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Literatur

Saga Homo Novalis

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Saga Homo Novalis



Eloin Dornenhand 39.624

E s herrscht nun schon so lange Frieden. Vor mir plätschert ein Bach durch die Wiesen von En-Dor. Sie sind fruchtbar und haben viel Wild. Liegen auf einer Hochebene und ermöglichen eine weite Sicht. Hier wachsen Koniferen, die ihr Laub im Herbst abwerfen. Zuvor hat die Farbe ihrer stark gerippten Blätter von hellgrün zu sanftem gelb gewechselt. Dann glänzt das Dickicht unter der Sonne wie Gold.

Hier hat sich mein Clan niedergelassen. Die Familien werden größer und nur wenige Kinder erleiden einen frühen Tod. Wir haben um das Dorf einen Graben gezogen, der Abwässer und Kot wegspült und entsorgt.

Denn in einer sauberen Umgebung werden wir weniger krank. Dennoch denke ich manchmal wehmütig an die Zeiten des Lamatt zurück. Wo ich durch die Berge zog und meinen Kampf fand mit Tier und Mensch. Wo ich überlebte, weil ich stark war. Und mich gegenüber anderen durch die Schlagkraft meiner Waffen hervortat.

Doch die Große Überfahrt hat Grundsätzliches verändert. Meine Ahnen werden nicht stolz sein ob meines Tuns. Doch auch, weil sie nicht das kannten, was ich hier vorfinde. Für einen Kämpfer ist der Krieg ein Mittel, um zum Frieden zu kommen. Hier aber herrscht immer Frieden, weil wir allein sind. Unser Sinn ist nun, nicht den Tod zu suchen, sondern Leben zu erhalten.

Worte aus dem Mund eines, der sich zuvor kaum Gedanken über die Art des Bestehens gemacht hat. Für den Zukunft nur die Wege durch die Tage waren, die vor uns sind. Er aber über das heute nicht hinauskam.

Aerandil mit seiner Suche nach der Pflanze hat uns umdenken lassen. Zukunft wird jetzt gebraucht, um zu reisen. Und um den Körper zu den Göttern zu erheben.

Ich habe lange darüber nachgedacht. Glaube nicht, daß wir wie Götter fliegen können. Oder die Zeit einholen werden. Als alter Krieger bin ich bodenständig. Und habe mit meinem Clan beschloßen, unsere Familien jetzt zu versorgen. Dann haben sie auch in späteren Tagen ein gutes Auskommen.

Meine Erinnerung ist die der Väter. Und die der letzten Mutter. Von den männlichen Ahnen kenne ich alle Mütter, die da hiessen Ada, Birmiel und andere. Doch nur Hadara, meine eigene Mutter, kenne ich persönlich. Und Walla, meine Gefährtin, wird wiederum nur die Erinnerung ihrer Tochter weitergeben.

So haben wir uns niedergelassen. Aus den Hütten und Unterständen der Wanderschaft sind feste Kuruls geworden. Zunächst noch rund und einräumig, sind aus ihnen nun rechteckige Häuser entstanden. Ihre Mauern sind aus Stein. Hohe Rundhölzer stützen eine flache Decke aus Lehm, Schilf und Tierdung. Darauf führt eine Leiter. Oben gibt es genug Platz für die Wäsche und Arbeit an unseren Kleidern und Waffen. Obwohl die Messer nun dazu dienen, den Boden für die Saat aufzuschlitzen denn feindliche Menschen.

Ich gehe durch das Dorf. Mild zieht ein leichter Wind über die Häuser. Ab und zu schaue ich in eines hinein und grüße die Menschen, die sich darin aufhalten. Manchmal bekomme ich von einigen Frauen etwas zu Naschen. Ein warmes Brot oder einen süßen Fruchsaft.

»Kannst du mir mal helfen, Eloin?« ertönt es aus einem der Häuser. Ich gehe hinein, sehe aber keinen.

»Wo bist du?« rufe ich.

»Hier unten.«

Es ist die Stimme von Elione, meiner Schwester. Einige unserer Häuser erstrecken sich auch unter der Erde. Unter dem Fußboden aus Kalk haben manche einen kleinen Keller, um die Speisen kühl zu halten.

Ich schaue durch das Loch, dessen Klappe nun offen steht.

»Kannst du mir die getrockneten Fische und das Wurzelgemüse reichen?«

»Wo sind sie?«

»Auf dem Tisch. Direkt vor dir.«

Ich sehe sie. Die Fische sind an einer Sehne aufgereiht, die mitten durch die toten Köpfe geht. Ich reiche sie ihr runter. Dann nehme ich die verschlossenen Behälter aus Ton, in denen der gestampte Brei ist und gebe sie ihr einzeln.

»Hast du für Hadara und Walla auch etwas Wurzelmus übrig gelassen?«

»Ja. Wir haben alles durch drei geteilt und abgefüllt.«

Die Feuerstellen sind nahe der Tür. In ihren Öfen aus gebrannter Erde kann jeder Tonkrüge und Schalen herstellen. Für unser Vorratslager oder für Trinkgefäße und Teller. Gleichzeitig wird der Raum dabei, vor allem wenn es kalt ist, stets warm gehalten. Der Winter wird erträglich. Und wir haben immer zu essen.

Unsere größeren Lager, die eine Kuppel aus Ton und Stein bilden, stehen inmitten des Dorfes. Sie sind voller Fleisch und Korn. Wir haben viele Wildgräser probiert. Grüne und gelbe mit langem Halm. Im Frühjahr graben wir mit einem Stock aus Ziegengeweih schmale Furchen in den schweren, dunklen Boden. Wohinein wir die Samen sähen. Im Herbst ernten wir dann ihre Früchte.

Das Einkorn hält sich in den Kellern und Kammern der Lager bis zum nächsten Jahr. Es wird nicht schimmlig oder feucht. Deshalb können wir jederzeit Bartenbrot und Körnerbrei herstellen. Frisch schmeckt es am besten. Und wir werden nicht krank, wenn wir es erst nach mehreren Tagen essen. So haben wir stets einen ausreichenden Vorrat auf unseren Jagdausflügen.

Ich gehe wieder hinaus. Unweit höre ich Olineus, wie er auf seiner Flöte spielt. Es ist eine neue Melodie, die ich noch nie gehört habe. Sie öffnet mein Gemüt, daß ich mein Blut in meiner Kehle pochen höre. Ich rieche den Odem von Walla, meiner Gefährtin, als ob sie in meiner Nähe erschiene. Und ich kriege eine Gänsehaut, als ob sie mir über den Rücken bläst. Als ich auf ihn zukomme, setzt er ab.

»Warum hörst du auf damit? Das war so schön.«

»Ja, aber das darf noch keiner hören. Ich will es meiner Frau als erstes heute auf dem Großen Platz vorspielen.«

»Warum denn?«

»Es gibt einen besonderen Anlaß.«

»Sag ihn mir.«

»Nein, das darf noch keiner erfahren.«

Ich halte vor ihm inne. Beuge mich zu ihm rüber. »Aber ich bin der Clanführer. Vor mir darfst du keine Geheimnisse haben!« Dabei grinse ich ihn an.

»Gut, Eloin. Du sollst es wissen.« Sein Mund nähert sich meinem Ohr.

»Sie erwartet unser drittes Kind.«

»Oh«, sage ich, »das müssen wir gebührend feiern.«

»Gewiß. Aber verrate es keinem vorher. Ich will sie mit einem herzhaften Honigkuchen und diesem Lied überraschen.«

Natürlich. Doch es wird schwer fallen. Hier weisß jeder schnell alles vom anderen. Ich schlendere an den letzten Hütten vorbei aus dem Dorf. Zu den Wiesen und Weiden der Umgebung. Gehe zum Zaun. Hier bin ich gerne.

Eine große Rolle für unsere Ernährung spielen die Bergziegen, die wir in einem Gatter halten. Sie grasen auf den immergrünen, saftigen Wiesen. Wir brauchen uns kaum um sie kümmern, da sie nie versuchen, den dichten Zaun zu überwinden. Sollte es doch einmal einer Ziege gelingen, so kommt sie nicht weit, da das Hochtal von Bergkämmen und tief abfallenden Steilwänden umgeben ist. Manchmal jedoch passiert es, daß sie von wilden Tieren gerissen werden. Aber wenn wir Wächter aufstellen, unterbleiben auch diese Überfälle. So haben wir nicht nur genügend Fleisch, sondern auch Milch und die Wolle ihrer Felle. Auf den Dächern unserer Kuruls sitzen dann die Mütter und Töchter und zwirbeln die langen Haare zu festen Seilen und dichten Matten.

Ähnlich ergeht es den Bienenstöcken, die wir in der Nähe halten. Ihr Honig ist uns ein wahres Fest. Gibt viel Kraft und gärt auch für den Most, den ursprünglich nur Baladon für sich herstellte. Doch alsbald trank ihn einjeder. Einzig müßen wir nun aufpaßen, daß die allgegenwärtigen Kleinbären ihnen nicht zu nahe kommen. Denn sie nehmen lieber einen Stich in Kauf, als auf die süße Nascherei zu verzichten. Sie scheinen mit denen verwandt zu sein, die so intensiv und unverwechselbar stinken. Aber die gehen nicht an unseren Honig.

Auf die Idee, Tiere zu halten, hat uns Sander vom Clan Orins gebracht. Eine Frau namens Elase fing dereinst an, Papageien und Anarigoras als Beschützer gegen Raubfeinde und zum Erkennen giftigen Essens zu halten. Ich habe diesen Gedanken übernommen und weitergesponnen. Warum können Tiere nicht auch bei uns bleiben, um uns regelmäßig und gesichert mit Fleisch und Milch zu versorgen. Wir werden immer unabhängiger von Jahreszeit und Jagderfolg. Und wir haben eine planvolle Vorratshaltung.

Dafür sind wir seßhaft geworden. Unsere Kuruls, in denen wir leben und essen, sind fest und für ewig gebaut. Sie stehen dicht nebeneinander. Oft dampfen aus ihren oberen Ofenöffnungen Rauch und der Duft von Fleisch und Eiern. Bei manchen ist sogar eine Luke vorhanden, deren geöffnete Klappe Licht ins Innere läßt.

Auf dem Gelände um En-Dor herum wachsen auch Bäume, von deren Beeren und Früchte wir uns ernähren. Es sind Feigen und Süßkirschen, die gekocht und in dicken Gefäßen gehalten, noch ein ganzes Jahr genießbar sind. Wie das Wurzelgemüse von Elione.

Die Behälter selbst, Krüge und Kannen aus Lehmerde, formen wir auf den Dächern unserer Häuser. Dann werden sie in den von Kalb vom Stamme Orins erfundenen Öfen gelegt und in ihrem Feuer gehärtet. Die speziellen Brandtöfen befinden sich außerhalb der Häuser, weil ihre Glut sehr heiß wird.

Andere von uns stellen wiederum Werkzeuge aus Feuerstein her. Schaber, Stichel und Bohrer werden mit einem gezielten Schlag abgesplittert. Zunächst sind es einfache, scharfkantige Abschläge, die wir mit anderen Steinen herausschlagen. Für Beile und Äxte mit langen, schlanken Klingen werden spezielle Steinkerne zugehauen, die durch Sägen und Schleifen geschärft und zur Schäftung durchbohrt werden. Damit können wir dann Wurfhölzer aus Knochen oder Ästen herstellen, die wir auf der Jagd einsetzen.

Ich werde aus meinen Gedanken gerissen. Gerade huscht Isiell der Kleine an mir vorbei. Er spielt Suchen mit den anderen Kindern. Er versteckt sich hinter einer hohen Eibe und hält die Hände vors Gesicht.

»Findet mich, findet mich,« ruft er fortwährend. Auch, als die anderen schon bei ihm sind. Aber er sieht sie nicht und denkt, daß er so auch unsichtbar bleibt.

»Wir haben dich schon längst gefunden,« ruft die Tochter von Birmiel nun. »Du kannst die Hände runternehmen.«

»Aber dann seht ihr mich ja.«

Ich muß lachen. Jetzt kommt der ältere Sohn von Isiell an mir vorbei. In seiner Hand trägt er einen Spieß mit einem Knochensplitter drauf. Er geht damit zum Bach und bleibt still stehen. Hält den Atem an. Beobachtet das Wasser. Dann wirft er plötzlich den Speer und zieht ihn wieder heraus. An seinem Ende ist ein Fisch gespießt.

»Das hast du geschickt gemacht.«

Er nickt dankbar für das Lob. Beide Söhne von Isiell erben seinen Namen. Er ist zum Mittleren geworden, als der Kleine geboren wurde.

Stolz gibt er mir den Fisch. »Meinen ersten heute erhältst du, Eloin. Den zweiten dann Baladon. Er hat mir viel über das Fischen beigebracht.«

Und da hat der Schamane wahrlich gut getan. Sein Unterricht ist sehr beliebt. Die Kinder lernen jetzt vieles, was ihre Ahnen nicht wußten.

Der Vorteil, den ich in En-Dor, dem Dorf sehe, besteht darin, daß wir viel Muße haben, um uns um andere Sachen zu kümmern. Beldagin widmet sich immer häufiger seinen Steinmalereien. Aus Rötel und anderem Pulver trägt er mit den Fingern Farbe auf Felsgestein. In der Nähe gibt es eine Höhle, in der er zu den Wänden spricht. Er zeigt, wie wir den Riesenbeutler fangen oder einer Horde Känguruhs nachstellen. Sie sind sehr groß und können weit hüpfen. Und es gibt sie so zahlreich wie die Sterne.

Baladon, unser Schamane, wollte, daß er ihm einen Dornenvogel an seiner Seite malt, der ihn auf seinen Flügen begleitet. Nun gibt es dort Bilder, die von seinen Reisen erzählen. Oft werden Gebiete dargestellt, wie er sie aus der Luft sieht. Hügel, Ebenen und Meere.

Es kommt auch vor, daß Jemand etwas aus Lehm formt und es dann in den Ofen gibt. Manchmal zerplatzt die Figur. Aber es kann passieren, daß sie sehr hart wird und lange hält. Dann setzt er sie vor seine Hütte oder stellt sie sich ans Bettende, damit sie auf seinen Schlaf aufpasst.

Selbst beim Zubereiten der Nahrung entstehen immer neue Gerichte. Mit den Kräutern der Umgebung würzen wir das Essen, damit es täglich anders schmeckt, auch wenn es dieselben Tiere sind. Sogar in der Art und Weise, Fleisch zu erhitzen, sind wir recht erfinderisch geworden. Heiße Steine werden in wassergefüllte Tierhäute gelegt. So werden die Blätter bestimmter Kräuter gekocht und gesiedet. Das gefärbte Wasser ist dann äußerst bekömmlich und kann für verschiedene innere Leiden benutzt werden.

Wir merken allgemein, daß wir auch mehr Zeit für die Familien haben. Können unsere Kinder besser auf ihr Leben vorbereiten. Hier tritt Baladon wieder in den Vordergrund. Ähnlich wie Aerandil weiht er sie in Riten ein, die sie auf die Jagd vorbereiten. Und lehrt sie die Tänze und Bemalungen des Caribberi. Auch werden sie in die weichen Träume geführt, die der Anfang des Silhamons sind.

Die Höhle ist ein wunderbarer Platz, um ihnen die Lieder zu lehren, die sie auf die Verantwortung von Mann und Frau vorbereiten. Olineus spielt auf einer Flöte. Sanft sausen seine Finger über die kleinen Löcher. Nach ihren Melodien tanzen die Kinder. Mädchen lernen, die Früchte und Beeren zu unterscheiden, um sie zu kochen. Die Tiere zu hüten und aus Kräutern Salben für Wunden und Krankheiten zuzubereiten.

Gerade die Wundbehandlung wird zusehens wichtiger. Viele von uns leiden immer häufiger unter Erkältungen und hohem Fieber. Einige sogar so sehr, daß sie daran sterben. Manchmal verändert sich ihre Haut, wird spröde oder fahl. Auch ganz gelb. Das greift dann auf viele Mitglieder der Familie über. So muß ich bereits fürchten, daß wir trotz unseres Wohlergehens oftmals am Rande der Ausrottung stehen.

Und das hat möglicherweise seinen Grund.

Wir sind nicht mehr allein. In unsere Welt drängen sich nun fremde Menschen. Sie sind nicht wie wir. Sind dumm und grobgesichtig. Und sie verfügen über kein Gedächtnis. Seit vielen Monaten nun - Daumen und alle Finger der linken Hand, was Elase von Orins Stamm einst 5 nannte - haben wir Besuch von den Leute, auf die Sander dereinst traf. Und die sich als sehr härtnäckig erweisen, was ihre Verehrung uns gegenüber betrifft.



Aerandil nannte sie alsbald die Wingen. Die, die die Berge brennen. Seit sie die vollkommene Macht des Feuers und seine Handhabung kennengelernt haben, wollen sie scheinbar alles vernichten, was sie als bedrohlich empfinden. Oder sie haben sich darauf beschränkt, Tiere mit Feuer zu jagen. Daß sie dabei mehr töten, als sie benötigen, ist wohl auf ihre Unkenntnis zurückzuführen, sich mit den Großen Geistern verständigen zu können. Und obwohl sie uns allenorts achten, wo wir sie treffen, können sie nicht lernen, mit den Geistern zu reden. Im Gegenteil. In ihrer Dummheit und Rückständigkeit sind sie sogar der Meinung, daß wir es sind, die alles für sie regeln. Die ihre Fehler ausmerzen und sie bei den Göttern entschuldigen.

Ähnlich verhält es sich auch bei uns. Zunächst begannen sie, die Gräser der ausgedehnten Savannen abzubrennen. So waren sie sich gewiß, keinen großen Raubtieren wie den Riesenbeutlern oder Serkatas zu begegnen, die sie vielleicht hinterrücks anfallen würden. Dabei gehören Menschen garnicht zu ihrer Beute. Aber überall brennen nun Bäume. Liegt der Geruch von Verwesung in der Luft. Die hiesigen Koniferen können sich nicht mehr von den Bränden erholen. Weite Djungelgebiete sind bereits kargen Steppen gewichen. Aerandil glaubt, daß sich diese sinnlose Ausrottung von Tieren und Zerstörung von Wäldern einmal rächen wird. Eine große Katastrophe wird erfolgen. Etwas, daß wir uns vorzustellen noch nicht in der Lage sind. Aber er ahnt, daß wir vielleicht wieder unsere Jagdgebiete verliehren werden.

Und möglicherweise ist der Unmut der Götter schon entfacht wie das Feuer der Büsche. Und zwar gegen uns Tjuokurpa. Die die Wingen hier dulden und sie in ihrer Dummheit walten lassen. Viele glauben bereits, daß sie uns etwas mitgebracht haben, das uns tötet. Nämlich Krankheiten, die uns husten lassen. Bis zum Erbrechen, das Blut und Inneres herauswirft. Und andere, die unsere Haut gelblich färben, die Augen rot und die Fingernägel blau. Eine aber ist die gefährlichste: Sie lässt auf den Kranken Beulen wachsen, aus denen – wenn sie aufplatzen – zersetztes Fleisch und Eiter austreten.

So haben schon die ersten von uns ihr Leben gelassen. Die Karvells, die unsere Toten beherbergen, werden überfüllt. Doch was uns darüber hinaus zu denken gibt: Es betrifft nur uns. Nicht sie. Bisher haben wir noch an Keinem von ihnen ähnliche Symptome gesehen. Es ist wie eine Seuche, die die Götter nur auf uns herabgeschleudert haben. Weil wir anderen Menschen Einzug gewährt haben in eine Welt, die nicht für sie da ist. Die von uns geschaffen wurde. Die sie aber immer stärker anzieht. Und nicht mehr loslässt.

Baladon meint zu wissen, warum. Sie sehen unser Dorf. Unsere Vorräte und die Blüte der Familien. Sie geben sich nicht mehr so friedlich wie vor 5 Monaten, als sie ankamen und all unsere Vorteile erblickten: die Jagdwaffen, die Öfen, die Kuruls und die Wiesen voller Korn und Ziegen.

Sie blieben gern an unseren Feuern. Nisteten sich ein. Bis wir ihnen geboten, außerhalb unseres Dorfes zu übernachten. Doch tagsüber kommen sie weiterhin in Scharen zu uns herüber. Betrachten sich die Häuser und Lager. Schauen uns über die Schulter, wenn wir Werkzeug herstellen. Lernen viel und begierig. Bauen unsere Öfen nach. Stellen wie wir Wurfhözer her. Sind sehr an unseren Jagdwaffen interessiert. Doch machen sich nach wie vor keine Sorgen um ihre eigenen Vorräte. Sie vermögen nicht, den wahren Grund der Tierhaltung zu erkennen. Noch zu verstehen, den Boden zu bestellen. Für sie sind dies Taten von Göttern, worüber sie nicht nachzudenken haben. Entweder beziehen wir unser Wissen direkt von ihnen, oder wir sind es selbst. Die Götter. Oder Wesen, die gleichwohl wie sie zu verehren sind. Zumindest halten sie unsere Andersartigkeit, die sich auch in unseren Gesichtern wiederspiegelt, für Grund genug, den Göttern nahe zu sein. Und erwarten, daß wir sie weiterhin beschützen.

Ihre Verehrung gedeiht allerdings so weit, daß sie beginnen, unsere Tänze und Lieder nachzuahmen, ohne deren Inhalt wirklich zu verinnerlichen. Denn mit unserer Sprache und den Wörtern haben sie Schwierigkeiten. Es gelingt ihnen nicht, sie fehlerfrei zu benutzen und auszusprechen. So bleibt diese Beziehung zwischen uns einseitig. Zuletzt schickten sie uns alle ihre Kranken und Verletzten, damit wir sie heilen. Doch dadurch scheinen wir nun selber krank zu werden.

Es muß etwas geschehen. Nicht genug, daß sie immer mehr Anteile unseres Landes beanspruchen, als ob sie zu unserem Clan gehören. Sie nehmen uns auch die Zeit, die wir darauf verwenden, uns um uns selber zu kümmern. Von Monat zu Monat wird die Anzahl unserer Mitglieder geringer.

Es ist Thoranda, der uns zu sich holt, weil wir ihnen weiterhin erlauben, die Geister der Tiere zu schänden und auszurotten. Denen Busch und Baum Nahrung ist. Durch die Brände werden sie aus unserer Gegend vertrieben. Brände, die eigentlich die Serkata und Riesenbeutler auslöschen sollen. Aber zugleich die Anarigora, Krakras, Schlafbären, Riesenvögel und andere bedrohen. Deren Geister stellen sich uns nun feindlich gegenüber.

Ich werde ein letztes Gespräch mit Baladon und den anderen wie Cornell, Isiell, Aleon und Olineus führen. Wir sind nicht mehr allein. Deshalb müßen wir wieder zu Kriegern werden. Denn es gilt, den Clan zu retten und unser Land zu verteidigen.

»Sag mir, was zu tun ist«, murmel ich zum Schamanen. »Rufe noch heute Nacht Earazzil und Thoranda an, daß sie uns verraten, wie wir En-Dor verteidigen können. Denn nichts hält mich noch auf, um den Clan zu schützen.«

»Du könntest uns eine andere Gegend suchen. Eine, die genauso fruchtbar ist wie diese.«

Ich kann kaum glauben, was mir Baladon da sagt. »Du meinst, wir sollten vor ihnen fliehen? Wir, die weitaus höher stehen als diese Wingen?«

»Vielleicht gerade deswegen.« Er weiß, daß er vorsichtig sein muß, was er jetzt sagt. »Weil du gelernt hast, daß der Frieden uns zu diesem Wohlstand geleitet hat.«

»Ja, Frieden auf einem Land, das ich dafür ausgewählt habe.«

»Das Land ist groß, wenn man jetzt weiß, wie es zu finden ist.«

»Aber nicht groß genug für alle Karvells, die unsere Toten nun aufnehmen müßen.« Unsere Totenstätten befinden sich außerhalb des Dorfes. Die Ahnen werden nicht mehr beerdigt, weil wir nicht glauben, daß sie noch einmal geboren werden. Sie leben in uns weiter. Ihre toten Körper im Karvell dienen nun den Tieren. Und sie werden täglich gefüllt.

»Es sind die Aasvögel, denen wir geben.«

Ich verstehe ihn nur zu gut. »Aber die Großen Geister verlangen, daß wir nur einen aus ihrer Herde töten zum Überleben. Wir aber geben mehr als einen pro Tag!« entgegne ich ihm entzürnt.

Das Gespräch wogt hin und her. Am Ende beschliessen wir, sofort eine Versammlung der Ältesten abzuhalten.

»Wir müßen uns entscheiden. Für oder gegen die Wingen. Für beide Stämme ist hier kein Platz«, sage ich.

»Dann sollten sie dabei sein. Es betrifft auch ihr Schicksal.«

Sander hat recht. Nur befürchte ich, daß es nicht friedlich zugehen wird.

Wir informieren die Familien und schicken auch Jemanden zum Clanführer der Wingen. Sie haben ihre Hütten zwar außerhalb des Dorfes. Doch sie vermehren sich so unaufhaltsam, daß ihre Kuruls bereits um unser Dorf herum reichen. Auch stoßen immer wieder weitere Stämme hinzu, so daß sie mittlerweile doppelt so viele sind wie wir. Sie kommen schon bedrohlich nahe unseren Körnerwiesen. Und scheinen bereits Teile davon für sich selbst zu beanspruchen. Ebenso ergeht es uns mit den Ziegen. Die Milch reicht nicht mehr für unsere Kinder.

Der Tag ist noch hell, aber die Sonne wirft ihre Strahlen bereits sehr schräg über die Baumwipfel. Der Winter ist nicht mehr fern. Wir begeben uns zu meinem Kurul.

Walla und Elione sind gerade dabei, einen Riesenvogel auszuweiden. In seine getrockneten Gedärme füllen sie vorgebratenes Fleisch. Dieses ist vorher in Wasser, das mit heißen Steinen erhitzt wurde, gegart worden. Auch Früchte und Beeren werden hineingetan. Dann hängen sie die Würste und Fleischteile in die Sonne. Dort werden sie trocken und fest. Haltbar für ein ganzes Jahr. Danach wird alles im Keller unterhalb des Hauses verstaut.

Mit einem Keil zerteilt Elione nun die Beinknochen des Laufvogels. Das sich darin befindliche Mark gilt als Delikatesse. Für besonders kalte Winterabende bringt es Kraft und Gesundheit.

»Könnt ihr einwenig Fleisch für das Große Treffen vorbereiten?« frage ich.

»Worum geht es denn?«

»Wir müßen ein für alle Mal klären, ob die Wingen bei uns bleiben dürfen. Für mich sind sie zwar immer noch Gäste, die unsere Freundlichkeit mittlerweile aber zu sehr ausnutzen.«

»Muß es sofort sein?«

»Sie werden bald kommen, um uns anzuhören.«

»Dann werden wir das Fleisch hier auf Holzkohle legen. Das geht am schnellsten.«

Sie gehen mit dem halb verarbeiteten Vogel zum Großen Feuer. Dort sind bereits mehrere Clanmitglieder von uns eingetroffen. Frauen sorgen sich ums Essen. Walla schürt das Feuer einer kleinen Nebenstelle. Kokelndes Holz nimmt sie abseits der Flammen und legt Fleischstücke drauf.

Da kommt Isiell. In seiner Begleitung sind – ich hebe den Daumen, den Zeigefinger und den Mittelfinger für jeden einzelnen – die Wingen.

Wir begrüßen uns, indem wir unsere Stirne aneinanderdrücken.

»Willkommen«, sage ich in ihrer Sprache. Sie sind der unseren nach wie vor kaum mächtig.

»Mögen eure Kuruls immer gefüllt sein.« Das Wort Kurul kannten sie selbst nicht und haben es von uns übernommen. Wie auch viele andere Bezeichnungen, die ihnen und wohl auch ihrem Vorstellungsvermögen fremd sind. Bei Kurul scheinen sie eigentlich nur an die Versorgung zu denken, die unsere Keller und Öfen ihnen spenden.

Wir setzen uns um das aufflackernde Feuer des Großen Platzes. Mittlerweile haben daran die Oberhäupter der Familien Platz genommen. Es sind in der Regel Männer, die noch der alten Kriegersippe entspringen. Aber auch Elione, meine Schwester ist dabei. Sie ist die Gefährtin von Beldagin, dem Maler. Seine Arbeit ist nicht wichtig für En-Dor. Wiewohl sie erst durch das Wohl des Dorfes ermöglicht wird. Und somit ein Teil davon geworden ist.

Weiter sind da Cornell, Isiell, Aleon, Olineus und Baladon. Die Wingen werden von Bernalong, Colebeo und Yammerawani vertreten. Sie freuen sich schon auf das Essen und schnalzen wiederholt mit der Zunge, wenn ihnen der Bratenduft in die Nase steigt. Dann äugen sie verstohlen zu den Frauen, die auch für die Getränke zuständig sind. Doch heute wird es keinen Traubenmost oder gegärtes Obst geben. Wir wollen klaren Kopf bewahren.

»Ihr seid nun schon viele Sonnenbögen hier. Kälte und Wärme haben sich abgelöst. Und wir haben euch bei uns aufgenommen und euch immer geholfen, wenn ihr unser bedurftet.«

Eifriges Nicken ist die Folge. Bernalong, der Anführer, nimmt meine Hand und führt sie ehrfüchtig an seine Stirn. Ich ziehe sie zurück. Nur Dankbarkeit zu zeigen, ist nun zu wenig.

»Ihr ward stets unsere Gäste. Wir haben gerne mit euch das geteilt, was in unseren Kuruls liegt. Und wir werden euch auch weiterhin alles geben, dessen ihr bedürft.« Ich sehe jeden einzelnen von ihnen an. »Was ihr braucht, um wieder eure Wanderschaft aufzunehmen und weiterzuziehen.«

Jetzt werden ihre Augen groß. Keiner sagt ein Wort. Verstört verharren sie in ihrer Bewegung.

»Es ist Zeit, euch ein eigenes Tal zu suchen. Wo ihr dann ein eigenes En-Dor errichten könnt. Ganz nach euren Bedürfnissen.«

Noch immer sehen sie mich entsetzt an. Doch als ich nun auch beharrlich schweige, überschlagen sie sich.

»Wir wollen euch nicht verlassen.«

»Wir wünschen, immer bei euch zu bleiben.«

»Ihr müßt euch um uns kümmern. Denn ihr seid die Tjuokurpa. Die mit den Göttern reden. Und zu ihnen reisen.«

»Und du bist der mächtige Eloin Goin.«

»Und so entscheide ich, daß ihr gehen müßt.«

Wieder tritt Schweigen ein. Die Wingen sehen sich gegenseitig an. Ratlos. Entsetzt. Verängstigt. Dann treten Hilflosigkeit und Ergebenheit an ihre Stelle. Doch in ihren Gesichtern erkenne ich, wie sie bald zu Aufsäßigkeit und Gier werden. Zum Schluß sehe ich nur noch Wut und Verzweiflung.

»Nein«, schreien sie nun, »wir wollen nicht fort. Wir wollen auch genug Fleisch haben. Und Korn und Bartenbrot. Damit unsere Kinder nicht im Winter sterben. Und unsere Kranken an ihren Leiden gebrechen.«

»Aber wir werden euch genug Fleisch und Korn und Kräuter mitgeben. Wenn ihr wollt, werden wir euch sogar ein Stück des Wegs begleiten, um ein geeignetes Gelände für euch auszusuchen«, versucht Baladon zu beruhigen.

»Wenn es so geeignet ist, warum geht ihr dann nicht auch dorthin?«

»Weil unser En-Dor hier ist.«

»Warum könnt ihr denn nicht mit uns leben?«

Es wird Zeit, ihnen die Wahrheit zu sagen. »Weil ihr Krankheiten bringt, die auch uns sterben lassen.«

Verstört halten sie inne. »Wir töten euch?« fragt Bernalong ungläubig.

»Ihr seid doch mit den Göttern«, fügt Yammerawani hinzu.

»Es ist nicht so, daß ihr uns direkt tötet.« Aleon versucht zu erklären.

»Aber ihr bringt einen bösen Geist mit, der dem Dorf nicht gnädig ist.«

»Ein böser Geist? Ihr müßt doch stärker sein als jeder Geist!« Hierbei schaut Bernalong Baladon verwundert an.

»Wir kennen diesen Geist nicht. Und solange er uns nicht sein Gesicht zeigt, vermögen wir nichts gegen ihn auszurichten.«

Irritiert wendet er sich wieder an mich. »Aber du bist doch Goin, der das Land befruchtet, Tiere zähmt und En-Dor schuff.«

»Ja, ich bin Goin, aber nicht, weil ich das Land bebaue, sondern weil ich dereinst ein großer Krieger war!«

»Du warst ein Krieger?«

»Ja. Und wenn es so ist, dann werden wir wieder zurückkehren zu unseren alten Künsten und jeden bekämpfen, der es wagt, sich uns in den Weg zu stellen.«

»Aber soweit wird es bestimmt nicht kommen,« sagt Elione.

»Wir wollen doch nur bei euch leben.«

»Ihr seid zu einer Gefahr für uns geworden.« Elione sieht ihn beschwichtigend an. »Wir sind zwei Stämme mit zwei unterschiedlichen Wegen.«

Bernalong beißt sich auf die Unterlippe. »Aber woanders werden wir vielleicht nicht überleben.«

»Ihr werdet es. Nur müßt ihr es selbst schaffen, für euer Wohl zu sorgen.«

»Aber es ist nicht sicher, daß wir es können. Sicher ist nur, daß aus unserem starken Clan ein schwacher wird.«

Colebeo, der bisher geschwiegen hat, erhebt nun zum ersten Mal die Stimme: »Ihr wollt Götter sein, aber könnt nicht einmal einen bösen Geist verscheuchen. Ihr sagt, daß ihr einmal Krieger ward? Doch laßt euch leicht von uns töten. Beweist, daß ihr noch kämpfen könnt!«

Wir alle sitzen da wie erstarrt. Zu ungeheuerlich sind seine Worte. Die Unruhe, die unter uns entsteht, breitet sich über das Lager aus. Frauen halten in ihrem Tun inne. Kinder hören auf zu spielen. Ein kalter Wind zieht über die Bäume. Der ewige Lärm, der über dem Dorfes hängt, verstummt.

Da erhebt sich Bernalong. »Wenn es euch ernst ist, uns zu vertreiben, so werden wir uns wehren. Es geht um das Überleben meines und eures Clans. Ein guter Anführer wird sich immer für den eigenen entscheiden. Wie auch du, Goin.«

»Aber sie sind doch... Sie reisen zu den Göttern. Vielleicht wohnen sie auch dort. Sie werden sich furchtbar rächen«, jammert Yammerawani. »Du wirst sehen, Bernalong, sie werden uns vernichten.«

»Jammerlappen«, schnappt Colebeo ein und wendet sich zum Gehen, »Götter können nicht sterben. Aber sie hier tun es.«

Keiner von uns hat mit dieser Wendung gerechnet. Baladon und Cornell springen ebenfalls auf. Olineus hält Colebo am Arm fest. Da schlägt dieser zu. Trifft ihn am Kopf, daß er zuboden fällt. Sogleich greift Isiell zu seinem Messer. Hastig gehe ich dazwischen.

»Haltet ein. Laßt uns die Sache unblutig beenden. Vielleicht können wir noch einmal miteinander reden.«

Doch Colebo sieht mich nur wutentbrannt an und stapft davon. Isiell will ihm hinterher. »Nein, laßt sie gehen. Sie sind in Frieden gekommen und sollen unbelästigt wieder abziehen. Wenn es auch nicht mehr im Frieden ist.«

Wir schauen ihnen hinterher. Was haben sie vor. Was werden sie tun?

»Werden sie gehen?« fragt Elione.

»Das sehen wir. Aber wir müßen uns auf alles vorbereiten.« Ich halte mein Messer in der Hand. Ich werde es schleifen müßen.

»So laßt uns nachdenken, was zu tun ist.«

»Sind wir im Unrecht?« fragt Cornell leise. »Müßen wir sie wirklich vertreiben?«

»Bernalong hat Recht«, sage ich. »Es geht um unsere Clans. Ich werde meinen beschützen, so wie er den seinen. Wir müßen es tun.«

»Wirklich«, mischt sich Elione ein. »Gibt es nur eine gewaltsame Lösung?«

»Nicht, wenn sie freiwillig gehen.«

»Aber das ist doch Gewalt.«

Ich seufze. »Es ist mehr als nur unser Clan, um den es geht. Es ist das Blut der Tjuokurpa. Du weißt doch, was eine Vermischung mit uns macht.«

Sie seufzt. »Ja. Wir verlieren unsere Kräfte und Fähigkeiten. Können uns nicht mehr erinnern. Und der Schamane stürzt beim Fliegen ab.«

»Aber vielleicht weißt du nicht alle Gründe, warum wir über den Großen Fluß gekommen sind. Hierher, wo es nur uns gibt?«

»Ich habe es mir immer denken können. Es ist nicht nur wegen des Quuanqunquum in Al Erador, stimmt’s?«

»Es geschah auch, um unsere Blutlinie nicht zu gefährden. Und es geschah, weil wir nicht mehr genug Nahrung fanden.« All das zusammen bedroht uns nun wieder.

Baladon sagt: »Ich werde die Götter befragen. Eine ständige Flucht vor anderen Menschen, die unser Land wollen, muß endlich aufhören. Immer nur zu weichen, ist keine wirkliche Lösung. Ich werde Thoranda bitten, uns in den Krieg zu schicken.«



Wir haben zu unseren alten Riten zurückgefunden. Haben neue Messerklingen und Pfeilspitzen aus Beatasar, der unser Feuer trägt, hergestellt. Mit einem anderen schaben wir sie noch etwas schärfer und spitzer. Außen sind diese Feuersteine gelbrot. Doch innen grau, hart und scharf. Einmal aufgesplittert, sind sie ein tötlicher Dolch.

Es gibt Äxte aus Stein, deren Schaft aus dem Geweih eines Hirsches stammt. Mit Nähnadeln aus Tierknochen und zusammengezwirbelten Fäden aus der Wolle der Großen Schlafbären binden uns die Frauen Lederhäute für den Körperschutz zusammen.

Am Abend zuvor haben wir den Caribberi getanzt. Unsere Gesichter, Arme und Beine bemalt. Gar furchtbar sahen wir aus und erhoben ein schreckliches Geschrei, daß es zu den Wingen ins Tal drang. Seit Tagen, solange wie die Hand Finger hat, haben wir nun gewartet. Aber dort hat sich nichts gerührt. Sie machen keine Anstalten, die Gegend zu verlassen. Unsere Äcker zu räumen und die fruchtbaren Hügel zu verlassen. Einzig in unserem Dorf sind sie nicht mehr aufgetaucht.

Nun sind wir bereit zum Kampf. Liessen es an Warnung nicht mangeln. Jetzt folgen Taten. Unser Clan hat beschloßen, wieder in den Krieg zu ziehen. Baladon erfuhr die Zustimmung der Götter. Auch sprach er mit Aerandil und den anderen Schamanen. Sander vom Clan Orins. Und Henin vom mächtigen Clan Iosains. Alle sind dafür. Erneutes Zurückweichen würde uns nie eine Heimat finden lassen, um Ruhe und Frieden zu haben. Außerdem würden wir Quuanqunquum, das Reisekraut, für immer verlieren. Die Suche nach ihm hat uns viel Mühe gekostet. Es soll nicht alles umsonst gewesen sein.

Heute morgen stehen die Männer mit ihren Waffen vor En-Dor. Es ist früh, und die Sonne nähert sich langsam dem Horizont. Als sie auftaucht, sind wir bereit zum Kampf. Die besten Bogenschützen werden uns eine Bresche schlagen. Dann werden die Äxte und Messer sprechen. Sie sind scharf und zum Töten gemacht. Wir wollen die anderen nicht vernichten. Doch nur wer flieht, wird überleben.

Mit einem Heulen stürmen wir den Hügel hinab. Durch unser Geschrei wollen wir sie wecken und sie herauslocken. Nur so haben die Bogenschützen Gelegenheit zu treffen.

Erschrocken und irritiert setzen die ersten der anderen aus ihren kleinen Hütten. Halbnackt und halbwach. Beim Erkennen des Angriffs entsteht Panik unter ihnen. Viele laufen wirr und planlos durcheinander. Perfekte Ziele für unsere Pfeile. Die ersten fallen bereits. Ihr Blut mischt sich mit dem Gras der Wiese.

Jetzt erst scheinen sie zu verstehen, daß wir Ernst machen. Hals über Kopf lassen sie alles liegen und flüchten. Jeder nur darauf bedacht, sein eigenes Leben zu retten.

Wir lassen sie fliehen. Verfolgen sie nicht. Nur wer sich uns stellt, muß sterben.

Ich sehe, wie Bernalong sich umdreht und in einiger Entfernung stehen bleibt. Unsere Blicke begegnen sich. Unverständnis und Resignation steht in den seinen geschrieben. Dann kehrt er mir den Rücken und läuft weiter. Hinter ihm befindet sich Colebeo. Auch er blickt herüber. Aber in seinen Augen brandet unendliche Wut und Haß. Vor ihm werde ich mich vorsehen müßen. Er hat seinen Clan noch nicht abgeschrieben.

Wir gehen zurück zu En-Dor. Freudig begrüßen uns unsere Frauen. Alle sind froh, daß der Kampf so schnell endete. Doch ich werde Wachen aufstellen. Noch sind wir nicht sicher. Außerhalb des Dorfes ist es vorerst keinem erlaubt, sich aufzuhalten. Und nur unter Waffen und mit mehreren Männern schicke ich Kundschafter aus, die Spuren der Wingen nicht aus den Augen zu verlieren.

Wir halten kein Fest ab. Jedem ist mulmig zumute. Keiner freut sich wirklich. Wir gehen früh schlafen. Der nächste Tag soll Näheres bringen.

Aber mitten in der Nacht werde ich aufgeschreckt. Von irgendwo habe ich einen Aufschrei gehört.

»Was ist los«, fragt Walla ängstlich.

»Ich werde nachsehen.«

Im selben Moment stürzt Aleon, der Wache hält, herein.

»Sie haben Olineus getötet. Und jetzt brennt es dort, wo er stand.«

Ich ergreife Pfeil und Bogen und trete hinaus. Von einer Seite erleuchtet hohes Feuer die Nacht. Nun beginnt es auch, auf der anderen Seite zu brennen. Die Meldungen überschlagen sich.

»Sie greifen uns an«, schreit Cornell, als er heranstolpert, von einem Messer tötlich in den Rücken getroffen.

»Aber warum haben es die Kundschafter nicht gemeldet?« frage ich.

»Sie sind nur dem Haupttroß gefolgt. Eine kleine Gruppe aber ist umgekehrt und beginnt, unser Dorf niederzubrennen.« Seine letzten Worte gehen in einem Röcheln unter. Er fällt auf die Knie und kann sich kaum mehr halten. Baladon schleppt ihn in sein Kurul.

»Ich werde mich um ihn kümmern«, raunt er mir zu. »Ruf du die Krieger zusammen.«

Genau das habe ich vor. Doch es ist nicht mehr nötig, da sich alle Männer bei mir sammeln. Schwerbewaffnet marschieren wir auf die Feuer zu. Diese haben sich rasch vervielfacht und kommen rasend auf uns zu. Einer riesigen Flammenwand gleich nähern sie sich den Kuruls.

Als wir ankommen, haben sich die Feuerherde bereits vereinigt und zu einer allumfassenden Lichterschneise zusammengeballt. Ich kann kaum noch etwas sehen. Die Hitze ist unerträglich. Flammen schiessen auf uns zu.

Wir müßen zurückweichen. Können nicht mehr bis zu den Wingen vordringen. »Nehmt, was ihr tragen könnt und lauft in die andere Richtung davon!« befehle ich allen. Auch die Frauen und Kinder müßen jetzt fliehen. Ich hoffe, die Flammenwand zu umgehen.

Doch mit einem Mal lodert vor uns ein weiteres Feuer auf. Es ist so breit, daß es alsbald die Flügel der anderen Feuer erreicht. Nun sind uns sämtliche Fluchwege verbaut. Ich merke, daß es keinen Ausweg mehr gibt. Die einzige Möglichkeit besteht darin, durch die Flammen zu laufen, bevor sie noch größer werden.

So halte ich nach einer dünnen Brandstelle Ausschau. Aber wo immer ich hinsehe, offenbart sich mir Entsetzen und Panik. Kein Baum im Dorf bleibt verschont. Die trockenen Gräser haben sofort Feuer gefangen. Jetzt ist es von allen Seiten so heiß, daß ich mich entscheiden muß.

»Alle zu mir kommen«, brülle ich. »Wir müßen einen Ausbruch wagen. Die Männer zuerst. Dann die Frauen und Kinder.«

Wir formieren uns. Ich laufe solange auf die vordere Flammenwand zu, bis ich die Hitze nicht mehr ertragen kann. Schließe die Augen. Stolper vorwärts. Meine Hände schlagen wild mit Messer und Axt um sich. Wie verrückt. Dann brennt auch das Holz der Waffen. Ich lasse alles fallen und werfe die Hände vors Gesicht. Stolper weiter. Und weiter. Um mich herum alles gleißend hell. Doch dann wird es dunkel und kühler. Und endlich ist alles ganz schwarz geworden. Glücklich falle ich auf die Knie. Da trifft mich ein letzter, scharfer Schmerz im Rücken. Ich will die Augen öffnen, doch sie sind bereits blind. Dann läßt alles nach.

Nur wenigen ist die Flucht geglückt. Mir, Elione. Und noch einer Handvoll anderer. Die meisten sind Frauen und Kinder. Denn die Männer wurden, wenn sie es geschafft hatten, von den Wingen erstochen. Viele waren es nicht mehr. Unter den zahlreichen Toten ist auch Eloin Goin, die Dornenhand. Er starb wie ein Krieger. Im Kampf. Selbst das Feuer konnte ihn nicht aufhalten. Erst die Hand des gegnerischen Clanführers bereitete seinem Leben ein ehrenvolles Ende. Und mit ihm das seiner männlichen Blutlinie.

Die Wingen haben unser Dorf ausgelöscht, als hätte es nie existiert. Kein Stein liegt mehr auf dem anderen. Die Zeichen unseres Daseins, daß wir einmal hier lebten - alle sind vernichtet. Nur verbrannte Erde liessen sie zurück. So waren sie selbst gezwungen, weiterzuziehen. Sie werden sich jetzt wieder mit weniger zufrieden geben müßen. Werden die harten Winter nicht immer überleben. Weil sie nie von uns gelernt hatten, den Boden zu sähen und Vorräte anzulegen.

Ich werde nun die wenigen Mitglieder unseres Stammes weiterführen. Bis wir eine neue Bleibe gefunden haben. Oder sterben wie unsere Brüder und die Erde mit unseren Körpern befruchten.

Doch bis dahin hoffe ich, ist es noch ein weiter Weg. Denn ich will meine Familie und den Rest des Clans in eine neue und friedliche Heimat bringen. Und damit dem Willen meines Bruders Eloin folgen. Der hier fast ein neuer Mensch geworden ist. Und in Verkehrung seiner letzten Tat gezeigt hat, daß es der Frieden ist, der die Menschen bindet, nicht der Krieg. So bleibt es mir überlassen, den richtigen Weg zu gehen und fortzusetzen. Den Weg zum Land, wo das Quuanqunquum wächst. Um aufzuzeigen, daß es nur den einen für uns gibt. Alle anderen sind Verirrungen.