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Literatur

Saga Homo Novalis

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Iosain Flammenhand 15.104

W ir siedeln mittlerweile im Herzen des Landes. Seit Generationen schon leben wir abseits der Pfade der Wingen. Aerandil, der nicht mehr ist, hat uns eine eindringliche Botschaft hinterlassen. Unsere Fähigkeiten sind wie ein Fluch: Um sie zu erhalten, müßen wir getrennt sein von jeglichem anderen menschlichen Leben. Wir dürfen uns nicht vermischen noch zu lange von anderen Tjuokurpa getrennt sein. Und doch können wir nur überleben, wenn wir eine Mindestzahl nicht unterschreiten.

Elase hat es einmal ausgerrechnet. Wir müßen mindestens 1000 Leute im Clan sein, um zu bestehen. Weniger zu sein, heißt, sich zu sehr untereinander zu paaren, was auch nicht gut ist. Dann werden wir schnell krank und leiden unter Unfruchtbarkeit.

So steht der Gedanke im Raum, daß wir eine Unzulänglichkeit mit einer anderen aufrechnen. Denn nicht zu sein, wie die meisten Menschen, ist sicherlich eher unnormal. Jede menschliche Andersartigkeit hat diesen Anschein.

Wobei ich mich letztlich frage, warum wir trotz unserer hervorstechenden Fähigkeiten nicht die Bürde des Unnormalen abwerfen können. Denn normal ist, was am meisten auftritt. Es liegt sicher daran, daß wir uns nur untereinander vermehren dürfen. Uns fehlt frisches Blut, die Vielseitigkeit der Möglichkeiten. Ich glaube, da, wo die Wingen herkommen, gibt es unheimlich viele Menschen wie sie. Wir hingegen drohen eher auszusterben, als die Erde zu erorbern.

Meine Gedanken fliehen zu der Zeit, als wir unser noch sicher waren. In den Bergen des Lamatt. Es gab damals einfach zu wenig Menschen, als daß eine Vermischung entscheidend gewesen wäre. Jetzt werden es immer mehr von den anderen. Sie kommen von allen Seiten, und ich verlege mein En-Dor immer weiter in die Wüste. Hier ist es sehr heiß, und die Erinnerung an die grünen Wiesen der Küsten verleiht ihm nun einen Abgeschmack der Glorie.

Die Buschbrände der Wingen treiben uns immer weiter ins Zentrum der Unwirtlichkeit. Obwohl es auch häufig geschieht, daß sie diese Feuer legen, um nicht nur gefährliche Tiere, sondern auch unliebsame Nachbarn loszuwerden. Ein leeres, totes Gebiet hinterlassend. Das niemand haben will. Irgendwann brauchen wir garnicht mehr weggehen, weil sie freiwillig diese unfruchtbaren Ebenen meiden. Doch egal wo wir sind, wir leiden sichtlich unter den Folgen der Abholzung und der Waldbrände.

Die Ironie liegt darin, daß sie diese Techniken, die Flammen zu beherrschen, erst von uns gelernt haben. Wir waren ihre Lehrmeister, beinahe ihre Götter, die sie schlecht berieten. Jetzt, in der Abgeschiedenheit unseres Rückzugs, sind sie uns eine Mahnung. Jedes Wissen muß beherrschbar sein. Wer nicht vermag, es sorgsam zu verwenden, tut nicht Gutes, sondern Schlechtes.

Wir wissen es zwar besser: Zunächst haben uns die großen Buschbrände dazu gedient, Feuer mit Feuer zu bekämpfen. Dann haben wir bemerkt, daß aus ihrer Asche Pflanzen schneller und fruchtbarer wachsen. Oft haben sich Wiesen und Wälder erneuert und aufgefrischt. Denn ihr Samen hatte nach wie vor im Boden geschlummert.

Wir wollten, daß die Wingen es uns gleich tun würden: Sie sollten auch anfangen, sich niederzulassen und den Acker zu bebauen. Getreide, Kräuter und Fruchtbäume durch eine richtige Bearbeitung des Bodens zu Garanten der Überwinterung und des Überschußes werden lassen. Tanatanjapol hat es ihnen gezeigt. Wie sie mit kleinen Kanälen, die sie von den Flüßen und Bächen ziehen, die Felder bewässern. Schnell blühen so die Pflanzen und ergeben reichhaltig Frucht. Süße Feigen wachsen auf den Palmen, und Büsche voller Beeren gedeihen im Schatten der Bäume. Selbst Ziegen und kleine Bären können in eigenen Gehegen leben. Sie sorgen immer für frisches Fleisch. Das ist besonders wichtig für uns, da es kaum noch wilde Tiere in diese Gegend zieht.

Doch die Wingen haben es nicht verstanden. Nun ist es zu spät. Schon seit langem hatten sie angefangen, das Wild auch mit Feuer zu jagen. Zunächst, um es einzukesseln und zu fangen. Gegrilltes Kleintier ist dabei eine treffliche Zugabe. Dann taten sie es mit allem anderen. Auch mit denen, die garnicht schmackhaft waren, aber ihnen gefährlich werden konnten. Sie haben vieles ausgerottet, Pflanze und Tier, und nicht einmal einen wirklichen Vorteil davon gehabt. Und wenn ich an Eloin denke, haben sie es mit uns genauso gemacht. Sie nennen diese Feuerlegung Biral, als ob ich etwas damit zu tun hätte. Doch für sie war es wie eine Offenbarung, das Feuer zu beherrschen. Und die Macht der Schöpfung aus ihm zu ziehen.

Später sind sie sogar dazu übergegangen, mit dem Gras der Wiesen eine Art Sprache aufzubauen. Sie lernten, sich auf große Entfernung Rauchsignale zu geben, ohne die Beschwerden der Wanderung zu erleiden. Natürlich verstehen wir, daß es Menschen, die nicht zum geistigen Reisen befähigt sind, auf andere Weise reizt, sich über die Berge zu erheben.

Aber nun haben sie erreicht, daß die Natur sich ändert, weil sie vergeht. Ohne darauf zu achten, ob sie sich wieder erholt. Ganze Tierbestände sind vernichtet. Allein schon dadurch, daß ihnen die Nahrungsgrundlage fehlt.

Es ist überall heißer geworden. Die Sommer wollen nicht enden. Und unsere wenigen Pflanzen, die wir für unser En-Dor nutzen, verdörren in der sengenden Sonne. Die Wüste hat sich ausgebreitet. Regenwälder werden immer weiter zurückgedrängt und durch Eucalyptus ersetzt. Steppenähnliches Grasland breitet sich aus. Hier, wo wir sind, gibt es nur noch einige Landstriche mit Pflanzen, die Wasser speichern und den Boden halten. Oft stehen kahle Felsen anstelle des unendlichen Djungels, der einstmal war.

So bleibt uns das Leben in einer Abgeschiedenheit, die uns bald auch nicht mehr ernähren kann. Ich denke an den Stamm von Orin. Sander hat schon seit tausenden von Jahren nicht mehr zu Henin gesprochen. Die Erneuerungen Elases, ehedem ein Becken erfrischender Gedanken, sind versiegt. Wir wissen nur, daß sie Aerandil gefolgt waren. Zu einer Felsengruppe, die die Große Höhle, Al Erador unter sich bergen sollte. Aber es war wohl nur ein Augenschein, eine Verblendung. Denn nie wieder haben wir von ihnen gehört.

Mein Clan ist noch ziemlich stark, denn er hat sich rechtzeitig aus zweien zusammengesetzt. Baltasa und Tanatanjapol, der einst meine Schwester zur Frau nahm, sind noch geblieben. Doch auch sie plagt die Sehnsucht nach Quuanqunquum, dem Ziel all unserer Mühen und Qualen. Zu dem wir einst aufbrachen, und das wohl doch für uns nicht erreichbar scheint.

So wird auch mein Sohn, Iosain der Kleine, in dieser Welt aufwachsen, ohne die Hoffnung auf eine Verwirklichung seiner Wünsche und Hoffnungen. Denn was wir uns einst erbaten, gebrach in pfadlosem Untergang. Die Aufreibung für einen Glauben verringerte unsere Kraft. Und was wir noch vorfanden, schied mit der Versteppung des Bodens dahin. In der Verkarstung der tiefsten Wüste erhält uns nur die Fähigkeit zur Anpassung. Und vielleicht ist das ja unser Ziel: Dort zu bleiben, wo nur wir überleben können. Fernab anderer Menschen. Fernab von üppigem Wohl und Überschuß.

Iosain kommt zu mir gelaufen. Ich betrachte seine runden, roten Backen, die ein Sechjähriger noch hat. In 8 Jahren ist er erwachsen. Aber schon formt sich sein ovales Gesicht. Die hohe Stirn unter dem blonden Haar. Die flache Nase mit dem zurückfallenden Kinn, daß einmal ein mächtiger Bart wie bei mir bekränzen wird. Schon jetzt ist er größer als seine gleichaltrigen Freunde. Als er vor mir steht, kann ich das Blau seiner Augen erkennen.

»Was machst du da?« fragt er mich mit seiner hohen Stimme.

Ich halte den Stab hoch, den ich nun in schwarzen Schleim stecke. »Du kennst doch Beatasar, die Fackel?«

»Ja.« Mit seinen großen Augen schaut er mich an.

»Diese Schmiere hier habe ich in einem Loch tief in der Erde entdeckt. Wenn man Beatasar dort hinein taucht, brennt er stundenlang.«

»Ohne aufzuhören?« Staunend betrachtet er die Schlacke.

»Zumindest hält sich die Fackel so wesentlich länger.« Ich nehme ihn auf meinen Schoß. »Ich muß nur noch herausfinden, woraus das Zeug besteht, um es einmal selbst anfertigen zu können.«

Iosain beugt sich vor den Topf mit der klebrigen, zähen Maße. »Es stinkt zumindest. Das brauchst du dann nicht nachmachen.«

Ich lache. Vielleicht wird er ja einmal herausfinden, es zu vermeiden.

Dann stehe ich auf, und wir gehen in den Sonnenuntergang. In der Rechten halte ich die geschwärzte Fackel. In meiner Tasche habe ich noch etwas Besonderes. Eine Zündel. Das ist ein Schwamm aus einem Pilz, den ich in einem abgestorbenen Baum gefunden habe.

Als wir am Rand des Hochplateaus angekommen sind, breitet sich die Landschaft unter uns aus. Der Horizont zieht eine flirrende Linie aus Hitze und Staub. Senkrecht abfallend der graue Fels. Nur leicht unterbrochen durch einige scharfe Grate, die wie die Treppen eines Riesen anmuten. Dann rote Wüste, die den Horizont berührt und über ihn hinausgeht. Dort, wo aus blauem Himmel die Sonne jetzt orange in die Nacht eintaucht. Es ist fast zu sehen, wie sie kleiner wird und verschwindet.

Plötzlich ist es kalt und dunkel. Jetzt nehme ich den Pyrit heraus, meinen Feuerstein, schlage ihn an den Fels und halte den Pilz darunter. Sogleich sucht sich der Funke ein trockenes Bett. Und wie eine Stichflamme schießt er hoch. Ich halte Beatasar hinein. Der schmierige Schleim entzündet sich sofort und wärmt uns. Ich halte ihn über den Abhang und schaue, wie sich der Schein der Fackel in die Nacht frißt.

Iosain der Kleine späht auch hinunter. Doch dabei löst sich ein Stein unter seinen Füßen. Schnell verliert er das Gleichgewicht und fällt auf die Kante des Felsens. Ich kann ihn nicht halten, als er hinunterzurutschen beginnt. »Iosain«, schreie ich verzweifelt, doch er ist schon aus meinen Augen.

Beunruhigt schiebe ich die Fackel über den Abhang. Tief unten vermeine ich, eine Bewegung zu sehen. »Iosain«, rufe ich noch einmal und suche bereits einen Abstieg. Dann halte ich mich mehr rutschend als gehend an Gräsern und Vorsprüngen fest, die aus dem Berg wachsen. Immer wieder nehme ich die Fackel, schaue nach unten. Rufe. Doch keine Antwort.

Ich knie mich hin und horche in die Dunkelheit des Hanges. Nichts. Strenge meine Augen an. Reiße sie weit auf. Leuchte überall mit der Fackel hin. In jede kleine Felsnische, hinter jeden Vorsprung. Oft geht es dahinter steil bergab. Aber meine Fackel reicht nicht aus, bis zum Boden des Tales zu scheinen.

Soll ich noch tiefer klettern? Doch zunächst will ich noch einmal an Höhe gewinnen, um mir einen größeren Überblick zu verschaffen. Nur unwillig tu ich es, muss mich dazu zwingen. Spüre, wie ich mich wieder von ihm entferne. Der da irgendwo ist. Vielleicht schwer verletzt. Und meiner braucht.

Knapp unterhalb der Grasnarbe, an der die Anhöhe sich in die Ebene erstreckt, halte ich inne. Vor mir die Fackel, die hier kaum eine Wirkung erzielt. Ich teile ihren Schaft und werfe einen kleinen, brennenden Ableger hinunter. Doch alsbald verschwindet der Lichtpunkt hinter den Vorsprüngen. Entsetzen schüttelt mich und ergreift meine Brust wie unter einer Zwinge. Wild schaue ich mich um.

Da ist mir auf einmal, als ob ich einen winzigen Stern von oben herabsegeln sehe. Er kommt auf mich zu, wird größer. Es ist wie ein Stern, aber durchscheinend und hohl. Eine Art Reif, der aufglüht und über einer Felsspalte am Berghang verharrt. Hell leuchtet er in der Nacht, und in seiner Aura erkenne ich eine Bewegung. Es muß mein Sohn sein.

Ohne weiter zu überlegen, kletter ich hinab. Hastig, schnell, so daß ich aufpassen muß, keine Geröllbrocken zu lösen, die ihm gefährlich werden können. Doch unvermindert haste ich auf ihn zu. Den grauen Schatten, der sich im Widerschein des Lichtes tatsächlich als Iosain herausstellt. Da liegt er. Auf einer kleinen Plattform, die aus dem verwachsenen Hang ragt. Ich springe darauf und komme hart auf. Krieche zu ihm.

»Was ist los? Sag doch was?«

Ich fühle sein Herz und seine flache Atmung. Er lebt. Aber aus seinem linken Ohr fängt es an zu bluten. Er ist ohne Bewußtsein und ist ganz leicht, als ich ihn aufhebe. Nun, als ich ihn trage, versinkt der Winkel dieses Berges wieder in Dunkelheit. Ich schaue mich um. Hoch über mir sehe den goldenen Schein, und wie sich etwas davon löst. Es ist ein kleines Einod, eine Art Ring, der vor mir klirrend zuboden fällt. Irritiert hebe ich ihn auf und stecke ihn in meine Tasche. Mein Blick geht noch einmal nach oben, und ich sehe, wie der kleine Stern gen Norden zieht, für eine kurze Weile anhält, als ob er mir etwas sagen wolle, bevor er endgültig hinter dem Rand der Wüste verschwindet.

Doch ich habe weiterhin keine Zeit, mir darüber Gedanken zu machen. Mit Beatasar in meiner anderen Hand suche ich nach einem Ausweg von dieser Felsnadel. Ein schmaler Schacht schneidet in den Berg. Ich muß etwas zur Seite klettern, um ihn zu erreichen. Braune Wurzeln von Büschen bieten meiner suchenden Hand Halt. Die Fackel flackert im leichten Wind. Es ist still hier. Nur mein keuchender Atem erfüllt die Luft.

Ich folge dem Schacht, der mich flach an der Flanke hinaufführt. Es muß ein ehemaliges, ausgewaschenes Flußbett sein. Das Geröll des Bodens bietet mir wenig festen Tritt. Meine Kraft läßt nach. Aber ich steige stetig an. Folge dem gewundenen Pfad. Iosain mit einer Hand über der Schulter haltend, ermüdet mich. Dann sehe ich im Schein meiner Fackel das Ende der Anhöhe. Erschöpft will ich meinen Sohn ablegen, um mich zu orientieren. Und da sehe ich in der Ferne das Dorf. Die leuchtenden Lichter seiner Feuerstellen. Den Rauch der Schlote und Kamine.

Ich fühle Iosains Halsschlagader kaum noch. Schnell erhebe ich mich wieder. Mit näherkommendem Lauf rieche ich auch die Düfte, die das Dorf ausströmt. Das Abendessen wird vorbereitet. Doch ich spüre keinen Hunger. Halte nicht ein, bevor ich nicht das Kurul von Henin erreicht habe.

Mittlerweile bin ich von mehreren Familien umringt. Aber bevor ich auf ihre besorgten und eschrockenen Fragen reagiere, öffne ich die Tür und schlüpfe ins Haus des Schamanen. Nur Ardennia, Iosains Mutter, und Kala, die Heilerin Baltasas, treten mit ein. Völlig verängstigt hakt sich meine Gefährtin an meinen Arm. Wendet keinen Blick von unserem Sohn. Und sagt kein Wort.

Henin liegt vor seinem Ofen auf dem Bett und zieht an einer Pfeife, die er voller wohl- und auch übelriechender Kräuter gestopft hat. Sogleich legt er sie beiseite und schaut mich fragend an.

»Er ist gestürzt und ohne Bewußtsein.« Ich lege Iosain auf die Schlafstatt des Schamanen. Vorsichtig befühlt er seinen Körper und nimmt seinen Kopf in die Hand. Tastet ihn ab. Iosain fängt plötzlich an zu stöhnen. Bleibt aber mit geschlossenen Augen liegen.

Das Blut ist dunkel und bereits getrocknet. Ob Henin schon erkannt hat, was mit ihm los ist? Jetzt holt er eine Kanne und füllt sie mit Wasser. Setzt sie auf den Ofen. Ich zünde das Feuer an. Er hantiert mit einigen Schalen, in die er Flüßigkeit schüttet oder Kräuter legt, ihnen einen Sud beimischt und alles mit einem Löffel vorkostet.

Kala bindet Bandagen zurecht, die sie mit Blättern und Rinde füllt. Bestreicht die zerschrammte Stirn des Jungen mit einer Salbe aus in heißem Wasser gelösten Quast. Ardennia hockt vor uns und beobachtet alles aus unruhig flackernden Augen. Reckt den Hals dorthin, steckt den Kopf hierein. Aber mischt sich nicht dazwischen.

Wir reden nicht. Schweigend gehe ich dem Schamanen zur Hand. Wir kennen uns gut genug, um zu wissen, was der andere will. Worte wären zu langsam. Erklärungen zu umständlich.

Dann flößt Henin ihm etwas von dem Gebräu in den Mund. Mühsam versucht Iosain zu schlucken. Aber das Stöhnen hält an.

Der Schamane legt ihn wieder aufs Bett und in die weichen Kissen. Hebt den Kopf. Schaut mich an. Ich kenne diesen Bick. Er besagt nichts Gutes. Sein Schweigen erzählt mir die Geschichten unserer Kinder.

»Gibt es eine Chance?«

Henin schaut zu Kala. »Wir werden noch Glaurin zu Rate ziehen. Ich vermute, es ist ein Bruch. Der Knochen des Kopfes ist leicht gespalten. Ein feiner Riß zieht sich über die linke Seite.«

Erschrocken halte ich den Atem an.

»Wird er überleben?« Ardennia ist aufgestanden.

»Den Riß des Kopfknochens ja. Sowas sieht schlimmer aus, als es ist. Er scheint nicht glatt durchbrochen zu sein. Das Gehirn ist weiterhin geschützt. «Ich weiß, er will uns beruhigen. »Das heilt wieder zusammen.«

Doch ich kenne ihn. »Da ist noch etwas, Henin.«

»Ja. Das Blut. Es sammelt sich im Inneren des Schädels. Es muß abfliessen.«

»Abfliessen?« fragt Ardennia.

Henin schaut zu Kala. »Sonst wird der Druck zu groß und drückt aufs Gehirn.«

»Ich könnte es mit einer Flüßigkeit versuchen, die das Blut dünn macht« , sagt Kala. »Aber wenn es nicht hilft, ist es vielleicht für alles andere zu spät.«

Da tritt Glaurin ein. Betrachtet Iosain gründlich. Beide Schamanen flüstern miteinander. Dann wenden sie sich zu uns.

»Wir werden etwas machen, das noch nie getan wurde. Und nur weil wir zu zweit sind«, hierbei schaut Henin zu Glaurin, »werden wir es wagen.«

»Was?« ruft Ardennia voller Ungeduld.

Henin schaut noch einmal zu Glaurin. Vergewißert sich dessen Einverständnis. Fast scheint er zu zögern. Dann tritt er auf mich zu. »Wir werden seinen Schädel öffnen. Und das Blut herausfliessen lassen.«

»Den Kopf aufmachen?« frage ich erschrocken.

»Es wird nur ein kleiner Kanal nötig sein. Dazu ein Sud, der ihm die Schmerzen nimmt. Er wird es garnicht spüren.« Glaurin geht aus dem Kurul. Er sagt nichts, aber wir wissen, daß er sich vorbereitet. Holt seine Werkzeuge.

»Wir werden gleich damit beginnen. Bei mir. Im Quaratar wird es zu dunkel und zu kalt sein. Und wenn uns etwas fehlen sollte, haben wir hier alles, was wir benötigen.«

»Ihr wollt sofort anfangen?« will es sich Ardennia noch einmal bestätigen lassen. Als ob sie es nicht glauben kann.

»Je eher, desto besser. Denn das Blut wird trocknen. Und dann bleibt es für immer im Kopf zurück.«



Die Kinder sind unser Vermächtnis an die Erde. Wenn wir ihnen alles richtig erklären, wird sie auch von ihnen gut behandelt werden. Und der Zug des Lebens geht weiter.

Doch wenn es geschieht, daß dieser Faden abgeschnitten wird, der uns mit den Nachkommen verbindet, dann müssen wir alles tun, um ihn wieder zusammenzusetzen. Nur eine Blutlinie mit einem unuunterbrochenen Erbe behält all ihre Fähigkeiten.

Der Eingriff ist vorüber. Abwechselnd wachen Ardennia und ich an der Bettstatt unseres Sohnes. Er ist nun wieder bei uns. In unserem Kurul. Liegt auf seinen eigenen Laken. Mit einer Decke aus Schlafbärenfell. Und einem Kissen aus den Daunen junger Vögel.

Sein Kopf steckt in einem Verband aus Rindenmulch und eingeweichten Blättern. Ich weiß nur, daß, nachdem er betäubt wurde, Henin und Glaurin zuerst einen Feuerstein zerschlagen und damit die Haare abgekratzt haben. Dort wurde dann ein Loch in seinen Schädel gebohrt. Mit einem feinen Stift aus Messinga, der vorne sehr spitz ist. Zusätzlich hat Tanatanjapol ihm mittels einer um sich selbst gewundenen Rille einen Drehmoment verliehen. So ist er leichter in den Knochen zu treiben. Zum Schluß wurde das Innere des Feuersteins nochmal an die offene Wunde gerieben, damit sie sich später nicht entzündet.

Nun haben sie das Loch wieder mit einem Brei aus Kräutern verschlossen. Diese werden bald von selbst abfallen, so daß der Knochen allein zuwachsen kann. Henin hat mir gesagt, daß viel Blut herausgesickert ist. Nun aber scheint es Iosain geschafft zu haben.

Ich sehe ihm zu, wie seine Brust sich im Rythmus der regelmäßigen Atmung hebt und senkt. Warm bullert der Ofen, den die Leute des Dorfes stetig mit Holz versorgen. Ich selbst bin von allen Aufgaben entledigt, um mich ganz dem Heilungsprozeß meines Sohnes zu widmen.

Ich muß wieder an Tanatanjapol denken. Wie er vor seinem Kurul den Ofen unterhielt und nimmer müde wurde, mit einem Blasebalg zusätzlich den Luftstrom durch den Ofen zu erhöhen. Das vermehrt nochmal die Hitzeentwicklung. Oben ist eine Öffnung und unten ein kleiner Schacht, durch den das Feuer die notwendige Luft ansaugt.

Heutzutage brennen wir Ton, den wir aus dem Lehm der sumpfigen Erde gewinnen. Aus ihm werden Krüge und Kannen, wenn sie fertig sind. Dieser Ofen aber ist etwas besonderes. Er kann noch mehr. Tanatanjapol hat es im Laufe der Jahre geschafft, die Hitze so zu erhöhen, daß es ihm nun gelingt, dieses Katanga, daß in den Bergen liegt, und das er unter einer Oberfläche aus Stein herausschlägt, zu schmelzen. Wenn er diese zähe, unglaublich heiße Flüßigkeit in eine Form aus gebranntem Ton gießt und alles noch einmal in den Ofen legt, dann wird das Katanga zu Messinga. Dem Stift, der durch Steine geht. Oder durch Knochen. Er braucht nur noch unter harter Feinarbeit die Rille einfügen, die sich von oben bis unten hinzieht. Dann ist der Bohrer endgültig fertig.

Ich denke nach. So ein hartes Messinga kann ich sicherlich auch für die Jagd gebrauchen. Wird sich beim Töten als nützlich erweisen. Doch dann wende ich mich beschämt ab. Es hat gerade meinem Sohn das Leben geschenkt. Nun will ich es dazu nutzen, es anderen zu nehmen. Das ist nicht sein Sinn.

Tikone tritt ein. Sie hält einen Becher mit einer dunklen Flüßigkeit in den Händen. Es ist ganz warm. »Trink das, es wird dich erfrischen.«

Dankbar nehme ich das Getränk an. Neben mir ist Baltasa, der sich an das Schnitzen eines neuen Bogens macht. Auch er erhält einen Becher. Jeder sucht sich eine Beschäftigung, um nicht sinnlose Gedanken an den Tod zu verlieren.

Ich schaue ihm zu. Er bemerkt meinen Blick. Doch scheint ihn die Arbeit zu sehr in Anspruch zu nehmen. Immer wieder gleitet sein Messer über den Stab. Mit der anderen spannt er ihn. Prüft seine Festigkeit und Elastizität.

Auch ich nehme mir meine Fackel und überlege, sie noch kleiner zu gestalten, damit sie leicht wie ein Pfeil fliegt. Wir verharren schweigsam und hängen jeder für sich seinen Gedanken nach.

Wenn wir in dieser unwirtlichen Gegend bleiben, dann dauert es nicht mehr lange, und unsere Familien werden dahin gehen. Eine jede für sich. Der Boden wird karger werden und das Dorf kleiner. Und irgendwann ist der Clan so geschwächt, daß der Stamm ausstirbt. Wie soviele andere.

Ich hebe den Kopf. »Etwas muß geschehen. So kann es nicht weitergehen. Die Felder trocknen aus. Das Vieh bleibt weg.«

»Ich werde gehen, sobald dein Sohn gesund ist.« Baltasa scheint wie zu sich selbst gesprochen zu haben.

»Du willst gehen? Wohin?«

»Du weißt, mein Weg war immer der des Krautes. Nur die Nähe deines Clans hat meinen davon abgehalten, ihn fortzusetzen. Jetzt ist die Zeit gekommen.«

Tikone, die noch anwesend ist, reißt erstaunt die Augen auf. Doch sagt keinen Ton. Daß wir eigentlich zwei getrennte Stämme sind, hat keiner vergessen.

»Es war richtig, zusammen zu bleiben«, fährt Baltasa fort. »Unsere Clans zu mischen. Sie sind jetzt sehr fruchtbar und gesund. Trotz der rauhen Gegend.«

»Weshalb willst du dich dann von uns trennen?« frage ich.

»Das will ich nicht. Ich will, daß du mitkommst!«

Doch ich war nie hinter der Reisepflanze her. Ihre Suche hat nie ein Ergebnis gebracht. War nie von Erfolg gekrönt. »Du willst Aerandil und Orin folgen, wo ihre Spuren im Sand verlaufen?«

»Ich werde sie aufnehmen und weitergehen. Denn ich bin mir sicher, es kann nicht mehr weit sein bis Al Erador.«

»Das dachten die anderen auch.«

»Aber ihre Familien waren nicht mehr stark genug. Litten an Auszerrung, waren zuwenig.« Er setzt sich auf. »Wir sind immer noch stark. Vielleicht stärker denn je.«

»Aber nicht, wenn wir uns trennen, Baltasa«, wage ich einzuwerfen.

»Das will ich ja auch nicht.« Jetzt schaut er mir lange in die Augen.

«Doch es wird der Tag kommen, da werden wir die Suche nach Quuanqunquum wieder aufnehmen.«

Ich weiß, es wird der Tag unserer Trennung sein.

»Sag mir nur, warum diese Pflanze noch so wichtig ist?«

»Gerade wo unsere Stämme ihre Kraft verlieren, wo wir endgültig von der Vermischung bedroht sind, müßen wir reisen können, um uns wieder zu treffen. Bevor es endgültig zu spät ist.«

»Aber du gehst von uns.«

»Du kennst unser Wissen. Damit meine Kinder irgendwann wieder zu deinen Kindern finden.«

»Und wenn nicht? Wenn du so endest wie Orin und all die anderen?«

»Es wird zumindest ein Tod sein, den ich nicht fürchte. Hier habe ich keine wirkliche Heimat. Die lag bisher in der Hoffnung. Hier vergehen meine Träume. Getrieben wie der Sand im Wind. Streuen sie dahin und finden doch keinen Halt.«

»Kein Halt und doch ein Boden, auf dem wir leben können.« Ich umarme Baltasa innig. »Und wenn es sein muß, werde auch ich aufbrechen. Aber ich werde zurück gehen, wo die Erde noch Früchte trägt. Und das Wasser die Berge hinabsteigt. Denn das Leben ist dort, wo die Natur grün ist.«

»Aber dort sind alle die, die wir Wingen nennen. Und sie haben noch viele andere Bezeichnungen.«

»Dann wird es meine Kunst sein, unter ihnen zu leben und doch für sie unsichtbar zu sein.« Ich lasse meinen Arm um ihn. »Das Leben ist nicht nur das, was wir sehen. Oft braucht es ganz bestimmter Sinne. Oder es bedarf der eigenen, sie zu schärfen.« Das Leben ist viel zu vielfältig, als daß wir untergehen können. Wozu sind wir die Tjuokurpa? Mit all unseren Fähigkeiten!



Es ist schade, Baltasa und all die anderen wie Tanatanjapol zu verlieren. Eigentlich sind sie nicht verloren. Wir werden immer Kontakt halten mit unseren Schamanen. Aber ich vermisse sie. Sie haben Zeit meines Lebens und vieler meiner Vorfahren zu uns gehört. Sind mit meinem Clan durch das immer unwirtlichere Land gewandert und haben es gemeistert. Seinen Boden fruchtbar gemacht. Und viele neue Mittel erdacht, auf dieser kargen Welt zu überleben.

Nun ist Baltasa aufgebrochen in eine unbekannte Zukunft. Lange habe ich ihm nachgeschaut. Dem Clan und seinen Familien. Bis sie kleiner wurden und hinter dem Horizont verschwanden. Werde ich sie jemals wiedersehen?

Mit Wehmut stehe ich jetzt erneut auf dem Plateau. Es ist lichter Tag, und an meiner Seite ist mein Sohn. Er ist vollkommen gesund geworden. Und nur eine kleine Narbe zeugt noch von dem Tag, als sein Leben nahe dem Tod war.

»Iosain«, sagt er, »warum gehen wir nicht mit ihnen?«

Es ist wahr. Diese Frage ist berechtigt. Aber sie könnte auch anders gestellt werden. Warum gehen sie nicht mit uns?

»Wir haben eine andere Bestimmung. Unsere führt nicht weiter in die Wüste.«

»Aber da soll doch das Quuanqunquum sein!«

»Keiner weiß es genau. Denn es ward niemals von uns gesehen.« Und keiner weiß wirklich, ob es eine Pflanze ist. Oder eine ganz andere Bedeutung hat.

»So suchen wir es woanders?«

»Ja.« Ich bin mir jetzt sicher. Unser Weg führt wieder zur Küste. Nach Norden, die Richtung, in die uns der glühende Reif rief. Ich habe bisher mit keinem darüber gesprochen. Denn mir selbst kommt er wie etwas Unwirkliches vor. Das ich nicht verstehe. Aber ich bin mir sicher, daß wir da, wo er hinging, eine bessere Chance zum Überleben haben. »Vielleicht ist das Quuanqunquum nur ein geeigenter Platz für unser Volk. Vielleicht bedeutet es ja Heimat. Und nicht Reisen«, entgegne ich ihm. Vielleicht liegt sein Sinn im Reisen zu ihm, nicht im Reisen mit ihm.

»Du hast Recht. Und obwohl es wirklich existiert, bleibt uns sein Sinn doch verborgen.«

Verblüfft schaue ich zu meinen Sohn. Solche Worte habe ich noch nicht von ihm erwartet. Und schon garnicht mit dieser Stimme... Ich sehe, wie auch er mich fragend anguckt.

»Es ist keiner von euch beiden, der hier spricht.«

Unwillkürlich sucht Iosain meine Hand. Ich schaue mich weiter um, doch ich vermag niemanden zu sehen.

»Ich bin es, Eosine. Bisher kennt ihr mich nur aus den Erzählungen Henins.«

Ich verstehe sofort. Normalerweise redet sie nicht mit denen, die nicht die Weihe eines Schamanen besitzen. Aber auch er hatte für lange Zeit nichts mehr von ihr gehört, daß sie fast in Vergessenheit geriet.

»Warum sprichst du mit uns?«

»Ich will mich direkt an euch wenden. Denn nur ihr von der Familie Biral, der Flammenhände, seid noch stark und frei genug, um meiner Bitte zu entsprechen.«

»Iosain«, fragt mich mein Sohn, »wer ist das?«

»Es ist Eosine aus einer der alten Familien. Und sie ist, wie ich glaube, auch die einzige Schamanin, eine Frau.«

Ich wendet mich wieder an sie. »Eine Bitte?«

»Ja. Es ist eine Bitte. Und doch vielmehr. Es ist eine Aufforderung, ein unabwendbares Muß. Die wahre Erfüllung deines Clans, die du suchst. Und nur du trägst die Entscheidung.«

»Welche Entscheidung?«

»Eine Entscheidung, die du nur treffen kannst, wenn du frei bist von allen Sichtweisen, die dir andere einflößen.« Eosine hält kurz inne. »Deshalb habe ich gewartet, bis Baltasa gegangen ist. Denn er hätte dich nur aufgehalten, deiner eigenen Bestimmung zu folgen. Und deshalb wende ich mich auch nicht an Henin, obwohl ich ihn sehr schätze. Du bist es, dem ich die Zukunft der Tjuokurpa in die Hände lege.«

Ein wahrlich nicht geringes Anliegen.

Die Sonne brennt nun sehr stark. Ich setze mich, nehme Iosain auf den Schoß und breite einen Umhang über uns aus.

»Ich habe den richitgen Zeitpunkt abgewartet, wo ich mit euch beiden reden kann.«

»Mit meinem Sohn?«

»Ja, auch mit ihm. Denn er und seine Nachfahren werden die Zukunft sein, mit denen ich und über die ich sprechen möchte.«

»Iosain, was will sie von uns?« fragt der Kleine.

Das möchte ich auch gern wissen. Aber mir wird klar, daß es etwas ganz Besonderes sein muß. Sonst hätte Eosine sich nicht direkt an uns gewandt.

»Genau das werde ich sie jetzt fragen.«

»Vor langer, langer Zeit fand sich ein Ring, der aus einem Material ist, das noch keiner je gesehen hatte. Er ist so schön, daß viele von ihm geblendet wurden und seine Kraft im Zauber seiner Volkommenheit sahen. Doch nun hat sich seine wirkliche Macht herausgestellt.«

»Nun?« Allerdings bin ich viel neugieriger, als ich vorgebe. Und die Begegnung mit dem glühenden Reif spukt mir noch im Kopf herum.

»Naja«, sagt Eosine, »es war eigentlich schon vor vielen tausend Jahren, als es begann.« Sie macht eine Pause. »Du kennst doch Isamira?«

»Isamira? Wenn du den Clan meinst, der nie über das Große Wasser gekommen ist. Der hier nie ankam...«

»Genau. Denn ihre Bestimmung ist eine andere. Sie sollte nicht das Quuanqunquum suchen, wie es ist, sondern wie es sein wird.«

Noch mehr unverständliche Worte. »Wie meinst du das?«

Ich höre den Ruf eines Donnervogels. Sie sind selten geworden. Ich luke unter dem Umhang hervor. Gnadenlos dräut mir die Hitze entgegen. Schnell ziehe ich meinen Kopf zurück.

»Sie hatte einst den Ring gefunden.«

Davon wissen meine Ahnen.

»Und ist ihm gefolgt. Denn er führte sie zu seinem und ihrem Bestimmungsort.«

»Führte sie... Bestimmungsort?«

Eosine lacht einwenig. »Ja. Denn er ist der männliche Samen von Quuanqunquum. Und dieser fand schließlich die weibliche Blüte.«

»So gibt es das Quuanqunquum nicht hier?«

»Schon. Aber hier lebt es nur als Elternteil. Wenn es ausgewachsen ist. Und nur dann vermag es uns zum Reisen zu führen.«

»So ist es also wahr? Es ist das Reisekraut?«

»Ja. Aber erst dann, wenn ihre männlichen und weiblichen Kinder zueinander gefunden haben.«

»Damit auch sie erwachsen werden und Reisen«, fahre ich fort.

»Ja. So wird aus zwei Kinder eine Elternpflanze.«

»Sind das Kinder wie ich?» fragt Iosain der Kleine plötzlich dazwischen.

Eosine lacht. »Ja. Und so wie du irgendwann ein junges Mädchen findest, hat der Ring die Blüte gesucht.«

Jetzt hat Iosain etwas völlig Neues erfahren. »Warum muß ich ein Mädchen finden?« Dabei schaut er mich etwas vorwurfsvoll an. Ich kann mein Grinsen nicht vollkommen unterdrücken. »Das wirst du noch früh genug herausfinden.« An seinem Gesichtsausdruck sehe ich, wie ihn meine Antwort überhaupt nicht befriedigt. Aber im Augenblick muß er sich damit bescheiden.

»Und was ist nun mit Isamira geschehen?« versuche ich den Faden wieder aufzurollen.

»Vor 10.000 Jahren wurde ihr klar, was mit dem Ring passiert. Und vor ungefähr 8.000 Jahren hat dieser das weibliche Quuanqunquum gefunden.«

»Wo?« entfährt es mir unwillkürlich.

»Sehr weit entfernt von hier.«

»Dann hat sie es also geschafft?«

»Ja. Wahrscheinlich.«

»Wie? Du weißt es nicht?«

»Seitdem habe ich jeden Kontakt mit ihr verloren.« Eosine seufzt. »Irgendetwas blockiert mich. Es ist stärker als das, was ich hier habe. Mein Kraut ist schon sehr alt. Hat nicht mehr die Kraft der Jugend. Es kommt nicht gegen das an, was Isamira gefunden hat.«

»Wieso?« vermag ich nur zu fragen.

»Aus den Kindern werden Erwachsene, wie du weißt. Aber die Eltern des Quuanqunquum sind nicht die, die die Kinder hervorbringen.«

»Wer dann?«

»Es ist die Königin. Sie wird nicht oft geboren. Aber sie entsteht wie die anderen jungen Pflanzen aus der Vereinigung von weiblicher und männlicher Frucht.«

»Ich will aber nicht mit einem Mädchen zusammen sein.«

Da ist er wieder. Ich wußte, daß diese Frage noch nicht abgeschloßen ist. »Noch hast du ganz viel Zeit. Keine Angst, noch brauchst du dich nicht um Mädchen zu kümmern.«

»Was wird dann passieren?«

»Irgendwann verliebst du dich in ein junges, hübsches Mädchen.« Nun ist es raus. Hierfür gedachte ich eigentlich eines passenderen Zeitpunkts.

»Ich will aber kein Mädchen lieben!«

»Niemand zwingt dich dazu. Das passiert schon von ganz alleine.«

»Und wenn ich nicht will?«

»Dann brauchst du es auch nicht.«

Das scheint ihn erstmal zu beruhigen. Eosine hat solange geschwiegen. Auch ihr sind diese Situationen nicht unbekannt. »Das wirst du ganz allein entscheiden«, gibt sie ihm die Sicherheit, bloß keine Mädchen anzufaßen, wenn er nicht will.

Und damit hoffe ich, wieder beim Thema zu sein. »Zurück zur Königin.«

»Ja. Nur wenn sie entsteht, ist die Zukunft der Pflanze gesichert. Denn nur sie bringt neue Samen und Blüten hervor.«

»Und? Was ist das Problem?«

»Das Quuanqunquum hier, das ihr alle sucht, ist nicht mehr fruchtbar. Es hat keine Königin und ist mittlerweile auch zu alt, um noch zum Reisen zu befähigen.«

Das gibt mir zunächst einen Schock. »Dann sind alle Versuche von Aerandil und den anderen vergebens gewesen? Und Baltasa... Konntest du ihn nicht warnen?«

»Es ist schon richtig, daß er den Weg zur Pflanze eingeschlagen hat. Denn hier werden wir alle einmal sein. Unser Stamm, die Tjuokurpa.«

»Aber ohne das Quuanqunquum?«

»Ich habe ja einwenig davon. Nur kann es sich nicht weiter vermehren und wird irgndwann einmal ausgestorben sein.« Stille entsteht aufgrund dieser schrecklichen Erkenntnis. »Und außerdem gibt es hier, wo ich bin, genug Platz, um unbeobachtet von den anderen Menschen zu leben. Es ist genug für alle Stämme zu essen da. So daß wir uns wieder untereinander erneuern können.«

»Aber warum kann ich denn nicht auch dorthin kommen?«

»Noch nicht.« Eosines Stimme gewinnt ein raunendes Flüstern. »Wir brauchen die Königin, die Isamira höchstwahrscheinlich in ihrem Besitz hat. Nur sie kann dem Quuanqunquum noch zum Weiterleben verhelfen.«

»Was macht dich so sicher, daß sie eine Königin hat? Und nicht nur eine normale Pflanze.«

»Diese Pflanze ist stärker und mächtiger als meine hier, die ich vor abertausenden von Jahren fand. Und die mich hierher brachte.«

»Du meinst, die Königin ist es, die dich daran hindert, weiterhin Kontakt zu Isamira zu haben?«

»Ich weiß es nicht genaus. Entweder will es Isamira so, oder die Königin.«

Ich denke eine Weile über alles nach. Eines ist mir nicht schlüssig. »Wo ist das Problem? Brauchen wir denn das Quuanqunquum zum Leben? Können wir nicht wie alle anderen Menschen einfach nur leben?«

»An und für sich schon. Es gibt zunächst keinen Grund, es zu haben.« Doch Eosine scheint noch etwas zurückzuhalten. »Du weißt, daß die Pflanze uns befähigt, zu Reisen. Die Schamanen können es auch ohne. Aber allein gelingt es ihnen nicht, durch die Zeiten zu reisen.«

»Du meinst, in die Vergangenheit und in die Zukunft?«

»Ja. Ich habe es getan. Und was ich gesehen habe, ist so schrecklich, daß ich es nicht durch Worte wiedergeben kann.«

Jetzt öffnet sich vor meinen Augen eine Welt, wie ich sie noch nie gesehen habe. Es gibt kein unten oder oben. Weder Himmel noch Boden. Nur heiße Luft, durch die Schwaden von Dämpfe ziehen. Manchmal öffnen sie sich für einen kurzen Augenblick, und ich gewahre weit am Ende meines Blickfelds eine Anhöhe, die durch die Wolken aus Wasser und Nebel stößt. Über ihr angekommen, sehe ich zwischen den Felsen eine Reihe von Menschen, die uns aber nicht ähneln. Sie haben wülstige Augen und breite Kiefer und ähneln mehr den Flachköppen als den Tjuokurpa oder anderen Menschen. Ich schreie auf, und auch Iosain schaut mich erschrocken an. Obwohl er nicht alles versteht, was er sieht, scheinen ihn die Bilder zu ängstigen.

Eine letzte Schwade von Eindrücken stürzt auf uns ein. Und sie ist so schrecklich, daß der nächste Schrei nur stumm über unsere Lippen gerät. Es ist furchtbar und grausam zugleich. Und ein Abbild der höchsten Höllenqualen, die je ein Mensch gesehen hat. In ihren Händen halten diese Wesen blutige Fleischklumpen, von denen noch Fasern abgebißener Sehnen und Muskeln hängen. Und an anderen Stellen lagern weitere Reste ihrer Mahlzeiten. Es sind abgetrennte Köpfe von Menschen. Menschen mit hoher Stirn und großen Augen. Menschenköpfe, die einen geballten Hinterkopf haben, und deren Kinne zu einer kleinen, zurückgezogenen Beule abgerundet sind. Neben ihnen liegen gefesselte Tjuokurpa, die noch leben, aber ohne Bewußtsein sind. Ihre großen, feingliedrigen Leiber sind bereits für die Mahlzeit vorbereitet. Einige der Wesen beginnen nun, große Töpfe mit Wasser zu erhitzen.

Es ist ein einziges Bild des Grauens, und ich beende die Reisedarstellung, oder was es ist. Iosain, der Kleine wimmert. Er wird es nicht verkraften, mehr zu sehen. Es genügt.

»Eosine, warum?«

»Warum ich es euch zeigte, was ich sah? Oder warum diese Zukunft?«

»WARUM?«

»Ich weiß es nicht. Aber es darf nie geschehen.«

»Wie konnte es überhaupt soweit kommen?«

»Auch das werden wir klären. Hole Isamira! Kommt zu mir!«

»Aber wofür brauchen wir sie?«

»Sie hat die Königin. Nur die kann helfen.«

»Warum?«

»Nur mit ihr wird es uns gelingen, in die Zukunft zu fliegen.«

»Aber du kannst es doch schon.«

»Nur mit meinem Geist. Wir werden es aber körperlich tun müßen, um

alles zu ändern!«

Das ist es also. Ich muß an Aerandil denken. Er hatte es immer gewollt. Durch die Zeit zu reisen. Und sich als Herrscher über die Geschicke des Lebens zu machen.

»Dann glaubst du, daß wir es können? Daß wir fliegen müßen?«

»Ich werde euch alles erklären und sagen, was genau zu tun ist.«

»Aber wie soll ich Isamira und die Königin finden?«

»Keine Angst. Ab jetzt werde ich euch führen. Es ist in Richtung Norden, über das Große Wasser. Bis zu dem Ort, wo die Blüte war. Und ich Isamira verlor.«

In Richtung Norden, wo der glühende Reif verschwand. Ich halte vollkommen erstarrt inne. Unglaublich. Meine Gedanken wehren sich. War es Isamiras Ring? Hat er mich holen wollen? Ist es selbst sein Wunsch, daß die Königin zu Eosine kommt, um in die Zukunft zu fliegen?

»Und wie soll ich sie dort wiederfinden?« Ich konzentriere mich wieder auf Eosine.

»Du mußt suchen. Verborgen, um nicht selbst entdeckt zu werden. Und in den entlegensten Winkeln, denn dorthin wird sie sich zurückgezogen haben.«

»Aber warum ist sie selbst verschwunden?«

»Ich weiß es nicht. Sie wiederzufinden, ist deine Aufgabe. Dann werdet ihr hierher kommen. Und beide seid ihr auserwählt, das allerletzte und zugleich schrecklichste der Geheimnisse zu ergründen und zu beseitigen.«

Ich verstehe, soweit es mir möglich ist. Sind es die Geschehnisse einer bizarren Zukunft, von der sie spricht?

»Ich werde mit euch in Verbindung bleiben. Ich werde euch leiten und ihr werdet mir Bericht erstatten. Wir werden einander vertrauen lernen. Und wir werden einen gemeinsamen Weg gehen müßen, der uns in eine noch ungewiße Zukunft führt. Aber immer wird es Quuanqunquum sein, das unser Schicksal ist, und dem wir zu folgen haben. Denn es kam einst aus der Zukunft, um in der Vergangenheit gepflanzt zu werden. Und das ist der Kreislauf der Zeit, der niemals endet, aber den zu ändern unsere Aufgabe ist.«

Und so vereinbare ich mit Eosine meine letzte Große Reise, die meiner wahren Bestimmung. Und ich nehme meinen Sohn, der mir die Gewißheit der Zukunft ist, und der inzwischen schläft. Ich nehme ihn in meine Arme, um zurückzukehren. Und gemeinsam brechen wir alle am übernächsten Morgen auf. Zurück über den Fluß, über die Berge des Lamatt, bis wir irgendwann an einem Ort angekommen sind, den wir noch nicht kennen. Und der ganz anders aussehen wird, als in dieser Zeit, da ich meine Wanderung erneut beginne.

Ein letztes Mal gehen meine Gedanken zu dem Teil des kleinen Sterns, der sich vor meine Füße legte, als ich meinen Sohn aus der Schlucht rettete. Er ist selbst wie ein kleiner Ring geformt, und ich trage ihn seitdem immer an einer Kette um meinen Hals. Nun greife ich danach und fühle Wärme meine Finger emporkriechen. Zuversicht gleitet meinen Wegen voraus, und ich nehme ihn ab und gebe sie Iosain, dem Jüngeren, der neben mir geht.