zurück zur Hauptseite Saga Homo Novalis
Literatur

Saga Homo Novalis

Saga Homo Novalis

- ein WissenschaftsProjekt von onlineSoft -
© onlineSoft '98-2009     eMail: webmaster
Literatur
Saga Homo Novalis



Iosain Flammenhand 55.285

W eit vor uns sehen wir die Ausläufer gewaltiger Berge, die fern am Horizont ziehen, flankiert von kleineren Bergrücken zu ihren Füßen. Davor läuft ein Plateau in die sanften Hügel auf den Ebenen vor uns aus. Viele Flüsse, die durch unzählige Seen gespeist werden, haben dort ihre Quellen.

Nahe vor uns, eigentlich um uns herum, ist ein Mosaik aus dichten Regenwäldern, Heideflächen, Mooren, und Koniferenwälder bis hin zu Arten, die uns vollkommen neu sind. Eine davon ist eher strauchgroß und hat kleine, grüne Blättchen, die von harten Zweigen ausfächern. An ihnen hängen mehrflüglige Nüsse, die wir aber noch nicht probiert haben. Da zwischen erheben sich Wäldchen aus fremdartig riechenden Bäumen. Ich glaube, es sind die kleinen Blätter, die diesen Duft ausströmen, und nach dem bald alles hier stinkt.

Deshalb haben wir uns ein wenig abseits von ihnen niedergelassen. Die Ufer des Flusses, der sich hier durch die Ebene schlängelt, sind fruchtbar und voller Grün. Längs ihres Saums wachsen riesige Bäume, deren Kronen bis weit über das Wasser reichen. Dahinter verbirgt sich dichtes Buschwerk. Unseren Späher gelang es kaum, den Filz von Geäst und dornigem Gestrüpp zu durchdringen. Zumal es sich zeigte, dass sich dahinter eine Ebene hohen Grases bis zum Horizont der Berge hinzieht.

Zunächst hatten wir immer in Flußnähe gerastet und uns von der langen Überfahrt erholt. Hier gibt es genug Fische. Immer Wasser. Und auch kleines Getier, das sich bei unserem Anblick hopsend davon macht. Es hat lange Ohren und kräftige Beine.

Als Eosander eines von ihnen mit seiner Schleuder erlegte und auf seine Essbarkeit untersuchte, fiel ihm ein kleiner Beutel an seinem Bauch auf. Sowas hatten wir noch nie gesehen. Und zu unserem Erstaunen befand sich darin ein kleines Tierkind, das ängstlich tiefer kroch und sich an einer Zitze, die aus dem haarigen Inneren wuchs, festhielt.

Esandine rief entzückt auf und wollte es herausnehmen. Doch Henin sagte: »Lass es. Seine Mutter ist tot. Es kann nicht überleben.«

»Aber es ist so klein. Und lebt in einem Beutel.«

»Ich werde Arahar befragen.«

»Aber hier gibt es doch keine Höhlen. Und Bären hab ich auch noch nicht gesehen«, wandte Eosander ein.

»Und ich weiß nicht einmal, an welchen Urvater ich mich zu wenden habe«, gab Henin etwas genervt zu. »Aber solange wir nicht wissen, wie die Großen Väter dieser Tiere gesinnt sind, werden wir sie mit Respekt töten und sonst nicht in ihr Leben eingreifen.«

»Erstmal werden wir ausruhen. Und dann sobald wie möglich nach einem Ort Ausschau halten, an dem wir uns für länger niederlassen können«, sagte ich an diesem Tage.

Es muss doch etwas geben, das uns bekannt vorkommt. Seit der Ankunft auf der anderen Seite des Flusses sind wir meistens unbekannten Pflanzen und Tieren begegnet. Als ob wir auf einer fremden Welt gelandet wären. Deshalb bleiben wir zunächst immer in der Nähe von Flüssen, weil ihre Fische und Muscheln uns am vertrautesten sind.

Ich muss mir eingestehen, dass mich die Fremdheit dieser Orte ziemlich verunsichert. Allein die lange Überquerung des Flusses hat mich verwirrt. Wir waren auf eine solch lange Fahrt nicht vorbereitet. Und sind nur mit knapper Mühe dem Tod entronnen, da wir uns von frisch gefangenem Fisch und Regenwasser ernährten. Dennoch kamen wir vor Erschöpfung fast um. Die Sonne brannte gnadenlos, und Stürme schleuderten unser Floß über die Wellenkämme und Klippen der endlich sichtbaren Ufergestade, dass wir kurz vor Erreichen des Strandes mehr dem Ertrinken als dem Überleben nahe waren.

Einige hatten während der Überfahrt Salzwasser geschluckt, so dass sie elendig erkrankten. Ihre Lippen rissen auf, und sie wurden ganz bleich. Dann übergaben sie sich. Das Wenige ihrer Mägen war nicht mehr als ein gelber Schleim. Wir alle hatten rote Augen und Kopfschmerzen. Aber die, die das Salz dieses Flusses zu sich genommen hatten, bekamen immer mehr Durst, so dass ihnen der Regen nicht mehr genügte. Am Ende starben einige, noch bevor wir das Land erreichten.

Die Andersartigkeit dieses riesigen Flusses, dessen Breite so unermesslich war, dass wir es fast nicht geschafft hätten, gibt mir weiterhin zu denken. Solange ich mich zurück erinnern kann, führen die Flüsse trinkbares Wasser. Meine Erinnerungen reichen bis zu Odon und dessen Wissen um Mara, die sich vor langer, langer Zeit weit von hier entfernt begegneten. Das war noch vor dem Lamatt, bevor wir seine Berge bestiegen.

Aber irgendwo in der hintersten Ecke meines Gedächtnisses, das alles weiß nach der Vereinigung beider Arten, hält sich ein kleiner Schimmer verborgen. So sehr ich mich auch auf ihn konzentriere, bleibt er zu entfernt, als das ich ihn deuten kann. Sein Dasein scheint auf ein Wissen zu beruhen, dass noch mündlich weitergegeben worden war. An den Feuern der Hütten, in den Nächten voller Angst und Kälte. Als das Erzählen von Geschichten noch mehr war, als uns fröstelnd und Schutz suchend zusammenzusetzen, um einsame Abende zu überbrücken.

Der Schimmer verbleibt blass rosa. So sehr ich mich auch bemühe. Aber er hat etwas damit zu tun, das es schon einmal Salz gab in einem Fluss. Den wir vor einer Zeit überquerten, als ihn eine Landzunge spaltete. Mehr weiß ich nicht. Und nun mache ich wieder diese Erfahrung, die vielleicht doch nicht einzigartig ist. Die es aber nur selten gibt. Wie eine Erscheinung der Zeit. In der sich alles ändert. Und uns jedesmal ein Tor öffnet in eine neue Welt.



Allmählich lernen wir dieses Land näher kennen. Viele Sonnenläufe mit Kälte, wenn sich die Sonne versteckt, und erneuter Wärme gehen vorüber. Es gibt genug Wild, so dass wir keinen Hunger leiden. Aber die Gegend ist uns nicht geheuer. Wir befinden uns in einem unübersichtlichen Djungel. Von überall her können Gefahren lauern. Unbekannte Tiere. Oder giftige Pflanzen. Vor allem die Schlangen fürchten wir, da ihr Biss uns tötet. Wir vermissen die weiten Ebenen des Lamatt. Sie waren zwar karg, aber mit unseren Schleudern finden wir oft eine Gelegenheit, Tiere aus großer Entfernung zu töten. Hier nützen unsere Speere wenig. Die dichten Büsche verhindern einen geraden Flug. Und die Tiere sehen wir erst, wenn sie aus dem Blätterwerk der Bäume auftauchen. Dann aber sind sie auch schon gleich verschwunden. Wir bewegen uns viel zu laut. Jedes Rascheln der Zweige warnt sie vor uns.

So sind wir nach einer Weile weiter gewandert. Doch aus dem Einflussbereich des Flusses wagen wir uns nicht heraus. Noch können wir uns nicht vorstellen, was uns hinter dem Horizont aus dichtem Gras und hohen Bergen erwartet. Zumal der Fluss, der uns hinaufführt, immer schmaler und unergiebiger wird.

Unser Zug durch dieses unendliche Buschwerk hätte immer noch angehalten, wäre ich nicht vor einigen Tagen auf eine Ansammlung von Steinen gestoßen, die meine Aufmerksamkeit erregte.

Ich wollte mir gerade eine neue Klinge aus Feuerstein schlagen. Da sah ich etwas in einem kleinen Bach schimmern. Es war goldgelb und hatte viele interessante Zacken. Ich nahm eines davon heraus. Was könnte ich damit anfangen?

Ich wendete den Stein. Er schien mir etwas zu weich für mein Vorhaben. Aber sein Äußeres erregte meine Neugierde. So zog ich noch einen zweiten heraus. Schnell haute ich beide zusammen, um sie zu spalten. Doch sie zerbröselten nur. Dann nahm ich mein altes Messer aus Feuerstein und stach damit auf den Klumpen ein. Diesmal hielt er. Es gab nur ein helles Klicken, und ich wiederholte den Vorgang. Erschrocken sprang ich dabei auf. Etwas war auf mich zugeschossen. Hell glühend und heiß. Dann verlöschte es, bevor es mich erreichen konnte.

Hatte der Stein nach mir gespuckt? Ausgeschlagen, sich gewehrt? War in ihm ein Lebewesen eingeschlossen? Oder gehörte er zu einem der Geister, die Henin nie müde war, zu rufen?

Ich musste aufpassen. In diesem fremden Land durfte ich keineswegs Jemanden beleidigen oder verletzen, der stärker war als ich oder sich gar mit einem Geist verbinden konnte.

Es war besser, ich rief Henin. Als er kam, betrachtete auch er den Stein.

»Wo hast du ihn gefunden?«

»Gleich hier. Am Rand dieses Baches.«

»Und hat er zu dir gesprochen?«

»Was heißt sprechen?« Henin mit seinen Geistern.

»Ich mein, hat er sich warm angefühlt. So, als ob noch Leben in ihm ist?«

»Nein. Es scheint mir ein ganz normaler Stein zu sein.«

»Du weißt, dass, wo wir angekommen sind, vieles nicht normal ist.«

Das heißt noch nicht, dass es gefährlich ist. Oder lebendig. »Vieles ist uns hier unbekannt. Aber es braucht nicht gleich falsch und schlecht zu sein. Es ist nur anders.« Ich sah in sein Gesicht mit der faltigen Stirn. Langsam begann er, die Runzeln seiner Väter zu bekommen. Aber er war noch zu jung, als dass sein Haar weiß wurde. »Ich will ihn doch nur untersuchen. Und dabei kannst du mir helfen.«

Gemeinsam hockten wir uns nieder. Vorsichtig klopfte ich erneut am Stein. Noch geschah nichts. Dann holte ich aus und ließ mein Messer heftig dagegen schnellen. Henin sprang bei dem Knall entsetzt zur Seite. Wieder hatte sich ein Funken gelöst.

»Halt ein, Iosain! Sei vorsichtig«, rief er mir mit bebender Stimme zu.

»Du bist ängstlicher als deine Vorfahren. Ich kann mich an keinen erinnern, der so furchtsam war wie du.«

Und schon wieder knallten die Steine zusammen. Diesmal stieben gleich mehrere Funken heraus. »Schau, es ist, als ob der Stein mit Feuer spritzt! Weißt du, was ich mache? Ein Gewitter mit Blitzen!«

»Gib Acht. Verärgere nicht Earazzil. Nur er darf donnern und seine Speere schleudern.«

Und just in diesem Augenblick fielen gleich mehrere kleine Blitze zuboden. Doch sie gingen nicht aus. Im trockenen Laub fingen sie an zu glühen, bis sich eine dünne Rauchfahne erhob.

Instinktiv begann ich, leicht in das glimmende Geblätt zu blasen. Immer wieder, bis plötzlich eine kleine Flamme emporsprang. Sich mit bläulichen Armen nach allen Seiten wand. Am Boden schlängelte.

Ich suchte noch mehr trockene Blätter. Ich fand auch zwei kleine Äste und legte sie dazu. Henin war stumm zurück getreten und betrachtete alles aus sicherer Entfernung.

Nach kurzer Zeit loderte ein kleines Feuer vor uns. »Henin«, rief ich, »hol die anderen. Ich habe ein Feuer geschaffen, dass aus meinen Händen kommt!«

»Das stimmt nicht.« Mitten im Lauf blieb er stehen. »Es kam aus den Steinen.«

Ich lachte. »Aber meine Hände haben sie zusammengeschlagen. Ich bin sicher. Würden sie nur so nebeneinander daliegen, wäre nichts passiert.«

Bald schon waren die anderen bei uns. Ranima, die Gerberin und meine Schwester Tikone waren auch gekommen. Unsere Mutter Tikone blieb bei den Unterkünften. Sie ist immer noch sehr vorsichtig. Für sie ist alles eine Strafe der Götter, die Überfahrt und das Land. Bei Letzterem stimmt sie sogar mit Henin überein. Doch im Gegensatz zu ihr hält er weiterhin an der Richtigkeit der Entscheidung fest, hierher zu kommen. Auf der Suche nach der Pflanze Quuanqunquum, die Aerandil auf seinen Reisen im Silhamon gesehen hat. Ich will ihm nicht wiedersprechen, so wie viele meiner Vorväter es getan haben. Es mag sie geben, und ich werde mich dem Willen der Schamanen beugen. Auch wenn ich nach wie vor nur deshalb mit allem einverstanden bin, weil es uns in eine fruchtbarere Gegend führt.

Tikone, meine Schwester, ist zum Glück auf meiner Seite. Sie hat zwar das Gedächtnis ihrer Mutter, aber nicht ihre Griesgrämigkeit.

»Wie hast du das nur gemacht, Iosain«, rief sie mir entzückt zu.

Ich zeigte ihr die gelben Steine. Und schlug sie über meinem Kopf gegen mein Messer, dass die Funken mir sogar ins Haar stieben. Aber ich hatte keine Angst. Wenn ich es schüttelte, flogen sie wieder heraus. Ich hatte bereits festgestellt, dass sie zu schnell verglühten, um gefährlich werden zu können.

»Iosain Biral, die Flammenhand«, setzte nun auch Ranima ein und klatschte dabei in die Hände.

Inzwischen unterhielt ich das Feuer mit mehr Geäst und Reisig. Hell loderte es und umfing unsere Gesichter mit leuchtendem Schein. In ihnen spiegelte sich Schweiß, Freude und Lachen.

Da begann Tikone, zum Rhythmus von Ranimas Klatschen ihre Hüften zu wiegen. Sie hob ihre Arme, dass sie über ihrem Kopf balancierten und sich wie Schlangen wanden. Wie die heißen Zungen des Feuers.

Ich sprang neben sie, noch immer die Steine schlagend, dass sie Funken stoben, und hüpfte hin und her. Dann lief ich zu Ranima und wieder zurück. Jetzt begann auch Tikone, ihre Füße zu setzen. Aber nicht wie ich, wild und unregelmäßig. Sie tat es im Einklang mit ihrem ganzen Körper, den Hüften, den Armen und Beinen. Und sie tat es, weil es mehr war, als nur eine Bewegung der Freude. So wie sie ihren Körper dem Züngeln der Flammen anpasste, entstand eine Einheit, ein Ausdruck, den sie und kein anderer zunächst erfasste. Der nur ihr eigen war und aus ihr zu kommen schien. Es war etwas noch nie Dagewesenes. Sie war dabei so dicht am Feuer! Wie sie sich mit den Flammen verband und doch nicht verbrannte. Bald hielt ich inne und nur noch unser Klatschen war Beigabe ihres Tanzes.

Abends, sobald Dunkelheit unsere kleine Rast überstriff, bekamen wir Hunger und Durst. Das Treiben und Lachen hatte uns ermüdet. Wir wollten zurück.

Doch als Eosander einen Scheit aus dem Feuers zog, um damit unser Hauptlager zu nähren, hielt ich ihn zurück. Deutete auf die Steine und mein Messer. Doch er verstand nicht.

»Hier ist nun unser Feuer. Der Stein hat es aufgenommen und wird es für uns tragen. Er wird die Stelle von Thasar einnehmen.«

Verblüfft starrte er mich an. »Er wird Thasar sein?«

»Ja.«

»Du meinst, wir werden das alte Thasar nicht mehr brauchen?«

Ich nickte. Aber es war schwer für viele der anderen. Noch begriffen nicht alle die Wirkung meines neuen Funkensteins. Mit ihm benötige ich nur noch einen scharfen, harten Feuerstein, der unbearbeitet, so wie wir ihn finden, vollkommen ausreicht. Ich ahne, dass sich eine neue Lebenswende öffnet. Aber sie muss sorgsam beschritten werden. Zu laut waren die Stimmen, die davor warnten, Thasar ausgehen zu lassen. Und zu wichtig war die Feuerschale im Winter, um Glut zu bewahren. Lebenswichtig. Gewesen. Jetzt können die Stämme umdenken.

Immer deutlicher wird mir, dass wir durch ein Tor gehen, hinter dem die Welt anders ist. Neu wie die Wege durch die Tage, die vor uns sind. Ein Wort von Aerandil. Er hat geahnt, dass sich hier vieles verändert. Auch wenn ich nicht mit allen seinen Beschlüssen übereinstimme. Meine Achtung hat er nie verloren.

Nachdem wir unser Mahl am neuen Feuer zubereitet haben, essen wir gemeinsam. Viele schauen immer wieder ungläubig zu mir, der ich die Thasar aus ihrem Clan verbannen will. Doch noch ist ihnen nicht klar geworden, was das wirklich für sie bedeutet.

Gesättigt liegen und sitzen wir nach dem Essen am Feuer herum, dass am Großen Platz brennt. Selbst meine Mutter hat sich nicht dem Zauber der neuen Steine verschließen können, als ich mit ihnen vor ihren Augen eine neue Flamme schuf.

Mir fällt auf, wie sie mich manchmal heimlich von der Seite betrachtet. Vieles vermag sie nicht zu verstehen. Reiht sich nicht in die gewohnten Erinnerungen ihrer unendlichen Zeit. Doch die junge Tikone wird dieses Wissen bewahren. Richtig anwenden und weitergeben. Da bin ich sicher.

»Schwester.« Unsere Blicke treffen sich. »Tanz nochmal. Den Feuertanz. Für den Funkenstein.« Beim letzten Wort halte ich den goldglänzenden Brocken hoch.

Doch Schweigen bedeckt das Lager. Ich habe das Erstaunen aller geweckt. Meine Worte haben gleich – ich zähle in Gedanken meine Finger ab – vom äußeren bis zum mittleren Finger - viel Fremdes gehabt.

»Was sagst du da?«

»Ich will, dass du... feuertanzt.«

»Feuertanzt?«, fragt mich Tikone.

»Ja, mit dem Feuer tanzen.«

»Ach so.« Sie erinnert sich. Steht auf. Hebt die Arme und gleichzeitig eine Hüfte an. Dann tut sie es mit ihrer anderen Seite. Immer abwechselnd. Bis ihre Füße zum Einsatz kommen. Und sie um die Flammen tragen.

Ranima steht auf, dann Esandine. Auch sie wiegen ihre Hüften, bleiben aber stehen. Und fangen an zu klatschen. Ich schließe mich den beiden Frauen an, bis schließlich viele Mitglieder des Clans sich um das Feuer gruppieren, an dem Tikone tanzt. Unvergesslich. Ich weiß, heute ist mehr passiert, das uns auf den Weg durch das Tor führt. Es ist eine Zeit in einer neuen Welt. Und ich bin schon am Grübeln, was ich mit den Steinen mache werde, wenn ich sie auf meine Erkundigungen mitnehme. Denn sie sind mehr als ein Thasar. Weniger gefährlich, besser zu tragen, und wenn die Flamme ausgeht, kann man sie durch Zusammenschlagen wieder hervorholen. Ich werde es Beatasar nennen, der Stein, der das Feuer trägt, den Funkenstein.

Jetzt weiß ich, dass wir endlich einen Platz gefunden haben, an dem wir uns niederlassen können. Hier habe ich Beatasar gefunden, und ich bin sicher, dass es ihn auch noch woanders gibt. Zum Guten aller Clans, die bis auf diese Seite des Flusses gelangt sind. Wir haben schon seit einer Weile das Gelände um uns herum erkundigt. Es besteht meistens aus trockenem, dichtem Djungel. Auch entfernter vom Fluss herrscht weitgestrecktes Buschwerk vor. Doch die Nahrung ist schmackhaft. Die Beeren und Wurzeln ähneln denen auf der anderen Seite des Stromes. Aber das Wild ist nicht immer essbar. Weiterhin erhalten wir durch Sammeln der Frauen mehr Nahrung, was häufig die Misserfolge unserer Jagden ausgleicht. Auf den Bäumen zum Beispiel, die so scheußlich riechen, haben wir eine Bärenart entdeckt, die äußerst bitter ist. Selbst gebraten sind sie nicht genießbar. Eigentlich schmecken sie, wie die Bäume riechen, auf die sie klettern. Eosander hat beschlossen, sie nicht weiter zu verfolgen. Denn obwohl sie eine leichte Beute wären, weil sie sehr langsam sind und fast nur schlafen, hat ihn Henin davon überzeugt, dass ihr Geruch und ihr Geschmack bedeuten, ihr Großer Vater will sie uns nicht geben.

Auch ich kann mich nicht ganz dieser Ansicht entziehen, da wir ihnen ja noch unbekannt sind und sie nicht wissen, dass wir sie brauchen. Wir nennen sie die Schlafbären. Und der Große Schlafbär wird erst noch von uns überzeugt werden müssen, uns manchmal gnädig zu sein. Wir wollen ihm versprechen und werden ihn nur fragen und sein Einverständnis einholen, wenn wir die Männchen jagen. Keiner will ein trächtiges Tier erbeuten. Oder wenn es zu wenige von ihnen gibt.

Nun ziehen wir immer weitere Kreise in die Ebenen, die sich hinter den Wäldern anschließen. Hier wächst sehr langes Gras, das aber von einer harten Art ist. Seine Halme sind zäh und an ihnen wachsen schmackhafte Körner.

Während dieser Entdeckungsreisen, die mehr sind als nur Nahrungssuche, leben wir von den reichhaltigen Früchten der Büsche und Bäume. Auch lernen wir, ihre Wurzeln zuzubereiten. In einigen von ihnen ist sogar soviel Wasser gespeichert, dass es uns die ledernen Ziegenbeutel ersetzt, in denen wir sonst unser Wasser tragen. Wir lernen schnell, uns an die neuen Bedingungen dieser Welt anzupassen. Und das ist äußerst wichtig. Denn je mehr wir ins Innere des Landes gelangen, desto trockener wird es. Flüsse oder kleinere Bäche gibt es hier kaum noch. Vielleicht in den Bergen. Doch die sind noch zu weit entfernt.

Henin beschwört mich immer wieder, wenn er einmal nicht dabei sein kann, auch auf Hinweise zu achten, die das Reisekraut betreffen. Doch Quuanqunquum scheint hier nicht zu wachsen. Wiewohl keiner von uns so recht weiß, wie es eigentlich aussieht. Selbst Aerandil gibt sich in seinen Gesprächen mit Henin eigentümlich wortkarg. Liegt es nun daran, dass er es selbst nicht besser weiß. Oder daran, dass er zu viele Mitwisser fürchtet. Aber meinerseits wird er auch nicht gerade mit Informationen überschüttet, die ich ihm von mir mithilfe Henins überbringe.

Das größte unserer Probleme jedoch ist, dass wir nach wie vor nicht wissen, wo sich die anderen Gruppen befinden. Die Schamanen können zwar auf ihren Reisen, wenn sie Artagum getrunken haben, über das Land fliegen. Aber sie finden keine anderen Clans. Ich stell mir das so vor, dass sie sich wie ein Vogel erheben, und wir von da oben wohl zu winzig sind. Alles hier erweist sich als zu groß oder wir zu wenige, als dass wir die einzelnen Stämme ausmachen können.

Außerdem habe ich den Verdacht, dass Aerandil das Hauptaugenmerk darauf setzt, Al Erador zu finden. Die Große Höhle, in der Quuanqunquum wächst. Deshalb werden die Schamanen nie müde zu erklären, dass eine vollkommene Entrückung ohne den Schutz des Hauptquaratars, in der Tollkirsche und Zimtrose aufbereitet werden, nicht gut gelingen will. Und ein Samirat im Freien ist nun mal keine Möglichkeit, ständig und zuverlässig die Geister zu rufen. Und schon gar nicht, mit ihnen in die Zukunft zu fliegen.

»Wieso ist es eigentlich so wichtig, zu den Geistern zu sprechen, wenn du reisen willst«, frage ich Henin, der jetzt neben mir geht.

»Die Geister bitten wir um Erlaubnis. Denn die Luft ist, wo sie wohnen. Wir wollen sie dort nicht stören. Und wir fragen um ihre Hilfe. So, wie wir uns auch vor jeder Jagd das Einverständnis der Großen Väter der Tiere holen.«

»Aber wieso die Geister der Lüfte? Werdet ihr denn dort jagen?«

»Nicht unbedingt das. Aber wenn wir dann irgendwo landen, müssen wir eventuell das Gebiet von Jemandem betreten. Seine Hütte oder seine heilige Höhle. Wir könnten dort stören oder uns in Gefahr bringen. Sie aber kennen die ganze Erde. Denn von da, wo sie wohnen, sehen sie alles.«

Wir gehen eine Weile nebeneinander. »Und«, fügt Henin hinzu, »mit Quuanqunquum brauchen wir sie erst recht. Vielleicht ist Zukunft und Vergangenheit ja ein geheimer Ort, an dem es nicht einfach so gestattet ist, zu verweilen.«

Mir drängen sich gleich eine ganze Reihe neuer Fragen auf. Ein Ort, den es bereits gab. An dem die Zeit schon vorbeigeeilt ist. Dort wieder zu sein, heißt auch, in bisheriges Leben einzugreifen. Würde das die Vergangenheit ändern? Eine schwierige Vorstellung. »Meinst du, man könnte in der Vergangenheit etwas machen? Sie neu gestalten...«

»Schweig, Iosain!« Mit einem Mal gerät sein Gesicht außer Kontrolle und schwillt rot an. »Daran darfst du nicht einmal denken.« Und raunend fährt er fort: »Du weißt sowieso schon zu viel. Hör auf, dir darüber weiter Gedanken zu machen. Das Reich der Götter ist einzig unter ihrer Macht und ihrem Willen zu betreten.«

Erschrocken ob seines unerwarteten Gefühlsausbruchs halte ich ein. Doch in meinem Kopf schwirren die Gedanken weiter. »Lass mich wenigstens einige andere Fragen stellen. Du weißt, ich werde mich sonst allein damit beschäftigen müssen.«

Er dreht sich gänzlich zu mir um und schaut tief in meine Augen. »Gut. Aber sei dir gewiss, dass es verboten ist, sich die Welt der Geister nur vorzustellen, wenn du dich darin nicht auskennst. Gerade du, der sich von seinem eigenen Clanzeichen, dem Großen Geist der Wölfe, abgewandt hat.«

Ich verstehe. Ich versuche, so vorsichtig wie möglich zu sein. »So sind Vergangenheit und Zukunft auch Orte der Geister? Und... Woher wisst ihr eigentlich, dass die Pflanze euch dazu befähigen kann, dorthin zu gelangen?«

Henin stoppt endgültig ab. Er ist noch ziemlich jung. Gerade zeigen sich die ersten weißen Haare in seinem Bart. Aber dennoch verfügt er bereits über die besonderen Fähigkeiten seines Vaters. Er hat nicht nur dessen Wissen, sondern auch die Leidenschaft zu reisen und sich mit anderen Schamanen in Verbindung zu setzen.

»Das alles weiß Aerandil. Seine Blutlinie ist mächtig. Und hat die mehrfache Kraft eines Schamanen.«

Das ist nicht die Antwort auf meine Frage. Ich warte. Unter unseren Füßen rascheln die Blätter. Das Unterholz des Waldes wird lichter. Von irgendwo klopft eine Vogel am Gehölz eines Baumes. Melodiöses Pfeifen antwortet.

»Es gibt da Jemanden, der das Kraut schon gesehen hat. Mehr noch, einige kleine Pflanzen sind in seinem Besitz.«

Unglaublich. »Jemand hat es schon gefunden?« rufe ich entzückt.

»Nein, nicht so recht gefunden.« Henins Stimme wird leise. Langsam fährt er fort: »Es ist wohl mehr zu ihr gekommen.«

»Zu ihr ge... « Gleich zwei Erkenntnisse stürzen auf mich ein. »Eine Sie? Wie kann eine Frau Schamanin sein?«

»Es ist nicht klar, ob sie Schamanin ist. Aber es geht. Du hast doch schon von Isamira gehört, die Geschichtenerzählerin. Sie ist auch eine Clanführerin.«

»Isamira Baiame. Der Mund, der von den Sternen spricht. Sie ist es, die das Kraut hat?«

»Nein, nein.« Henin muss meine galoppierende Fantasie bremsen. »Es ist eine andere. Eine sehr alte Führerin. Eine der ersten. Wahrscheinlich ist sie auch Schamanin. Sonst hätte Quuanqunquum sie nicht erwählt.«

Ich muss lachen. »Eine Frau als Schamanin? Ich denke, das verstößt gegen eure Regeln?«

»Tut es auch. Aber vielleicht gab es in den Anfängen der Stämme noch keine Trennung, noch kein Koori, das die Initiation bringt. Auch hatte Arahar, der Bärengeist, im Quaratar noch nicht die Jagd begleitet.«

»Dann muss sie sehr, sehr alt sein.«

»Ja, und damals hat die Pflanze sie gefunden.«

»Du meinst, die Pflanze ist zu ihr gekommen?«

»Ja. Noch bevor sie die Erste Große Reise antrat.«

Davon hab ich schon gehört. An derem Ende Odon, mein erster Vater, auf Mara, meine erste Mutter, getroffen ist. Seit dem erbe ich sein Wissen. Und es wird behauptet, dass die Zweite Große Reise die war, die uns hierher geführt hat. Jenseits des Großen Flusses.

Aber da ist noch etwas anderes, das sich zwischen den Wörtern von Henin versteckt. »Ich habe noch nie von dieser Schamanin gehört. Wie ist ihr Name?«

Henin blickt nun sehr besorgt zu Boden. Lange schlurft er zittrigen Schrittes neben mir. Ich will ihn nicht drängen. Ich weiß, dass er mir antworten wird, da unsere Blutlinien schon seit undenklichen Zeiten zusammen aufwachsen.

»Du hast uns immer gut geführt, Iosain. Und wer weiß, wenn du ein Schamane wärst, würdest du vielleicht an Aerandils Stelle stehen.«

Er schaut mich an, als ob er etwas von mir erwartet. »Du bist sehr mächtig. Vielleicht mächtiger, als du denkst, Iosain.«

Ich bin Biral. Ich arbeite mit dem Feuer. Naja, und viele sagen, dass meine Hände flammengleich die Lohe hüten. Zumindest gibt es viele neue Dinge, die ich fand, wie zuletzt Beatasar, den Funkenstein, mit dem wir nun unabhängig von Thasar, der Glutschale, wandern können.

»Sie heißt Eosine. Aber keiner hat sie je gesehen.«

»Nicht einmal Aerandil auf seinen Reisen?«

»Früher schon. Doch nur selten ließ sie sich auf ein Treffen mit ihm ein. Aber seit der Überquerung des Großen Flusses bleibt sie stumm und verborgen.«

»Warum?«

»Weil sie schon in der Zukunft war!«

Mir ist nicht gleich klar, was er damit meint. Aber natürlich! Sie hat ja das Kraut. »So ist es wirklich war? Mit Quuanqunquum können wir reisen?«

»Ja.« Henin blickt mich fest an. »Doch behalte es für dich. Erzähle keinem davon!«

»Aber es ist doch das, was ihr uns immer sagt.«

»Aber keiner weiß, dass es schon Jemanden gibt, der einen Teil der Pflanze in seinem Besitz hat und die Zukunft bereist.«

»Aber warum darf das keiner wissen. Hättest du mir das eher gesagt, ich wäre vollkommen auf eurer Seite. Würde mich nicht mehr so gegen euch Schamanen stellen. Eurer Götterwelt mehr Glauben schenken.«

»Es geht darum, was sie aus der Zukunft mitgebracht hat.«

»Sie hat was mitgebracht?«

»Nicht wie einen Gegenstand. Wie etwas zu essen. Es ist vielmehr das, was sie dort sah.«

Jetzt verstehe ich allmählich. Er muss nun auch das letzte Geheimnis lüften.

»Du darfst es wirklich keinem weitererzählen. Wenn ich es dir sage, wirst du Aerandil verstehen.«

Mittlerweile sind wir stehengeblieben. Vor uns öffnet sich der Wald und Licht fällt ein wie ein gleißendes Schwert. Unwillkürlich treten wir in den Schatten einer riesigen Akazie.

»Sie hat das Ende der Welt gesehen. Es ist dort alles tot, denn das, was sie sah, war kein Leben mehr.«

Ich halte den Atem an.

»Es gibt keine Ebenen. Kein Wild, keine Bäume und Pflanzen. Nur noch vereinzelte Berge, von Wasser umspült. Alles scheint überschwemmt, denn bis auf die kalten, starren, luftlosen Spitzen der Welt ist nichts, das noch ist. Denn auch wenn sich etwas bewegt, liegt in ihm doch nicht der Hauch des Lebendigen. Und so wird dies das endgültig Letzte sein. Denn es ist bereits dabei, sich selbst aufzufressen.«



Wie immer Henin es gemeint hat, diese Worte schnüren mir die Kehle zusammen, und eiskalt streicht der Wind durch die lichten Gipfel. Lange mag dieser Augenblick währen. Und doch vergeht kaum Zeit. Ich balle die Fäuste, so dass die Adern knotig hervortreten. Henin will mir gerade den Arm um die Schulter legen, da ertönt ein Schrei von vorn:

»Feuer! Feuer!«

Schon sehe ich einige meiner Clanmitglieder auf den Wald zu rennen, an dessen Rand ich mit Henin stehe. Wir sind wohl während unseres Gespräches hinter den anderen zurückgefallen. Nun sehe ich auch, wovon sie rufen.

In der Ferne erhebt sich eine breite, dunkle Rauchsäule. Sie ist so lang, dass sie den halben Horizont ausfüllt. Ich kenne diese Brände. Sie entstehen manchmal nach einem Gewitter. Wenn Earazzil seine leuchtenden Speere herunterschickt. Sie durchwühlen die Erde und spalten die Bäume. Und manchmal entzünden sie den Busch.

Hier ist das Gras viel trockener. Der Brand wird kaum zu stoppen sein. Am besten, wir ziehen uns zurück. Ich will schon das Signal geben, da eilt Erdano auf mich zu.

»Halt ein, Iosain. Da vorne gibt es noch viel mehr Menschen. Sie sind nicht aus unserem Clan. Aber sie sind in größter Not.«

Ich stutze. Seit der Überfahrt sind wir auf keine anderen Familien gestoßen. Eigentlich sollte ich mich freuen. Aber die Situation ist kritisch. Schon rieche ich den brenzligen Geruch des Steppengrases.

»Wer sind sie?«

»Noch wissen wir es nicht. Aber sie scheinen ein festes Lager nicht unweit von hier aufgeschlagen zu haben. Und darauf kommen die Flammen direkt zu.«

Ich begreife. Schon laufe ich in Richtung des Feuers. Auf dem Weg begegne ich Mitglieder aus meinem Clan, die sogleich umdrehen und sich mir anschließen.«

»Lasst uns nach drüben laufen«, schreit mir Eosander zu, »da befindet sich der Große Platz.«

Bald sehe ich die ersten Hütten. Es sind keine leichten Unterstände oder Windschutze. Immer mehr feste Kurule, wie wir die ständigen Hütten nennen, tauchen auf, mit Strohdach und Felltüren. Im Augenblick herrscht dort Hektik. Töpfe und Kannen liegen verstreut auf dem Boden. Einige Krüge sind zerbrochen. Scherben und Essensreste bedecken die Wege. Frauen nehmen ihre Kinder und rennen davon. Andere packen ihre Sachen und versuchen, das Notwendigste zu raffen. Überall Geschrei.

Als ich ankomme, frage ich nach dem Clanführer.

»Er ist da vorn«, schreit mir jemand zu und zeigt zum Feuer. Ich sehe dorthin. Der Wind treibt Rauch und den Gestank nach Verkohltem zu mir. Ich nehme Henin und Eosander mit.

Schon von weitem sehe ich, wie die Männer mit Geweihhacken eifrig einen Graben vor dem Feuer ziehen. Doch er ist nicht breit genug. Schon springen erste Flammen darüber hinweg.

»Wer ist hier der Clanführer?« rufe ich.

Ein kräftiger Mann hebt den Kopf. »Ich«, sagt er schlicht.

»Ich bin Iosain.«

Er blickt mich schnell an. »Iosain? Iosain Biral?«

»Ja«, sage ich.

»Den Göttern sei Dank. Die Flammenhand! Welch gütige Fügung des Schicksals. Nun wird alles gut. Ich bin Baltasa vom Clan der Mammuts.«

»Hallo Baltasa.« Ich überschaue schnell die Lage. »Der Graben wird nicht viel nützen.«

»Ja, wir müssen ihn breiter machen. Aber dazu bleibt keine Zeit.«

»So ist er auch nicht das rechte Mittel.«

Ich überlege. Alles geht zu schnell. Mir schwirrt der Kopf. Ich huste. Der Rauch wird dichter. Die Hitze des Feuers ist schon spürbar.

»Lasst uns zurück zum Lager gehen, Baltasa.«

»Du meinst, wir sollten so viel wie möglich retten und verschwinden?«

»Nein. Wir werden vor den Hütten eine Fläche roden. Graben dauert zu lang. Da wäre das Feuer schon angekommen, wenn wir fertig wären. Mir wird etwas anderes einfallen.«

Alle, die hier geholfen haben, laufen mit uns zurück.

»Du meinst, wir sollen das Gras mit den Händen herausziehen? Das ist doch viel zu mühsam. Und dauert auch zu lange!«

Ich denke daran, die Feuersbrunst mit Ihresgleichen zu bekämpfen.

»Was würdest du tun, wenn du von Kriegern angegriffen wirst?« frage ich Baltasa.

»Ich würde ihnen mit meinen eigenen Krieger entgegen gehen.«

»Genau das werden wir jetzt auch tun!«

Wir sind nun vor den Hütten angekommen. Ich hole Beatasar heraus. Schlage ihn, bis ein Funke entspringt. In die kleine Lohe, die sich alsbald vor mir aufbäumt, stecke ich einige Äste. Sobald diese brennen, verteile ich sie an Männer und Frauen, die mir mit großen Augen zusehen.

Dann halte ich die Flammen über das Gras. »Tut es mir gleich. Aber Vorsicht«, gemahne ich, »sobald das Feuer größer wird, löscht es mit euren Umhängen und Decken. Es soll nicht überhand nehmen. Nur eine Schneise schlagen. Achtet darauf, dass es so breit wird wie hier.« Ich deute zu meinen Füßen. »Lasst es nicht weiter.« Ich weiß, bleibt das Feuer klein, können wir es kontrollieren und löschen.

»Legt nun um das Lager herum in einer gleichmäßigen Bahn überall diese kleinen Brandstätten. Es muss ein durchgehender Streifen verkohlter Erde entstehen. Und achtet darauf, dass ihr immer zu mehreren seid. Einer muss die Flamme halten, ein anderer bereit sein, sie zu löschen. Sie darf nie höher als bis zu eurer Hüfte reichen!«

Während ich erkläre, habe ich bereits einige Feuerherde errichtet. Die anderen übernehmen sie und halten sie klein. Alsbald gewinnen wir eine breite Schneise rings um das Lager. Zum Glück ist es nicht allzu groß. Doch der Steppenbrand ist schon erheblich nähergerückt. Ich sehe, wie kleine Funken zu uns herüber fliegen. Solange sie nicht zu zahlreich sind, können wir sie austreten. Doch die Hitze wird hier unerträglich. Vor allem der Rauch ist beißend und nimmt uns den Atem.

Da ist auch Tikone. Ich gebe ihr eine Decke. »Sag den Leuten, sie sollen das hier in Wasser tauchen. Und mir dann wiederbringen.«

Als sie mir die nasse Decke zurückreicht, lege ich sie mir um den Körper. Vor allem meinen Kopf hülle ich damit ein. Sie hält den dichten, schwarzen Rauch von mir. Sofort fällt mir das Atmen leichter.

Die anderen folgen meinem Tun. Zwar husten noch viele, doch die feuchten Felle schirmen Hitze und Qualm des nahen Feuers wunderbar ab.

Erschöpft luge ich unter einem Saum hervor. Hoch lodern die Flammen nun direkt auf uns zu. Dazwischen ist nur noch die Schneise verkokelten Grases. Jetzt wird sich mein Plan beweisen. Mich schwindelt. Der Rücken schmerzt mir vom ständigen Beugen. Ich reibe mir den Dreck aus den Augen.

Immer noch höre ich das Knattern der Flammen. Doch es wird schwächer. Ich schaue erneut durch einen zerrissenen Schlitz meiner Decke. Immer wieder versucht das Feuer, über die Schneise zu springen. Doch es frisst sich in den Boden hinein. Direkt vor mir zittert ein kleines Flämmchen am Ende eines schwarzen Grashalms. Dann wird es bläulich und erlischt. Von überall höre ich nun wieder Stimmen. Sie waren immer da, doch der Lärm der Feuersbrunst hat sie übertönt. Endlich streife ich das Tuch ab und sehe das wahre Ausmaß der Katastrophe: Weit in die Ebene hinein breitet sich schwarze Steppe aus. Ab und zu gleißt noch eine kleine Flamme auf. Überall stinkt es nach verbrannter Erde. Und an den Seiten außerhalb des Lagers zieht die Feuersbrunst weiter. Bis sie irgendwann hinter uns liegt.

Als es vorbei ist, falle ich zu Boden. Auf dieser Seite ist er grün geblieben. Tikone setzt sich neben mich. Sie ist mir nicht von der Seite gewichen. Und da ist noch Jemand, den ich nicht kenne. Er sammelt die feuchten Decken auf und gibt sie ihr. Dann lässt auch er sich nieder.

Schon kommt Baltasa auf mich zu. »Ist hier alles in Ordnung?« Er schaut sich immer noch besorgt um, so als könne er nicht glauben, dass sein Lager gerettet ist. »Keiner verletzt?« Jetzt mustert er die Umstehenden. Einige haben leichte Verbrennungen, die er mit Erde kühlt. Bei anderen sind Haare und Gesicht rußig. Keiner, bei dem nicht die Kleidung angebrannt oder zerrissen ist.

Er wendet sich zu mir. »Iosain Biral. Du hast uns alle gerettet. Unser aller Leben.«

»Ich bin sicher, ihr hättet vor den Flammen schon selber fliehen können.«

»Fliehen ja. Aber was wäre ein Stamm ohne seine Hütten, seine Äxte und Speere. Wir hätten alles zurückgelassen. Vor allem aber haben wir hier viel Nahrung gespeichert. Und die werden wir jetzt mit euch teilen.«

Erschöpft und schmutzig gehen wir zurück ins kleine Rund. In einem nahen Fluss säubern wir uns. Ziehen die nach Rauch stinkenden Sachen aus. Die Bewohner geben uns etwas von sich. Hosen und Hemden. Auch Schuhe aus Tierleder.

Allmählich geht es uns besser. Auch das Wirrwarr im Lager hat sich beruhigt. Einige beginnen, die Wege und Hütten zu säubern und die teilweise zerbrochenen Sachen einzuräumen.

Dann finden wir uns alle am Großen Platz zusammen. Alsbald riecht es wohlig nach schmackhaften Speisen. Über dem Feuer hängt ein großer Kessel, in dem Wasser kocht. Einige Frauen fügen dem ganzen Kräuter und Blätter von mir unbekannten Pflanzen hinzu. Ich frage danach.

»Es wächst hier in der Nähe. Schmeckt sehr gut.«

»Und was ist das da?« Ich zeige auf eine braune Wurzel, die nun zerschnitten wird.

Die Frau lacht. »Das lässt dich wieder Djibbiwaddi machen.«

»Du meinst, es würde sonst nicht mehr gehen?«

»Wer weiß...« Kichernd schaut sie zur Seite.

Ich hocke mich neben sie. »Ich kann es dir beweisen.« Doch als ich sie umfassen will, durchzuckt mich ein Schmerz in meinem Arm.

Sie merkt es und holt einen kleinen Topf aus ihrer Hütte. Darin ist eine grüne Salbe, die sie mir nun auf den Arm streicht. »Das nimmt den Schmerz. Und schützt auch vor Entzündung.«

»Ich spüre schon garnichts mehr«, sage ich und will wieder nach ihr greifen. Doch sie entschlüpft meinen Händen.

»Ich muss auch die anderen behandeln. Du bist nicht der einzige, dem etwas weh tut.«

Da hat sie recht. Jeder hat irgendeine Blessur. Ich schäme mich. Manchen geht es viel schlimmer als mir.

»Ich bin nämlich die Heilerin von Baltasas Clan und helfe Glaurin, dem Schamanen.«

»Entschuldige«, wage ich nur hinzuzufügen.

»Ich heiße Kala. Und wenn ich fertig bin, schaue ich mir nochmal deinen Arm an.«

»Oh ja.« Ich verziehe das Gesicht, als ob der Schmerz zurückkehrt.

Henin kommt zu mir. »Iosain, hast du große Qualen?«

»Nein«, flüstere ich ihm zu. »Kümmer dich um die anderen.«

Er und Glaurin haben noch eine Menge Arbeit. Beide haben ihr medizinisches Werkzeug bei sich, das sie stets an der Seite tragen. Kleine, spitze Messer, aber auch Verbandszeug. Glaurin schient gerade mit drei Zweigen einen Oberarm, der gebrochen ist. Der Verletzte stöhnt auf. Henin kommt hinzu und brummelt vor sich hin, bis er in einen Singsang übergeht. Immer wieder streicht er dem Verletzten über den Kopf, während Glaurin alles mit Pflanzenfasern umwickelt und stabilisiert.

Jetzt trinkt er aus einer Karaffe Wein und versprüht ihn spuckend über die Erde. Er will die Geister besänftigen, denn sie haben dieses Lager auf eine harte Probe gestellt.

Kala geht nun zu einem, dem die ganze Hälfte des Gesichts verbrannt ist. Sie bestreicht es mit derselben Salbe wie bei mir. Sie hat mehrere Beutel bei sich. Aus einem holt sie ein großes Blatt hervor und legt es ihm auf. Er hat Schmerzen. Mütterlich streicht sie ihm über das Haar. Aber sie ist noch ziemlich jung. Und hübsch. Ich schiele zu ihrer Hütte. Lebt sie allein? Fasziniert verfolge ich ihre flinken Bewegungen. Wie sie ohne viele Gesten die Leute behandelt.

Über mir ertönt der Ruf eines Vogels. Wie ein Gewand legt sich sein Lied über die Wiese. Leise vernehme ich das Rascheln der Gräser im Wind. Und obwohl der Große Platz voller Verwundeter ist, erhebt sich mein Herz zur Melodie der Vögel.

Da unterbricht mich Baltasa in meinen Gedanken. »Es war ein schrecklicher Anlass, der uns zusammen geführt hat. Aber jetzt hoffe ich auf viele weitere schöne, in denen wir an unseren Lagerfeuern einander Geschichten erzählen können. Und gemeinsam auf die Jagd gehen. Unser Wissen austauschen.« Er wartet meine Zustimmung ab. »Und ich hoffe, dieser kleine Schmaus hat euch allen geschmeckt. Denn«, hierbei öffnet er seine Arme und hebt seine Stimme, »ihr seid alle eingeladen. Der ganze Stamm. Von da an, wo die Sonne ihren Bogen beschließt und wieder beginnt. Und es wird noch mehrmals geschehen, bis wir mit Essen und Trinken aufhören, denn gar unerschöpflich sind unsere Speicher.«

»Ja, kommt alle, wenn der Mond sich zeigt. Unsere Feuer werden euch leuchten. So wie ich das Leuchten deiner Augen sehe, wo immer du auch bist.«

Erstaunt hebe ich den Kopf. Doch das Letztere ist nicht an mich gerichtet. Es ist der andere, der neben uns das Feuer bekämpft hat. Und es ist Tikone, die er meint.

»Ich bin Tanatanjapol«, sagt er nun zu ihr. »Wirst auch du unser Lager wieder besuchen?«

»Wir alle werde kommen«, sagt sie und lächelt. »Sogar meine Mutter.«

Ich weiß. Selbst die Alten werden mit uns feiern. Denn immer seltener werden die Begegnungen mit anderen Clans.

»Dann lasst uns aufbrechen, nachdem wir uns ausreichend gestärkt haben, und unseren Familien Bescheid geben. Sie werden schon auf uns warten, denn wir sind jetzt lange fort. Auch ihr werdet einige Vorbereitungen zu treffen haben. Abgesehen davon, dass sich alle von den Mühen und Strapazen erholen müssen.« Ich erhebe mich.

»Lasst mich euch helfen. Ich werde einen Teil eurer Lasten tragen.«

Dabei schaut Tanatanjapol aber nur zu Tikone.

»Dann nimm gleich mal meine Funkensteine«, sage ich.

»Und meine Speere«, fügt Eosander hinzu.

Wir brechen auf. Unter der Last des Gepäcks fragt mich Tanatanjapol: »Von diesen Steinen musst du uns unbedingt erzählen. Wie kommt es, dass sie Feuer spucken können?«

»Warte, bis wir wieder am Großen Platz vor euren Hütten sind. Dann sollen es alle hören«, sage ich und marschiere los.

Am Ende des Lagers steht Kala. Ich ergreife ihre Hände. »Ich werde bald zurück sein. Dann kannst du dir meinen Arm noch einmal ansehen.«

Sie lächelt mir zu. »Du weist, wo meine Hütte ist. Da habe ich noch genug Salben und Kräuter, die nur auf dich warten.«

»Wofür sind sie gut?«

»Du wirst schon sehen.« Ich lese es in ihren Augen. Es werden viele gute Nächte werden. In denen meine Wünsche und Hoffnungen mit ihr fließen. Zusammen treiben über die Felder und Ebenen des neuen Landes. Ohne Furcht und schreckliche Gedanken, die mir die neuen Tore, durch die wir schreiten, eingeben. In denen mir Zweifel gekommen sind ob der Richtigkeit der Richtung, die wir alle eingeschlagen haben. Und in die uns Aerandil geschickt hat.



Wir sind wieder zurück. Ich drücke meine Stirn auf die von Baltasa. So wie es nun mein ganzer Clan mit seinem tut. Wir halten uns bei den Händen, während wir uns gegenüber stehen und begrüßen.

Es gibt viel zu erzählen. Schon allzu lange ist es her, dass wir auf andere Menschen getroffen sind. Die Kontakte der Schamanen sind nicht genug, um von anderen Clans zu hören. So können wir direkt unser Wissen austauschen, Neuigkeiten erfahren und Geschichten lauschen.

Und vor allem unser Blut auffrischen. Tikone und Tanatanjapol weichen nicht voneinander. Selbst beim Ruhen lassen sie nicht ab. Beide sind in einem Alter, wo das Djibbiwaddi nicht nur zum Spaß da ist. Ich spüre, dass sie ihre Hütte miteinander teilen wollen. Für immer.

Er ist sehr klug. Von ihm erfahre ich, wie wir das Steppengras am besten verwerten können. Es hat kleine Körner, die in Ähren heranwachsen. In heißem Wasser gekocht, ergeben sie einen nahrhaften Brei, der recht lange sättigt. Der Hunger kommt erst nach einer ganzen Weile wieder. Außer dem hat er in seiner Hütte mehrere Tongefäße, in denen er sie lange aufbewahren kann. Sogar, wenn Schnee die Erde bedeckt. Selbst Feuchtigkeit können sie länger vertragen, und auch bei Nässe faulen sie nicht.

Mit einem Stößel zerquetscht er sie und fügt geriebenes Wurzelmehl und Wasser hinzu. Rührt es um und trocknet alles über dem Feuer. Es entstehen dünne Fladen, die er Bartenbrot nennt. Sie sind lange haltbar und überaus geeignet für die Wanderschaft.

Ich meinerseits muss von meinen Funkensteinen berichten. Wie ich ihre Eigenschaft herausfand. Und vor allem, wo sie zu suchen sind.

Als ich fertig bin, hockt sich Baltasa neben mich. Doch ich schaue mich um. Wo ist Kala? »Ich bin glücklich«, sagt er nun. »Mit dir haben wir unser Leben zurück. Und das Wissen, wie wir diese Buschbrände bekämpfen können.« Er ist schon etwas betrunken vom vergorenen Saft der Waldbeeren.

»Weißt du, wo Kala ist?« frage ich ihn.

»Hier bei dir«, höre ich von nahem.

Ich drehe mich um. Sie hockt hinter mir.

»Wie lange bist du schon da?«

»Lange genug, um deinen Geschichten zuzuhören.«

»Und wieso sagst du nichts?«

»Weil ich dir zuhöre.« Jetzt setzt sie sich neben mich. Lehnt ihre Schulter an meine. »Wie geht es deinem Arm?«

»Naja, so la la ...«

»Das ist gut.«

»Aber du wirst ihn dir nachher noch mal genauer anschauen müssen«, gebe ich zu Bedenken.

Baltasa reicht mir einen neuen Krug. »Das hier ist etwas Besonderes. Gegoren aus gelben Baumfrüchten, die wunderbar süß schmecken. Aber«, fügt er hinzu, »ich sehe, du hast schon das Beste gefunden, was es hier gibt. Süßer als alles andere.«

Alle um uns herum lachen.

»Keiner wird dir was Schlechteres gönnen. Du hast unser Dorf gerettet, Iosain. Du hast das Feuer mit Feuer bekämpft. Mit einem Stein, der selber Feuer speit.«

»Ich nenne ihn Beatasar, der Stein, der Feuer trägt.«

»Und du hast in der höchsten Not nasse Decken gegen Rauch und Hitze benutzt.« Ergriffen schnäuzt er sich die Nase, indem er das eine Nasenloch zudrückt, schnauft und sich abwendet. »Ich habe Glaurin, meinen Schamanen, beauftragt, es sofort an die anderen Clans weiterzugeben. Wie viel Menschen können dadurch noch gerettet werden!«

»Glaubst du?«

»Ja, dieses Gebiet hier ist voll trockenen Grases, das, wie du weißt, sogar nutzbar für uns ist. Immer wieder geschieht es, dass ein Brand ausbricht.«

Ich sehe auf meine Hände. »Es ist eine Gabe. Seit Iosain, als er von Odon, meinem ersten Blutsvater, gezeugt wurde. Obwohl,« füge ich hinzu, »obwohl Odon damals sicherlich noch nicht wusste, dass er es war, der diese Flammenhände, die wir Biral nennen, schuf.«

Baltasa schaut nachdenklich. »Iosain. Ich habe mich nebenbei auch über dich gewundert. Aber jetzt scheine ich zu verstehen. Biral, ist das dein Clanzeichen? Auch wenn es keinem Tier gehört, so entstammt es doch der Natur.«

Ich presse die Lippen aufeinander. »Nein. Wir haben kein Clanzeichen.«

Erstaunt fährt er in die Höhe. »Wieso das nicht?«

»Das Clanzeichen eines Tieres soll schützen. Aber hast du dich nicht schon selbst gefragt, wo deine Mammuts geblieben sind? Gibt es sie hier überhaupt?«

Baltasa stutzt. »Das stimmt. Seit der Überquerung des Großen Flusses sind wir noch keinen begegnet.«

»Wie können sie euch denn beschützen, wenn es sie hier gar nicht gibt?«

»Auch Glaurin hat schon darüber nachgedacht. Er meint, wir sollten sie suchen. Oder zurückkehren.«

»Aber das wäre doch nicht im Sinne Aerandils, der Quuanqunquum finden will.«

»Ich weiß. Ist dies der Grund, warum dein Stamm kein Clanzeichen haben will? Die alten Tiere gibt es nicht mehr, und die neuen sind noch zu fremd.«

Ich überlege mir gut, was ich sage. »Ich glaube an die Urväter, die Großen Biber, Rene und Hasen, deren Kinder wir jagten. Aber ich glaube nicht, dass es Götter sind.«

»Warum Götter? Es sind Geister. Die Ahnen der Toten.«

»Ja, es sind unsere verstorbenen Väter und Mütter. Aber die Schamanen wollen, dass wir ihnen opfern. Sie bei allem um Rat befragen. Sie sind der Meinung, dass sie unsere Wege bestimmen.«

»Und ist es nicht so?«

»Ich werde immer den Großen Geist des Tieres, das ich töte, um meinen Stamm zu versorgen, um Erlaubnis bitten und ihm danken. Aber wohin ich danach gehe, hat doch nichts mit den Urvätern zu tun. Es ist das Land, das ich suche, um mich und meinen Clan zu ernähren. Nicht, um eine den Schamanen wichtige Pflanze zu finden.« Ich wende mich direkt an ihn. »Als ihr hierher kamt, habt ihr da auch den Großen Biber befragt?«

Baltasa zögert. »Nein, es gibt doch viele Geister, wie Earazzil und Arahar, die uns töten oder uns sonstwie Schaden zufügen können. Ich glaube, dass der Weg durch die Tage, die vor uns sind, nur ihnen bekannt ist. Und sie ihn uns zeigen.«

»Aber alles, was ihr tun sollt, erfahrt ihr von den Schamanen.«

»Meinst du, sie geben die Ratschläge der Geister falsch wieder?«

»Nicht falsch. Aber vielleicht so, wie es ihnen am besten passt.«

Wieder schaue ich auf meine Hände. Biral. Gibt es einen Gott, der sie erschuf? Oder ihnen diese Gabe verlieh? Ich weiß es nicht. Wen kann ich befragen? Die Schamanen sind viel zu sehr darauf bedacht, Macht und Einfluss nicht zu verlieren. Vor allem, um Quuanqunquum zu finden. Mit dem sie Zukunft und Vergangenheit in den Händen halten. Und sie nie mehr abgeben werden.

Meine Gedanken schweifen ab. Eosine. Jetzt weiß ich von ihr. Sie kennt die Pflanze und ihre Wirkung. Und sie hat bereits das gesehen, was unser aller Schicksal ist. Eine Zukunft, die es nicht geben darf. Nicht, wenn sie vermieden werden kann.

Ich werde Henin veranlassen, dass er Eosine sucht.

Da höre ich einen Aufschrei. Erschrocken blicke ich hoch. Kala, die mein Erschrecken bemerkt hat, lacht. »Komm, Iosain, lass das Grübeln. Zumindest für eine Weile.« Anmutig schmiegt sie sich an mich. »Schau mal, was die anderen machen.«

Jetzt entdecke ich auch den Grund des Lärms. Um uns herum laufen alle zu einer Stelle, an der sich alsbald eine Traube bildet. Wir folgen ihnen. Es ist Tikone, die die Blicke auf sich zieht. Sie windet ihren Körper. Ihr Kopf wackelt hin und her. Und ihre Lippen lachen. Sie tanzt.

»Juhu«, ruft sie, und Tanatanjapol versucht, es ihr gleich zu tun.

Tanatanjapol. Er weiß für seine jungen Jahre schon sehr viel. Er passt gut zu Tikone. Wie sie sich zusammen bewegen. Bislang hat keiner den anderen nur für den Moment eines Atems aus den Augen gelassen. Beide scheinen sich zu lieben. Er wird ein gutes Mitglied meines Clans werden. Denn meistens folgt der Mann der Frau.

»Jahee Jau«, ruft jetzt auch er und wiegt seine Hände in der Luft, während er mit der Hüfte leicht die von Tikone berührt.

Und da ist es. Wie von einem Schrei zerschnitten teilt sich die Luft. »Caribberi!«

Tikone stampft jetzt mit den Füßen den Boden. Im Rhythmus der Hände, die von allen Seiten klatschen, setzt sie abwechselnd den einen, dann den anderen voran. So kommt sie langsam vorwärts und dreht sich um das Lagerfeuer herum.

»Caribberi«, ertönt es wieder aus ihrer Kehle, mit hoher Stimme, wie die Melodie eines fernen Liedes. Und Caribberi, denke ich, ja, das passt. Es ist ein Wort, das den Zustand beschreibt, in dem sie sich befindet. Es ist der Tanz, der sie ums Feuer trägt, und er wird sie fruchtbar machen, denn er ist der Ausdruck ihrer Liebe.

Diese Zeit ist ein Neuanfang für unsere Familien. Es werden Kinder geboren, und es werden Freundschaften entstehen. Kala an meiner Seite wird mich solange begleiten, wie unsere Clans zusammen leben. Sie wird meine Gedanken reinigen, und die Träume der dunklen Nächte werden verschwinden. Verscheucht von einer Welt, die Freude spürt am gemeinsamen Erleben und Teilen. Unsere Stämme werden wieder stärker und gewappnet sein den Gefahren und neuen Fragen. Es gibt jetzt so vieles zu erzählen und zu entdecken, dass ich mich überhaupt frage, was unseren Kindern noch bleibt.

Caribberi. In dieser Nacht wird die Zukunft meiner Ahnen eingeleitet. Und es werden weitere Nächte vergehen, bis zu einer, in der das Schicksal sich zum Bösen wendet.

Ich muss Eosine unbedingt erreichen. Sie befragen. Was zu tun ist, dass wir eine andere Zukunft finden. Dass das, was jetzt geschieht, nie mehr aufhört. Und dass das, was dereinst sein wird, sich nie in unseren Taten wiederfindet.