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Literatur

Saga Homo Novalis

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Saga Homo Novalis



Eosine

M ein Quaratar ist die Entrückung, um meinem Volk zu dienen. Wo es einst den Schamanen gelang, zu den Geistern zu fliegen, ist mir nun heiliger Hort, denen zu folgen, die anstelle der Götter getreten sind.

Und Quuanqunquum, das die Ahnen der Ahnen schufen, um ihnen auf den Flügen behilflich zu sein, ist nun alt und fahl. Hohl seine holzigen Stängel. Die Schäfte, die einst den Saft von den Wurzeln zur Blüte empor pumpten, sind nun steif und brüchig.

Die Reisen, auf denen sie anstelle der Götter durch die Zeiten zogen, um über das Schicksal der Erde zu wachen, bleiben immer weiter zurück. Und ich habe kaum noch Hoffnung, ihnen zu folgen und ihre Aufgabe zu übernehmen.

Die, die alles schufen, indem sie die Geschichte änderten, in ihre Evolution eingriffen, sie sind nicht mehr. Warum? Ist ihnen etwas widerfahren, dessen selbst sie nicht mächtig werden konnten? Oder haben sie uns nur verlassen, um ihren Frieden woanders zu finden?

Ich werde es wohl nie erfahren, denn das Ende meiner Zukunft ist zu fern, um in ihre Zeit zu gleiten. So muss ich mich damit abfinden, die Geschicke der Menschen soweit zu leiten, wie ich sie erkennen kann.

Über mir sehe ich die schwachen Lichter des Tages. Nur matt scheint die Sonne hier herein. Al Erador, das Höhlensystem der tausend Grotten, ist unterirdisch. Eine eigene, unabhängige Welt. Hier wachsen Gräser, Büsche und Bäume. Sie ernähren sich vom Wasser des Insegua, das sich 100 Meter unter uns in den Jahrtausenden sammelte. Nun wird es mit Mühlenschaufeln hochgeholt und in kleinen Bächen über das Land verteilt. Der Boden ist dunkel vor lauter Humus, dessen Schichten sich in den Zeiten bildeten, als es hier noch Regenwälder gab. So jedenfalls die Geschichten, die wir uns heute erzählen.

Doch es gibt hier unten keine Wälder mehr. Und es ist selten, dass Tarranga noch sein Innerstes, dessen Lava voll des ursprünglichen Humus ist, ausspeiht. Deshalb halten wir den Prozess der Kompostierung mit eigenen, organischen Mitteln aufrecht. Auf natürliche Weise helfen wir mit einer Mischung aus Holzkohle, Dung sowie Überresten von Abfällen, Fäkalien und Knochen nach. Vor allem die Holzkohle düngt besser als Asche, denn sie bindet Wasser und Mineralien im Boden und verhindert, dass die Nährstoffe auswaschen. Wir gehen damit vorsichtig um und heben nie mehr als 20 Zentimeter dicke Schichten ab, die sich nach einigen Jahren erneuern. So haben wir hier unterirdisch weite, langgestreckte Felder angelegt. Unser Getreide und andere Nutzpflanzen sind so fruchtbar, dass sie auf diese Weise doppelt so schnell wie sonst Ernte und Frucht einbringen.

Auch die Kräuterwiesen gedeihen ohne Sonnenlicht, denn die unter der Erde verlaufenden Schwefelausdünstungen Tarrangas schaffen zusätzlich einen besonderen Biokreislauf. Selbst Ziegen können wir halten, da die Flora für genügend Sauerstoff sorgt.

Trotz der groß angelegten Agrarwirtschaft haben wir noch genug Platz für uns selbst. Wir schlafen alle in eigenen Kammern. Aber es gibt auch gemeinsame Karans, in denen wir Werkzeug herstellen oder der geschichtsträchtigen Kunst nachgehen. Hier entstehen die Bilder und Kultgegenstände, die das veranschaulichen, was wir aus unseren Erinnerungen her kennen. Wir brauchen keine Schule oder eine besondere Ausbildung. Das Wissen der Ahnen ist uns stets gegenwärtig. Lediglich die Lehre neuer Fertigkeiten wird durch gemeinsames Werken weitergegeben.

Doch wir haben uns verändert. Kleinwüchsig sind wir nun, mit weißer Haut, ohne Pigmente schutzlos der Sonnenstrahlung ausgesetzt. Diese dringt nur oben von den dicken Felsen stark gefiltert zu uns hinein. Ach, wie trauere ich dem Schwarz meiner Haare nach, die nun bleich sind wie alles hier. Lediglich das Rosa der Fingernägel, dass Rot unserer Lippen und die blauen Blutbahnen unserer Glieder erinnern uns noch an unsere einstige Menschlichkeit. Ich kann verstehen, wenn sich einige die Haare blau färben und sich das Gesicht braun und rouge schminken. Auch ich war einmal jung wie die kleine Eosine, die ich vor 15 Jahren gebar. Und deren lange Wimpern schwarz zu mir heraufschauen.

Aber die Vorteile unserer Klausur überwiegen. Wir haben hier unten ein ausgeglichenes Klima. Durch ein ausgeklügeltes System an Luftschächten werden die Höhlen gekühlt und auf einer konstanten Temperatur gehalten. Und die Glut Tarrangas gibt uns Wärme und Feuer zugleich. Wir haben schützende Wände davor gebaut. Und Fackeln, wie sie einst Iosain erstellte, aus Pech und Schwefel, erhellen nun Gänge und Hallen.

Ich sitze in einer besonderen Grotte, die den tiefsten Punkt Al Eradors markiert. Hier stört mich niemand. Das Kindergeschrei prallt an den dicken Wänden ab. Und das Brausen der Pumpen und das Glucksen der Bäche ist einer ewigen Ruhe gewichen. Von hier reise ich hin und wieder zu den anderen, die außerhalb Ulurus sind, um sich ein aktuelles Bild von der Menschheit zu machen. Es sind nicht viele, denn wir fallen zu sehr auf. Unsere Körpergröße und Hautfarbe können wir nur kaschieren, indem wir uns wie Kinder anziehen und unsere Gesichter unter Kapuzen verbergen. Oder sie mit Farbe bräunen. Doch auch die Augen sind anders. Rot wie die Glut der Vulkane. Und orange ist die Iris, die sie umgibt.

Nun wird alles anders sein. Zu unseren 12.000 Bewohnern sind die 3.000 von Iosain und Isamira hinzugekommen. Und was das Besondere ist: diese Hinzukömmlinge sind noch groß. Mit ihnen können wir bequemer in direktem Kontakt mit der übrigen Menschheit kommunizieren. Doch der Hauptgrund, weshalb ich sie hier brauche, ist ein anderer. Es ist der der Erschaffung einer neuen Königin und der einer großen Reise. Einer, zu der ich mit meinem Quuanqunquum nicht mehr in der Lage bin. Vielleicht wird es sogar die letzte sein, die ich erlebe. Denn wer weiß, wie sich die Geschicke der Welt danach ergeben. Selbst die größte Reise beginnt mit einem kleinen Schritt. Und nun warten wir auf den Flug der Erkenntnis. Sammeln uns. Bereiten alles Nötige vor. Nur eines fehlte noch. Die neuen Pflanzen. Als ich sie sah, erschienen sie mir wie eine Prophezeiung der Macht. Ihre rosa Blüten mit den roten Tupfern. Ihre goldgelben, herzförmigen Blätter. Die biegsamen, kraftvollen Schäfte. Über zwei Meter hoch. Und der honigsüße Duft, der allem entströmt. Meine Pflanzen hingegen haben kaum noch einen Eigengeruch. Jetzt erst erahne ich die Stärke von Quuanqunquum und all die Möglichkeiten, die es uns eröffnet.

Es ist bereits drei Monate her, seitdem Iosain in der Schweiz und Isamira in Marokko mit ihren Clans die Abreise vorbereiteten. Während sie eine endgültige Einwanderung in Australien noch ausschließt, wird er bei uns bleiben. Aber wie ich mir vorstellen kann, wird es sie nicht wirklich wieder wegziehen.

Ich sehe das Abendrot über Uluru untergehen. Es ist nicht die Sonne, sondern es sind nur ihre Strahlen, die den Felsen über uns, dessen obere Spitzen wir durch lange Spalten von hier aus erkennen können, in ein glänzendes Flies tauchen. Reflexionen seitlich der glatten Wände leiten sie ins Innere. Kristallerne Poren funkeln in bläulichem Schimmer, matt spiegeln sich die Flammen der Fackeln in den Gravuren der Decke und in den Wellen des kleinen Bächleins, das durch diesen Karan fließt.

Hier nun, umgeben von den neuen, großen Pflanzen, die diese unterste und tiefste Stelle der Höhle fast gänzlich ausfüllen, sitze ich und erinnere mich der Zeiten, als auch mein Quuanqunquum noch wuchs und seine goldgelben Blätter ausbreitete. Ein Duft nach Vanille umgibt mich jetzt wieder, und aus den Kelchen strömt klebriger Pollen, der wie Honig am Schaft herunter rinnt.

Es sind die Vorboten einer Befruchtung, die lange auf sich warten ließ und schon seit vielen tausend Jahren nicht mehr geschah. Nun ist bald der Zeitpunkt gekommen, an dem diese Pflanzen hier ihren Zyklus der Vermehrung beginnen. Und in dieser majestätischen Aura, wenn die größten Kräfte dem Kraut entströmen, wird die neue Königin geboren werden. Mit der die körperliche Reise in die Vergangenheit stattfindet.

Ich habe ihr, der Königinnenmacherin, eine letzte Chance gegeben. Das Schicksal abzuwenden, ohne harte Gewalt. Sie wollte es auf ihre Weise tun. Quuanqunquum wieder zu uns zurückzuholen. Sie glaubt nach wie vor an das Gute im Menschen. Oder an diejenigen, die Intelligenz auf dieser Erde entwickelt haben. Doch nun muss auch sie erkennen, dass es zu spät ist. Die Pflanzen in Neanderthal, allen voran die Königin, haben sie nicht mehr hereingelassen. Haben sie geblockt und wieder hinausgetrieben.

Ich weiß, wie schwer es für Isamira ist, die Wahrheit zu akzeptieren. Aber sie kann von Glück reden, dass sie diesen Flug nach Neanderthal überlebt hat. Es war ihr sogar gelungen, den Schutzschild der Glocke zu durchdringen. Doch ihr Körper kam zerschunden zurück, dass selbst Iosain es mit der Angst zu tun bekam. Denn wiewohl die Königin sie noch erkannte, war sie nicht mehr gewillt, sie zu schützen und zu ehren. Denn sie wuchs jetzt woanders. In einem Gebiet, das andere für sich beanspruchen. Und das nun zu ihrem neuen Territorium geworden ist.

»Nein, ich habe sie geschaffen. Sie hat mich erkannt und durchgelassen «, rief Isamira gleich, nachdem wir wieder in Al Erador waren.

Aber sie muss die Realitäten endlich akzeptieren. »Nur um dich nicht zu verletzten. Denn die Königin hat sich gegen dich gestellt, als du in ihre Geschichte eingreifen wolltest.«

Ich war dabei gewesen. Bin mit ihr zum Königreich der Neandertaler gereist. Hatte ihr geholfen, den Schirm zu durchdringen. Und für kurze Zeit war es uns tatsächlich gelungen, eine Öffnung zu erhalten.

»Es wird einen Weg geben, da bin ich gewiss!« Nach der Zurückweisung wollte sie es sofort wieder versuchen.

»Nein, Isamira. Der einzige Weg ist, in die Vergangenheit zu reisen, um die Dinge zu ändern.«

»Ich bin sicher, die Königin hätte sich von mir zurückbringen lassen. Dorthin, wo ich sie schuf.«

»Du wärest verbrannt worden, sobald du ihren Kelch berührt hättest. Er ist gebündelte Sonnenenergie.«

Isamira hielt inne. Verzagt schaute sie mich an. Iosain nahm ihren Kopf zärtlich in seine Hände. Besah sich ihre Schürfwunden.

Doch wütend schüttelte sie sich wieder frei. »Und wieso sterben die Neandertaler nicht in der Nähe der Königin?«

»Quuanqunquum ist bereits viel zu hoch gewachsen, als dass sie ihre Blüten erreichen können. Lediglich unten am Stamm, da wo die Wurzeln sind, ist es noch ungefährlich, sich aufzuhalten.«

Diese Königin wird uns nichts mehr nützen. Sie wird sich zwar nicht gegen uns wenden, aber jeden Versuch unterbinden, der eine Einmischung in die Belange der Neandertaler darstellt. Deshalb ergibt sich nur ein einzig logischer Schluss: Wir müssen der Gegenwart ausweichen. Wir müssen in die Vergangenheit, um die jetzigen Verhältnisse zu ändern. Und das war auch immer die Vorgehensweise unserer mächtigen Ahnen.

Doch zunächst ist noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Ich stehe auf und begebe mich nach oben in die Hauptgrotte. Die vielen steinernen Stufen setzen meinem Rücken zu. Dort ist ein Karan, in dem in seiner Mitte der Brunnen steht, der das Grundwasser heraufholt. Meine Schritte werden langsamer, denn neben der Erkenntnis, dass ich alt werde, wächst in mir die Befürchtung einer langen, schwierigen Diskussion.

Die anderen sind schon da. Hagar, ein Schamane aus einem Clan, der vor 22.000 Jahren zu mir stieß, erhebt sich und leitet mich zu einem Platz neben sich. Er hat mir sehr geholfen, den rechten Weg zu finden und Iosain durch die Jahrhunderte in Europa zu führen. Die Entscheidung, Uluru für alle Tjuokurpa endgültig zu öffnen, geht auch auf seine Beratung zurück. Jetzt weiß ich, dass meine alleinige Ansicht, wir könnten die Reisen nur versteckt und aus einem geheimen Quartier antreten, nur halbrichtig war. Einst dachte ich, unsere Mission begänne aus dem Verborgenen heraus, aus dem Wissen nur weniger. Doch auch so bleiben wir in der Öffentlichkeit der Welt unerkannt. Und nur mit der Vereinigung wird es uns gelingen, uns einer Zukunft entgegenzustellen, die nicht nur für uns, sondern für die gesamte Menschheit schrecklich zu werden beginnt.

Alle sind da, Ibrahim und Ismaellarion, die sich einst an der Nordküste vereinten und zu mir kamen. Und Tanatanjapol, der hier die Kanalisation schuf und mit dem es erst richtig begann, die schwarze Erde unter Uluru zu kultivieren. Und der das Bewässerungssystem baute, dass nun viele unserer Felder bewirtschaftet. Ohne ihn würden die 15.000, die wir seit kurzem sind, nicht ernährt werden können.

Selbst Elione aus dem Schwesterngeschlecht Elions, die einst zu denen gehörte, die die Schlacht mit den Wingens überlebte, ist da. Sie hatte es mit den Wenigen, die ihr noch folgen konnten, geschafft. War über unwegsame Berge gekommen, durch weites, karges Land gewandert. Doch das Ziel ihres früheren Bruders hatte sie nie aus den Augen verloren.

Ich schaue in die Runde. Meine Augen schmerzen, und oft sehe ich nur noch Licht und Schatten. Doch die Aura, die um Isamira und Iosain liegt, die beide nebeneinander sitzen, ist unverkennbar. Sie werden unser Volk in eine neue Zukunft führen, da bin ich gewiss. Vielleicht ist meine Zeit gekommen, einem Rat aus mehreren Stammesältesten oder Clanchefs zu weichen. Einer Versammlung, die stellvertretend für alle Entscheidungen trifft. Und sich mit den einzelnen Clanmitgliedern berät, um die Meinung eines jeden zu erfahren.

Ich habe zeitlebens nur auf mich selbst gehört. Nun muss ich einsehen, dass die Führung eines vereinten, großen Volkes, dass wir jetzt sind, nicht mehr von einem einzelnen überschaut und erledigt werden kann. Es ist mittlerweile auch hier die Moderne, die Einzug hält und meine Autorität untergräbt.

Ich sehe Iosain an, wie er bereits einen Plan hat. Und er hört auf die Anderen, berät sich mit Jedem. Gut, ich werde ihm Isamira überlassen. Das tu ich sogar sehr gern, denn nichts ist mir vergraulter als Jemand, der sich gegen sein Schicksal sträubt.

Meine Blicke bleiben an einer Frau neben Iosain hängen. Es ist Tikone, einst die Schwester Iosains, die dann mit Tanatanjapol und Baltasa aufbrach, Al Erador doch noch zu finden. Nun, es ist ihnen geglückt. Es waren nicht viele, die hier noch ankamen. Ich muss immer wieder gestehen, dass ich viel zu spät entschied, die Tore Ulurus zu öffnen und mein Volk einzulassen. Vielen gab ich den Gnadenstoß, oft kurz vor ihrer Ankunft. Und andere hörte ich wie aus weiter Entfernung nach Quuanqunquum rufen. Doch es wurde nur von wenigen gefunden. Und viele andere vermischten sich mit den Menschen aus Verzweiflung, einem unwirklichen Phantom nachzuspüren.

Hagar steht erneut auf, und alle Augen richten sich auf ihn. Es tritt Stille ein, so dass nur noch das Plätschern des hervorquellenden Wasser zu hören ist. Und obwohl dieses Karan das weitaus größte ist, vermag es nun nicht mehr alle aufzunehmen, die zu dieser Versammlung gekommen sind. Viele verweilen in den Korridoren, die hierher führen. Andere scharen sich um Schamanen, die ihnen das Gesagte weitergeben.

Es hat noch nie eine solche Menge an einem Ort gegeben. Ich bin fasziniert, wie viele wir nun wirklich sind. Genug, um uns nicht mehr vor einer Vermischung oder Vertreibung fürchten zu müssen.

»Hört«, beginnt Hagar, »wir sind heute zusammengekommen, um über die Zukunft unseres Volkes zu entscheiden. Nicht mehr und nicht weniger. Alle Clans, die noch außerhalb waren, sind nun wieder vereint zu einem einzigen Stamm, den Tjuokurpa. Und aus dieser Stärke heraus werden wir die Geschicke der Erde beschließen. Vielleicht neu, so hoffen viele. Aber es hängt von nur einigen ab, die die Kraft haben, unsere Beschlüsse in die Tat umzusetzen. So stehen wir vor der Frage, ob unsere Entscheidungen, wenn wir sie treffen, bindend sind für alle. Oder ob sie dem Dafürhalten eines Jeden obliegen.«

Henin, der Schamane Iosains, erhebt sich. Er ist einer der Gewaltigsten, und ohne ihn hätte ich wohl nicht die Macht gehabt, Iosain zu Isamira zu führen.

»Das alles heute zu entscheiden, ist noch zu früh. Denn möglicherweise werden wir mehreres zu diskutieren haben. Und es wird von der Natur eines jeden einzelnen Punktes abhängen, wie verbindlich er für den Einzelnen sein wird.«

Doch imgrunde gibt es nicht viele Punkte, denn alle entspringen dem einen, dessen Wesenszug es ist, die Zukunft richtig zu interpretieren. Es sind die Neandertaler, die wir bekämpfen müssen. Nicht schon ihr Auftauchen in der Geschichte der Menschheit ist von unbedingter Gefahr. Aber einige wie Isamira haben ihren Lebenslauf beeinflusst. Sich eingemischt. Und weitere, unglückliche Umstände haben dazu geführt, dass sie in einen Einflussbereich gekommen sind, der sie mächtiger als alle anderen werden lässt. Als Besitzer der Königin des Quuanqunquum werden sie möglicherweise die Geschicke der Erde bestimmen.

Ich erhebe mich: »Seitdem sich die Königin auf dem Gelände der Neandertaler befindet, ist die Welt gefährdet. Denn sie halten sie unter freiem Himmel, so dass sie eine Symbiose mit der Sonne und den Sternen eingeht und sehr mächtig wird. Dadurch aber erhitzt sich ihr gesamtes Umfeld bis auf das Gebiet, in dem sie ihre Wurzeln schlägt. Überall aber,« und ich blicke den direkt um mich Sitzenden scharf in die Augen, »werden die Temperaturen steigen und die Erde verändern. Die Polkappen werden schmelzen, es wird Sintfluten geben und der Meeresspiegel sich erheben.«

Ich bleibe stehen, denn es gibt noch etwas zu sagen. Aber ich will mich Isamiras und Iosains Zustimmung vergewissern. Sie muss ich nun endgültig überzeugen. Denn wenn nicht sie, dann wird es keinen geben, der unser Schicksal weiterführen kann.

»Das Schlimmste jedoch, was uns geschehen kann, ist, dass sich die Zukunft, so wie ich sie gesehen habe, realisiert. Und wenn wir die Geschichte überfliegen, wie sie sich in den nächsten Jahrzehnten und Jahrhunderten ereignen wird, dann sehen wir genau das, was zu befürchten steht. Und der Endpunkt meiner Visionen wird zur Gewissheit!«

Geraune erhebt sich in diesem großen Karan und setzt sich in den anderen wie Schallwellen fort. Einige beginnen, ihre Hände vor die Augen zu schlagen, als ob sie sich die baldige Zukunft nicht mehr vorstellen wollen.

»So wird es wahr werden«, sagt Hagar abschließend. Und seine Mundwinkel beginnen zu zittern. »Die Welt wird in einem Inferno enden, in dem der Neandertaler regiert. Und alles andere wird vor ihm fliehen, denn es wird zu seiner Beute werden...«

Das Unaussprechliche ist gesagt. Keiner vermag darauf zu antworten. Die Gedanken sind paralysiert. Nur blankes Entsetzen zeichnet sich in die Gesichter meines Volkes. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, die Geschicke der Zukunft, die bereits jetzt beginnen, zu wenden.

Mittlerweile kehrt wieder Ruhe ein. Vieles ist ausgesprochen. Im Vorfeld, immer wieder. Doch das Unausweichliche scheint näher zu kommen.

»Aber warum muss der Neandertaler bekämpft werden? Gar ausgerottet?« ereifert sich Iosain. »Genügt es nicht, zu verhindern, dass er an die Pflanze kommt. Reicht es nicht aus, dass Isamira in der Vergangenheit die Information von uns erhält, ihnen Quuanqunquum nicht zu geben?«

Ein Gedanke, der in eine Sackgasse läuft. Ich nicke Henin zu. Er hat immer noch großen Einfluss auf seinen Clanführer.

»Iosain, die Neandertaler könnten von einer noch größeren Gefahr für uns sein. Ihre Entwicklung verlief nicht parallel zur unseren. Sie haben sich längst von der der Menschen getrennt. Ihr Gehirn und seine archaischen Funktionen befinden sich auf unterschiedlichen Stufen. Um so zu werden wie wir, müssten wir ihnen noch einmal 800.000 Jahre Zeit geben. Das ist nie aufzuholen, da wir uns ja auch weiterentwickeln würden.«

So ist es. Ich habe mit Henin, Hagar, Ismaellarion und einigen anderen viele Dispute geführt. Es ist nicht nur die Königinpflanze, deren Macht sich in ihren Händen befindet. Es ist ihre Unfähigkeit, damit umzugehen. Sie würden alle Menschen um sie herum töten, sowie Pflanze und Tiere ausrotten – ohne die Folgen zu erkennen.

»Ich will euch etwas sagen«, wendet sich Henin nun langsam allen zu. »Die Neandertaler haben bereits in Eosines Visionen gezeigt, dass sie das Potential haben, uns zu knechten. Mehr noch, uns zu jagen. Sie mögen vielleicht nicht so gebildet sein, wie die anderen Menschen. Aber gerade deshalb bleiben sie gefährlich. Sie werden nie zivilisiert sein, unsere Stufe des Miteinanders erklimmen. Sie bleiben zeitlebens isoliert. Kennen kein harmonisches, gesellschaftliches Leben in einer größeren Gemeinschaft. Sie bleiben Barbaren.«

Einige springen auf. »Das ist doch nicht wahr. Keiner weiß, wie sie sich entwickeln werden, wenn sie die Möglichkeit haben, mit uns zusammenzuleben.«

»Sie sind doch bisher nur herumgestoßen worden, ohne eine wirkliche Chance, mit uns zusammen zu wohnen.«

»Doch, die hatten sie. Aber sie sind sozial degeneriert.«

»Nicht degeneriert. Sie können ein soziales Verhalten überhaupt nicht erst entwickeln.«

»Sie werden nie so menschlich sein, um mit uns zusammenzuleben.«

»Haltet doch ein«, ruft Hagar. »Es nützt nichts, wenn wir alle durcheinander schreien. Wir müssen uns ein Bild von der Möglichkeit machen, wenn sie die Chance erhielten, mit uns eine gemeinsame Kultur zu bilden. Ist das so?«

»Ja, natürlich. Sie handeln ja sogar schon mit uns.«

»Aber ohne Geld. Das begreifen sie einfach nicht, weil es ihnen zu abstrakt ist.«

»Und weil es ihnen keiner richtig beigebracht hat.«

»Jedes Volk, auch aus den Drittländern, hat sowas irgendwann kapiert. Ich sage, sie sind zu einer höheren Kulturentwicklung nicht in der Lage!«

Es ist augenscheinlich, dass wir auf diese Art noch viele Tage miteinander diskutieren werden, ohne dass es zu einer Lösung kommt. Denn hier fehlen die Beweise. Hypothesen reichen nicht aus, um über das Schicksal einer Rasse zu entscheiden. Es muss konkreter werden.

Ich gebe Ismaellarion ein Zeichen. Er erhebt sich und beginnt: »Ich werde euch von einigen Eigenschaften des Gehirns beziehungsweise dessen Teilorgane erzählen.« Er schnäuzt sich vernehmlich und wendet sich dann wieder uns zu.

»Bei plötzlichen Bedrohungen wie Kriege oder Paniken übernimmt eine besondere Verbindung aus Neuronen die Steuerung des Gehirns: der Mandelkern oder Amygdala. Er ist im Temporallappen lokalisiert, dort befindet sich auch der Hippocampus, eine für den Zugang zum Langzeitgedächtnis und damit für die Angstkonditionierung wichtige Struktur. Er ist die Alarm- und Abwehraktivierungszentrale des Organismus.

In akuten Gefahrenlagen muss der Körper ohne Verzögerung reagieren. Doch haben die Funktionen des Mandelkerns auch einige für das soziale Zusammenleben unerwünschte Nebenwirkungen. Er reagiert besonders intensiv auf ängstliche und ärgerliche Gesichter - und das in Millisekunden, in einer Zeitspanne, in der gar keine bewusste Wahrnehmung zustande kommen kann! Das führt bei Menschen wie den Neandertalern, die durch ihre Entwicklungsgeschichte dafür disponiert sind, zu häufigen Aktivierungen und zur Neigung, spontan feindselige Impulse zu projizieren.«

Er hält einen Augenblick inne, um seinen kurzen Vortrag abzuschließen. »Wie aus verschiedensten Untersuchungen, Einweisungen und Operationen bei den Neandertalern herausgefunden wurde, ist die Amygdala bei ihnen geradezu chronisch hyperaktiv, zeigt eine erhöhte Stoffwechselaktivität und ist stark vergrößert. Ihr Hippocampus ist nicht unbedingt immer unteraktiviert, aber aufgrund der großen, oft unbewussten und archaischen Angstzustände und Depressionen um bis zu 20% geschrumpft.«

Allgemeines Geraune erfüllt die Halle. Einige stehen auf, andere schauen verblüfft ihren Nebenmann an. Ich beobachte die Leute. Es ist wichtig, wie sie reagieren. Sie müssen vollkommen von der Gefahr überzeugt sein.

»Willst du damit sagen, dass die Neandertaler durch all die Kriege und Unterdrückung, die sie bisher erfahren haben, neurotisch ängstlich und krank sind?« Iosain schaut in die Runde. »Dass hieße ja, sie als ganzes Volk für pathologisch zu halten.«

»Ich will damit sagen, dass sie unberechenbar sind. Und zeitlebens eine Gefahr darstellen. Eine Bedrohung, die sie mit der Königin im Rücken zu einem Desaster werden lassen können. Ohne sie aber bleiben sie immer noch ein Gefahrenpotential, uns alle zu vernichten. Wir oder sie, das ist die finale Entscheidung!«

Ismaellarion setzt sich mit hörbarem Schnaufen. Und noch bevor sich die anderen eine endgültige Meinung bilden können, sage ich laut: »Wir können nicht immer die Geschichte zurückdrehen, wie es uns beliebt. Wir werden es nur einmal tun, um die Neandertaler ein für alle Mal zu eliminieren. Und nicht immer erneut halbherzig beginnen, sobald sie sich von einer bedrohlichen Seite zeigen.«

Ich habe gehofft, den anderen genug zum Nachdenken gegeben zu haben. Dennoch ruft Iosain sofort: »Aber das ist Völkermord nur aufgrund von Annahmen. Keiner weiß, wie der Neandertaler sich wirklich ohne die Königin entwickeln wird. Und ob er nicht auf eine zivilisiertere Weise in die Menschheit eingegliedert werden kann. Denn das, was du da vorschlägst«, und er wendet sich erzürnt direkt an mich, »dass ist ebenso unsozial. Du verurteilst ein ganzes Volk aufgrund einer sozialen Destabilisierung zum Tode. Das ist menschenfeindlich!«

Noch so ein Wort, das die Moderne gebracht hat. Früher wurden egoistische Figuren wie Alexander, Cäsar oder Napoleon verehrt, weil sie genial ihr Reich vergrößerten.

Da erhebt sich Tikone das erste Mal. »Sind wir denn nicht alle Neandertaler? Stammen wir nicht alle aus derselben Zeit? Fließt nicht auch ihr Blut in unseren Adern? Nur, dass es sich mit denen des modernen Menschen gekreuzt hat? Und uns erschuf?« Ihre Worte hallen wie Donner durch den Raum.

»Ja«, ruft nun auch Isamira, »sind wir denn nicht mit ihnen mehr verwandt als mit den sapiens?«

»Hätten wir uns weiter vermischt, wären wir jetzt so wie die sapiens.« Auch Iosain ist aufgestanden. »Da wir es aber bei einer einzigen Vermischung beließen, sind sie es, die unsere Halbbrüder sind. Nicht die Menschen. Die Neandertaler, die auf einer Entwicklungsstufe mit den Javamenschen standen, sind unsere engsten Verwandten!«

Als ich Afrika verließ. Diese weiten Wanderungen, in denen wir auf die Anderen, die Flachköppe stießen. Und uns zu Ikonen der Welt erhoben. Ja, sie hat Recht. Auch ihr Blut fließt in unseren Adern. Und etwas davon hat uns zu den Tjuokurpa gemacht. Mit all diesen Fähigkeiten, unserem Wissen, unserem Gedächtnis.

»Aber sie sind nur die Asche, aus der wir uns erheben«, sage ich. Ein Bindeglied einer kurzen, archaischen Evolution, wie es einstmals auch der Voraffe war.« Stille. Gibt uns unsere Vervollkommnung das Recht, über andere zu richten?

»Wie willst du es denn verhindern, dass die Neandertaler und die Königin noch einmal zusammenfinden?« Iosain bringt es schließlich auf den Nenner.

Es ist der Komet, der das Schicksal der Geschichte entscheidet. »Erinnert ihr euch noch des Kometen, der einst über Isamiras Stamm hinweg stürzte, als sie auf die Neandertaler traf? Dies war der Wendepunkt ihres Schicksals. Wie ihr wisst, konnte nur diese eine Gruppe überleben. Das muss sich ändern.«

»Wie soll das geschehen?« fragt Iosain ungläubig.

»Er darf die Erde diesmal nicht verfehlen. Er wird sie treffen. Am Fuße des Kaukasus!«

Die Umstehenden sind entsetzt meiner Worte. Iosain wie Isamira gucken mich mit schreckensweiten Augen an. Doch ich bin noch nicht fertig.

»Und es werdet ihr beide sein, die ihn umleiten. Denn nur ihr werdet die Macht haben, körperlich in die Vergangenheit zu fliegen.«

»Wieso wir?«

»Weil ihr die Königin schafft, die euch führen wird!«

Das wissen sie beide bereits. Nur die Tragweite ihrer Handlung scheinen sie noch nicht zu akzeptieren.

»Du willst die Neandertaler also vernichten, weil sie die Königin gestohlen haben?«

»Ja, sie sind Diebe und Kannibalen.«

»Aber reicht das für einen Völkermord aus?« Iosain braucht einen letzten, überzeugenden Grund.

»Wenn sie die Mörder der Menschheit sind, ja! Die Ozeane werden über die Ufer treten. Und Tiere und Pflanzen werden in der Hitze vergehen.«

Wir oder sie. Letztlich kann nur eine Spezies gewinnen. Die Tjuokurpa.

Doch was wird aus den Menschen? Sie werden sich unter unseren Schutz stellen. Von ihnen geht keine Gefahr aus, die uns bedrohlich werden könnte.

Ich hoffe, ich habe jetzt auch den letzten überzeugt. Wir haben keine andere Wahl. Wir sind die Hüter der Erde.

Die Unumgänglichkeit einer Zukunft, die uns töten wird, setzt sich wie ein Mantel um uns. Hüllt uns ein, bindet und umschließt uns.

Doch Iosain stellt sich nun demonstrativ neben Isamira. Ich darf nicht zulassen, dass sich beide gegen mich verschwören. Ich spüre, dass weiterhin Vorbehalte vorhanden sind. Ich muss ihnen beweisen, dass es keinen anderen Ausweg gibt.

Ich habe die Pflanze, die hier lebt, die längste Zeit besessen und am intensivsten genutzt. Ich bin die Mutter aller Tjuokurpa, und Quuanqunquum hat mich dazu gemacht. Nun ist es an mir, es ihm zu danken. Ich bitte die beiden, mir zu folgen.



Wir sind wieder hier unten, am tiefsten Punkt der Grotte. In der Nähe pulsiert der Wasserspiegel und rinnt in kleinen Schaufeln nach oben. Wir hören ab und zu das Glucksen eines Bächleins. Bis auf dies und das Scharen unserer Füße ist es aber absolut still. Das Erdinnere umschließt uns wie eine gewaltige Faust.

Es ist ziemlich heiß hier. Tarranga, der alles reguliert, dämmert unter uns. Sein Herz schlägt langsam, und bei jedem Mal rinnt ein wenig seines Blutes als rote Lava über die Kante seiner Schlote und ergießt sich in die Korridore und Grotten unserer Welt.

Doch wir kennen die Vorzeichen, vernehmen sein frühes Schnauben. Und bringen uns in die Sicherheit entfernterer Höhlen. Es passiert nicht häufig. Aber jedesmal löst sich aus den Schlacken, die er ausspeit, ein schwarzer Strom dünner Flüssigkeit, die sich mit unserem Humus verbindet. Es fließt in die Erde hier unten, in der die Bäume und Körner gedeihen. Und es ist ein wahrer Quell, der die Pflanzen und Tiere nährt. Ihnen eine Kraft gibt, hier unten ohne das Licht der Sonne auszukommen. Ohne Photosynthese. Und nur hier erhält Quuanqunquum die Energie, wieder eine Königin zu schaffen. Und die Zeiten den Menschen zu ebnen.

»Das Magma des nahen Vulkans, den wir Tarranga nennen, seine Hitze und Energie wird euch die Kraft geben, die Geschicke der Welt weiterhin zu bestimmen«, sage ich. »Nur von hier aus ist es möglich, in die Evolution der Natur einzugreifen. Und eine neue Königin zu schaffen. Und nur durch euch wird dies vollbracht.«

»Und alles, um einen Kometen dorthin zu werfen, wo dereinst Neanderthal sein wird«, erwidert Iosain bockig.

»Das ist die Aufgabe der Reisenden. Eure Aufgabe, wie sie von den Ahnen – euch selbst – zugedacht ist.«

Alles auszurotten, das sich gegen die Evolution und den Fortschritt wendet. Der Komet als Vollstrecker. Das Schwarze Meer wird ein einziger Ozean werden, der sich mit dem Mittelmeer halb Sibirien teilen wird.

»Könnt ihr euch vorstellen, was wäre, wenn wir es nicht täten?« Sie schweigen, doch ihre Augen flirren vor Erwartung einer Antwort. »Auch Australien würde überschwemmt werden. Und mit ihm Al Erador, die Geburtsstätte des Quuanqunquum. Und wenn hier ein großes Meer entstünde, wo jetzt Tarranga mit seiner Gluthitze sitzt«, und ich halte beinahe den Atem an, »dann gäbe es keine Möglichkeit mehr, eine neue Königin zu gebären.« Jetzt endlich erkenne ich, dass sie bereit sind. Für die letzte Handlung. Für die Königin. Und für die Reise, die den Kometen auf die Erde schickt.

Und aus seiner Asche wird etwas Wunderbares entstehen. Und nicht anders wird die Geschichte wieder beginnen, die ich dann für die Erde bereit halte.



Allen ist klar, dass nun die Wege frei sind, die Zukunft, wie ich sie gesehen habe, zu verändern. Selbst Isamira hat endlich eingesehen, was es mit ihrer Bestimmung auf sich hat. Sie ist dazu geboren, der Schöpfer einer neuen Welt zu werden. Mit Iosain an ihrer Seite.

Er ist schon längst dafür bereit. Ich sehe es seinen Augen an, wenn sie im Dunkeln der Nischen ihren bläulichen Schimmer versenden. Der aus der hinteren Netzhaut seiner Sehnerven zu kommen scheint. Und von innen die Eindrücke stärker reflektiert. Es wäre schade, wenn er diese Farbe verlöre. Schon jetzt kann er hier im Dunkeln besser sehen als die anderen Neuankömmlinge. Und ich hoffe, dass er nicht wie alle anderen unsere roten Augen erhält. Ich hoffe, er wird der Stammvater einer neuen Generation.

Ich bin die Urmutter der Tjuokurpa. Seit damals in Afrika vor circa 100.000 Jahren. Dort hatte ich das Quuanqunquum gefunden. Mit ihm erhielten wir die Macht, die Geschicke der Erde zu ändern, indem wir sie bereisten. Ich werde in diesen Tagen nicht müde, den Neuen die Geschichte des Krautes zu erklären.

»Aber wie gelang es dir wirklich, durch die Zeit zu fliegen?« Halma aus dem Clan Isamiras setzt sich zu mir.

»Was den Schamanen zunächst nur durch eine weitere Entwicklung ihrer neuronalen Areale gelang, ermöglichte mir damals schon die Pflanze.«

»Die Pflanze?« Isamira und natürlich auch Iosain sind dazu gekommen. Sie sind unzertrennlich. Und ich bin gespannt, wann sie die Führung Al Eradors übernehmen werden. Aber eigentlich weiß ich es schon.

»Ja. Mit ihr konnte ich bereits in die Vergangenheit und auch Zukunft fliegen. Was den Schamanen erst viel später, und dann auch nur in der Gegenwart möglich war.«

»Wie das? Ich hatte immer das Gefühl, dass meine Pflanzen mich mitnahmen. Ich eigentlich nicht selber flog«, sagt Isamira.

»In der Tat. Quuanqunquum ist es, das durch Zeit und Raum fliegt. Du erhältst nur die Sinneseindrücke, die es dir dabei vermittelt.«

»Dann bin ich niemals wirklich weg gewesen?«

»Nicht körperlich. Nur in deinem Geist.«

»Und... und, wie kann es dann geschehen, dass ich mit der Königin fliegen kann, um auch physisch präsent zu sein?«

»Isamira, das überlass der Königin. Sie wird euch sicher durch das Universum führen. Aber zunächst muss eine neue geschaffen werden, was nur hier unten am Fuße des Vulkans geht.« Ich sehe sie mild an.

»Und wie ist es den Schamanen gelungen, zu reisen? Ohne die Pflanze. Wenn auch nur durch die Gegenwart?« fragt Iosain ein weiteres Mal.

Es gibt noch soviele Frage, die ich beantworten muss. Auch ihm will ich eine Mutter sein. »Als wir, die vor 100.000 Jahren aus Afrika kamen, auf die Javamenschen trafen und uns mit ihnen paarten, geschah es manchmal, dass sich als Folge ihrer Vermischung bei den Kindern das Keilbein im Schädel ein 6. Mal krümmte. Von nun an konnten sich unsere Kinder an alles erinnern, was ihren Vätern oder Müttern geschah. Sie erhielten ein genetisches Gedächtnis. Und noch viele andere Fertigkeiten mehr, wie ihr wißt. Diejenigen, deren Geist zusätzlich in der Lage war, zu reisen, wurden Schamanen genannt.

Diese Wandlung ereignete sich aber nur beim ersten Mal. Eine jede weitere Vermischung machte diesen evolutionären Sprung wieder zunichte. Das heißt, dass wir, die sich später die Tjuokurpa nannten, sich nur noch untereinander vermehren durften.«

»Und dieses Keilbein. Was ist das?« hakt Iosain nach.

»Im Verlauf der Evolution der Säugetiere krümmte sich die Schädelbasis immer weiter, wurde abgerundet, erhöhte das Hirnvolumen, flachte das Gesicht zusehens ab, zog den Unterkiefer nach hinten. Mit jeder weiteren Krümmung erhielt das Tier einen neuen evolutionären Vorteil. Zuerst saßen die Augen vorn, die Gehirnmasse erweiterte sich. Der aufrechte Gang entstand. Und damit Intelligenz. Werkzeug wurde hergestellt. Nun endlich, beim 6. Sprung, hat sich das phylogenetische Gedächtnis eingestellt. Wissen wird von nun auch durch die DNA weitergegeben.«

»So ist Intelligenz letztlich von außen bestimmt?«

»Nein, aber ihre Anlagen werden durch Evolution und Mutation ständig verbessert. Sowas ist zum Beispiel die Krümmung des Keilbeins, die mehr Raum und Zuordnung für Hirn und Nebenhirnrinde schafft.«

»So sind die Schamanen stärker mutiert als die anderen? Nur ihnen ist es schließlich möglich zu fliegen und in die Köpfe anderer einzudringen. Warum Keinem sonst?«

»Und das war nicht immer sehr angenehm«, pflichtet Isamira Iosain bei.

»Nur den Allerwenigsten passierte es, dass sie noch mehr erhielten. Ihren Geist noch weiter öffnen konnten. Heute nennen wir sowas Telepathie. Sämtliche Phänomene der außersinnlichen Wahrnehmung gehen auf diesen Ursprung zurück. Selbst der Eindruck des Fliegens ist nichts anderes als Levitation.«

»Aber du sagtest doch, das wäre nicht real«, wendet Isamira ein.

»Richtig. Hierbei spreche ich auch bewusst von Eindrücken, nicht von körperlichen Erlebnissen. Das geht nur mit der Königin.«

»Also ist die Pflanze der Bote von Gedanken und Eindrücken. Sozusagen die Transportachse zwischen unseren Gehirnen«, folgert Iosain.

»Aber wie kann es ihr denn gelingen?« Das ist die Hauptfrage, die Isamira beschäftigt. Und es wird sie noch vielmehr betreffen, wenn sie bald körperlich dabei ist. Sie und Iosain, wie ich vermute. Denn er hat die gleiche Stärke wie sie. Und ich bin überzeugt, auch bei der Erschaffung einer neuen Königin ist er unabkömmlich.

Die Königin. Ja, sie ist etwas ganz besonderes. Sie ist das eigentliche Quuanqunquum. Das geschaffen wurde von den Vorahnen. Von denen, die es uns als ihr Erbe hinterließen. Als eine Gabe, die von der Pflanze gesteuert wird.

»Weil sie organisch ist und doch mehr.«

»Überirdisch?« fragt Iosain.

Nein, nicht diesen Rückschluss. Er würde uns alle verwirren.

»Sie entstammt dem höchsten Wissen derer, die sie uns hinterließen. Ich bin sicher, es war ein weiterer Evolutionssprung, eine letzte Krümmung, die 7., die sie befähigte, Quuanqunquum herzustellen. Das eine mentale Verbindung mit uns eingehen kann. Vielleicht sogar uns zu beeinflussen in der Lage ist. Zumindest zu führen«, schließe ich mit einem Seitenblick auf Isamira du Iosain.

»Aber warum? Weshalb blieben sie, die Schöpfer der Pflanze, nicht weiter die Richter und Beschützer unserer Erde?«

»Weil sie nicht mehr hier sind. Es hat sie sozusagen nie gegeben. Wir sind nun sie.«

»Sind sie ausgestorben?« fragt Isamira verblüfft.

»Nein. Aber sie haben die Zeitlinie geändert. Und sind dadurch nicht mehr existent. Doch vorher haben sie uns Quuanqunquum hinterlassen.«

»Dann müssen wir aufpassen, dass wir uns nicht selbst auch auslöschen, wenn wir die Geschichte ändern wollen«, sagt Iosain leise.

»Ich glaube nicht, dass sie bei allem Genie so unklug waren, sich selbst auszulöschen.« Ich überlege. »Ich glaube, sie sind jetzt woanders. Und werden vielleicht nie mehr zurückkommen.«

Ich weiß, dass sie für alles gesorgt haben, uns eine sichere Welt zu hinterlassen. Sie haben uns Quuanqunquum gegeben, das hier am Vulkan in AL Erador bestens versorgt ist. Und sie haben darauf geachtet, dass das Kraut und sein Samen stets zu uns kamen. Und sie werden, auch da bin ich gewiss, Vorsorge getroffen haben, dass wir – vielmehr die besten von uns – Iosain und Isamira, stets eine neue Königin zu schaffen in der Lage sind.

Ja, vielleicht brauchen sie nicht mehr zurückkommen. Wenn sie uns die Möglichkeit hinterlassen haben, dass wir in ihnen weiterleben können. »Aber«, hierbei winke ich endgültig ab, »darüber kann ich nun wirklich nichts sagen. Dieser Zeitstrahl liegt außerhalb meiner Kräfte und Möglichkeiten. Wenn, dann ist es an euch, weiter durch die Zeiten zu reisen, als je einer zuvor. Und das Geheimnis der Altvorderen zu ergründen. Ihre Motive und letztlich ihren Verbleib.«

Ich seufze nicht das erste Mal an diesem Tag. Aber uns Vorstellungen und Wünschen hinzugeben wird erst möglich sein, wenn wir überhaupt noch eine Zukunft haben.