berge führen. Hin zu dem einen, der frei liegt, und unter dem die Pflanze lebt. Auch bin ich bestrebt, die Gedanken von Eosine und das, was ihre Gefühle ausstrahlen, zu erhaschen und zu verfolgen. Aber ihr selbst zu begegnen, will mir nicht gelingen. Irgendetwas schickt eine Kälte in mein Samirat, dass mir die Glieder gefrieren, bevor ich sie zur Reise erheben kann. Wenn ich Artagum, den Sud aus Honig und Tollkirsche zu mir nehme oder sonstwie ein Koori vorbereite, um ins Silhamon zu treten, finde ich oft nicht die Höhe, um über die Berge zu kommen. Es fehlt mir ein Quaratar, dessen Wände mich schützen. Und dessen Geister, die in ihm wohnen, meinem Flug gnädig sind und mich erheben. Aber hier gibt es keinen Fels, in dessen Schoß ich auffliegen kann.

Deshalb muss ich die fruchtbaren Flussläufe verlassen. Auch wenn es mich noch so schmerzt, meinen Clan Hunger leiden zu sehen. Der Djungel wird mich nie zu Quuanqunquum führen. Und solange ich die Pflanze nicht habe, werde ich nicht zu den Geistern gelangen, um mit ihnen die Wege zurück oder durch die Tage, die noch vor uns sind, zu beschreiten.

Mehr denn je brauche ich Eosine. Vor uns liegen nur riesige Einöden, wie ich sie noch nie gesehen habe. Ausgedehnte Wüsten, die sich mir auf meinen Flügen als grenzenlos erweisen. Selbst die Berge, die auf das Reisekraut hindeuten, finde ich nicht mehr. Ich weiß von meinen früheren Flügen, dass es lange dauert, um zu den Bergen zu kommen, hinter denen sich Al Erador befindet. Wo das Quuanqunquum wächst. Doch mittlerweile will mir selbst eine Sichtung der fernen Gebirgsketten nicht mehr gelingen.

Die Wege sind natürlich beschwerlich, denn die Götter wollen nicht, dass sie Jedermann zugänglich sind. Nur den, der größte Mühsal bereit ist, auf sich zu nehmen, werden sie durchlassen. Und obwohl nach allen Seiten offen, so sind sie doch verschlossen den Nichtgläubigen. Deshalb bin ich auserwählt, in Al Erador zu wohnen.

Ich muss mich der Gnade der Geister versichern. Fast jede Nacht fliege ich zu den Lichtern empor, die für die Sonne leuchten. In der Hoffnung, die Götter und Sterne für mich zu gewinnen. Aber nirgends werde ich wieder zur Höhle geführt. Meine Kräfte schwinden, und die Erschöpfung zehrt an meinen Kräften. Und doch muss ich jetzt stark sein wie nie. Denn der rote Sand der Steppe bäumt sich unendlich vor uns auf.

Auszugehen droht der Saft der Weinbeere. Ich habe es mit anderen Trauben versucht. Sie sind zäher hier, und ihr Öl ist fad. Vielleicht liegt es auch an den mir ausgehenden Zutaten, dass sich meine Flüge nicht mehr wie erhofft einstellen.

Oh Eosine, wenn ich nicht bald Quuanqunquum finde, benötige ich dich umso mehr. Dann muss ich dein Kraut haben, das du aus den Tiefen der frühen Tage mitgebracht hast. Denn auch ich will das sehen, was sich dir einst offenbarte. Will den verborgenden Dingen lauschen, in die meine Erinnerungen noch keinen Schritt taten. Die vor mir sind und sich wie ein nebliger Schleier über meine Augen legen.

Heute werde ich eine neue Pflanze versuchen. Sie stammt von keinem Strauch, ist weder Beere noch Frucht. Nur ihre grünen Blätter ragen aus der kargen Erde. Sie sind klebrig und mit kleinen Härchen besetzt. Aber von ihnen geht ein intensiver Geruch aus, dem ich mich nicht entziehen kann.

Vor mir ist ein Krug Wein, den ich schon halb geleert habe. Nur noch wenige Reste der Zimtrose, des Edelmohns und der zerstampften Tollkirsche halte ich in kleinen Gefäßen. Ich habe das grüne Curare, wie ich es nennen will, in heißem Wasser ziehen lassen. Es schmeck bitter und rauchig zugleich, so dass ich noch mehr des Weines bedarf. Ich trinke den Becher mit der grünlichen Flüssigkeit leer. Sogleich erfasst mich Schwindel, und ich sinke zu Boden, als ob ich das Bewusstsein verliere. Es wirkt wie ein Gift. Doch nur für kurze Zeit. Eine Zeit der Prüfung, wie ich glaube, in der der Geist erwägt, ob ich bereit bin für die Reise.

Und schon erhebe ich mich. Blitze und Zickzacklinien schießen durch meine Liddeckel. Unter mir weicht das Braun des Sandes dem Schleier der Entfernung. Und der Horizont öffnet sich mit Gewinnung an Höhe. Ich streiche auf seine Ränder zu und schieße darüber hinaus. In eine Welt, die zunächst schwarz ist wie ein tiefes Loch. Ich will ihr ausweichen, aber irgendwas zieht mich immer stärker hinein. Wie ein Sog werde ich umher gewirbelt, bis sich alles so sehr um mich dreht, dass es mir scheint, als werde ich irgendwo wieder ausgespuckt.

Ich befinde mich jetzt jenseits des Horizontes. Kurz schieße ich noch über die Hochtäler einiger Berge. Und endlich! Ich meine, die Pforte der Bäume wiederzusehen. Das Gebirge der Reisepflanze. Bald komme ich zum Stillstand. Unter mir befinden sich Anzeichen eines Lagers. Ich gehe durch den Eingang einer tiefen Grotte. Er endet in mehreren Nischen. Aber plötzlich ist es mir, als ob sich der Weg gabelt. Es ist nicht der zu Eosine. Ich bin bei Isamira.

Sie lebt wieder in einer Felshöhle. Ist sie bereits weiter gekommen als ich? Neid nagt in mir. Aber auch andere Gefühle. Ich merke, dass ich sie immer noch begehre. Ihren makellosen Körper. Und ihre Kraft. Nur in ihrem Clan gibt es keinen Schamanen. Ein Zustand, der mich immer irritiert hat.

Ich sehe, sie ist wach.

Ich setze mich zu ihr.

Sie scheint mich zu erkennen.

Doch wir schweigen, denn zwischen uns ist nicht die Vertrautheit des Arahar.

Dann spreche ich. »Du lebst in einer Höhle?«

»Wie du siehst.« Sie ist wie immer reserviert. Wie kann ein Stamm bloß leben, ohne durch die Luft zu reisen?

»Gibt es da, wo du bist, viele Höhlen?«

»Höhlen und Berge, wie überall.«

»Wie überall?« Ich überlege.

»Bist du denn über den Großen Fluss gekommen?«

»Ja, schon vor langer Zeit.«

»Und sind die Ebenen bei dir zunächst grün wie ein Djungel mit vielen Farnen, dann aber grau, braun und unendlich? Unfruchtbar und kahl? Bis hin zu den Bergen?«

»Nein. Hier gibt es genug zu essen für alle. Weil ich eine gute Führerin bin.«

Nun, das ist nicht notwendig, hinzuzufügen. Jeder bemüht sich auf seine Weise. »Das heißt, bei dir sind Berge?« vergewissere ich mich noch einmal. Sie muss unglaubliches Glück haben.

»Berge, Höhlen und Flüsse.«

Dann hat sie Al Erador vielleicht gefunden? »Was ist mit Quuanqunquum?«

»Du meinst, dein Reisekraut. Mit dem du durch die Zeit ziehen willst?«

Irgendwie hört sich das ein bisschen spöttisch an. Hat sie es gesehen?

»Ja.«

»Es gibt hier viele Kräuter. Aber keines hat die Wirkung, so wie du sie beschreibst. Doch ich muss dir auch sagen, dass ich sie nicht auf eine Reise zu den Göttern teste.«

»Nicht zu den Göttern. Aber durch die Zeiten.«

»Alles, was meine Pflanzen vermögen, ist, die Menschen zu nähren und ihre Wunden und Krankheiten zu heilen. Mehr brauche ich nicht.«

Natürlich. So unbedarft, wie sie ist. Ich werde versuchen, freundlicher zu sein.

»Wo ich bin, ist nur Sand und Wüste. Ein Überleben sehr schwer. Viele meiner Leute sterben bei den Strapazen. Und ich weiß nicht, wohin ich mich zu wenden habe.« Ich halte für einen Augenblick inne. »Hast du einen Anhaltspunkt, wo du dich befindest?«

Sie denkt nach. »Damit du zu mir kommst?«

»Mein Clan könnte eine Weile mit deinem zusammen leben.«

»Aber hier gibt es kein Quuanqunquum.«

»Du weißt, dass wir uns auch untereinander vermischen müssen. Das ist genauso wichtig wie Quuanqunquum.«

»Ziehst du Djibbiwaddi mit mir vielleicht vor?«

»Für eine gewisse Zeit, ja.«

Und da ist er wieder. Dieser Widerstand. Die Wucht des Einen. Des Wächters, der Isamira ihre eigenen Wege zeigt. Ich merke, wie eine Wand von Felsgestein und Dornen zwischen uns fährt.

»Isamira«, rufe ich noch. Doch der Kontakt bricht ab. Noch einmal versuche ich, diese Mauer zu durchdringen. Doch auf der anderen Seite sehe ich bloß einen hellgelben Schein, der nebelhaft wie aus weiter werdender Ferne leuchtet. Es ist der Ring, den sie an ihrem Finger trägt. Und er ist stärker, als das Curare und alles andere, was ich jemals zu einem Silhamon verwendet habe.

Dieser verdammte Ring! Er ist es immer wieder, der mich von Isamira trennt. Ich weiß, dass ich sie nur besitzen kann, wenn ich den Ring erlange. Und ihn muss ich haben. Denn er ist mächtiger, als alles andere zuvor. Er zieht mich magisch an. Und dadurch weiß ich auch, dass das Curare nicht Quuanqunquum ist. Denn es ist ihm unterlegen.

Ich grüble noch darüber nach, während ich wieder in meinem Lager in der Einöde lande. Curare ist schon deshalb nicht Quuanqunquum, weil – wie ich zunächst gehofft hatte – es mich nicht über die Sonne, die einen einzigen Bogen schlägt, hinausgebracht hat.

Und ich kann meine Reisen nicht mehr steuern. Statt Eosine zu finden, bin ich weit ab gelandet. Doch ich schöpfe wieder Hoffnung. Es ist der Ring, der die Kraft von Quuanqunquum hat. Nur er kann mich noch zu Eosine führen.

Aber was kann der Ring wirklich? Wozu ist er gut?

All diese Fragen lassen mich schon lange nicht mehr los. Vor allem: Wo kommt er her? Und hat er eine Verbindung zum Reisekraut Quuanqunquum?

Aber bevor mir die Probleme über den Kopf wachsen, und ich den Weg nach Al Erador aus den Augen verliere, muss ich mich auch um das Wohl meines Clans kümmern. Von den anderen Stämmen kommen immer wieder Neuigkeiten. Das Land hier scheint mit all seinen Fremdheiten uns doch zu neuen Ideen anzuspornen.

Von Iosain und Baltasa sind die letzten großen Entdeckungen eingetroffen. Auf dieser Seite des Flusses ist es sehr wichtig, mit Feuer umgehen zu können. Und noch wichtiger, es zu bekämpfen, sollte es dein Lager angreifen. Mit der gebrannten Schneise und den Wasserumhängen haben sie ein gutes Mittel gefunden, ihre Familien und andere zu schützen.

Vor allem freut mich, dass wieder einmal Clans zusammengetroffen sind. Manchmal verzweifle ich, wie groß das Land doch ist. Ich fühle, wie wir weniger werden und unsere Kraft erlischt. Es kommt so selten vor, dass sich unsere Stämme noch vereinen. Das ist zum einen gut für die Blutlinie. Sie bleibt dadurch stark und ihr Gedächtnis frisch.

Aber es führt auch viele gute Ideen zueinander. Zusammen lernen wir schneller, das neue Land zu beherrschen. Tanatanjapol hat aus dem Einkorn ein schmackhaftes Getreide gemacht. Und bewahrt es in Kellern in der kühlen Erde auf. Auch über die Tage, wenn sie kälter sind, und keine Pflanzen wachsen.

Und es ist von besonderem Glück, dass er Tikone zur Frau genommen hat. Denn nun lebt er im Clan von Iosain. Einem Widersacher, der stets den Willen der Geister anzweifelt. Der Stamm von Baltasa ist sehr gottesfürchtig. Vielleicht hat das einigen Einfluss auf Iosain! Ich muss ihn endgültig für meine Vorhaben gewinnen. Er ist mächtig und kann mir auf der Suche nach Al Erador helfen.

Mein Entschluss, mich mit Henin zu treffen, steht schon seit langem fest. Ich werde die Tollkirsche wieder mit Curare mischen. Doch diesmal werde ich mir auch einen kleinen Klumpen in die Nase stecken. So kann ich seinen Duft am intensivsten genießen. Süßlich verströmt das Bienenwachs neben dem Feuer zusätzlich sein Aroma und lindert den herben Geschmack der Bitterstoffe.

Henin sitzt neben seiner Feuerstelle. »Mir fehlen die Höhlen des Lamatt «, sagt er, als ich erscheine.

»Ich war in der Sonne des letzten Bogens bei Isamira. Sie scheint einen Platz gefunden zu haben, an dem es Berge gibt. Obwohl sie keine Schamanin ist, um ein Quaratar zu errichten«, füge ich hinzu.

»Hast du erfahren können, wo es ist?«

»Natürlich nicht. Du kennst sie doch«, antworte ich verdrießlich. »Sie will nicht einmal Djibbiwaddi mit mir machen.«

»Aber sie muss sich doch genauso vermehren, wie alle anderen. Vor allem muss sie darauf achten, nur mit Stämmen unserer Ahnenlinie Kinder zu zeugen.« Er hält kurz inne. »Schließlich waren es doch ihre Gedanken, dass die Kinder beim Djibbiwaddi entstehen, und wir die Väter sind.«

»Ja, aber sie begreift nicht, dass eine Verbindung mit mir einen großen Schamanen entstehen lässt. Mit mir und ihrer Kraft.« Und dann füge ich hinzu: »Und der Kraft des Ringes.«

»Weißt du Neues darüber?«

»Über den Ring? Er hat mich auch diesmal wieder abgewiesen. Er scheint wirklich sehr mächtig zu sein. Und irgendwas mit dem Quuanqunquum zu tun zu haben.«

»Bist du dir da sicher, Aerandil?«

»Ich kenne nur wenige magische Kräfte. Und alle hängen mit dem Reisen zusammen.«

Henin sinnt. Dann sagt er: »Warte einen Augenblick, Aerandil. Ich werde Glaurin hinzuholen. Es gibt da neue Ideen.«

Welch ein Glück, dass sich die Stämme Baltasas und Iosains zusammengeschlossen haben, denke ich nochmals.

»Ich bin mir da nicht sicher, ob es wirklich bei der Suche nach der Reisepflanze hilft«, beginnt Glaurin, als er erscheint. »Zunächst einmal hat Tanatanjapol eine Art Bewässerung für Böden angelegt. In kleinen, dünnen Rinnen kommt es vom nahen Fluss und wird an den Wildgräsern vorbeigeführt. Aber er hat zusammen mit Tikone etwas weiteres, was sie schon lange machen.«

»Redest du vom Caribberi?«

»Ja. Sie haben gemerkt, dass nach ihrem Tanzen das Korn am besten keimt und alsbald im Boden Ähren trägt. Und wenn man alles während der Ernte wiederholt, wird diese nahrhaft und groß.«

»Ernte?«

»Ja. Er nennt es Ernte. Das Korn einfahren, trocknen und speichern.«

Wieder ein neuer Ausdruck. Aber da ist noch etwas.

»Du redest davon, dass Korn selber anzusähen?«

»Ja. Davon habe ich euch ja schon berichtet. Aber wie wäre es, wenn man diese Kenntnis auch für das Silhamon nutzt.«

»Einkörner für das Silhamon?« frage ich.

»Nein, kein Korn«, ergänzt Henin. Aber wir können versuchen, unsere Tollkirschen hier anzupflanzen und gezielt zu verbessern. Oder einen Sprössling des Reisekrauts von Eosine zu erhalten.«

»Eosine. Ihr wisst doch, dass es mir seit einiger Zeit unmöglich ist, mit ihr Kontakt zu erhalten! Sie muss im Schutz von Al Erador sein.«

»Aber sie scheint es dort ähnlich anzubauen, wie wir es vorhaben.«

»Du meinst, sie baut Quuanqunquum an und vollzieht auch das Caribberi?«

»Oder so etwas in der Art. Ich glaube, sie benutzt es als Unterstützung, um die Orte zu finden, die noch vor uns sind.«

Ich muss mir das eine Weile durch den Kopf gehen lassen. Ich glaube nicht, dass sie das Kraut anpflanzt. Es muss dort schon seit unendlicher Zeit wachsen. Aber wird es mächtiger, wenn man dafür tanzt? Oder scheint es den Göttern so am liebsten zu sein. Gnade und Zustimmung zu gewähren.

»Ich habe ein neues Kraut gefunden, Curare, das mich weit gebracht hat«, sage ich. »Aber es mangelt ihm noch die Kontrolle über die Richtung des Fliegens.« Und über die Wege zu den alten und neuen Tagen. »Beschreibt mir genauer, wie Tikone und Tanatanjapol tanzen, um die Geister milder zu stimmen. Und was es noch braucht, um aus Curare ein besseres Reisekraut zu machen. Um es zu züchten.«

Ich muss Eosine wieder finden. Denn im Augenblick hat nur sie die Möglichkeit, in die Tage vor und hinter uns zu fliegen. Und aus ihnen ein Wissen zu beziehen, das sie zum mächtigsten Menschen der Erde werde lässt. Und solange einzig sie darüber verfügt, werde ich nie stärker sein als jetzt. Denn – wie ich glaube – wird es nur einem gelingen, dereinst zu den Göttern aufzusteigen und bei ihnen zu leben.

»Du weißt, wie Iosain über die Götter denkt«, unterbricht Henin meine Gedanken. »Er hat Schwierigkeiten, sie anzuerkennen. Zumal er ihren Tieren hier nicht begegnet. Deshalb glaubt er, dass sie uns beim Reisen nicht mehr zur Seite stehen.«

Ich kenne diese Bedenken. Da muss sich etwas tun. Viele glauben, dass sich die Götter von uns abgewendet und uns verlassen haben.

»Es sind aber genug Tiere da, von denen wir leben können. Nur haben sie andere Ahnen.«

»Glaurin und ich suchen schon angestrengt nach ihren Großen Vätern, damit wir diese in unser Silhamon einbeziehen.« Bei Henins Worten kommt mir eine Idee.

»Wir müssen unsere Clanzeichen befragen«, überlege ich. Aber das darf nicht überstürzt werden. Zunächst müssen wir unser Reisen sichern, auch um uns weiterhin beraten zu können. »So beginnt erst einmal mit der Züchtung der Tollkirsche«, beschließe ich etwas resigniert zu Henin. »Und tanzt, um die Vorväter gnädig zu stimmen.« Aber ich bin sicher, dass es der Hilfe von Isamiras Ring oder dem Reisekraut Eosines bedarf, um die Höhle der Höhlen wirklich zu finden. Dazu brauche ich auch die Kräfte Iosains, seine Fähigkeiten und Ideen. Und natürlich die Mithilfe aller meines Volkes. Welches mit den Kindern beginnt und bei ihnen aufhört.

»Auch wir werden bald so mächtig sein wie Eosine. Denn ich werde euch zeigen, wie ihr Curare anbaut.« Mit diesen Worten eröffne ich die Weihe.

»Die Geister des Lamatt haben uns gezeigt, wie wir uns zu ihnen erheben und mit ihnen fliegen. Sie wiesen uns die Richtung und schützten uns vor den Gefahren anderer Orte. Und immer wieder führten sie uns zurück zu unseren Lagern.«

Vor mir reihen sich die Kinder des Clans ein. Sie sitzen mit offenen Mäulern. Die Größeren stehen dahinter. Ab und zu wagt eines, eine Frage zu stellen. Doch meistens vernehme ich nur ihr tiefes Atmen und das Pochen ihrer kleinen Herzen.

Auch jetzt bleiben sie regungslos still, denn ich habe ihnen die Zusammenhänge der Welt zu erklären. Das Leben in der Gemeinschaft und die Arbeit eines jeden. Der Clan kann nur gedeihen, wenn jeder weiß, was er zu tun hat.

»Doch jenseits des Großen Flusses leben andere Geister. Sie gehören zu anderen Tiere und anderen Pflanzen. Deshalb habe ich sie aufgesucht, um zu erfahren, was sie von uns wollen. Und was sie erwarten, um uns Gutes zu tun.«

Das Geschnaufe der Kindermäuler nimmt zu, doch es geht nicht in Getuschel über. Ich bin Clanführer und Schamane zugleich. Eine mächtigere Person hat es noch nie gegeben.

»Schaut euch die Lichter am Himmel an. Einige sind besonders groß, und andere haben sich zu Formen zusammengeschlossen.« Ich deute mit einem Finger nach oben. Münder und Augen folgen ihm.

»Und da, wo der eine am hellsten strahlt, da ist das Curare, das mich zu den Göttern reisen lässt.« Ich erkläre genauer. »Wenn ihr hier am Großen Platz seid, dann seht durch die Gabel dieser beiden Bäume. In ihrer Mitte leuchtet der Stern. Und in einer geraden Linie darunter findet ihr das Curare.«

Es gibt überall feste Zeichen am Firmament. Sei es über dem Gebüsch oder einer freien Ebene. Doch ich habe bemerkt, dass sie ihre Lage nicht halten. »In der Allmorgenzeit, wenn die Sonne ihre Große Reise beginnt, befindet sich der Stern rechts der Gabel. Dann habt ihr Curare auszusähen. Und zur Allabendzeit, wenn die Sonne ihre Große Reise beendet, könnt ihr alles ernten. Dann steht er links der Gabel dieser Bäume.«

»Ich sehe ihn. Aber er ist genau dazwischen«, ruft ein Kind.

Ich weiß. Es ist eigentlich schon zu spät für die Aussaat.

»Du hast recht. Deshalb lasst uns beim nächsten kleinen Bogen der Sonne beginnen.«

Ich werde es einfach versuchen. Ich will nicht erst einen ganzen Wanderbogen der Sonne abwarten. Ich hoffe, in den kalten Tagen schon genug Curare gesammelt zu haben.

»Ich habe den Geist dieser Pflanze befragt«, sage ich. »Und er hat mir die Erlaubnis gegeben, dass es nicht zu spät ist, und wir jetzt noch damit anfangen können, den Boden zu bearbeiten und den Samen zu setzen.«

»Wie hat er das erlaubt?«

Das ist die richtige Frage.

»Der Geist des Curare hat mir gezeigt, wie wir Rinnen anlegen und es bewässern. Und wie wir seine Samen auch jetzt noch gebrauchen können.« Ich triumphiere. »Und außerdem weiß ich eine Methode, die Blätter des Krautes lange haltbar zu machen. Sie werden in die kalte, trockene Erde eingegraben. Das ist wie die Speicherkammer einer Höhle.«

»Beim Großen Höhlenlöwen! Das wird uns helfen, die kalte Zeit zu überstehen!« rufen einige Eltern.

Mittlerweile sind auch viele Erwachsene herangetreten. Denn das, was ich jetzt vollführe, haben auch sie noch nicht gesehen. Doch sie denken, ich werde noch zum alten Totem sprechen. Aber das muss sich ändern. Ich habe mir alles im Licht des Mondes zurecht gelegt, nach dem Gespräch mit Henin und Glaurin. Und ich bin gespannt, wie es wirken wird.

Ich rufe Moringa. Sie ist beim letzten Mal, als wir auf einen anderen Clan trafen, zu uns gestoßen. So wenig wir auch auf andere treffen, so wichtig ist es, unsere Fähigkeiten zu erkennen und aufzuteilen. Und uns immer wieder zu vermischen.

Zögernd und noch befangen nähert sie sich mir. Sanft streichele ich ihre Wange. In ihrer Hand hält sie ein Gefäß mit rotem und gelbem Pulver. Sie hat es vorher aus kleinen Sandkristallen zerstoßen. Nun reibt sie es mir über die Stirn und auf die Wangen. Es entstehen Striche und Kreise. Sie hat es mir an anderen gezeigt. Es sieht sehr beeindruckend aus. Sogar ein wenig beängstigend. Genau die richtige Mischung, die ich für meine Vorführung benötige.

Ich stehe auf.

Moringa weicht zurück und schließt sich dem Kreis an, der um mich herum entsteht. Ich klatsche in die Hände. Dann setze ich bei jedem zweiten Mal entweder den einen oder den anderen Fuß vorwärts. So drehe ich mich um das Feuer in der Mitte herum. Es ist ein lauer Abend, und leise streicht der Wind durch die Bäume. Weithin schallt das Klatschen der Hände, denn es wird von anderen Paaren aufgenommen.

Und ich drehe und drehe mich, bis mir schwindelig wird. Aber ich falle nicht, denn eine innere Ruhe bemächtigt sich meiner, die mir die Kraft gibt, die Balance zu halten, obwohl ich nichts mehr fühle. Und nur einmal noch, als mich der Strahl eines Flammenspeeres trifft, nehme ich die Umgebung wahr und schreie es heraus: »Caribberi.«

Dann taumel ich endgültig und falle doch zu Boden. Dort liege ich eine ganze Weile bewusstlos, während mein Geist sich in die Lüfte schwingt und sich mit dem Geist des Curare über den Wolken vereint.



Wird Curare Quuanqunquum eine Zeitlang ersetzen können? Ich muss den Schamanen der Clans klarmachen, dass wir noch lange nicht am Ziel sind. Diese Welt erscheint mir neu und andersartig. Viele vermissen ihre Clanzeichen. Hier gibt es keine Hyänen, Wölfe oder Antilopen. Dafür begegnen wir immer wieder diesen hüpfenden Tieren. Wir nennen sie Kängurus. Oder den Bärenartigen auf den scharf riechenden Bäumen. Sie sind wie schlafende Geister, wenn sie einen von hoch oben beobachten.

Mein Stamm selbst hat auch noch keinen Höhlenlöwen gesehen. Zumal es hier nicht einmal Höhlen gibt. Das erschwert unsere Zuordnung. Viele fühlen sich nicht heimisch in dieser Landschaft. Wir vom Clan der Löwen sind es gewohnt, die Geister seiner Großen Ahnen anzurufen. Sie zu befragen vor schwierigen Aufgaben. Vor einer Jagd. Aber anstelle der uns bekannten Tiere haben wir anderes Wild gefunden. Auch wenn wir uns erst von dessen Essbarkeit überzeugen mussten. Das heißt, es gibt auch noch uns unbekannte Tierahnen, die uns günstig gesinnt sind.

Mir gefallen zum Beispiel diese Schlafbären, obwohl wir sie nicht jagen. Sie schmecken nicht. Gerade dieser Umstand öffnet einen Gedanken in mir, der viele der Probleme lösen könnte. Da wir unsere eigenen Clanzeichen nie essen würden, böte er sich doch dafür an. Ich gedenke, mein Clanzeichen zu wechseln. Glaurin hat das auch vor. Er will sich jetzt zum Clan der Emus bekennen. Ich werde mein Einverständnis erteilen. Denn ich mache den Anfang. Aerandil Biami, das Falkenauge von den Schlafbären. Ein Widerspruch wie so vieles für uns hier. Aber diese Tiere sitzen hoch oben über den anderen und tarnen sich, um zu beobachten. Wie ein Bär mit Flügeln. Und das bin nun ich.

Ich seufzte tief auf. Die Last auf meinen Schultern wiegt schwer. Ich muss den Clans neue Wege leiten, sonst verlieren sie ihren Glauben. Wir sollten uns diesem Land jenseits des Großen Flusses anpassen. Es ist nicht leicht, sich den alten Göttern abzukehren. Aber es scheint sie hier nicht mehr zu geben. Hier herrschen die Ahnen anderer Tiere. Und sie müssen auch gnädig gestimmt werden. Sie haben wir nun zu achten, denn sie geben uns ihr Fleisch, damit wir nicht verhungern.

So ist die Abkehr kein totaler Verzicht auf die alten Götter. Aber es werden neue hinzukommen. Andere, die uns durch dieses Land leiten. Und uns Mittel zeigen, zu überleben.

Und uns beschützen. Und uns den Weg zeigen nach Al Erador. Der Höhle aller Höhlen. In der die Pflanze wächst, die uns weiter reisen lässt, als je zuvor. Und uns zu Herrschern macht über die Welt. Denn sie führt uns zum Leben vor unserer Geburt und nach unserem Tod. Zu einem ewigen Dasein, in dem uns nichts mehr aufhalten kann. Und in dem die Welt der Götter wieder eine einheitliche ist. Wo der Geist so beständig ist, dass er uns nicht verlassen wird.

Doch der Weg dorthin wird noch lang und steinig sein. Und es bedarf großer Weißheit und Geduld. Denn nur der Glaube an ein wahres Ziel wird sie mir folgen lassen. Die Clans, die sich der Fahrt über den Großen Fluss angeschlossen haben. Und damit sie die Eigenheiten des neuen Landes verstehen können und die Irritationen und Gefahren überstehen, dürfen sie nie den Glauben an die Götter verlieren. Denn in ihm ruht die Macht, sie zu führen.

Sorgen machen mir am ehesten die starken Führer von Clans, die eigene Wege gefunden haben, ihr Schicksal zu meistern. Die meinen, sie seien unabhängig und könnten eigene Wege gehen. Iosain ist mir der größte Dorn, und er ist so mächtig, dass er auch die Gläubigen auf seine Seite zieht. Er will nicht mit mir den Weg des Krautes gehen. Denn er glaubt nicht an die Allmacht von Reisen in ferne Tage.

Aber zum Glück ist Henin stets bei ihm und kann ihn vor falschen Alleingängen bewahren. Doch das gelingt nicht ohne Aufdeckung meiner besten Geheimnisse. Es war vielleicht ein Fehler von ihm, Iosain von Eosines Flug zu erzählen. Aber dadurch hat er ihn wenigstens eine zeitlang wieder auf der Seite der Schamanen gebracht.

Doch welche Schlüsse wird Iosain daraus ziehen? Wird er mir wieder folgen? Oder wird er sich fragen, warum es einmal einen Ort und eine Zeit geben wird, in der die Menschen nicht mehr friedlich zusammen sind.

Und was ahnt er vom Reisekraut? Es ist also wahr, dass es uns in die Tage fliegen lässt, die noch vor uns sind. Aber wird ihm das genügen? Wird er gar eingreifen wollen? Sich einen eigenen Vorteil verschaffen?

Dem muss ich zuvorkommen. Es ist der Ring, den ich brauche, und der mich zum alleinigen Erbe des Quuanqunquum machen wird.

Ich scharre die Reste des Curare zusammen. Aber ich werde nicht das Kraut suchen, wie ich es ursprünglich vorhatte. Ich werde wieder zu Isamira fliegen. Neben ihrer Schönheit gibt es noch etwas anderes, dass mich magisch anzieht: Der Ring entstammt dem Quuanqunquum. Ich bin mir jetzt sicher, dass beide etwas miteinander zu tun haben. Ring und Pflanze. Sie sind womöglich ein und dasselbe. In unterschiedlicher Daseinsform. Aber mit derselben Magie. Und im Gegensatz zu Eosine werde ich Isamira immer finden. Denn sie ist zwar auch stark, aber hat die Macht des Rings noch nicht wirklich begriffen. Kann noch nicht vollenden, was zu fügen ist.

Ich schwebe bereits über ihrer Felsenhöhle. Doch diesmal werde ich sie im Schlaf überraschen. Werde dem Ring keine Chance geben, sie zu schützen. Werde ihn mir nehmen und ihn seiner wahren Gestalt enthüllen.

Die Nebel öffnen sich, als ich durch den Eingang gehe. Rasch dringe ich in ihr Schlafgemach ein. Und da liegt sie, eingebettet in ein weißes Leinen. Ihre sanften Gesichtszüge sind entspannt, denn tief sind ihre Träume. Es ist vollkommen dunkel im Raum, und doch umflort ihren Körper eine leichte Aura.

Ich stehe vor ihr. Jetzt bewegt sie den Arm, und die rechte Hand erscheint über der Decke. Da sehe ich den Ring. Er ist so wunderschön. Gelbe Schimmer strahlen von ihm aus, und ich bin mir seiner Magie bewusst. Ich muss ihn haben! Wie der Bann von Geistern zieht er mich an.

Ich trete an ihre Bettstatt. Schon berühre ich ihre Hand, da höre ich hinter mir einen schrillen Schrei, während sich mir gleichzeitig etwas Scharfes in die Schulter bohrt.

Erschrocken drehe ich mich um und sehe Halma, wie sie sich mir entgegenwirft. Mit aller Kraft kann ich mich ihr entwinden und gewinne gerade noch etwas Abstand vor einer zweiten Messerwucht, die mich seitliche erwischt und gegen die Wand wirft.

Aus den Augenwinkeln gewahre ich, wie Isamira erwacht. Doch noch ehe sie die Situation erkennt, erglüht der Ring in einem roten Feuerball. Gleich darauf springt Isamira auf und stürzt sich mir entgegen. Mit von sich gestreckten Händen stößt sie mich um, dass ich über einen Speer stolper, der am Boden liegt. Groß und mächtig sehe ich den Ring nun vor mir, und es will mir kaum gelingen, mich seiner Macht zu entziehen. Ich fühle, wie ich zu Boden falle und in eine bedrängnisvolle Lage gerate. Schon erhebt sich mein Geist, schneller als je zuvor, und ich bin mir nicht sicher, ob ich durch den puren Felsen oder seine Gänge hinausfliege.

Im nächsten Augenblick finde ich mich jedoch oberhalb der Höhle wieder. Noch kann ich verfolgen, wie beide, Isamira und Halma, aus dem Eingang stürzen und wild um sich blicken. Doch für meinen Teil bin ich nun in Sicherheit und bald darauf mehr oder weniger erschrocken zurück auf meinem Lager gelandet. Dann erst merke ich, wie meine Sinne schwinden.

Als ich erwache, beugt sich Moringa über mich. Mein Oberkörper ist entblößt. Um meine linke Schulter ist ein Verband aus Rinde, Mullerde und einigen Kräutern.

»Was ist geschehen?« frage ich sie, doch bevor sie antwortet, ist mir alles klar.

»Du hast einen tiefen Schnitt in der Schulter. Und dank dem Höhlenlöwen ist er vom Knochen aufgehalten worden. Es wurde nichts Wichtiges verletzt.«

Doch, mein Stolz.

»Es ist nicht mehr der Höhlenlöwe, Moringa. Es ist der schlafende Bär, der mich gerettet hat. Er wohnt hier gleich in der Nähe und hat mich beschützt. « Sie werden sich daran gewöhnen müssen. Hier gibt es keine Löwen.

»Du hast viel geblutet. Aber du hast mir ja gezeigt, wie es gerinnt.«

Sie legt sich zu mir und wärmt meine erschöpften Knochen.

Es tut gut, sie zu spüren. Denn ich zittere bei dem Gedanken an die vergangene Nacht. Es ist wichtig, zu einem Clan zu gehören. Von ihm aufgenommen zu werden und sich geborgen zu fühlen. Versorgt und behütet.

Doch gibt es auch andere. Deren Clanführer mir nicht wohl gesonnen sind. Aber ich brauche die Kräfte aller, vor allem der Besten, um den Weg der Große Höhle zu finden. Wir alle müssen dasselbe Ziel haben. Und zusammen gehören. Das merke ich, fühle es in den Armen von Moringa. Und gerade hier in der Fremde ist es umso wichtiger, zusammenzuhalten und einig sein in einem Volk.

Wir dürfen nicht die Fehler begehen, uns untereinander zu bekämpfen und aus den Augen zu verlieren. Wir sind vom selben Großen Stamm. Deshalb soll es einen Namen geben, der uns eint in der Fremde. Bei dem wir wissen, dass wir alle aus dem Lamatt stammen, wo die Blutlinie begann. Vom selben Ursprung kommend, aus dem Land der hohen Berge, um hier im Land der flachen Ebenen zu überleben.

Es ist die Wissenslinie des Blutes, die uns verbleibt. Und Tjuo, das Blut, und Kurpa, das Wissen, aus einem unendlichen Gedächtnis gespeist, ist unsere Herkunft. So werden wir uns selbst Tjuokurpa nennen, die von den Ursprüngen ihres Blutes wissen.

Und ich veranlasse Moringa, auf der höchsten Erhebung, die wir hier haben, einen kleinen Felsen zu errichten. Welcher, eingeritzt in seine Spitze, viele Menschen zeigt, die miteinander einen Kreis bilden. Und sie werden Köpfe haben und einen Körper, aus dem zwei Hände und zwei Beine wachsen. Und damit alle, die hier vorbeikommen, wissen, dass ich es war, der hier wohnte, werde diese Menschen einen Falkenschnabel mit großen Augen tragen. Und in ihren Körpern werden sich Linien des Blutes ziehen und vermischen mit dem, was unser Denken ist. Denn wir, die Tjuokurpa, sind die Krönung der Menschen. Und wir vom Stamme der Biami, die Falkenaugen, sind ihre Führer, denen sie zu der Höhle des Quuanqunquum folgen werden.