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Literatur

Saga Homo Novalis

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Saga Homo Novalis



Aerandil Falkenauge 60.372

U nter mir sehe das weite Land der Steppe. Hin und wieder durchquert ein kleiner Seitenarm des Großen Sees die unfruchtbaren Ebenen. Dünnes, hartes Gras wird von kleinen Büschen unterbrochen. Wie dunkelgrüne Inseln ragen Baumgruppen aus dem gelben Sand der Wüste. Nichts wird mehr den unfruchtbaren Boden durchdringen. Durch seine Oberfläche stoßen, um zu wachsen. Und Nahrung für Tier und Mensch bringen.

Ich schwebe weiter, dem Wasser zu, das sich unendlich vor mir hinzieht. Und kein Ende nimmt. Doch es muss da irgendwo sein. Das Land, wo das Quuanqunquum wächst. Die Pflanze, die zu den Wegen führt, deren Tage noch vor uns sind. Viele nennen es auch das Reisekraut. Aber es ist mehr. Es erzählt dir von dem, was du tust. Und ob es gut ist oder nicht.

Denn es hat viele Eigenschaften. Eine davon ist, dich dorthin zu bringen, wo sich die Wege gabeln. Und dir den einen zu zeigen, der dich zu deinen Wünschen führt.

Die Ufer des Sees bilden kleine Schaumkronen. Ich folge zunächst dem Zackenriss seines Gestades. Zu einem Punkt, den ich bereits erkundet habe. Hier ist das Wasser nicht tiefblau, sondern hellgrün. Überall ist der nahe Meeresboden zu erkennen. Sein weißer Sand schimmert durch die flackernden Wellen der Gischt.

Ich höre Möwen kreischen. Und das Lied des Sees vermischt sich mit den Klängen der Welt. Bis weit draußen nur noch sein monotones Rauschen ist. Einsam und ungestört von den Klagen der Vögel.

Aber diesmal will ich über die Linie hinaus. Ein Strich dunklen Wassers, der sich zu beiden Seiten zieht. Ihn zu überqueren hatte ich bislang noch nicht die Kraft gefunden. Doch das heutige Artagum, aus dem Sud des Honig und dem Saft der Weinbeeren gepresst, hat diesmal die Zutat der Tollkirsche. Sie kommt nur selten vor und wächst in den felsigen Nischen der Gebirgstäler. Mit ihr finde ich das Silhamon, die vollkommene Entrückung. Dann gelingt es mir, die Lichter, die für die Sonne leuchten, zu befragen. Und die Geister der Nacht erweisen mir Rat und Respekt.

Diesmal werde ich die Barriere durchbrechen. Irgendwo in der Ferne des Horizonts muss es liegen. Das Land, wo das Quuanqunquum wächst. Und ich werde meine Leute dorthin führen, in die Welt, die nie aufhört. Wo das Leben ewig dauert. Und Wege, die vor und hinter uns liegen, mit uns verschmelzen. Hier bin ich nur ein Schatten meines Körpers. Dort werde ich aus ihm heraustreten, wann immer ich es will. Und in die Welt eingehen, die jenseits von Tag und Nacht existiert. Wo es keine Grenzen gibt, und die Zeit schweigt.

Dort, wo die Welt der Götter beginnt. Wo sie uns von ihren Reisen durch die Zeiten erzählen und uns an ihrer Macht teilhaben lassen. Wie sie den Lauf der Menschen und Tiere bestimmen. Und sich über ihr Leben erheben. Um zu leiten das Schicksal der Erde und allem, was auf ihr gedeiht.

Und sie haben mir auch in meinem Träumen davon berichtet, wie es uns möglich sein wird, ihnen zu folgen und so zu werden wie sie. Dennhier auf Erden ist es die Pflanze, die sie Quuanqunquum nennen, und die sie in diesem fernen Land einst gesät haben, um uns zu ihnen aufsteigen zu lassen.

Dorthin nun will ich für immer mein Augenmerk richten.

Ich fühle, wie meine Kräfte schwinden. Mir wird übel, und in meinem Kopf entsteht ein Druck, der meine Augen aus den Höhlen presst. Schweiß rinnt mir das Gesicht und den Hals hinunter. Und ich schmecke, dass er sich mit Blut vermischt.

Doch die Sehkraft meiner Augen nimmt zu. Und weit entfernt erkenne ich den braunen Streifen einer Landmasse. Flach steigt sie aus dem Wasser hervor. Und schnell nähere ich mich ihr und überfliege sie.

Vor mir breitet sich im Dunst der Küste das Innere eines gewaltigen Djungels aus. Ich verharre, denn ich spüre zu wenig Kraft, um ihn zu überfliegen. Ich rufe Thoranda und flehe ihn an. ‚Lass mich nur einen kurzen Blick auf die Pflanze werfen, die mich zu den werdenden Tagen führt und meinem Leben die Zeitspanne des Augenblicks nimmt. Gewähre mir nur einen Moment der Muße, sie zu erblicken. Und dann lass mich umkehren.’

Und Thoranda ist mit mir. Wohlige Wärme durchflutet meinen Körper, wie ich über die Bäume fliege. Dicht unter mir nehme ich grünes, saftiges Gras wahr und Tiere, die auf den dichten Weiden äsen. Überall, wo ich hinkomme, ist Wild. Auch gibt es genug Seen und Flüsse, an denen sie trinken. Warm umströmt mich die Luft, und ich weiß, dass es hier ist, wo ich unsere Stämme bringen muss.

Und noch einmal erhellt Thoranda meinen Blick mit der Feuerkraft von Earazzil, den Geist des Donners, der seine leuchtenden Speere über die unendliche Ebene schleudert und ein Loch in die Felsen reißt, aus dem die Eingeweide der Erde quellen. Karminrot kriecht es kochend aus dem Boden hervor. Und schäumt siedend über den Fels, bevor es in dunkler Schwärze erstarrt. Aber verborgen unter einem Felsvorhang verbleibt eine Öffnung, die der Eingang zur Höhle ist. Deren Gänge unterirdisch weiter verlaufen, tief ins Gebein des Berges. Und an deren Ende Quuanqunquum lebt und sich von den Dämpfen der nahen Vulkane nährt.

Es ist Al Erador, die Große Höhle der Wege, die überall hinführen. Wie ein brennender Schmerz bohrt sich ihr Duft in meinen Kopf. Wild, flammend und scharf-würzig. Mit letzter Kraft lese ich das Tal, das sich vor mir öffnet. Von einem Berg verborgen. Und unauslöschlich gräbt sich der Felsen mit der vorspringenden Nase, dessen Atemloch ihr Eingang ist, in meine Erinnerung.

Dann werde ich in einem Blitz aus Feuer und Sturm hinweg gerissen. So dass ich den Weg zurück nicht mehr wahrnehmen kann. Schwarz wird mir vor Augen und ich erlebe nicht, wie ich durch die Lüfte zurückgetrieben werde, blindlings über die Lande taumle und wieder in meinem Quaratar ankomme.

Erst nach vielen Momenten des Atmens und nachdem mindestens ein Sonnenlauf über mich hinweg gezogen ist, erwache ich. Ich fühle mich elendig und durstig und wanke zum Ausgang. Das Tageslicht brennt in meine Augen, und ich wische mir Schaum aus den Mundwinkeln. Die Knie werden mir weich und ich muss mich unwillkürlich setzen und übergeben.

Aber ich habe es geschafft. Ich habe sie endlich gefunden, die Große Höhle der Wege, Al Erador. Sie war die Hüterin meiner Träume und Wegbegleiterin der Reisen. Und Thoranda, der Großer Geist, hat mich zu ihr geführt. Und auch der Große Geist des Löwen, der mein Totem ist und selber in Höhlen wohnt.

Ich schließe die Augen und reibe sie. Sie haben zu viel gesehen in der Zeit des Fluges. Aber sie haben erschaut, was noch keines Menschen Traum je wahrgenommen hat. Ich habe die Macht gefunden, die mich mit sich nehmen wird zu den Wegen späterer Tage, und ich werde sie die Zukunft nennen. Die Zeit, die mir ewiges Leben verleiht, wenn ich mit ihr fliege. Und die mir berichten wird von Dingen, die noch werden, und deren Geschicke denen anvertraut sind, die sie bereits kennen.



Ich habe wieder Artagum genommen. Aber ohne Tollkirsche. Die Reise soll nicht übers Meer führen, sondern nur zu denen, die diese Seite des Sees bewohnen.

Vor mir reihen sich kleine Becher und Krüge aus Ton, in denen es wunderbar herb riecht. Der scharfe, bittere Geruch des Salbeis umschließt die Höhle wie eine Faust. Sie ist eine Glocke, in der ich frei atmen kann und kaum Wasser durch Schweiß verliere. So hält sich der Durst in Grenzen.

Die Blüten des Baldrians liegen um mich herum verteilt. Sie beruhigen mich und geben mir gleichzeitig die geistige Anregung für meine Träume. Die Blätter des Fenchel, die ich unter meinem Umhang aus Biberfell gelegt habe, entkrampfen mich zusätzlich und entspannen meinen Körper. Zudem bade ich nach den Reisen meine rotentzündeten Augen in ihrem Sud.

Ich sitze in völliger Dunkelheit in diesem Teil der Höhle, das Quaratar genannt wird. Hier dürfen sich nur Schamanen aufhalten. Einlass kann ich aber auch den Clanführern und unter besonderen Umständen Frauen gewähren, wenn sie Arahar um ein neues Leben bitten.

In der Regel vertiefe ich mich hier, um mit den Geistern zu reden. Sie für die Jagd mild zu stimmen. Die Urväter der Tiere um Erlaubnis zu bitten, dass sie unseren hungrigen Mägen gnädig sind. Da auch ihre Enkel nicht unbegrenzt leben, braucht es oft viel Überredungskunst. Denn wenn ihre Weibchen trächtig sind, dürfen wir sie nicht töten. Aber meistens führt uns dann der Große Höhlenlöwe zu besseren Jagdgebieten.

Von einer kleinen Thasar kommt süßer Honigduft. Sie erhellt aber nicht den Raum, da die Scheite in Bienenwachs getaucht sind und nur mäßig glimmen. Aber sie verströmen einen weißen, weichen Nebel, der mir hilft, mich über den Erdboden zu erheben.

Vor allem das Artagum bringt mich zu diesen Flügen. Es besteht aus den Waben des Waldes, die von meinem Nachbarclan gepflegt werden. Sie beschützen die kleinen Bienen und befestigen ihre Stöcke an hohen Bäumen, die kein Bär erreicht. Dafür werden sie auch nicht von ihnen gestochen, wenn sie sich selbst ein wenig Honig entleihen.

»Hurin«, sage ich zu ihrem Anführer, »entnehme nicht zu viel den Waben. Lass ihnen noch genug für die eigene Brut.« Denn ich möchte, dass sie mir auch noch, wenn die Tage kälter werden und Schnee die Erde bedeckt, zu Diensten sind. Und ich nach vielen Umläufen der Sonne das Reisen nicht aufzugeben brauche.

Ich hülle mich nun in die Dunkelheit der Höhle. Aus dem vorderen Bereich, der mir zum Schlafen dient, fällt kein Licht. Mehrere Biegungen des Ganges belassen diesen hinteren Teil in tiefster Finsternis. Er allein dient mir zum Auffliegen mit den Geistern jenseits der Lichter, von wo aus ich die Geschicke der Erde verfolge. Und bewahrt mich vor dem störenden Einfluss der Menschen. Deren Stimmen und Lachen mich zu Boden halten. Wer mich begleitet, muss seine Zunge im Zaum halten. Oder es kann geschehen, dass sie für immer verstummt.

Ein letztes Mal neige ich den Becher mit Artagum an meinen Mund. Und nun geschieht es, dass sich die Schemen der Höhlenwände verformen und auf mich zukommen. Dann durchdringe ich sie und lasse sie hinter mich. Wie auch die Welt, auf der sich meine Höhle baut. Und ich schwinge mich zu den Bergen des Lamatt, der sich vor der Küste aufbaut und sie von den weiten Ebenen der Savanne trennt.

Dort wohnt Orin mit seinem Clan, und er ist ein wichtiger Mann in einer Gegend, durch die viele Stämme kommen auf dem Weg zum Meer.

Dann bin ich angelangt in der Höhle des Bären. Dort, wo Arahar selbst wohnt. Und sein Geist begrüßt mich erfreut.

»Rufe mir Orin«, sage ich und warte.

Es braucht nicht lange, dann sehe ich den Clanführer auf seiner Decke aus Büffelhaut liegen und schlafen. Er schnarcht, und so reihe ich mich vorsichtig in seine Gedanken.

»Orin«, sage ich ihm, »die Sonne wird mittags bald hoch stehen und nicht mehr weiter wandern wollen. Es wird Zeit für dich, wieder aufzubrechen. Denn du wirst der Wächter allen Lebens sein, dessen wir auf Erden sind.«

Viele Tiere werden ihm begegnen, die seinen Stamm nie hungern lassen, wenn er von fern das Rauschen des Meeres hört. Und es wird ihm die Richtung weisen, die er benötigt, um nicht fehl zu gehen.

»Nimm deinen ganzen Clan mit und halte nicht eher ein, als bis du den breiten Fluss erreichst. Und es werden viele sein, die du dort triffst. Sogar Freunde und alte Mitglieder deiner Sippe. Und ihr alle werdet euch sammeln, um den Großen See zu überqueren. Erinnert euch noch der Flöße, die ihr bautet, als ihr damals vor vielen Sonnen aufgebrochen ward. Aber diesmal muss es das Größte sein, das es je gab. Denn ihr werdet lange brauchen, ehe ihr wieder jagen könnt. Und es werden viele Monde über euch hinweg ziehen. Und die Sonne mehrerer Bögen wandert über euch, bis ihr wieder festen Boden unter euch habt. Erlegt viel Wild und nehmt viel Wasser zum Trinken mit. Denn die Wasser des Sees werden euch töten, wenn ihr sie trinkt.«

So spreche ich zu ihm. Und als er aufwacht, hatte er einen langen Traum.

»Heute Nacht überkam mich ein seltsamer Gedanke. Hinter meinen Augen sah ich Bilder von meinen Kindern, wie sie ihre Vorräte füllten und Felle schnürten und die Höhle, die uns so gastfreundlich aufnahm, verließen. Über lange Zeit gingen sie und wichen nicht ab vom Weg, denn ein fernes Rauschen wies ihnen die Richtung.«

»Aber warum? Gibt es hier kein Wild mehr, das wir jagen können?«

»Wild gibt es genug, und es ist auch nicht der Hunger, der uns aufbrechen lässt.« Orin verharrt und überlegt. »Es ist der ferne Ruf des Meeres, so wie ihn schon meine Ahnen hörten. Und er wies ihnen den Weg hierher. Zu der Höhle von Arahar, die uns daraufhin wohlwollenden Schutz gewährt.«

»So sag uns den Grund, der uns rät, diesen Schutz wieder zu verlassen.«

»Es wird eine andere Höhle sein, noch viel größer und mächtiger, der wir folgen werden. Und dort wird sie sein, die Pflanze, die die Geschicke der Menschen lenkt, und deren Wächter zu sein unser Schicksal ist. Sie zu pflegen und zu achten. In Al Erador, an derem tiefsten Ende ihrer Wege sie wohnt. Und von wo ihre Reisen immer beginnen und niemals aufhören werden. Denn die Zukunft hat kein Ende, da sie ewig währt.«

So wird Orin sprechen und seinen Stamm führen.



Hurin ist mit zweien seiner Leute aufgetaucht. An ihrer Seite tragen sie einen Hasen, eine Saquasi und den, der den Fluss zügelt, den Biber. Die Tiere sind frisch gefangen, aber schon ausgeblutet. Die Hände der Leute kleben vom Saft des Fleisches.

»Wir haben sie heute getötet. Sag, wie du ihr Fell haben willst.«

»Das des Bibers soll an eine Eiche gebunden werden, um es vom Fleisch zu säubern. Dann legt es soviel Sonnenläufe (ich halte die Hälfte meiner Finger hoch) in die Asche seiner Knochen, um das Fell abzuschaben. Danach muss es bei großem Mond in Wasser gelegt und anschließend ausgepresst werden. Darauf kocht ihr sein Hirn und massiert es in die Haut. Zum Schluss alles auswringen. Wenn ihr fertig seid, zieht die Haut über die Knie lang, bis sie trocken ist. Dann haltet sie eine Weile über den Rauch des Feuers.«

Ich überlege. »Mit dem Hasen verfahrt ähnlich. Doch nehmt zum Gerben den Baum der Buche.«

Alsbald beginnen sie, Hase und Biber das Fell abzuziehen. Einer rupft unterdessen die Gans.

»Die möchte ich noch heute im Feuertopf haben. Sie soll im Fett des Hasen braten und immer heiß übergossen werden.«

Ich wende mich an Hurin. »Der Honig für das Artagum geht mir aus. Wie soll ich denn Reisen ohne die Macht der Lichter?«

»Schon bei der Sonne des letzten Bogens sind wir im Wald gewesen und haben die Bienen gütig gestimmt. Darauf haben sie uns zwei dicke Waben überlassen. Aber du weißt, dass der Sud einige Monde gären muss. Er wird dir dann gleich gebracht.«

»Ich habe in nächster Zeit viele Reisen zu machen. Nicht nur zu den Geistern. Auch zu den Schamanen der anderen Clans. Wie soll ich denn in ihre Gedanken fliegen, wenn ihr so langsam seid?«

»Ach Aerandil, du weißt, wir tun unser Bestmögliches.«

»Und du weißt, dass der Aufbruch zu den Sternen, die dicht über dem Großen Wasser liegen, bald bevor steht. Wie soll ich dich mitnehmen, wenn du nie fertig wirst?«

»Ich werde gleich noch Jemanden schicken, der einen weiteren Stock auskundschaftet. Einen und noch einen Sonnenmarsch von hier ist ein Neuer gesichtet worden.«

»Dann lasst euch nicht aufhalten.« Ich warte, bis mein nächster Trunk fertig ist. Aus dem letzten Honig. Vielleicht ist es ganz gut, eine Pause einzulegen. Von dem vielen Reisen habe ich fast jeden Tag beachtliche Kopfschmerzen. Die Vorbereitungen der Großen Überfahrt nehmen mich sehr in Anspruch. Es bedarf an Menschen, die noch über dieses Geschick verfügen. Ich muss dafür sorgen, dass in jeder Gruppe mindestens einer ist, der den Bau eines Floßes beherrscht. Und seinen Umgang auf See. Die Wellen können dort manchmal bis zu doppelter Manneslänge anwachsen. Und nicht selten reißen sie alles mit sich ins Wasser.

Außerdem muss in jedem Clan ein Schamane sein, der weiß, wohin die Reise geht. Den ich einweihe, und dem ich von Al Erador erzähle. Das weite Ziel. Das wir eines Tages hoffen zu erreichen. Ich wohl nicht mehr. Aber so wie Aerandil vor mir, so werden diese auch nach mir dafür sorgen, dass wir Quuanqunquum einstmals finden und nutzen. Und mit ihm in die Zeit fliegen, die uns ewig leben lässt.

Dabei denke ich an Arendola aus Hurins Clan. Ich werde sie bald aufsuchen, denn sie soll für die Blutlinie sorgen, die meine Suche gewährleistet. Sie ist scharf von Verstand und noch besser, was ihre Sicht in der Nacht betrifft. Sie ist wie eine Eule, von der ich Weißheit und Weitsicht erwartet. Ihr Blut und meines werden der Garant sein für das Gelingen der Großen Überfahrt. Vorausgesetzt es stimmt, was ich von einem anderen Clan gehört habe, der weit von uns entfernt wohnt.

Doch zuerst muss ich mit dem mächtigen Clan der Biral, der Flammenhand Kontakt aufnehmen. Endlich ist der neue Sud aus Honig und Weinbeeren fertig. Ich ziehe mich in mein hinterstes Quaratar zurück. Dort, wo das Licht der Sonne nicht mehr reicht. Ich trinke hastig aus dem Napf. Zäh rinnt mir der braune Saft die Mundwinkel herunter. Der Rauch der Zimtrose und des Edelmohns, die nun vor mir glühen, und den ich stoß weise einatme, ergeben einen süßlich-herben Duft, der betäubt und meinen Kopf zunächst schwer, dann leicht macht für die Reis.

Henin begrüßt mich erfreut. Wir haben uns lange nicht gesehen. Doch meine Miene bleibt ernst.

»Ich habe es gefunden. Al Erador. Endlich ist mir der Flug über das Wasser gelungen. Es ist die blaue Enge, die wir überqueren müssen. Erst dahinter verbirgt sich das Land der Großen Höhle. Ihr Eingang ist hinter einer riesigen Felsnase in einem kleinen Tal inmitten einer weiten, weiten Wüste.«

»Und doch hast du sie gefunden. Al Erador.« Ehrfürchtig wiederholt Henin den Namen der Höhle aller Höhlen. Die bisher nur in unseren Träumen auftaucht.

»Ja, aber es war nicht leicht. Und so schwer meine Suche war, so beschwerlich wird auch der Marsch dorthin sein. Und viele werden dabei sterben, und andere werden niemals ankommen. Einige werden sogar in die Irre geleitet werden, und ihre Blutlinie ist auf Nimmerwiedersehen verloren.«

»Aber die, die es schaffen, werden hoffentlich die Pflanze finden. Kannst du das bezeugen?«

»Da bin ich mir ganz sicher. Denn ich habe sie bereits gesehen.«

»Du hast sie schon gesehen? Sag, wie sieht sie aus?«

»Nicht, dass ich sie schon in meiner Hand hielt. Noch die Form ihres Kelches liebkoste. Aber ihr Geruch brannte sich mir in die Nase. Und sie ließ mich die Kraft ihrer Säfte spüren, die uns einmal durch die Lüfte tragen werden.«

Henin hält inne. Er ist schier überwältigt von der Tatsache, dass sie die Pflanze endlich gefunden haben.

»Quuanqunquum will uns begrüßen. Ich spüre es aus deiner Ader, Biami Falkenauge. Du, der die Pflanze der Großen Reisen gefunden hast!«

»Ja«, sage ich. »Die Große Überfahrt steht nun bevor. Aber sie muss gut vorbereitet werden.«

»Aber werden wir dazu stark genug sein in dieser Zeit der Kälte?« erwidert er zögernd.

»Ich bin über Felder voller Gras geflogen, Wälder voller Wild und Flüsse voller Wasser. Dort ist alles, wessen wir bedürfen!«

Henin verharrt einen Augenblick. Dann sagt er: »So stehe ich dir mit meinem Clan zur Seite.«

»Das ist wichtig. Denn mit dir brauche ich auch Iosain Biral. Dort werden wir die besten benötigen, um zu überleben und zur Großen Höhle zu gelangen. Und nur die besten werden es auch schaffen.«

Leise besprechen wir die Vorbereitungen. Henin ist mir ein aufrechter Freund. Über Generationen stehen wir einander zur Seite. Er weiß so gut wie ich, welche Leute es braucht und wie viel Glück. Denn wir beginnen eine Überfahrt in ein anderes Land, das sich bisher als ausgesprochen unerreichbar zeigt. Jenseits von Sand und tiefem Wasser. Und mit all den Frauen und Kinder, den Menschen, die auf dem Marsch alt werden, und den Männer, die wieder zurück wollen.

Zum Schluss frage ich ihn: »Ist es sicher, dass Iosain Biral mitkommen wird?«

»Warum fragst du nochmals?«

»Du weißt, dass er das Feuer beherrscht. Es ist wichtig für die Jagd, für die Nacht und für das Zubereiten der Speisen. Wer weiß, wofür wir es noch gebrauchen.«

»Iosain ist immer da, wo es etwas Neues zu entdecken gibt. Und wenn ich ihm mitteile, dass es in diesem fernen Land genug zu essen und zu trinken gibt, wird er die Überfahrt mitmachen. Sein Platz ist immer neben mir.«

»Dann sei wohlauf in all deinem Handeln. Und eines Tages werden wir zusammen in Al Erador sitzen und die Großen Reisen planen.«

»Reisen, die uns über das Licht der Sterne hinaus zu den Tagen führen, die noch vor uns sind«, schließt Henin.

»Ich habe bereits einen Namen für sie. Ich nenne diese Zeit die Zukunft.«

»So hast du, Aerandil Biami, das Falkenauge, denn diesen Namen werde ich dir auf immer geben, deinen Blick bereits ins Voraus gerichtet, scharf und unbeugsam zugleich.«



Mein letztes Gespräch mit Henin hat mir Mut gegeben. Aber mir auch ein Problem bewusst gemacht. Ich bin mehr abhängig, als ich mir zugestehen mag, vom Wohlgemut der anderen. Denn ich brauche die Fähigkeiten ihrer Hände, so wie meine Augen die Magie haben, in die Zukunft zu schreiten.

Biral und Bundjil sind gewiss wichtige Clans. Und ich kann mir nicht vorstellen, auf ihre Mithilfe zu verzichten.

Aber da sind noch andere. Vor allem eine Sache bereitet mir Kopfzerbrechen. Und sie allein wird meinen Plan im Lot halten. Die Frage meiner Blutlinie. Kann ich sie beeinflussen. Unwegsamkeiten ausbessern. Eigenschaften betonen.

‚Stammen die Nachfahren meiner Linie direkt von mir ab?’

Noch während ich auf die Fertigung des nächsten Artagum warte, überlege ich gut, was zu tun ist. Auch ich habe von dieser Frau gehört, die Geschichten wie die Bewandtnis der Geburten erzählt. Dann kehre ich unverzüglich ins Quaratar zurück. Hocke mich vor das Gemisch aus Zimtrose und Edelmohn, inmitten des Baldrians und Fenchels. Der Becher mit dem süßen Getränk ist bald geleert. Und mein Kopf beginnt, mir zu schwindeln. Doch bevor ich vollkommen das Bewusstsein verliere, werden die Gedanken wieder klar, und ich enteile der Höhle und dem Berg, in dem mein Körper bleibt.

Der Geist nimmt mich diesmal auf eine längere Reise. Sie geht über die Berge und Ebenen, die dort oft von Wasser umschlungen sind, hinauf in ein Gebirge, dessen Spitze die Wolken berührt. Ich schwebe darüber und seine Ausläufer hinunter, und mit einem Mal bleibe ich vor einer Höhle stehen, die ich noch nie betreten habe.

Eine wunderschöne Frau schläft in einer Grotte dicht neben dem Eingang. Sie ist allein, und die Decke ist leicht von ihren Schultern gestreift. Mit dem Hauch meiner Hand berühre ich ihre Haut, und sie fühlt sich an wie die samtige Stirn eines Antilopenkitzes.

Erregt halte ich inne und wage kaum zu atmen. Ist sie die Frau, die meine Blutlinie weiterführt? Die sie auffüllt mit der Stärke ihres Herzens. Nach der das meine selbst solange sucht und verlangt?

Doch dieses eine Mal bin ich mir nicht sicher. Zu lange glaube ich schon, dass Arendola die Mutter meiner Kinder wird. Aber genau deshalb bin ich ja gekommen. ‚Da werden sich Fragen und Wünsche möglicherweise miteinander vermischt haben’, denke ich. ‚Aber von ihr hier geht eine Aura aus, die weitaus mehr ist, als ich erwartet habe.’

»Siehst du den Großen Berg dort über den Wolken?« flüster ich in ihr Ohr.

Und sie dreht sich im Schlaf halb zu mir hin.

»Gehe dort mit deinem Clan hinauf. Blicke nicht zurück, damit dich kein Schwindel befällt und auch keine Reue. Und dann steige hinab, bis du an die Ufer eines Flusses kommst. Hier baue das erste Floß.«

Aber ich merke, dass in ihrer Linie keine Floßbauer gewesen sind.

»Also suche in deinem Clan einen, der was von der Schifffahrt versteht.«

Darauf sehe ich in ihrem Traum, dass sie das Gebirge gar nicht erst besteigen will.

»Tiere werden die nächsten Sonnenläufe mit Kälte, Schnee und erneuter Wärme meiden. Es wird kein Fleisch geben, dass euch ernährt. Die Flüsse verlieren an Wasser und der Zug der Wildgänse bleibt aus.«

Doch in ihren Erinnerungen sehe ich große Vorräte, die in kühlem Boden liegen. Auch Pflanzen, die einen wahren Reichtum an Nahrung wiedergeben. Ihr Clan hat keinen Grund, zu gehen.

Ratlos sehe ich sie an. Mein Geist wandert durch die Höhle. Etwas irritiert mich. In ihrem Clan scheint es keinen Schamanen zu geben. Wie kann ich sie nur überzeugen. Mit wem kann ich sprechen? Verwundert kehre ich zu ihr zurück.

In diesem Augenblick gewahre ich an ihrem Finger einen hellen Ring. Gelb leuchtet er in der Nacht, obwohl das Licht des Mondes hier nicht eindringt. Erstaunt sehe ich ihn mir näher an. Da regt sie sich und wacht auf.

»Wer ist da?« fragt sie schläfrig. »Isamira, mein Kleines, kannst du nicht schlafen?«

Doch ich bedecke ihre Lider wieder mit der Schwere des Schlafes, und matt sinkt sie ins Kissen zurück.

Verblüfft stelle ich fest, dass sie es merkt, sobald sich meine Gedanken dem Ring nähern. ‚Hat er eine Macht, die die Magie meines Fluges überdeckt?’

Doch ich sehe keine Möglichkeit, ihn mir genauer anzusehen, ohne dass ich sie aufwecke. ‚Zu dumm, denn ich brauche ihren Traum, um sie für die Große Überfahrt zu gewinnen’, nagt es in mir.

Ich werde den Ring weiter beobachten. Doch jetzt muss ich erneut versuchen, in die Gedanken hinter ihren Augen zu dringen.

Ich gebe ihr die Vorstellung, dass sie eine furchtbare Krankheit sieht, die die Hälfte ihres Clans dahin rafft. Sie kriegen Beulen an Gesicht und Körper, und das Essen fällt allen schwer. Der Bauch löst sich von innen auf, so dass die Gedärme frei hervorkommen.

Dieser Eindruck ist so erschütternd, dass sich Isamira entsetzt aufrichtet. Schweißüberströmt bleibt sie eine Weile sitzen und wagt sich kaum zu bewegen. Dann steht sie langsam auf und betrachtet ihre Tochter. Befühlt deren Glieder und tastet über ihr Gesicht.

»Meine kleine Isamira. Mich hat geträumt, dass du ganz schrecklich krank wirst. Aber das war wahrscheinlich nur ein böser Traum, den deine Mutter hatte.«

Liebevoll sieht sie sie an. »Gleich morgen werde ich zu deinem Vater gehen. Er weiß sicher, wie er die bösen Geister vertreiben kann.«

Da sind diese Worte, denen ich hier nachspüre. Mutter und Vater. Isamira glaubt, dass sie mit einem bestimmten Mann dieses Kind hat. Dass es nicht aus dem Geist von Arahar kommt.

Ich sehe, wie meine Kräfte bei all diesen Andersartigkeiten schwinden. Unruhe erfasst mich, und ich muss eiligst zurück. Irgendetwas beginnt, meinen Körper wegzudrängen. Schnell entwinde ich mich der Höhle. Mit letzter Kraft fliege ich zurück und lande wieder in meiner eigenen. Dort angekommen, falle ich auf die Knie und kippe um. Schwer keuchend auf dem Rücken liegend, kann ich mich nur allmählich erholen.

Auf den Widerstand Isamiras, der Clanführerin, bin ich vorbereitet gewesen. Jede Reise birgt eine gewisse Gefahr in sich. Und nicht jeder ist sogleich bereit, meine Forderungen zu akzeptieren.

Aber bei ihr habe ich tatsächlich eine Macht gespürt, die sich meiner entgegensetzt. Und sie ging vom Ring aus. Er scheint eine Art Schutz zu bilden. Und vielleicht noch mehr.

Ist er auch verantwortlich für die Ansicht, das nicht Arahar die Kinder in die Bäuche der Frauen pflanzt? ‚Oh ihr Geister, zürnet nicht ob der Makel anderer!’ Aber dennoch ertappe ich mich dabei, ihre Gedanken aufzufangen und neu zu bewerten. Wenn tatsächlich was daran ist, dass wir Männer etwas mit den Kindern zu tun haben, dann werde ich meine Blutlinie mitbestimmen können.

Isamira ist wild und wird unseren Kindern viel Kraft geben. Aber auch Arendola ist stark. Ich denke nach. Und sie hat etwas an sich, das mir immer meine Wünsche erfüllt, bevor ich sie ausspreche. Sowas werde ich bei Isamira nie finden.

Ich denke nach. Arendola hat immer Honig für mein Artagum gefunden, wenn es darauf ankam. Ich warte noch eine Weile, bis ich mich vollends erholt habe. Dann stehe ich auf und marschiere ohne Rast zum Clan von Hurin.

»Wo ist Arendola?« frage ich ihn und er weist mit verwunderter Geste zu einer der Hütten.

»Warum willst du das wissen?« entgegnet er. »Hat der Honig des neuen Bienenvolkes, das sie entdeckt hat, nicht gewirkt?«

»Oh doch. Er hat Kraft und Wohlgeschmack. Aber lass mich ihr eine Frage stellen, die von weitreichender Bedeutung ist.«

Verwundert führt mich Hurin zu ihr.

»Arendola«, sage ich, als wir die Hütte betreten, »wie hast du den Honig entdeckt?«

Erschrocken steht sie auf. »Aerandil, du?«

»Antworte mir bitte. Es ist sehr wichtig.«

»Nun ja, ich habe ihn bei einem Spaziergang bemerkt.«

»Ein Spaziergang?« wiederhole ich. »Nur so?«

»Naja. Zuerst kam mir der Wald in einem Traum vor. Und dann erschienen all diese kleinen Bienen. Da wusste ich, dass es dort Honig gibt.«

»Und so hast du den Honig gefunden?«

»Ja, wie auch all die anderen Sachen. Die Tollkirschen für dein Artagum und den Bau des Bibers, den dir Hurin vor ein paar Monden gefangen hat.«

Ich bin verblüfft. Aber genau das habe ich erwartet. »Dann kannst du im Traum sehen.«

Jetzt weiß ich, dass es sie ist, die ich gesucht habe. Die mein Leben füllen und bewahren wird. Wenn ich reise und sehe. Und der ich das Wohl meiner Kinder anvertrauen werde, wenn ich sie als Nachfolger bestimme.

Und wenn ich Artagum trinke, um zu reisen, braucht sie nur die Kraft der Gedanken, die ihr im Schlaf des Nachts hinter den Augen entstehen.

»Die Weißheit deiner Träume hat dich zu vielen Dingen geführt. Und nun auch zu mir. Du bist Arendola Eulenauge, die in meine Höhle ziehen wird, und die mir die Kinder schenkt, die ich brauche, um die Große Überfahrt anzutreten.«

‚Und es wird vieler weiterer Sternschnuppen bedürfen’, denke ich, ‚bis die Zeit gekommen ist, dieses Wagnis gelingen zu lassen’. Ein flüchtiger Gedanke streift noch einmal das Antlitz Isamiras, doch dann beginnt es leise zu verblassen.