zurück zur Hauptseite Saga Homo Novalis
Literatur

Saga Homo Novalis

Saga Homo Novalis

- ein WissenschaftsProjekt von onlineSoft -
© onlineSoft '98-2009     eMail: webmaster
Literatur
Saga Homo Novalis



Eloin Dornenhand 62.744

W ir laufen seit dem Morgen. Als die Sonne erschien, um den Tag zu beherrschen. Es ist nicht mehr kalt. Wir ruhen uns nicht aus. Unsere Knochen sind warm geworden. Und der Auftrag eilt.

Die Wälder aus Birke und Kiefer sind lichter geworden. Einer Steppe mit Büschen und Ruderalpflanzen gewichen. Unser Weg schlängelt sich durch feuchtes Gras. Es hat stark geregnet. Pilze stoßen durch die Kiesel. Brauner Lehm und mooriger Untergrund schmatzen unter unseren Füßen. Manchmal sinken wir knöcheltief ein. Wir müssen vorsichtig sein. Immer schwerer kommen wir im Gelände vorwärts.

Es riecht nach frischen Wildkräutern und dem Urin der Tiere. Ich wittere eine ganze Herde Hipparions. Mit ihren bauchseitigen Streifen sind sie schwer in der Savanne auszumachen. Auch eine Säbelantilope ist hier nachts vorbeigekommen. Ihre Hufe zeichnen sich sauber im lehmigen Boden ab.

Dann bleibe ich stehen. Deute nach unten. »Schau mal. Die Spuren von Wisenten«, sage ich zu Cornell, der mich begleitet. »Sie sind noch ganz neu.«

Mein Gefährte hält Ausschau. »Das ergibt eine köstliche Mahlzeit. Wir brauchen dringend frisches Fleisch.«

In diesem Augenblick hüpft ein Murmeltier vor unseren Füßen durchs Gras und eilt davon. Cornell greift zum Speer, doch ich halte seinen Arm zurück.

»Wir dürfen unseren Auftrag nicht vergessen.«

»Aber hier kreuzen sich viele Wildspuren. Es muss ein ergiebiges Feld sein.«

»Dazu werden wir ein anderes Mal zurückkommen.«

Wir müssen weiter. Auch wenn wir Jäger sind, lässt unser Vorhaben diesmal keine Ablenkung zu. Vor uns schwirrt ein Schwarm Flugenten auf. Wie gern hätt ich eine runtergeholt. Doch wir halten nicht an. Vor uns gabelt sich der Pfad. Ich beobachte den Boden. Ein Ziesel flitzt schutzsuchend durchs Gras.

Links geht es zum Fluss. Dort gibt es Forellen. Wir schlagen die rechte Richtung ein. Auch fischen werden wir heute nicht. Trotzdem haben wir unsere Waffen bei uns. Speere, deren Spitzen aus Dolomit bestehen. Dazu Äxte und Messer. Cornell hat zudem noch eine mächtige Keule an seiner Seite. Sie ist nicht unbedingt für die Jagd geeignet. Es sei denn als Verteidigung im Nahkampf.

Ich selbst trage etwas Besonderes. Es ist eine Schleuder, wie sie die Eloin-Ahnen kennen gelernt haben. Vor langer Zeit war sie entstanden.»Sie soll uns immer dem Wild nahe sein. Entfernungen überfliegen«, hatte Orin vom Clan der Schleuderhände damals gesagt. Sein Schamane, Sander, hat es Baladon, der bei uns mit den Geistern spricht, erzählt. Sie können zueinander fliegen und miteinander sprechen, wenn sie in ihren Quaratars Artagum nehmen. Auf diese Art erfahren wir vieles von anderen Clans und können unsere eigenen Fähigkeiten selbst weitergeben.

So erwarb mein Ahn Eloin damals die Schleuder. Doch ich gebrauche sie auch für anderes: um Menschen zu töten. Dafür hülle ich den Stein in ein Dornengeflecht. Wenn er nicht tötet, bringt er Verletzungen. Tiere haben häufig eine dickere Haut. Aber die Anderen, die Flachköppe, sind anfälliger.

Ich bin sicher, dass ich ihnen auf diesem Weg nicht begegnen werde. Sicher sind sie beim Fluss. Da, wo alle jagen und fischen. Zuviel jagen und fischen. Es reicht nicht mehr für meinen Stamm.

»Siehst du den Baum mit den verkrüppelten Ästen«, fragt mich Cornell.

»Ja, wir sind da.«

Jetzt gehen wir langsamer und machen Geräusche. Wir kommen friedlich. Hier wohnen Menschen wie wir.

Wo eine Baumgruppe beginnt als Vorläufer des Waldes, sehen wir ihre Zelte. Schon von weitem rieche ich den Abfall des Lagers. Die Gedärme der Antilopen und Mammuts. Den Gestank der gegerbten Felle. Und das Feuer des Großen Platzes.

Isiell tritt auf mich zu. Mit ihm Aleon. Wir begrüßen uns. Drücken die Stirn aneinander. Halten uns bei den Händen. Es wird viel zu erzählen sein beim Braten des Fleisches.

Isiell bewundert die neue Keule von Cornell. »Sie ist sehr schwer.«

»Genau richtig für die Köpfe der Anderen.«

Und Aleon fügt hinzu: »Wo ist die alte hin?«

»Zerbrochen vor 5 Nächten. Als wir ihnen begegnet sind.«

Wir waren auf Jagd gewesen. Hinter einer Herde Bisons her. Gerade als wir unsere Speere zum Wurf ansetzten, erschienen ihre Flachköppe. Kreuzten vor uns den Weg der Büffel. Schnell waren diese vertrieben. Wir konnten ihnen nur hinterher schauen. Dem saftigen Fleisch unserer Beute.

Das machte uns wütend. Und Olineus und seine Frau Birmiel traten ihnen entgegen. Mit erhobenem Speer. Da fingen die Anderen in ihrer Sprache an zu grunzen. Und drohten mit ihren Faustkeilen. So schleuderte Olineus den Speer. Er traf einen in den Bauch. Darauf umringten sie ihn und schlugen Birmiel und sie. Tiefe Wunden wurden ihnen zugefügt. Bis Cornell mit seiner Keule kam. Und einen weiteren der Flachköppe erschlug. Da wandten sie sich ab und flohen. Wir folgten ihnen eine Weile bis zum Rand des Waldes. Dort ließen wir sie ziehen. Es war ihnen eine Lehre.

Aber Olineus war schwer verletzt. Gemeinsam trugen wir ihn ins Lager zurück. Und Baladon legte Baumrinde auf die blutigen Risse und versorgte sie mit dem Saft der Ringelblume. Auch schiente er seinen Ellbogen, der gebrochen war, mit Eibenzweigen. Jetzt liegt er in einer Hütte wie ein Baum voller Triebe.

Cornell erzählt dem Clan von Isiell die letzten Geschichten. Vor uns liegt ein Wildschwein zwischen heißen Steinen und schmort in seinem Saft. Sanft kräuselt sich eine Fahne weißen Rauches übers Lager. Ich rieche begierig den sich zur Kruste härtenden Unterbauch.

Aleon beobachtet schon eine Zeit lang meine Ausrüstung. Er ist in derselben Hütte aufgewachsen wie ich. Wir haben miteinander gespielt. Gejagt und gekämpft. Haben uns geholfen, wenn der andere verletzt war. Und den Biss einer Schlange ausgeschnitten, die uns aus dem Nichts angegriffen hatte.

Jetzt zeigt er auf die Schleuder. »Seit wann hast du das?«

»Nach dem Vorfall mit den Flachköppen.«

Er kennt mich. »Aber sie ist nur für die Jagd.«

Er weiß wie ich, dass sie dereinst von Orin Bundjil, der Schleuderhand gemacht wurde, um dem Wild näher zu sein. Dessen Nachkommen leben noch heute in den Bergen von Lamatt. Wo Arahar wohnt. Ihr Clan hat seitdem das Zeichen des Bären.

»Du hast recht. Auch wir haben zunächst nur gelernt, die Schleuder für die Jagd zu benutzen.«

»Was willst du jetzt damit tun?«

»Nun sind wir auf die Flachköppe getroffen. Wir werden sie nicht essen. Aber wir werden sie töten wie Tiere.«

Rings um mich verstummen die Gespräche. Alle Augen sehen mich an. Ich habe diesen Gedanken noch nie so klar ausgesprochen wie jetzt. Aber es sind Worte, die bereits in mir saßen. Lange, bevor ich sie kannte.

»Du willst einen Kampf mit den Anderen?« Isiell verschlägt es den Atem.

»Ja, denn sie stören unsere Jagd.«

»Mehr noch«, ergänzt Cornell, »sie töten unser Wild, so dass deren Große Väter uns nicht mehr so viel überlassen können.«

Für einige Zeit tritt Schweigen in die Runde. Und nur das Schmatzen einiger beim Verzehr des Fleisches ist zu hören. Dann halten auch diese inne.

Ich spreche: »Du warst es, der entschieden hat, sich von unserem Clan zu trennen. Einen neuen Clan zu gründen. Da es zu viele waren für die Savanne. Du bist weiter gezogen und hast dir eine neue Heimat gesucht. Hier im Wald. Wo die Tiere anders sind. Wo unsere Speere nichts ausrichten können. Wo es aber genug Beeren und Früchte gibt. Und der kurze Dolch für Wildschweine und Rehe reicht.«

Isiell antwortet nach einige Zeit: »Du willst sagen, die Flachköppe sollen auch weiterziehen.«

»Ja. Weg von hier. Es reicht nur für meinen Clan.«

»Aber sie waren es, die hier bereits lebten, als wir über die Berge kamen.«

Damit hat er recht. Urahn Eloin hat sie gefragt, und sie ließen ihn bleiben. Aber Ada, die mit dem Eloin die Hütte teilte, den wir noch persönlich kannten, hatte es erlebt. Wie einer von ihnen sie zwang, Djibbiwaddi mit ihm zu machen. Aber Eloin wollte nicht, dass Arahar Leben pflanzte von einem, der nicht zum Clan gehörte und unter demselben Fell schlief wie sie. Doch der Andere stellte ihr immer wieder nach, wenn sie allein zum Beeren pflücken ging. Und so begann Eloin, ihn zu hassen, noch bevor er das Wissen über die Bewahrung unserer Blutlinie hatte. Bei einer der nächten Male war er Ada gefolgt. Und als er den Anderen bei ihr gewahrte, hatte er ihm sein Messer in den Rücken gerammt.

Ich sehe alles erneut vor meinen Augen. Es ist schon öfter vorgekommen, dass bei einer dieser Paarungen ein Bruch in der Blutlinie entstand. Ich kann nicht anders. Ich werde sie vertreiben. Mit oder ohne Isiell.

Da steht Aleon auf. »Ich werde an deiner Seite sein, wenn du mich brauchst.« Als Nachkomme Eloins, dem Älteren, hat er dieselben Bilder und Erinnerungen meiner ganzen Blutlinie. Und auch die von Ada, dessen Gefährtin. Doch ihre Blutlinie wird nicht auf uns übertragen. Allein ihr persönliches Wissen. Und umgekehrt. Die Mädchen können sich nur an alle weiblichen, nicht aber an die männlichen Ahnen erinnern. Bis auf den, in dessen Lager sie zur Welt kamen.

Ich sehe zu ihm auf. Stolz erobert mein Herz. Dann wende ich den Kopf zu Isiell. Der blinzelt.

»Du weißt, dass auch von meiner Familie einige getötet werden können«, gibt er zögernd zur Antwort.

»Aber danach werden sie über genügend Wald verfügen, größer zu werden. Und auch wieder über die Savanne zu herrschen.«

Ich schaue über das Feuer hinweg zu den anderen. Alle Blicke harren der Entscheidung ihres Clanführers. Ich sehe, was sie wollen. Wir alle fühlen es, gehören zusammen. Verständnisvoll blicken sich die Leute an, tauschen sich aus. Ohne zu reden. Ihre Gedanken innerhalb des Kreises wandern. Nur vom leichten Wind des Abends getrieben.

Vor ihren Augen entstehen die Gesichter der Freunde. Um sich dann der Anderen zu entsinnen. Ihrer Knochenwülste auf einer Stirn, die sich flach nach hinten schiebt. Die haarige, breite Brust, die muskulösen Arme. In einigen meiner alten Erinnerungen gibt es auch welche unter uns, die so aussahen. Aber von ihnen habe ich keine detailierten Bilder. Nur Fragmente von Gefühlen, Instinkten und Verhaltensweisen.

Aus derselben Zeit stammen auch andere, konkretere Vorstellungen. Von Menschen, die ähnlich aussahen. Aber mit hoher Stirn, festem Kinn. Sie geben mir genaue Gedanken. Folgen der Blutlinie aller Eloins. Wie die Erzählungen der Leute am Feuer. Ihrer Geschichten von Jagd und Freude, vom Enthäuten der Tiere und dem Herstellen der Speere.

Aber sie habe ich nie wirklich gesehen. Außerhalb meiner Erinnerungen kleben sie hinter meiner Stirn. Wie ein lautloser Schrei. Manchmal sehne ich mich danach. Träume von ihnen. Den Menschen, die über den Fluss kamen. Sie hatten lange Nasen und ein starkes Kinn. Nur ihre Technik haben wir behalten. Das Wasser zu meistern. Manchmal noch bauen wir ein Floß, um zu den Nachbarclans zu gelangen. Mit ihnen zu feiern und zu essen. Wobei wir unser Wissen austauschen, unsere Geschenke und auch die jungen Frauen und Männer.

Die anderen bewegen ähnliche Gedanken. Solche, die zur Entscheidung gelangen. Und solche, die zögern lassen. Sind sie beide unsere Ahnen? Die Flachköppe und die Langnasen? Wenn wir uns mit ihnen vergleichen, haben wir von allem etwas. Und doch nicht alles. Wir sind schon als Kind sehr kräftig, aber groß. Haben aber kleine, dünne Nasen. Dafür eine hohe Stirn, ein kleines Kinn und nur wenig Behaarung am Körper.

Da erhebt sich Cornell und streckt sich. Alle erwarten, dass er spricht. Doch er sieht sich nur um.

Nach einer Weile wird er gefragt, was mit ihm sei.

»Ich will euch noch einmal so in Erinnerung behalten, wie ich es an meine Nachkommen weitergeben möchte.«

»Wie meinst du das?« fragt Isiell.

Wieder schweigt er zunächst. Dann: »Wie ihr esst und lacht.«

»Tun wir das nicht immer?« ertönt es.

»Wer weiß.« Cornell schnauft aus. »Wer kann schon sagen, ob wir Morgen noch genug zu essen haben.« Dann setzt er sich wieder.

Aber seine Rede hat den richtigen Eindruck hinterlassen. Alle nicken ihm zu. Und reden jetzt durcheinander. Bis Isiell wieder die Stimme erhebt.

»Habt ihr schon einen Plan?«

»Mehr als einen Plan.« Ich deute jetzt auf die Schleuder und hebe sie hoch.

»Ich habe eine Waffe.«

Während sich alle den Stab mit der Tonscherbe angucken, erkläre ich ihnen seine Funktion. Nur Aleon weiß, wovon ich spreche. Ansonsten hat noch keiner der anderen diese Art von Technik gesehen. Und dann hole ich die flachen Kugeln heraus, die mit den Dornen der Trockensavanne umflochten sind.

»In meinem Gürtelsack trage ich immer soviele Steine bei mir, wie ich Finger an den Händen habe. Es sind speziell ausgesuchte Steine, die sehr genau fliegen. Und groß genug sind, um zu töten. Und wenn nicht, so werden die Dornen sie zumindest verletzen. Und«, füge ich nach einer kleinen Pause hinzu, »wahrscheinlich doch töten. Denn ich kann sie mit dem Gift der Vogelbeere einreiben. Das wird ihre Wunden entzünden. Und der Große Geist wird sie in sein Quaratar nehmen. Von wo sie sich ins Reich der Toten begeben. Um dort den Schamanen von den Wegen zu erzählen, die sie gegangen sind. Und von denen, die noch vor ihnen liegen.«



Wir töten, um zu leben. Jeder Clan kann seine Kinder nur schützen, wenn er sein Gebiet eigennützig verteidigt. Wir haben nicht mehr als unsere Familien. Wenn sie sterben, ist unser Volk tot.

Alle sind bereit. Der Stamm von Isiell und meiner. Unsere Ahnen kennen sich schon lange. Und unsere Kinder ziehen als Männer und Frauen zusammen. Wenn wir in den Krieg müssen, dann wissen wir, dass einige von uns mit dem Großen Thoranda weiter gehen. Sie werden uns verlassen und über der Welt wohnen. Von wo sie uns zuschauen. Auch Earazzil wird uns beobachten. Wie wir kämpfen und töten. Denn es kommt auf das Verhältnis an, wer hier ist und wer dort. Wir haben unsere Knochendolche jedenfalls geschärft. Wir werden dafür sorgen, dass wir hier nicht zu wenig werden, damit unsere Ahnen uns stets finden.

Ich fülle meinen Beutel, den ich am Gürtel trage, mit weiteren Kugeln. Viele der runden Steine sind aus Dolomit. Hart und massiv. Sie sind alle mit dem Dornengeflecht der Buschrosen umwickelt. Jeder hat ihre Spitzen in den Sud der Vogelbeere getaucht. Jetzt müssen wir vorsichtig sein. Ein Ritzer kann auch uns schaden. Den Ahnen zu früh folgen, nur weil wir dumm und unachtsam sind, hieße, sie ohne Stolz von uns denken zu lassen.

Auch die anderen aus meinem Clan, Frauen wie Männer, schärfen ihre Messer. Die Speerspitzen werden aus einem Stein geschlagen, den wir Feuerstein nennen. Außen ist er bräunlich. Sein Inneres allerdings weist eine graue und harte Fläche auf. Die Kanten der Bruchstücke sind sehr scharf. Sie nutzen wir zum Schaben von Fellen, zum Zerteilen von Fleisch und zum Bearbeiten von Holz oder Knochen. Jetzt schleifen wir beide Seiten dieses Steins zu platten, scharfen Spitzen und binden sie mit Baumbast auf die Speerstöcke. Das ergibt eine tödliche Waffe.

Die Nacht haben wir den Schamanen überlassen. Sie sprachen mit den Großen Geistern der Höhlen und unseren Ahnen. Tranken Artagum. Aus dem Sud des Honig und dem Saft der Weinbeeren. Artagum muss drei Tage warten, bis es gärt. Dann kann der Schamane nachts zu den Lichtern, die für die Sonne leuchten, fliegen. Und sich dort den Rat der Geister holen. Und für den Moment eines Atems schwebt sein Körper tatsächlich über dem Boden.

Als sie wieder heraus kamen, sahen wir ihren gelbfleckigen Gesichtern an, dass wir bereit sind, in den Krieg zu ziehen. Jetzt bemalen wir Stirn und Wangen mit Erde. Denn der Morgen vor der Sonne ist die graue Zeit des Todes. Wir werden überraschen, sind gut präpariert. Einige von uns tragen die Schleuder, die auch Menschen jagt. Ich habe sie gelehrt, sie zu gebrauchen. Und Sorgfalt zu geben, sich nicht selbst dabei Thorandas Obhut zu überlassen.

Ich habe ihnen meinen Plan erklärt. Er gründet sich auf eine Taktik, die meine Ahnen schon seit vielen Generationen kennen und anwenden. Er besteht aus dem ersten Angriff, der Herausforderung, der Falle und dem Hinterhalt. Bei letzterem wird der Feind ausgelöscht.

Ich werde den Angriff starten, der das Lager der Flachköppe überfällt. Diese werden zurückschlagen. Darauf werden wir uns sofort in die Wälder begeben. Doch der Triumph der Anderen wird nicht lange dauern. Denn bei der Verfolgung werden sie von Isiells Truppe überrascht und eingezingelt. Während ihr eigenes Lager ungeschützt ist. Aleon wartet dort mit seinen Männern. Er zerstört endgültig ihre Hütten und tötet die Fliehenden. Es wird keine Gefangenen geben. Wir wollen keine Vermischung. Sie würde unserem Stamm keine Ehre bereiten.

Es ist kalt. Nur dunstig dämmert der halbe Mond durch die tiefen Wolken. Wir brechen auf. Nehmen Abschied von den Familien. Den Mitgliedern unserer Hütten. Leise und traurig. Dann begeben wir uns in die Savanne. In die Dunkelheit des frühen morgens. Auf Pfaden, die uns durch das harte Gras der Steppe führen.

Vorbei an Wäldern, Schluchten und buschigem Gelände. Matt funkeln die Himmelslichter zu uns herab. Der halbe Mond spendet kaum Licht. Grau und unbestimmt sehen wir die Umrisse von Fels und Baum. Schattengleich senkt sich der Himmel zu Boden. Doch im Zwielicht der Dämmerung erkennen wir die Augen der Tiere. Sie und Earazzil beobachten uns. Bis wir am Ziel sind. Am Rand der Ebene, wo es kleine Höhlen und Felsvorsprünge gibt.

Kein Laut ertönt. Nur das stete Zirpen der Grillen. Wenn es aufhört, sind die Anderen gewarnt. Vorsichtig schleiche ich mich zunächst allein in das Lager der Flachköppe. Es ist still. Dunkelgrau liegen die Umrisse der Bäume, Unterstände und Fellstangen im Abhang der Felsen. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen.

Ab und zu höre ich schnarchen. Feuer glimmt in einer großen Aschengrube. Ein Kind schreit. Ich befinde mich nahe dem ersten Zelt. Schmutzige, verrußte Tierhaare hängen in knotigen Strähnen herunter. Drinnen bewegt sich jetzt Jemand. Wechselt die Lage. Furzt.

Ich gebe ein Handzeichen, damit die anderen mir folgen. Wir sind mehr Männer als Frauen. Ich suche die Öffnung des Zeltes. Andere platzieren sich vor den nächsten Fellhütten. Einige halten wie ich in ihren Händen auch die Schleuder mit den Steinen voller Giftdornen. Auf mein Rufen, mehr ein Schreien, stürzen wir hinein. Schlitzen mit den Messern die Planen auf und stechen auf alles ein, was uns entgegenkommt. Werfen unsere Steine auf sie. Viele sinken bewusstlos nieder. Anderen wird nur die Haut aufgeritzt. Aber sie werden bald sterben. Ohne zu wissen, warum.

Wir haben den Moment der Überraschung. Selbst wer rechtzeitig aufwacht, kann vor lauter Schreck angesichts unseres Geschreis und der eigenen Schlaftrunkenheit nicht seine Orientierung finden. Wer nicht gleich getötet wird, wird verletzt.

Doch wir wollen nicht riskieren, dass die Anderen Gelegenheit bekommen, sich zu besinnen und zu wehren.

Nach wenigen Atemzügen sind wir wieder verschwunden. Bald hören wir die Flachköppe laut miteinander reden. Aufgeregt laufen sie auf dem Großen Platz hin und her. Doch können sie sich anscheinend nicht einigen, etwas zu unternehmen. Einige stieren auf die Ebene hinaus, anderen wollen zum Wald laufen. Wo wir uns versteckt halten. Aber keiner tut wirklich etwas. Wie verschreckte Kinder versuchen sie, ihre Vorräte zu retten. Andere kümmern sich um die Verletzten. Aber niemand plant, uns hinterher zu laufen.

Da springe ich aus der Deckung der Bäume und präsentiere mich. Schwenke meinen Speer. Drohe mit dem Dolch. Führe einen wahren Kriegstanz auf. Nähere mich ihnen sogar auf Rufweite. Doch sie glotzen nur völlig perplex in meine Richtung. Ihnen scheint es eher dämonisch vorzukommen, wie ich umher hopse. Wie von einem Großen Geist besessen. Vielleicht stimmt das ja auch.

Am Ende kommt Isiell zu mir und sagt: »Was tun die da? Die scheren sich gar nicht um uns.«

In der Tat sind ihre Rachegefühle irgendwie blockiert. Angst und Sicherung dominieren. Sie sind doch kräftige Menschen! Viele Hände voll Erwachsene. Aber irgendetwas scheint sie zu lähmen.

Aleon stößt zu uns. Anscheinend haben unsere Krieger ihre Posten verlassen. Der Plan funktioniert nur halb. Unsere Herausforderung zum Kampf wurde nicht angenommen. Wir warten eine Weile.

»Sollen wir sie noch einmal angreifen?« fragt Aleon.

»Das hat keinen Zweck. Jetzt sind sie auf alles gefasst. Wir werden große Verluste haben.« Ich gebe Isiell Recht. Wir können nur abwarten.

Um zu beraten, was zu tun ist, wollen wir uns erst einmal zurückziehen. Ich mache das Zeichen. Wir versammeln uns im Wald. Wachen werden aufgestellt. Baladon wird befragt.

»Haben die Geister etwas übersehen?«

Er kann nicht eher antworten, als bis er sie erneut gesprochen hat. Selten habe ich uns so ratlos gesehen. Wenn wir Tiere jagen, finden wir ein Verhalten vor, das angemessen ist. Wir wissen, wie sie reagieren. Aber bei den Flachköppen ist es anders. Wenn die Rache kennen, dann nicht in unserem Sinne.

Da kommt ein Kundschafter zurück. Das Lager der Anderen ist geräumt. Still und heimlich sind sie abgezogen. Einige von uns verfolgen ihre Spuren. Ohne Halt und ohne Zurückzuschauen laufen sie davon. Bis über den Fluss. An den Rand der Berge. Es werden Tagesmärsche sein, die sie alsbald von uns trennen.

Verblüfft gehen wir zu ihrem Lager. Warum haben sie sich nicht gewehrt? Baladon schnüffelt in ihren zurückgelassenen Sachen. Stöbert nach Hinweisen. Durchwühlt den Müll. Alte, stinkende Eingeweide und abgenutzte Fellreste.

Er hebt am erkalteten Lagerfeuer ein Stück Holz auf. Es ist feucht von Blut. Alle Kochstellen sind zerstört. Birmiel findet in einem Zelt einen zerschlagenen Topf aus Ton. Er ist leer. Nirgends gibt es Reste von Vorräten. Nur zerschlissene Felle und kaputte Kleidung.

Was sie schleppen konnten, haben sie mitgenommen. Aber vieles bleibt zurück. Unbrauchbares, Nutzloses. Wie konnten sie bisher nur überleben? Und warum haben sie sich jetzt nicht gewehrt?

Baladon findet die Antwort am Rande der kleinen Siedlung. Da liegen ihre Toten in ihrem Blut. Einige aber weisen nur geringe äußere Verletzungen auf. Und doch hat sich ein tödlicher Schmerz in ihre Gesichter gezeichnet. Fast alle jedoch sind schrecklich abgemagert. Waren kurz vor dem verhungern. Unser Überfall war wie ein Wink der Götter. Sie mussten aufbrechen. Hier ist kein Platz für alle Clans.

»Der Geist ihrer Hütten ist vergiftet. Viele sind hier gestorben«, sagt Baladon. »Ich gehe davon aus, dass sie der Überzeugung waren, an diesem Ort können ihre Kinder nicht überleben.«

Ich stecke meinen Dolch und den Speer weg. Der Kampf ist zuende, noch ehe er richtig begonnen hat. Aber ich empfinde weder Glück noch Triumph. Ein Ort, der verdammt ist, scheint auch mir ungeheuerlich. Ich wende mich ab. Wir alle gehen zu unserem Lager zurück.

Baladon schlurft hinterher. Berührt mich an der Schulter.

»Eloin Goin, deine Hand ist zwar dornig. Und du bist ein gefährlicher Krieger. Doch nun hast du Unglück über diesen Platz gebracht. Auch wenn wir ihn erobert haben. Wir werden ihn nie zu unserem Vorteil nutzen. Sollen die Antilopen und Rentiere hier leben. Er wird ihnen die Freiheit schenken und nicht den Tod.«

Er betrachtet den Beutel voller Dornensteine an meinem Gürtel.

»Gleich heute Nacht werde ich den Geist der Jagd befragen. Vielleicht hat er deine Änderung an der Schleuder nicht akzeptiert. Die Großen Väter von Biber, Saquasi und Ren denken möglicherweise, dass sie einen würdigeren Tod verdienen. «

»Also, was soll ich tun?«

»Ich rate dir, vergrab die Schleuder. Mit all ihren Steinen. Und kehre zum Frieden zurück, den uns die Ebene gibt.«

Auch wenn ich der Clanführer bin. Ich werde mich dem Rat des Schamanen beugen. Am Großen Platz angekommen, setzen wir uns um das Feuer, das immer brennt. Ada schürt es, damit es uns wärmt. Es ist bereits Tag geworden, aber die Kälte der Nacht ist noch nicht vertrieben.

Ich nehme Ada in den Arm. Sie ist die Hüterin meiner Hütte. Und sie wird dick, als ob sie von Arahar gesegnet sei. Wie die Frauen, die dann nach der nächsten Sonnenwende ein Kind aus ihrem Körper pressen. Ein neues Clanmitglied. Noch werden wir nicht das Schicksal der Anderen teilen. Jetzt haben wir mehr Wild für uns. Unsere Kinder können weiterhin überleben. Da bin ich sicher.

»Wir werden auch so größer und stärker.« Ich zeige auf ihren Bauch. »Denn keiner von uns ist heute zu Thoranda gegangen.«

Wir haben zwar kein neues Gebiet erschlossen. Aber den Tieren einen Raum gegeben, in dem sie vor dem Tod sicher sind. Und dafür, bin ich überzeugt, werden ihre Großen Väter uns besonders dankbar und gesonnen sein. Dass unsere Jagd erfolgreich bleibt. Und die Feuer immer etwas zu braten haben.