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Literatur

Saga Homo Novalis

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Eosine Seherin der Wege 5.812

D er nahe Vulkan tobt mal wieder. Seine Schlote brechen von Zeit zu Zeit aus. Daran haben wir uns gewöhnt. Dann wird es heiß und wir kehren in unsere Karan zurück. Sie bieten uns Schutz und noch viel mehr. Hier ruht der See, der einst auf der Erde entstand und unter ihr verschwand. In einem Rachen aus Lava und Gestein. Nahe dem Tarranga, der alles schuff. Der den riesigen Fels auswarf und ihn durchlöcherte. Seine weiten Gänge zog, die mit ihren versteckten Öffnungen Luft einlassen. Für die Pflanzen, Kräuter und Bäume, die hier wachsen. Und die uns Nahrung sind in den lichten, hohen Felssälen. Beleuchtet von Tarranga, der auch die Wege brach, die die Bäche brauchen, um Insegua zu bilden. Sie kommen alle aus der Tiefe des Grundwassers, das sich unter Uluru im Laufe der Jahrmillionen gesammelt hat, und schlängeln sich bis zu einer Halle empor, in der sie enden. Füllen einen See, Insegua, der unser Leben und das aller Pflanzen ermöglicht. Fernab der Sonne, und doch beschienen vom kräftigen Licht des Vulkans.

Mittlerweile sind meine Augen rot, um in den hinteren, unbeleuchteten Winkeln der Schächte und Grotten sehen zu können. Sie haben ein Eigenleuchten, denn sie reflektieren das letzte Licht, das so dunkel ist, daß es keinen Namen hat.

Hier ist alles weiß und transparent, Haar und Haut, denn eine wirkliche Farbe ist selten in den verborgensten Winkeln dieser unterirdischen Kammern, wo kein Licht und keine Flamme hinreicht. Einzig das bereits durchsichtige Grün der Pflanzen bleibt uns Born der Erinnerung an erfülltere Tage. Aber wir begnügen uns, da dies Al Erador ist, welches das Schicksal uns erkoren hat. Noch immer weiß ich nicht vollends, warum wir Tjuokurpa so eng mit dem Quuanqunquum verbunden sind. Oder was es war, das uns einst einem gemeinsamen Ziel unterordnete. Es muß in der Zukunft geschehen sein, und doch in der Vergangenheit wirken. Die Pflanze ist unser Schicksal, das wir irgendwann geschaffen haben, und für das wir nun geradestehen.

Vieles wurde in der Zwischenzeit, die gebraucht wird, um Anfang und Ende zu verbinden, verändert. Unsere Körper haben sich den Bedingungen eines unterirdischen und beengten Lebens angepaßt. Wir sind geschrumpft, klein geworden. Und ich kann Isamiras Verwunderung verstehen, ist doch dasselbe Teilen ihres Stammes passiert, den sie dereinst weit hinter sich gelassen hat.

Auch diese, die zurück geblieben waren, sind waren klein geworden, allerdings aus ganz anderen Gründen. Ihnen hat diese Gestalt die Kargheit der Insel, auf der sie lebten, gegeben. Uns hingegen geschah es durch einen Vulkan, Tarranga, der diese Grotte, Karan, schuff. Welch ein irritierender Zufall, daß es auch ein Vulkan war, der Isamiras zurückgelassenen Stamm dann vernichtete. Zumindest habe ich seit dem keinen direkten Kontakt mehr mit ihnen gefunden.

Aber möglicherweise haben einige überlebt. Bisweilen nehme ich Gedanken und Träume wahr, deren Aufenthalt mir aber verborgen bleibt. Vielleicht waren sie zuwenige, um sich wieder zu erholen. Ich glaube, daß es nicht mehr als 100 waren, die in Höhlen am Uferrand zunächst noch Unterschlupf fanden. Wenn auch nicht lange, denn bald starben auch die wenigen Tiere aus, die sie zur Nahrung brauchten. Und so sind sie dahingegangen, fern und ungehört.

Wir hier sind über 10.000 Leute. Und es werden täglich mehr. Wir leiden wenig unter Krankheiten. Es ist der Einfluß des alten Quuanqunquum, das uns schützt. Das ich noch in den letzten Winkeln der unterirdischen Höhlen gefunden habe. Dessen Blätter aber immer noch einen Duft ausströmen, der eine heilende Wirkung auf unsere Luft hat. Seine Wurzeln scheiden zudem eine Lauge aus, die die Wasser des Sees, die wir trinken, nahrhaft machen und unser Blut reinigen. Außerdem düngen sie den Boden, auf dem andere Pflanzen auch ohne viel Licht gedeihen.

Viele Tjuokurpa haben es inzwischen zu uns geschafft. Zunächst kam Baltasa mit seinem Clan. Ich nahm ihn auf. Lange habe ich überlegt, was zu tun ist. Doch dann habe ich meine Zurückhaltung aufgegeben. Es war falsch, sich auch vor den eigenen Leuten zu verstecken. Denn mittlerweile glaube ich, daß es nicht die Schuld der Tjuokurpa ist, was in der Zukunft passiert. Ich beobachte die zahlreichen Menschen und ihre Unterarten, die entstehen und die Welt bevölkern. Ich bin überzeugt, daß es an ihnen liegt, daß die Erde untergeht. Und so müßen wir zusammenhalten, um das Ende dieser Welt zu verhindern.

Bald auch habe ich Ibrahim und Ismaellarion zu uns geholt. Weitere sind dazugestoßen. Ausbleiben noch Isamira und Iosain. Auf sie warten wir, um zu handeln. Hier haben wir derweil die Ruhe und Ungestörtheit, um unser Leben zu regeln. Wenn ich den anderen auch immer vor Augen führe, daß unser Dasein eine bestimmte Aufgabe hat: Wir haben die Pflanze gefunden, und wir werden sie erhalten und bewahren. Um die Zukunft zum Wohle unseres Volkes zu erneuern. Und, wie ich glaube, auch der ganzen Menschheit.



Ich erinnere mich der Reise durch die Zeit, die ich einstmals begann. Und die mich immer wieder zu dem Berg führt, der einzig noch über das Wasser ragt. Und der zum Wendepunkt unser aller Zukunft wird.

Davon habe ich Iosain berichtet. Vielleicht war es ein Fehler, nicht auch Isamira vollends eingeweiht zu haben. Aber sie ist mir zu störrisch und achtet nicht auf das Wohl des ganzen Volkes. Eine Information, die sie falsch deutet, kann falsche Schlüße und Maßnahmen nach sich ziehen.

Aber ich muß neutral bleiben. Noch weiß ich nicht, warum ich den Kontakt zu ihr verlor. Auch die Zukunft will mir hier nicht weiterhelfen. Denn es sind die Nebelschwaden, die unaufhörlich aufziehen, dunkler und größer werden. Sie verwehren mir vollkommene Einblicke in das, was sein wird. Und offenbaren erst einen kleinen Teil wie ein Fenster, durch das ich nur Einzelheiten ohne ihre Zusammenhänge zu erkennen vermag.

Ich habe schon seit dem Anfang meiner Wanderung die Aussichtslosigkeit meines Volkes erkannt, die Heimat der Pflanze zu finden. Nur mir war es vergönnt, weil ich Al Erador durch meine eigene, die sich mir vor dem ersten Aufbruch offenbarte, fand. Aerandil blieb sie immer verborgen. Auch damals, als alles noch fruchtbar und grün war. Doch die Zeiten haben sich geändert. Die Wingen sind erschienen und haben das Land erobert, daß wir für uns ausgesucht hatten. Nun ist es zerstört und karg. Doch da, wo unterhalb des Felsens Quuanqunquum wohnt, ist es immer Wüste gewesen. Bis hierher sind nur wenige von ihnen durchgekommen.

Aber vielleicht ist es auch gut so. Denn nun sind wir ungestörrt.

Und ich kann mich zeigen, zumindest meinem eigenen Volk, um nicht selbst der Vermischung anheim zu fallen. Ohne von den Wingen aus Al Erador vertrieben zu werden. Bis dahin mußte ich meine Geheimnisse bewahren. Selbst vor meinem eigenen Volk. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich erkannte, daß es nicht die Tjuokurpa sind, die diese grausame Zukunft, die ich gesehen habe, gestalten. Es sind auch nicht die Langnasen, die mehr werden, als ich je ahnte. Sie werden die Erde sicherlich noch überschwemmen. Nein – die Gefahr lauert woanders. Sie kommt von den Flachköppen. Kriecht heimlich aus ihnen hervor. Eine ganz neue Rasse wird sich bilden. Und irgendetwas wird passieren, daß die Welt zerstört. Das die einstigen Breitnasen, auch die Anderen genannt, zu den Siegern der menschlichen Rasse werden lässt und zu ihren Menschenfressern.

Seit dieser Erkenntnis vereine ich mein Volk zu einer neuen Macht. Und warte, bis Iosain Isamira gefunden hat und mit ihr die Königin. Hier können wir ungestört ausharren, sind unsichtbar und in Sicherheit. Der Schutz des Quuanqunquum gewährt uns die nötige Muße, uns auf das vorzubereiten, was einmal die Zukunft verändern soll.

Immer wieder frage ich mich, ob ich recht gehandelt habe? Habe ich den beginnenden Untergang der Tjuokurpa zunächst billigend in Kauf genommen? Bis zu einem gewissen Punkt ja. Aber letztlich sehe ich in der Mühsal der Zeiten, Al Erador zu finden, eine Rechtfertigung. Es bedurfte vieler Irrläufer und Gefahren, den richtigen Weg zu finden, einzuschlagen und, was noch viel schwerer ist, auf ihm zu bleiben.

Doch ob der Taten, die noch auszuführen sind, habe ich manchmal Zweifel. Habe ich wirklich das Ende der Menschheit gesehen? Oder war es nur eine Zeitspanne unheilvoller Entwicklungen, die sich selbst überwanden? Ein verkümmerter Seitenarm an Möglichkeiten. Damals, als ich antrat, dem Ruf des Quuanqunquum zu folgen. Und wenn ja, wenn ich das Ende der Menschheit gesehen habe, wie kann es wieder rückgängig gemacht werden?

Doch ich hoffe, ich bin jetzt nicht mehr allein. Es ist Iosain, dem ich vollkommen vertraue. Er ist nun fast angekommen. Da, wo sich die Vereinigung von Blüte und Samen einst ein letztes Mal abspielte. Und über das Schicksal der Pflanze und also der Tjuokurpa entschied.

Er hat mir gute Dienste erwiesen, und ich habe ihn zuverläßig geführt. Dort es wird noch eine kleine Ewigkeit währen, bis er sie gefunden hat. Die Pflanze, vielleicht die Königin. Nur über Isamira wird der Weg führen. Denn ich bin mir sicher, daß es das gemeinsame Schicksal beider ist, das die Zukunft aller Menschen in einer fernen oder anderen Zeit bestimmen wird. Einer Zeit, die es schon gab, und die einem falschen Weg unterlegen war.