zurück zur Hauptseite Saga Homo Novalis
Literatur

Saga Homo Novalis

Saga Homo Novalis

- ein WissenschaftsProjekt von onlineSoft -
© onlineSoft '98-2009     eMail: webmaster
Literatur
Saga Homo Novalis



Eosine Seherin der Wege 98.284

V or uns liegt der Große See. Wir haben schon davon gehört. Aber das seine Wasser so blau wie der Himmel sind, so dass wir die Linie, wo beide zusammentreffen, nicht sehen können, kommt uns wie ein Wunder vor. Noch nie haben wir es erlebt, dass See und Himmel miteinander verschmelzen.

Ich laufe an den weißen Strand, der von Kalkmuscheln bedeckt ist. Hier strahlt die Sonne, und es ist wunderschön. Soweit ich schauen kann, liegt hinter uns nur Sand und vor uns nur Wasser. Aber weit draußen fühle ich den kalten Hauch einer fernen Zeit.

Es ist kein Ort, um zu bleiben. Der Hunger hat sich in unseren Gedärmen zu fest eingegraben, als dass wir ihn noch übersehen können. Wir müssen über den See, um eine neue Heimat zu finden, die uns auch ernähren kann. Nur wo es Gras gibt, ist genug Wild. Und wenn es auf der anderen Seite Fische gibt, werden wir bleiben.

Ich schaue mich um. Meine Begleiter. Sie warten entlang des Strandes auf meine Entscheidung. Viele sind mir aus den Lagern gefolgt, als der Hunger zu groß wurde. Und sie vertrauen mir, da ich hinter den Augen Bilder von einem anderen Land gesehen habe. Dort gibt es Antilopen, Wisente, Bisons und Rentiere. Sogar Moschusochsen weiden in der Savanne. In meinen Träumen gibt es genug zu essen. Doch ich kann nicht sagen, wo dieses Land zu finden ist.

Hier gibt es kein Gras. Ich weiß, wir müssen weiter ziehen. Ich schaue entlang des Strandes. In welche Richtung liegt der neue Weg, den ich einzuschlagen gedenke?

Ich fasse an den Beutel, der mir unter dem Lendenschurz zur Seite hängt. In ihm ruht das Geheimnis, dass mich sehen lässt. Ich habe es in einer Felsennische der Berge gefunden, die ich nun verlasse. Es wuchs in einer dunklen Spalte, verborgen vor den Augen der Menschen. Dort habe ich es genommen und mir aus einer Fingerspitze seiner Blätter den Tee gemacht, dessen Dampf und Genuss mich nun das Land hinter den Augen beschreiben lassen. Es will mich über den See führen und hoffentlich auch weiter.

Da wir alle erschöpft sind, setzen wir uns nieder und rasten. Ich lege mich hin und schlafe sofort ein. Und da sehe ich wieder diese Bilder. Die von Wild und Flüssen voller Fische erzählen. Wäldern, Bäumen mit Früchten und Beeren. Und ein Vogel fliegt vor mir auf und singt das Lied vom Land, in das die Sonne taucht.

Als ich erwache, ist mein Mund ganz trocken. Ich trinke etwas aus der Schwarzwurzel, indem ich sie mit den Händen presse. Dann stehe ich auf und fühle mich wieder frisch und ausgeruht. Ich laufe erneut zum Wasser, um seine Tiefe zu schätzen. Können wir es durchwaten?

Vor mir fliegt eine Möwe auf. »Kra, kra«, macht sie und flattert davon. Hoch auf über dem See zieht sie zur Sonne und verschwindet dort mit einem letzten »kra«. Mir kommt es vor, als ob sie vom Land der Gräser und Tiere erzählen will.

Rasch schare ich meine Gefolgsleute zusammen und ziehe mit ihnen der untergehenden Sonne entgegen. Keiner murrt, denn alle glauben an meine Kraft, die Wege und Tage, die noch vor uns sind, zu finden.

»Ist es weit, Eosine?«, fragt einer.

»Nur noch bis zum Felsen, der die Wasser bricht.«

»Du bist die Seherin der Wege, der Felsen und des Wassers.«

Ich weiß selbst nicht, wie dieses Land aussieht. Und wo es ist. Aber alle folgen mir. Und als ich im trüben Abendrot gewahre, wie das Land einen Bogen in den See macht und dort nicht aufhört, da weiß ich, dass wir seinen Anfang erreicht haben.

Wir haben es geschafft. Noch sind wir nicht angekommen. Aber wir sind weiter gezogen, als jemals ein anderer. Und auch wenn es noch mehrerer Märsche bedarf, in denen der Mond über uns hinweg streicht, bis wir das fruchtbare Land erreichen. Ich weiß, dass wir richtig liegen.

Stolz schaue ich mich um. Meine Leute laufen neben und hinter mir. Sie sind so zahlreich, dass ich sie nicht alle überblicken kann. Wenn ich vorne gehe, sehe ich am Ende der Staubwolke die letzten, die mir folgen. Wobei immer soviel nebeneinander gehen, wie ich Finger an den Händen habe.

Ehrfürchtig stehe ich da, wo der See aufhört, und sich Felsen über ihn strecken. Voller Freude nehme ich wahr, wie die Menschen um mich herum hoffnungsvoll hinaus zu einem Land blicken, in das die Sonne gerade taucht. Erleichtert streichle ich über meinen Bauch. Schon seit Tagen fühle ich darin eine Bewegung. Und es ist, als ob mich meine Därme zwicken.

Jetzt bin ich mir sicher, dass ich neues Leben über Wege führe, deren Tage weit vor mir liegen. In einem Land, über dem die Sonne noch unendlich oft aufgehen und wieder niedertauchen wird. So wie ich es in meinen Träumen schon sehe.

»Last uns weitergehen«, rufe ich. »Nur noch ein bisschen, denn bald wird es dunkel hinter uns sein. Je eher wir aufbrechen, desto eher haben wir die Sonne erreicht.«