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Literatur

Saga Homo Novalis

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Eosine Seherin der Wege 51274

I ch bin die Mutter unserer Mütter.

Ich fliege zurück.

Zu dem Punkt, als alles begann. Über das Große Wasser in die Ebenen, die sich hinter der Steilwand ergießen. Von dort höre ich das Brausen der Wogen, die gegen die Küste schlagen. Und von dort kann ich den Horizont erahnen, der tief an einer fernen Stelle ins Meer eintaucht. Und wenn ich mich umdrehe, sehe ich zu einem Land, das hinter mir liegt. Seine weiten, grünen Wiesen. Voller Wild, sich äsend drängend im Nordwind der Savanne.

Doch wir müssten gehen. Unser Hochtal war von allen Seiten begrenzt durch ein Gebirge. Wir waren viele, die jagten. Und es waren viele, die die Fruchtbarkeit der Frauen nutzten. Es waren die Männer, die sich stritten. Und viele starben, weil sie einen eigenen Clan wollten.

Das Leben gedieh wie nie zuvor. Die Bäuche der Frauen schwollen, und das Geschrei der Kinder, die nicht starben, endete nie. Denn es gab den einen nicht mehr. Der unser mächtigster Feind war: den Leoparden. Er, der uns heimlich von oben beobachtete, geschützt im Blätterdach der Bäume, sich auf uns herabzustürzen. Zunächst waren wir hilflos, bis wir Männer mit Speeren einsetzten. Nur der Aufgabe dienend, unseren Ausflügen Schutz zu gewähren. Aufzupassen. Das war sein Verhängnis.

Der Leopard sprang nun ins eigene Verderben. Unwissend der neuen Waffen, die wir bei uns trugen. Und spießte sich selbst auf, weil er unsere Wandlung nicht verstand.

So breiteten wir uns aus, bis das Meer uns stoppte. Es gab keinen, der sich weiter traute. Alle zogen es vor, die Berge zu erklimmen, in der Hoffnung, dahinter neue, fruchtbare Täler zu finden.

Doch ich hatte damals eine kleine Pflanze in meiner Obhut, deren Samen mir einst zugeflogen kam. Ihrer Blüte entströmte ein Duft, der mich betörte. Er war so stark, dass ich manchmal niedersank und einschlief. Während dieser Zeit ereilten mich Bilder ferner Länder. Voller Wild, Flüsse und Wälder. Ich sah Orte, an denen unsere Hütten standen. So viele, dass ich ihr Ende nicht erkennen konnte. Und ich schmeckte die Luft von Honig, der dem Rauch von Beatasar entstieg. Denn es war Artagum, dessen Sud süßlich gärte. Und bei meinem Erwachen liebkoste mich immer noch der Nektar von Quuanqunquum.

Doch noch kannte ich all diese Namen nicht. Und ihre Bedeutung wurde mir erst viel, viel später bewusst. Alles, was ich zunächst begriff, war, dass ich weiter musste. Mir mein eigenes Gefolge zu suchen. Das aus der Vermischung mit denen hervorgeht, die fast angekommen sind. Denen noch ein letzter Schritt fehlt. Um dorthin zu gelangen, wohin mich die Bilder hinter meinen Augen riefen.

Nun, wo ich den Weg zurücklege, den ich dereinst in beschwerlicher Mühsal begonnen hatte, über das Meer zu einem Land, in dem wir auf andere Menschen trafen, weiß ich, wir waren nicht die ersten. Doch wir hatten die ungeheure Macht meiner Pflanze. Sie, die mich jetzt fliegen lässt. Nochmals die Wege abzugehen, die mein Volk einst nahm. Das ich zu den Ebenen des Lamatt führte. Bis wir erneut auf ein Großes Wasser stießen.

Da erst habe ich die ganze Kraft von Quuanqunquum gefühlt. Aber wir waren noch immer nicht in seiner Nähe. Es trennte uns dieses Meer, das sich hier verengte wie das Bett eines Flusses.

Und als wir auch dieses Hindernis genommen hatten, befanden wir uns auf dem Land, das die Pflanze trug. Ihrer eigentlichen Heimat. Es war fruchtbar und grün. Fremde Kräuter verbanden sich zu einem Djungel, der mir eine Vorstellung gab, wie sich Quuanqunquum ernährte. Die Pflanze meines Schicksals. Mittlerweile kenne ich sie gut. Sie war immer bei mir. Wenn ich rastete, setzte ich sie in den Boden. Wenn ich reiste, hielt ich sie in einem Beutel mit Erde. Sie ist zäh. So stark wie ihre Kräfte, die sie mir verleiht auf meinen Wegen. Und die mich jetzt wieder zurück führen zu meinem Plateau, unter dem ich lebe. Nur hier kann sie wirklich all ihre Kräfte entfalten.

Ich erwache und finde mich auf meiner Matte aus Heu und Kamelien wieder. Schon oft bin ich zurückgekehrt und habe danach die Klänge der Winde gehört, wie von fernen Höhen. Das Rauschen von Wasser und ihr sinniger Duft spenden meinen Träumen die nötige Würze.

Die Reisen mit der Pflanze haben mir bislang nur den Weg gezeigt, der zurück geht zu denen, die eine Hütte teilen. Sie haben nie von den Wegen erzählt durch die Tage, die noch vor uns sind. Nun bin ich endlich angekommen, wo sie herrscht. Habe ihre Eltern gefunden. Was wird sein, wenn sie mir die Zukunft zeigen?

Ich lege mich wieder hin. Betrachte ihre Knospe und nehme den Atem ihrer Blühte. Wohlige Wärme durchflutet meinen Bauch. Ihr süßer Duft quillt in meinen Kopf und verzaubert meinen Verstand. Meine Lider flackern. Diesmal aber will ich nach vorne schauen.

Doch zunächst sehe ich nur die Innenseite meiner Augen. Rosa geäderte Haut. Wie feines Tuch umspannt es meinen Körper. Ich kann nicht daraus hervor. Dann wird es an einigen Stellen durchlässig, und kleine Fetzen lösen sich ab. Löcher entstehen, durch die ich eine gleißende, rote Welle sehe. Da zerplatzt alles um mich herum.

Ich will die Augen wieder schließen, so stark werde ich geblendet. Doch sie sind noch zu. Ich kann dem hellen Licht nicht entgehen. Ich muss mich daran gewöhnen und hebe nur langsam die Lider.

Rings um mich herum ist es weiß. Dann gewahre ich allmählich kleinere Konturen. Sie lösen sich wie Schatten aus dem Hintergrund. Ich fliege auf sie zu. Wie durch einen Nebel öffnet sich eine andere Welt.

Vor mir offenbart sich die Erdkugel. Aus riesigen Schloten werden Gase und flüssiges Gestein empor geschleudert. Schweflige Wolken verschleiern das Licht der Sonne hinter mir. Dicke Tropfen gelblichen Regens wie Säure überschüttet das ganze Land. Tief unten erbeben Berge unter der Wucht unsichtbarer Zusammenstöße, und tiefe Risse durchfurchen den Boden. Überall dringt rote Lava hervor.

Täler brechen ein und werden von riesigen Flutwellen überspült. Alles Leben ist entweder verbrannt oder hinweg gerissen. Nirgends mehr kann ich ein Land erkennen, das noch von grünen Wiesen bedeckt ist. Oder in dem das klare Wasser von Flüssen aus den Bergen rauscht. Es ist nur unerträglich heiß hier. Und ich fühle zu ersticken, so nimmt mir diese gelbliche Luft den Atem. Ich will fort, der Gestank nach Tod und Verwesung raubt mir sämtliche Kraft.

Doch der Albtraum ist noch nicht vorbei. Ich versuche, wegzugleiten, die Richtung zu wechseln. Den Fängen der nahen Vulkane zu entrinnen. Über mir öffnet sich für eine Weile die Decke von klebrigen Staubgasen. Schnell stoße ich hindurch.

Ich bin nun über den Wolken. Aber auch hier empfinde ich nichts als Gestank und das Tosen der Stürme, die unter mir wirbeln. Weit entfernt kann ich die weißen Spitzen eines Gebirges erkennen. Ich gleite darauf zu.

Es ist Schnee. Der letzte in dieser heißen Welt. Und hier oben sehe ich Wasser, wie es bis zum Fuß eines Plateaus gestiegen ist. Hoch umschließt es den Berg, der ganz oben noch seine Kühle bewahrt. Ich fühle frische Luft über meine Haut strömen. Hier kann ich wieder atmen. Ich entschließe mich zu landen.

Da nehme ich eine Bewegung wahr. Tief unter mir sehe ich Menschen. Erleichtert fliege ich in ihre Richtung. Doch etwas lässt mich langsamer werden. Da ist was, dass meine Vorsicht wachruft.

Sie sitzen um ein kleines Feuer. Ja, jetzt versteh ich mein ursprüngliches Befremden. Sie haben keine Kleidung an. Weder gegen Kälte noch Hitze. Und sie reden in einer Sprache... Nein, es ist keine Sprache. Ich komme näher. Sehe in ihre Gesichter. Sie haben große Augenwülste, breite Nasen und haarige, untersetzte Körper. Ich höre ihre Laute. Ein Grunzen, Keckern und Knurren.

Schnell nehme ich Deckung hinter einer Felswand.

Ich schleiche mich so dicht an sie heran, dass ich ihre Ausdünstungen rieche. Luke vorsichtig über den Fels. Dann sehe ich es. Sie essen. In den Händen Spieße mit Fleisch, die sie über das Feuer halten. Und dort selbst erkenne ich den Hauptbestandteil ihrer Nahrung. An einem Grill hängend.

Ich stoße einen Schrei aus. Fahre erschrocken zurück und bedecke meinen Mund mit der Hand. Entsetzen lässt mich bewegungslos werden. Meine Glieder wollen mir nicht mehr gehorchen. Da höre ich schon Schritte. Mit letzter Kraft erhebe ich mich und fliege auf einen nächst höheren Fels.

Doch zum Ausruhen bleibt mir nicht viel Zeit. Bald nähern sich auch hier erste Rufe.

»Aaaa huu. Aaaa huu gtu. Gtu.«

Das näherkommende Entsetzen verleiht mir neue Stärke. Ich will zurück. Quuanqunquum soll mich entkommen lassen. Und mich beschützen. Vor dem, was ich gesehen habe. Ich will nur noch in meine Höhle. Da, wo meine Welt ist. Wo sie mich behütet. Und wo sie mir meinen Platz für immer hält. Nie mehr will ich sie verlassen.

Schweißgebadet wache ich auf. Noch lange liege ich erschöpft auf meinem Lager. Erst allmählich nehmen wieder klare Gedanken Formen an. Bilden Worte, Sätze. »Nie wieder will ich dort zurück.«

Mit der Zeit geht mein Atem ruhiger. Was habe ich gesehen? War ich in der Zukunft? Wie lange wird es bis dorthin dauern? Und vor allem: Was ist passiert, das das geschehen konnte? »Dieses Schicksal darf uns niemals ereilen!«

Das ist meine Entscheidung. Und ich werde Zeugnis ablegen vor meinem Clan. Sie sollen als einzige wissen, was geschehen wird. Und dann für immer schweigen.

Ich nehme Quuanqunquum in meine Hand. Vorläufig werde ich das Fliegen besser sein lassen. Bis zu einem fernen Tage, an dem ich es wieder benutzen werde, um nur noch in der Vergangenheit zu leben. Die grausame Gegenwart verlassend.

Ich trete hinaus. »Hört«, sage ich. »Endlich haben wir die Pflanze gefunden. Ihre Heimat wird auch unsere Heimat sein. Hier sind wir sicher. Noch gibt es keine Menschen, die das Große Wasser vor uns überquert haben. Und so soll es bleiben. Wir wollen allein sein und in Ruhe und Frieden leben. Ein Kontakt mit anderen Stämmen erscheint mir zu gefährlich. Ich weiß von Dingen, die da kommen werden und hoffe doch, dass sie nie eintreten.«

»Eosine, du bist unsere Seherin. Du allein bist mächtig, andere Menschen aufzusuchen. Wenn du nicht mit ihnen sprichst, werden sie uns nie finden.«

»So ist es. Und deshalb habe ich entschieden, dass wir von nun an ohne die anderen Stämme, denen wir bisher begegnet sind, leben werden. Und wenn sie doch auftauchen, so werden wir uns ihnen nicht zeigen. Denn nur in dieser Abgeschiedenheit kann ich hoffen, dass niemand anderes die Pflanze besitzt. Damit nicht das eintritt, was ich gesehen habe und was niemals wirklich geschehen darf.«

Und ich lege die Pflanze beiseite und benutze sie für lange Zeit nie wieder.