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Literatur

Saga Homo Novalis

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Chubiat

»F ang mich oder troll dich. Fang mich oder troll dich.« Mehrere Kinder laufen über den Wohnplatz und verstecken sich hinter den Behausungen. Andere suchen sie. Und wenn eines gefunden wird, erhebt sich sogleich großes Gekreische.

»Du hast mich gar nicht berührt. Das war daneben gegriffen«, beschwert sich ein Junge lautstark.

»Doch, ich habe deinen Ärmel gehabt.«

»Nein, hast du nicht!«

»Und ob!« Der andere rennt auf ihn zu und rammt ihn zuboden.

»Und jetzt hab ich dich wieder.«

Keuchend versucht der erste Junge, der kleiner ist, wieder frei zu kommen.

»Das war unfair. Du darfst mich nicht hinschmeißen.«

»Wenn du nicht einsehen willst, dass ich dich erwischt habe, dann musst du es jetzt glauben.«

Mittlerweile haben sich die weitere Kinder um die beiden Kontrahenten gereiht. Einige nehmen die Partei des Unterlegenen ein, andere stellen sich auf die Seite des Größeren.

»Aber du hast mich vorher nicht gekriegt!«

»Doch!« Und schon stürzt er sich auf den Kleineren. Einige wollen ihm helfen und wehren den Stärkeren ab. Darauf mischen sich alle ein. Ein Gekreische, Gehaue und Geschiebe beginnt, dass der Sand aufstiebt und bald die ganze Luft vernebelt.

Der Lärm klingt Chubiat dermaßen in den Ohren, dass er aufsteht und sich hinter die Hütte aus Holzbalken zurückzieht. Missmutig ob dieser ständigen Störungen grunzt er vor sich hin. Er kratzt sich an der knolligen Nase. Zieht die starken Augenwülste zusammen. In den Händen trägt er das Material, an dem er gerade arbeitet. Im Mund hält er zusätzlich eine ganze Rolle aus Birkenrinde, die er nun vor sich auf den Boden spukt.

Er ist einer der wenigen, der in der Lage ist, einen scharfen Feuerstein an einen Speer zu backen. Wegen dieser und anderer Fähigkeiten ist er auch König geworden. Ein König, der nicht automatisch aus einer genetischen Linie stammt, sondern der sich sein Recht auf Macht stets neu erkämpfen muss. Mit 25 Jahren hatte er das erste Mal an diesen Wettkämpfen teilgenommen, nachdem der alte König anfing zu schwächeln. Aber erst mit 42 gelang es ihm, dem zu dieser Zeit verstorben Regenten auf den Thron zu folgen.

Das Königreich Neanderthal hatte schon damals, vor 25 Jahren, gut 50.000 Einwohner. Und sein Territorium erstreckte sich über 100 km². Jetzt, unter seiner Herrschaft, hat sich die Zahl der Bewohner verdoppelt, und ihr Gebiet zieht sich nun bis zu den höchsten Bergen des Kaukasus hin.

Waren früher die meisten an Unterernährung gestorben, vor allem die Kinder und Greise, dann bescheidet ihnen die heutige Zeit genug Nahrung. Nicht nur die Hirsche vermehren sich rascher, auch das Getreide und Korn gedeiht prächtig. Die Jahreszeiten sind immer ausgeglichen, es herrscht über das ganze Jahr ein mildes Klima.

Die meisten Männer finden hier in den nahe beieinander liegenden Dörfern genug Frauen, um eine Familie zu gründen. Die Clans bestehen zwar nach wie vor nicht aus mehr als 10 Mitgliedern. Aber ihre Familien leben in friedlicher Nachbarschaft. Sprechen mit einer gemeinsamen Zunge, mit denselben Worten. Helfen sich bei Missernten oder geringen Jagderfolgen aus. Wobei es nur noch selten vorkommt, dass eine Jagd gründlich daneben geht.

In den Wäldern gibt es genug Rotwild und Wildschweine. Mit den kurzen, schweren Speeren, die nicht im dichten Unterholz geworfen werden, lauern sie wie früher der Beute auf und stoßen sie ihnen in die Flanken. Nur hier gibt es noch die weiten Wälder. Draußen, außerhalb Neanderthals, hatte sich schon vor tausenden von Jahren eine unfruchtbare Steppe gebildet. Da waren sie mit ihren kompakten Körpern nicht schnell genug. Soweit die Gerüchte an den Feuern erzählen, sind die anderen Stämme verhungert oder irgendwo in fernen Ländern ausgestorben.

Bis auf dieses Gebiet. Hier gab es immer Wasser, Wurzeln und Fleisch. Und hier blieben sie weitgehend unberührt. Isoliert von den Menschen und ihren Kriegen. Nur hier haben sie sich gehalten. Und vermehrten sich zahlreich.

Erst nachdem sie die wenigen Höhlen der Berge, in denen sie aßen, schliefen und kackten, und die sie ständig wechselten, verlassen hatten, gab es eine Zeit, in der sie fast doch noch ausgestorben wären. Chubiat schüttelt fasziniert den Kopf. Sie hatten die ersten Dörfer gebildet und in Lehmhütten gehaust. Es gab viele Krankheiten. Fast alle Kinder starben. Irgendeiner seiner Vorgänger war dann auf die Idee gekommen, ans Ende der Wasserläufe zu kacken. Und die Abfälle und Essenreste nicht mehr vor die Öffnungen zu werfen. Auch hielten sie sich Katzen, um der Plage der Ratten und Mäuse Herr zu werden.

Er nickt erneut. Ja, von da an ging es ihnen sichtlich besser. Und sie brauchten ihre Schlafhäuser nicht mehr so oft wechseln. Aber die Zeit des Überflusses war erst mit ihr gekommen. Der schönen Frau, die eines Tages hier erschien.

Chubiat legt die glühende Holzkohle in die Grube. Setzt darüber ein Tongefäß. Darin hat er gerade die zerstoßene und fest zusammengepresste Birkenrinde gesteckt. Dann schmeißt er hellen Sand darüber und klopft diesen luftdicht um den Topf fest. Nun kann die Sonne den Rest erledigen. Er riecht bereits den leichten Geruch nach geräuchertem Schinken, den der Schwelbrand erzeugt. Jetzt ist er sicher, dass der Prozess gelingen wird und die Birkenrinde das heiß begehrte Pech ausschwitzt.

Seine Gedanken kehren wieder zu der Frau zurück. Er selbst hat sie nicht mehr erlebt. Aber seine Ahnen haben es weitererzählt. Sie hat ihnen die Sonnenglocken gebracht. Die den Boden so fruchtbar machen, dass das Korn gedeiht und das Gras für die wilden Tiere wächst. Aber irgendwann – er war schon ein kleiner Junge - sind die wenigen Pflanzen, die sie hatten, bis auf eine eingegangen. Die ständigen Wohnungswechsel in Neanderthal, das Ein- und Ausgraben, oder, was das wahrscheinlichste war, ihre Unbekümmertheit bei deren Pflege, war der Grund ihres Dahinsiechens gewesen. Sie hatten es versäumt, sie regelmässig zu giessen. Die Pflanzen im Tal waren gelb geworden und siechten dahin. Selbst die Tiere starben an Hunger und Durst. Und so verloren sie, was sie niemals mehr missen wollten. Einen Segen, eine Behütung, eine Erleichterung des Lebens. Ein Paradies. Ohne das sie nicht bereit und wohl auch nicht in der Lage waren zu leben.

Deshalb sind 10 Mann von ihnen aufgebrochen, die Königin zu suchen. In ihrem Gepäck eine der letzten Blüten, die bei Nacht leuchten. Um ihnen den Weg zu weisen zur Mutter aller Pflanzen, die für sie auch die Tiere geschaffen und die Sterne über den Himmel gestreut hatte.

Auf ihrer Suche nach der Königin durchquerten sie viele Täler und überstiegen viele Berge. Immer die eine Blüte vor sich tragend, deren offene Knospe ihnen die Richtung wies. Sie ernährten sich von kleinen Nagern, Kaninchen oder Baumfrüchten, gar Aas, denn für eine richtige Jagd hatten sie keine Zeit. Dennoch starben auf dem Hinweg 3 Männer im Kampf mit Bären und Wölfen, die ihnen in den Wäldern auflauerten. Als sie das Tal Quuanqunquums endlich erreichten, waren 2 Jahre vergangen. Und voller Freude nahmen sie die Königin auf, legten sie in ein Bündel aus Gräsern und Holzspännen, das sie immer feucht hielten. Doch die Größe der Königin war ein großer Nachteil beim Rücktransport. Sie maß 2 Meter und ragte fortwährend über ihren Häuptern, zitternd an der Spitze durch das Hinund Herwogen der müden Träger.

Nun wieder im Besitz der Pflanze und ihrer Herrin, schlichen sie misstrauisch nur des Nachts ihrer Wege, voller Angst, mit ihrer Königin entdeckt zu werden. Sie mieden Begegnungen mit anderen Menschen und waren ausgesprochen scheu und vorsichtig. Die Königin endgültig zu verlieren, würde sie all ihrer Daseinsgrundlage berauben.

Und wenn sie doch einmal auf einen Menschen trafen, so nahmen sie ihn in die Zange und erdrosselten den Überrumpelten umgehend und ohne viel Nachdenken mit den bloßen Händen, bevor er Hilfe holen oder Jemanden benachrichtigen konnte.

Einmal wurden sie selbst von einer Handvoll Räuber überfallen, als sie tagsüber in einer Scheune Unterschlupf suchten. Doch die Wegelagerer waren halbverhungert, dass die Neandertaler schnell die Oberhand gewannen und sie mit ihren Knüppeln einen nach dem anderen niederschlugen. So brutal und voller Wut und Angst, ihre Königin zu verlieren, dass sie die Toten gänzlich unkenntlich und zermantscht zurück liessen.

Aber dank der ausserordentlich robusten Kondition ihrer Art gelang der Marsch zurück zu ihrem Dorf. Sie verloren noch einmal einen Mann bei einem Überfall, doch der aggressiven Verteidigung des Trupps konnte nichts entgegengesetzt werden, ihn gar stoppen.

Zwar starb noch einer von ihnen, als er sich an einer giftigen Bromelie verletzte, die ihn am Wegesrand die Haut einritzte. Aber zu guter Letzt rüsteten sie sich mit selbstgebauten Lanzen und Messern aus, um selbst einer Übermacht Stand zu halten.

Nach 2 weiteren Jahren hatten sie es endlich geschafft. Die Hälfte der Mannen war zurück und mit ihnen die Königin aller Pflanzen, ein Juwel der Evolution und ihr Unterpfand des Überlebens.

Von da an ward der Boden wieder fruchtbar vom Saft der Wurzeln ihrer Königin und dem Humus ihrer abfallenden Blätter. Die Tiere kamen zurück, die Felder gediehen wie nie zuvor, und das Dorf erholte sich und wurde doppelt so groß.

Chubiat fröstelt bei der Vorstellung, wie mächtig die Pflanze ist. Und wie mächtig sie Neanderthal in diesen letzten Jahren gemacht hat. Dabei hat er garkeinen Anlass zu zittern. Denn seitdem herrscht ein mildes Klima in den Bergtälern, wie sie es noch nie erlebt haben. Ohne wie ganz früher diese entsetzlichen Wechsel von warm zu kalt. Ohne die riesigen Gletscher, die sich ihnen in den Jahrtausenden zuvor stets näherten. Sie überrollten, sich wieder zurückzogen. Aber sie nie in Ruhe ließen. Denn mit ihnen war stets eine Kälte gekommen, die den Boden hart und unfruchtbar machte und ihre Clans erfrieren ließ.

Jetzt ist alles ganz anders, denkt er. Nur diese kaum noch zu ertragende Wärme außerhalb der Berge, ihres Neanderthals, verwirrt ihn nach wie vor. Er kann nicht begreifen, warum sich diese Hitze entwickelt, die selbst sie kaum noch die weite Welt der Menschen betreten lässt. Die sie immer mehr abschirmt, jeden Kontakt unterbindet. Nur durch eine geheime Pforte aus mehreren Sonnenglocken ist es ihnen möglich, den Hitzeschirm zu durchqueren, bis sie mehrere Kilometer dahinter wieder herauskommen.

Imgrunde freut ihn das. Jetzt können sie endgültig in Ruhe vor den anderen leben. Die, die sie stets gängelten. Die alles besser wussten. Die sie für ihre Arbeit einsetzten, geschunden hatten, vergewaltigt und gemeuchelt.

Chubiat überprüft mit den Fingern die vor ihm schwelende Hitze im Sand. Nach einer Weile gräbt er den Topf vorsichtig mit einem Blechspaten aus. Er darf nicht zulange dauern, dieser Gärprozess. Und auch nicht zu heiß werden. Jetzt ist das Pech genau richtig. Stolz bestreicht er mit der neu gewonnenen Masse die Klinge aus Feuerstein und den langen Griff aus Holz. Zum Schluss umwickelt er diese Nahtstelle des Messers mit dünnen Tiersehnen. Er hat bereits eine Vorstellung, was er damit anstellen will.

Schnell packt er das restliche Material zusammen, lugt um die Ecke seiner Hütte und eilt davon. Froh, dass er dem ständigen Geschrei der Kinder diesmal entgeht, läuft er aus dem Dorf heraus. An einer unwegsamen Stelle zwischen dichten Büschen versteckt er das Baumharz und die anderen Sachen. Sie werden ihn nur behindern bei dem, was er nun vorhat.

Er kommt am Häutungsplatz vorbei. Der liegt etwas außerhalb des Dorfes. Dort sitzen einige Frauen und zerlegen mit messerscharfen Feuersteinen einen Hirsch. Aus seiner Haut wird später ein Wams gewonnen. Die Sehnen werden getrocknet und zu Seilen und Bändern verarbeitet. Eine einfache Ahle reicht dann, um die Felle zu einem warmen Mantel zu verbinden.

Woanders wird das Muskelfleisch der Lende vorgebraten, getrocknet oder geräuchert als Vorrat angelegt. Knochenmark, Fett, Blut und die Innereien werden gleich gegessen, gegrillt, geschmort oder gekocht. Gehirn, Zunge und Augäpfel aber legen sie in eine spezielle Schüssel. Sie ergeben das köstlichste Essen, das er sich vorstellen kann. Als König hat er ein Anrecht darauf.

»Komm, Chubiat, willst du nicht kosten«, lockt ihn eine alte, runzlige Frau. »Dann darfst du dich auch neben mich legen.« Sie fängt an zu kichern, und andere setzen ein.

»Aber nicht einmal die Hoden des Hirsches werden noch helfen, damit es mir bei dir gelingen wird.« Angewidert wendet er sich ab.

»Nicht die Hoden, nicht die Hoden«, ereifert sich die Alte. »Wenn du die Zunge hier isst, dann würde es mir schon genügen.« Geifer trieft ihr dabei sinnestrunken über die Lippen.

»Und dann kommst du zu mir. Und ich gebe dir die Hoden«, kreischt eine andere auf.

Jedes Teil eines Tieres, das er zu sich nimmt, lebt in seinen Gedärmen weiter und stärkt ihn mit seinen speziellen Fähigkeiten. Doch ihm ist weder nach Sex noch nach einem Gespräch mit diesen Frauen. Deshalb sagt er abwehrend: »Gebt mir das Geweih, raspelt mir seine Knochen in eine nahrhafte Suppe, und ich werde euch in der Nacht alle nacheinander beglücken.«

Er hofft, sie damit ausreichend zu beschäftigen. Denn, soweit sein erster Blick nicht trügt, hat er vom Geweih auf dem lehmigen Boden nichts gesehen. Wahrscheinlich ist es bereits gleich nach der Jagd bearbeitet worden. Jetzt liegen hier nur noch die Eingeweide und Innereien herum. Er rümpft die Nase bei dem Gestank, der von ihnen ausgeht.

Früher hatten sie alles in ihren Höhlen zerlegt, da Blut, Knorpel und Überreste nur Raubtiere angelockt hätten. Doch jetzt, hier in Neanderthal, gibt es nichts mehr, das ihnen gefährlich werden kann. Weder Tier noch Mensch.

Er beobachtet kurz, wie sich einige der Frauen gegenseitig die Haare pflegen. Sie kämmen sich und geben gleichzeitig ein Öl hinzu, das sie festigt und ihnen einen wunderbaren Glanz verleiht. Aus den Zähnen des Tieres haben sie sich kleine Ketten angefertigt, die sie durchbohren und einfädeln. Fertig ist der Schmuck. Einige Männer kommen hinzu und suchen sich etwas davon aus. Im Gegenzug bringen sie Farben mit, die sie nun beginnen, auf Armen, Brüsten und Beinen der Frauen zu verteilen. Die Gesichter bestreichen sie mit feinen Pflanzenschäften, die sie zuvor in ocker und weiß getunkt haben. Eine jede Farbe hat ihre Aussage. Weiß auf der Stirn heißt, ich bin noch frei. Orange an den Schläfen besagt, dass sie bereits vergeben ist. Aber findet sich eine Blume hinter ihrem rechten Ohr, ist sie Witwe und sucht wieder einen Mann.

Normalerweise interessiert sich Chubiat sehr für diese Anzeichen, um seine Begierden ungestraft zu stillen. Doch heute beschließt er, sich nicht von seinem Vorhaben ablenken zu lassen.

»Hey, Chubiat, wohin so eilig.«

»Komm doch. Hier gibt es ne Menge zu sehen. Besonders viel weiße Farbe wird diesen Abend erforderlich sein, um den vollen Mond mit den Sonnenglocken zu feiern.«

Wenn der Mond des Nachts seine ganze Größe erreicht hat, dann öffnen sich ihre Blühten und das Tal riecht nach Honig und Vanille. Und die Bewohner überkommt eine Art Schwindel, dass sie meinen zu schweben. Wie betäubt sind ihre Sinne dann. Und ihre Lust ergießt sich mit ungeahnter Heftigkeit. Viele ihrer Kinder sind Folgen dieser Vollmondnächte. Wenn die Fruchtbarkeit der Blumen auf sie übergeht.

Doch Chubiat winkt ab und beschleunigt seinen Gang. Er will nicht, dass die Männer auf ihn aufmerksam werden. Denn zunächst will er seinen Plan ausführen, ohne dass ihn Jemand beobachtet. Da er sich nie sicher ist, wie gut und richtig alles ist, was er in seiner Vorstellung sieht. Und seine Erfahrung sagt ihm, dass er noch viel daran probieren muss, bevor er es den anderen mitteilen kann. Aber dann, weiß er, wird er sich wieder als König beweisen.

Sein Schritt beschleunigt sich. Bald weicht das Gebüsch niedrigem Gras. Dann hört er bereits das Rauschen. An der Biegung eines Flusses hält er inne. Hier kommen die Tiere regelmäßig zum Trinken. Ein guter Platz für die Jagd. Aber er hat etwas anderes vor.

Er geht am Kräutergarten vorbei. Es gab Zeiten, in denen sie eine große Anzahl Kranker und Verletzter hatten. Früher erhielten sie durch die Jagd viele Knochenbrüche und tiefe Wunden, die ihnen die Mammuts oder Büffel beibrachten. Sie mussten damals enorme Zeit dafür aufwenden, ihre Verletzten zu versorgen. Sumpfmoos, um die Wunden zu desinfizieren. Beinwellblätter, um die Knochen schneller wieder zusammenwachsen zu lassen. Doch all dass ist heute nicht mehr nötig. Die Sonnenglocken, die ihnen diese Frau aus einer anderen Welt gebracht hat, behüten sie vor Gefahr und Unfall. Und nun, mit der Mutter aller Pflanzen, fühlen sie sich so stark wie noch nie. Stärker als selbst die Menschen. Denn wo immer sie auf sie treffen, hören sie von deren Problemen. Einer Polschmelze irgendwo weit draußen. Den Tsunamis, diesen Riesenfluten, die ganze Inseln überschwemmen. Den Tornados, die wie die Wellen über das Land brausen und es zu einer Wüste machen. Aber Chubiat weiß, das ganze Gerede ist nur eine Ablenkung. Imgrunde ist es der Mensch selber, der an allem Schuld hat. Wenn er sich nicht so ungezügelt vermehren würde, dann gäbe es auch nicht diese Hungersnöte. Denn überall, wo die Prospektoren Neanderthals hinkommen, sehen sie Essen und Trinken im Überfluss. Erfahren einen Wohlstand, den sie nicht verstehen, weil er nicht allen Menschen zugute kommt. Bei dem es viele gibt, die verhungern und in Elend sterben.

Chubiat geht rasch weiter. Diese Gedanken kann er einfach nicht auflösen. Sie erscheinen immer wieder und überrollen ihn mit ihrer Fremdartigkeit wie die Panzer in den Kriegen der Menschen. Da ist es besser, sich endgültig von ihnen fern zu halten.

Er gelangt an einen stillen Weiher, der sich aus einem Nebenarm des Flusses gebildet hat. Hier wachsen auch die Birken, aus denen er sein Baumharz gewinnt. Und hier kennt er eine Stelle, in deren Untiefe Schwärme von Fischen leben. Köstliche Forellen und Zander und Barsch. Das Ziel seines heutigen Tages. Der Inbegriff dessen, was ihm die Vorstellung eines Festschmauses aus Fisch und Fisch widergeben kann.

Fest umfasst er nun das lange, speerartige Messer aus Haselnussästen und Feuerstein, das er vorhin mit dem Pech zusammengeklebt hat. Dann zieht er sein Gewand aus, bis er nur noch in seinen wollenen Unterhosen steht. Kühl zieht die Luft über seine orangerote Haut. Doch die Kälte vergangener Jahre und die zahlreichen Klimaschwankungen haben ihn widerstandsfähig gemacht. Gespannt geht er ins Wasser. Vorfreude auf einen guten Fang und ein leckeres Mahl lassen seinen Speichelfluss auf Hochtouren arbeiten. Das neue Messer in seiner Rechten, watet er durch den Teich.

Flirrend suchen seine Augen nach schnellen Bewegungen. Verräterischen Wellen. Vorsichtig will er sich in die Mitte des Weihers heranpirschen, da hört er plötzlich über sich ein tiefes Rauschen. Doch nicht wie von Wasser. Es kommt aus der Höhe, weit über ihm. Genau oberhalb des Tunnels aus Glockenblumen, der inzwischen ihre einzige Verbindung mit der Außenwelt darstellt. Durch den sie durch die Wand aus heißem Glas zu den Menschen tauchen können. Er blinzelt in die Sonne. Nur verschwommen und weißlich in den Strahlen der flirrenden Hitze dort oben gewahrt er, wie sich die Luft verdünnt und ein milchiges Loch entsteht. Es ist so seltsam, dass er glaubt, die Sonne selbst träfe dort ein. Steige zu ihm herunter und würde ihn eigenhändig verbrennen.

Denn plötzlich wird es um ihn merklich heißer, so dass seine Poren mit Schweiß verkleben. Auch rinnen ihm Tropfen von der Stirn in die Augen, die sich mit Tränen mischen, die ihm die unerträgliche Helligkeit des Lichts heraus zwingt.

Er will schon zuboden sinken, eingedenk seiner letzten Sekunden zu leben. Da erkennt er im grellen Horizont unweit von sich eine Gestalt. Sie scheint zu schweben, an Höhe zu verlieren, herabzukommen. Und doch ist sie nicht greifbar wie ein Vogel. Weder hat sie Flügel noch scheint es ihr Mühe zu machen, durch die Lüfte zu gleiten. Sie ist fast durchsichtig, dass sie ihm mehr scheint wie eine Aura güldener Strahlen denn ein Wesen dieser Erde.

Kniend gewahrt er, die Augen nun halbgeschlossen und das gleißende Licht mehr durch die Liddeckel wahrnehmend, wie die fluoreszierende Gestalt plötzlich von der Woge eines Windes erfasst, und sanft, aber unerbitterlich wieder nach oben getragen wird. Er kann verfolgen, wie das himmlische Wesen dagegen ankämpft, ihm etwas sagen will. Aber er versteht es nicht. Seine Ohren sind erfüllt von den Tönen des herauf brechenden Sturms, der schnell anschwillt und alles fortträgt, was da hoch über ihm vorgeht. Und als er ein letztes Mal aufblickt, um zu verstehen, was um ihn herum passiert ist, sieht er in ein Gesicht voller Tränen. Aber es ist so schön, wie es in den Legenden der Feuer immer wieder gepriesen war. Er ahnt, wer sie ist. Es ist das Antlitz der Frau, die ihnen einst die Sonnenglocken geschenkt hatte.

Und Chubiat erkennt, dass ihn diesmal ein Schicksal erfasst, das es nicht so gut mit seinem Stamm meint. Denn die Augen dieser Frau sind voller Schmerzen. Und als sie wieder verschwunden ist, sich in der Wand aus Nichts und Hitze auflöst, gewahrt er dahinter einen riesigen, grellen Stern, der sich wie vor langer Zeit, in der Ära der Ahnen, zwischen Deneb und Vega einbettet, den Hauptsonnen des Schwans und der Leier. Doch nun ist er wie eine Drohung und hinterlässt in Chubiat einen Zweifel, der ihm wie das Ende eines langen Tages dünkt.

»Was geschieht mit uns?« ruft er mit hoher, schriller Stimme. Und laut hallen seine letzten Worte über die Zinnen der Berge: »Was hast du mit uns vor?«

Doch dem Echo seiner Worte schließt sich nichts an. Stille übernimmt das Szenario der sich anschließenden Nacht. Und Ruhe zieht in die einsamen Täler der Berge des Kaukasus ein. Denn Männer jagen nicht mehr, Frauen waschen nicht mehr, und Kinder spielen nicht mehr. Und niemals wieder ward Lachen noch Weinen in Neanderthal zu hören. Denn auch Neanderthal ist nicht mehr.