zurück zur Hauptseite Saga Homo Novalis
Literatur

Saga Homo Novalis

Saga Homo Novalis

- ein WissenschaftsProjekt von onlineSoft -
© onlineSoft '98-2009     eMail: webmaster
Literatur
Saga Homo Novalis



Iosain Flammenhand 59.698

S o weit ich mich erinnere, sind wir nun seit vielen Sonnenläufen bei Kälte, Schnee und wieder einsetzender Wärme unterwegs. Wir haben Berge überwunden, Steppen durchlaufen und Täler beschritten. Die Gegend änderte sich wie der Lauf der Sonne am Himmel.

Wir leiden sehr an Hunger, denn wir kommen kaum zum Jagen, oder es gibt keine Tiere. Wir wissen nicht vorher, ob die vor uns liegenden Ebenen Wild für uns haben. Oder ob wir hinter dem nächsten Berg Beute machen werden. Die Steppe wird offener und ist weitgehend baumlos. Kleine, graue Kräuter, die sich über den kargen Boden winden, sind schon lange den Koniferen und Birken gewichen. Sie bilden lange, tief in die Erde dringende Wurzeln aus und bewahren sich eine Welt zwischen winzig blättrigen Flechten und dem Moos an den Schattenseiten der Steine.

Ab und zu durchziehen wir ein Buchenwäldchen mit niedrigem Unterwuchs. Zwischen den Gräsern begegnen wir hier vereinzelnd noch dem Vielfraß. Doch selbst er ist mager geworden und schwer zu erjagen. Weiter in der Tundra gibt es Murmeltiere und Lemminge. Aber sie sind so klein, dass sie nicht den Hunger eines ganzen Stammes stillen können.

Wir dürfen nie lange rasten, um uns zu erholen. Denn die Kälte treibt uns voran. Und obwohl es besser wäre, eine warme Höhle zu suchen, die uns für diese karge Zeit Geborgenheit und Schutz verspricht, können wir nie lang verweilen. Denn überall, wo wir hinkommen, gibt es zu wenig zu essen. Oder die Grotten sind von Höhlenbären und Hyänen besetzt, die sich die mickrigen Schneehasen teilen.

Aber es ist nicht nur der Hunger, der uns vorwärts treibt. Auch Henin tut sein möglichstes, um uns nie lange verweilen zu lassen. Er ist wie ein Mammut und Wollnashorn zugleich, das uns verfolgt. Schnaubt und trompetet, wenn wir ihm nicht schnell genug sind. Oder wen unsere Glieder vor Müdigkeit schmerzen, um uns noch voran zu bringen.

Aber zugleich umsorgt er unsere Wunden. Lindert Plattfüße und Blasen, offene Schürfstellen und eitrige Entzündungen. Mit dem Öl aus den Blüten der Ringelblume reibt er unsere Verletzungen ein, gibt geschmolzenes Bienenwachs hinzu und streicht alles auf Hautrisse und Blutergüsse. Dann bindet er ein Tuch aus Spitzwegerich und den Stengeln des Salbeis um die Wunde.

Auch für unsere inneren Beschwerden ist gesorgt. Täglich trinken wir einen Tee aus Brennnesseln und Schachtelhalm, dem er manchmal die Blüten von Kamille und Rosmarin beifügt.

Aber wir sind trotzdem am Ende unserer Kräfte. Wir brauchen eine größere Pause.

»Henin«, sage ich, »wir lange willst du uns noch schinden?«

»Wollt ihr hier bleiben, damit ihr verhungert?«

»Aber die Frauen, Kinder und Greise brauchen eine warme Unterkunft.

Es ist zu kalt. Und nachts gefriert sogar der Erdboden unter unseren Füßen.«

Henin nimmt mich bei der Schulter. »Ich weiß, Iosain. Aber es gibt hier weit und breit keine Höhlen.«

»Und die, die wir fanden, als die Sonne noch hoch stand? Warum sind wir da nicht geblieben?«

»Weil es die beste Zeit zum Wandern war.«

»Das ist es jetzt aber nicht mehr.«

Henin schaut mich lange an. »Wir sind nun schon zusammen, seit dem ich denken und mich erinnern kann.« Dann setzt er sich und deutet mir mit der Hand, es ebenso zu tun. »Hast du in der Zeit nicht gelernt, mir zu vertrauen?«

»Es kommt der Tag, an dem auch du fehlbar bist.«

Da sagt er für die Dauer mehrerer Atemzüge nichts mehr. Er blickt nur stumm und traurig vor sich hin. Dann nimmt er einen Stock auf und zeichnet Linien in den Sand.

»Wir haben nun schon so viele Male über die Große Überfahrt geredet. Und du weißt, dass wir das Land der unendlichen Reisen und des ewigen Lebens finden werden.«

»Was macht dich so sicher? Bei all diesen Entbehrungen werden wir wahrscheinlich bald verhungert oder erfroren sein.«

Jetzt deutet Henin auf eine kleine Fläche, der sich wellenförmige Linien anschließen.

»Ich bin fast jede Nacht mit Aerandil in Kontakt. Und er versichert mir, dass die ersten das Große Meer bereits erreicht haben und daran gehen, es zu überqueren.«

Er schaut mich an und hält für einen Moment inne.

»Du kennst mich. Ich würde nie ein Risiko eingehen, wenn ich das Ziel nicht dicht vor Augen habe.« Er deutet auf eine Linie, die zu den Wellen führt. »Ich selbst bin mit einem Schamanen im Quaratar zusammen getroffen, der gerade einen Fluss erreicht hat und nun Flöße baut.«

Ich drehe mich frontal zu ihm hin: »Heißt das, er beginnt die Überfahrt?«

»Nein, noch nicht. Aber alle Flüsse führen zum Meer. Du kennst sowas noch aus der Erinnerung mit Odon. Die Fahrt geht wesentlich schneller als zu Fuß.«

Ich denke nach. »Wäre es dann nicht gut für uns, auch so einen Fluss zu finden. Schiffe zu bauen hat mein Clan noch nicht verlernt.«

Henin streicht sich über den weißen Bart, den er sich neuerdings wachsen lässt. »Aber ihn zu finden bedarf es sehr des Glücks.«

»Dann befrage die Träume der Menschen. Wo sie sind und was sie tun. Ich will von nun an wissen, welche Möglichkeiten uns offen stehen und wohin wir uns zu wenden haben. Und rede mit den Schamanen, dass die Leute dorthin gelenkt werden, wo andere es geschafft haben. Oder lass sie von Gelegenheiten erzählen, die uns helfen, unser Schicksal günstig zu stimmen.«

Ich bin der Führer meines Clans. Und es ist meine Aufgabe, für sein Überleben zu sorgen. Ich kann es nicht mehr länger dulden, dass wir in eine Zukunft geschickt werden, die Aerandil vorausgibt. Wir müssen es besser planen und uns über die Schamanen gegenseitig mit Ratschlägen helfen.

»Henin, finde heraus, wo dieser Clan ist, der den Fluss gefunden hat. Oder wo der nächste Strom in unserer Nähe ist. Dann werden auch wir wieder ein Floß bauen.«

Ich will mich nicht länger einem unbekannten Schicksal unterordnen. Die Gebrechen und das Siechtum meiner Leute geben mir zu denken. Ist es richtig, sich dem einen Ziel unterzuordnen und blindlings zum Meer zu marschieren? Oder sollten wir das Überleben unserer Sippe über alles stellen. Egal, wohin uns der Weg führt?

‚Ich werde es bald entscheiden’, denke ich für mich. ‚Und es wird unabhängig der Ziele sein, die andere Menschen für uns für richtig halten.’ So wie ich meinem alten Clanzeichen nicht mehr das nötige Vertrauen schenke. Der Große Geist der Wölfe mag meine Väter geführt haben. Doch heute finde ich, die Schamanen setzen zu sehr auf die Kraft der Geister. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich meine Fähigkeit, mit dem Feuer umzugehen, und die Geschicklichkeit von Eosander, dem Jäger, trefflich paaren, um den Clan zu versorgen.

Die Geister anzurufen, belässt uns unter ihrem Willen. Ich aber habe gelernt, meine Wege selbst zu finden. Andere Clans denken anders. Aber was für den einen gut ist, gleicht der andere mit Findigkeit und Wissen aus. Schon seit mehreren Monden befinden wir uns auf einer Ebene, deren Horizont weit entfernt von uns ist. Sie dehnt sich so lang, dass wir sie zu überqueren dreimal den dicken Mond brauchen, dem es nicht immer gelingt, sich vollkommen zu verbergen, um auf und zu zugehen.

Das Gras der Savanne ist hier spärlich und braun. Seine kurzen Halme sind äußerst scharf und ritzen die Schuhe auf, deren Fell aus Bärenhaut um unsere Füße gewickelt ist. Sie zerreißen schnell, und umso mehr setzt uns die Kälte zu. Unsere Kleidung bedarf immer mehr der Pflege, aber dafür finden wir nicht die Zeit auf der Wanderung. Geschweige denn neues Leder. Hierzu müssen wir Tiere jagen. Und Unterstände bauen zum Wässern und Trocknen der Haut, einen Gerbbaum zum Entfleischen und verschiedenen Töpfe für Salz und Tannennadelsud.

Ich gehe auf Henin zu.

»Glaubst du, wir finden noch mal aus dieser fruchtlosen Steppe heraus?«

»Lass den Mut nicht sinken, Iosain. Vor allem nicht, wenn sie dich beobachten.«

Auch mir ist nun öfters aufgefallen, dass meine Clanmitglieder mich immer wieder ansehen, als zweifeln sie an meinen Eigenschaften als Führer.

»Vergiss nicht, dass ich diese Wanderung auf uns nehme, weil du es so wünschst.«

»Bist du denn selbst nicht mehr von unseren Zielen überzeugt?«

»Ich frage mich, ob es die richtige Richtung ist, um Wild zu finden.«

Das gibt Henin zu denken.

»Bramir aus dem Clan der Auerochsen sagt mir, dass der Fluss einer Quelle entspringt, die sich in einem dichten Fichtenwald verbirgt. Aus seinem Holz bauen sie nun die Flöße. Und sind schon fast fertig. Er meint, die Fahrt hinunter zum Meer kann bald beginnen.«

»Dann finde heraus, wo dieser Fluss ist!«

»Aber seine Angaben sind viel zu vage. Und es gibt kaum Wälder. Nicht mit und nicht ohne Fichten. Keine Eichen und Eiben. Weder Kiefern noch Ahorn.«

»Um so einfacher dürfte es sein, diesen Wald zu finden. Sag ihm, er muss die Lage näher beschreiben.«

Henin denkt nach. »Letzte Nacht hat er gesagt, dass sie sich in einer Biegung des Flusses befinden, an dem einige Birken wachsen.«

»Birken, so?«

»Ja.«

»Ist das alles?«

Henin nickt.

»Dann muss er eben noch deutlicher werden.«

»Ich werde ihn fragen, Iosain.«

‚Aber wonach?’ Selbst ich kann mir nicht vorstellen, worauf Bramir achten könnte.

Meine Augen schweifen über die glatte Fläche der Savanne. Nichts hält meinen Blick fest. Bietet ihm einen Halt. Kein Schatten und keine Bewegung.

Es gibt hier kaum noch Rentiere. Die wenigen Hasen sind schwer zu treffen. Sie sind schnell und mit ihrem Haken schlagen kommen sie uns oft davon. Auch habe ich seit vielen Monden nicht mehr den Flug der Schneegänse oder anderer Vögel gesehen. Ich vermisse ihr fettes, nahrhaftes Fleisch. An Moschusochsen ist schon gar nicht zu denken. Wann gab es den letzten Hirsch?

Meine abgemagerten Knochen verraten mir die Wahrheit. Der Umhang aus Mammuthaut fällt wie ein platter Sack herunter, so wie die Erinnerung besserer Tage schwindet. Unser Ziel ist nicht länger das Meer. Wir müssen überleben. Wir gehen zur Sonne, wo sie sich öffnet. Nicht, wo sie ihren höchsten Stand hat. Die Hoffnung ist da, wo alles beginnt.

Ich wende mich in die Richtung, die zu meiner Linken ist. Rufe den Clan. Alle schauen zu mir. Ich deute nach vorn. Meine Entscheidung ist gefallen.

»Was tust du«, fragt mich Henin leise.

»Den Clan retten.« Mehr braucht es nicht.

Durst und Hunger sind wichtige Dinge. Wer sie außer Acht lässt, wird nirgends ankommen.



Bis jetzt hat sich die Gegend kaum verändert. Überall dasselbe Bild. Wir leben von Beeren und Wurzeln, die wir auf den Wegen sammeln. Und trinken morgens den Tau der Gräser, mittags, wenn wir Wüstenkakteen finden, den Saft ihre Strünke und abends das brakige Wasser alter Regenkuhlen.

Die Sonne scheint unbarmherzig, aber es gibt hier keinen Fels und keinen Schutz. Umso mehr erfreut es mich, als Eosander ruft: »Schaut mal vor uns!«

Am Horizont steht eine schwarze Wolke. Erst denke ich, es gibt Regen. Doch beim Näherkommen merken wir, dass es sich um einen großen Mischwald handelt. Nadel- sowie Laubbäume säumen seinen Rand. Unsere Schritte beschleunigen sich. Wo Bäume wachsen, gibt es auch Wasser. Zumindest Schatten. Und höchstwahrscheinlich auch Kleingetier, dass hier zu äsen sucht.

Als wir am Wald angekommen sind, legen wir uns erst einmal erschöpft in seinen kühlen Schatten. Lange verharren wir so. Wie lebloses Holz, dass um uns herum liegt. Ich sammle es auf. Ranima, die Tochter Ranjas, die nun die Blutline der Gerber bildet, hilft mir dabei.

»Jetzt haben wir wieder genug zum brennen. Lasst uns ein großes Feuer machen. Aus Freude und aus Dankbarkeit. Denn du hast die richtige Entscheidung getroffen.«



»Gut. Ich werde meine Thasar holen. Sie wird nur noch wenig zum Glimmen haben.«

Ich gehe zu meinem Bündel, das ich am Waldrand abgelegt habe und fülle die Thasar mit ein paar trockenen Scheiten auf. Dann kehre ich zurück.

Erst als das Feuer hoch lodert, erwachen die anderen wie aus einem dämmernden Schlaf und setzen sich zu uns. Wir werden heute keine Geschichten erzählen, denn dazu müssen wir essen. Die wenigen Wurzelkrumen reichen bei weitem nicht aus, unsere Mägen zu füllen. Auch nicht das, was die Frauen an Beeren finden. Aber es ist unsere erste warme Nacht seit langem. Und unter dem flackernden Schein der Lohen fühlen wir uns zum ersten Mal wieder geborgen und voller Hoffnung. Der Wald ist der Anfang. Und von hieraus werden wir unsere eigene Zukunft gestalten.

Zwar noch etwas hungrig, aber zufrieden, denn die Harmonie des Clans ist wiedergefunden, schlafen wir ein. Um alle Feuer, auch die anderer Familien, habe ich einen Steinkreis gelegt, damit ihre Flammen nicht übergreifen können, während wir ruhen. Ich möchte keinem zumuten, jetzt die Nacht durchzuwachen und auf die Glut aufzupassen. Es sind große Steine, und sie werden das Feuer in Schranken halten. Und morgens, wenn wir aufwachen, werde ich mir einige unters Fell stecken, damit sie meine Knochen wärmen.

Der Schrei eines Hähers weckt mich. Es wird langsam hell. Ich habe ununterbrochen und tief geschlafen. Das heruntergebrannte Feuer erinnert mich an die Geborgenheit der Wärme der letzten Nacht. Und ich weiß, dies ist ein guter Anfang.

Ich gehe ein wenig in den Wald hinein. Schaue mich um, suche nichts besonderes. Vielleicht, dass ich ein sauberes Wasserloch finde. Oder das Nest eines Vogels. Oder auch nur etwas, um den neuen Tag zu begrüßen. Denn er hat uns die Richtung gewiesen, von der ich glaube, dass sie die bessere ist.

Da sehe ich vor mir, wie eine große Lichtung entsteht. Mehr. Es ist das Ende des Waldes an dieser Seite. Aber nicht schon, dass die Ebene hier wieder anfinge. Nein, denn nicht weit von hier bricht sie ab wie der Rand eines steilen Kraters. Ich schau hinunter. Es ist ein kleines Tal oder auch nur eine riesige Vertiefung. Doch da unten liegen haufenweise Knochen. Vorsichtig steige ich herab. Es sind die Gebeine von Tieren. Großen Tieren. Weit und breit sehe ich kein Leben mehr.

Sie müssen schon sehr alt sein. Die Knochen sind gelb und verwittert. Aber ich finde auch ganz frische. Nur wenige, doch es gibt sie.

Mir will das nicht einleuchten. Sollte es hier noch Tiere geben? Ich werde es den anderen umgehend berichten. Ich kehre zurück.

»Das will ich mir gleich mal anschauen«, sagt Eosander, als ich ihm von meiner Entdeckung berichte. Er kennt sich gut mit Tieren aus. Hat die Instinkte eines Jägers.

»Ja, geh nur hier entlang. Immer geradeaus. Dann kommst du zu der Lichtung. Dahinter ist der Abhang.«

Wir richten uns in der Zwischenzeit ein. Bauen Unterstände, rammen Pfähle zum Waschen und Trocknen unserer stinkigen Kleidung in den boden und breiten unsere Felldecken aus, damit sie in der Tagesfrische auslüften.

Jeder geht einer Beschäftigung nach. Ranima holt ihre Schüsseln hervor, in denen sie die Häute gerbt. Nur, dass wir keine neuen Häute haben. Aber dafür schnitzt Esandine schon kräftig an einem Speer aus Eibenholz. Er ist fest und hart und bei jedem Wetter einsetzbar. Sie ist mit Eosander in einer Hütte und bekommt seine Kinder. Sie passen wunderbar zusammen, wenn sie auf die Jagd gehen. Gemeinsam sind sie unschlagbar. Wenn es etwas zu jagen gibt.

Plötzlich kommt Eosander angerannt. »Bisons, Bisons«, hören wir ihn schon von weitem rufen.

Wir glauben, wir verstehen nicht richtig.

»Was?« schreit Esandine aufgeregt.

»Ich habe Bisons gesehen. Zwar nur eine kleine Herde. Aber Bisons!«

»Und wo?« Nun sind alle aufgestanden und reden wild durcheinander.

»Unweit der Lichtung, die Iosain beschrieben hat.«

»Aber dann nichts wie los.« Esandine rafft ihre Schleuder und Dolche zusammen. Reicht Eosander die Speere. Andere holen sich ebenfalls ihre Waffen. Ich greife automatisch nach meiner Flamme, die die Tiere sieht. Sie liegt immer griffbereit neben der Thasar. Ich brauch sie nur zu entzünden. Auch wenn ich am lichten Tag nicht so recht weiß, wozu sie mir nützlich sein könnte.



Hastig eilen wir durchs dichte Unterholz der andern Seite des Waldes zu. Dort lichten sich die Bäume zu einem offenen Platz. Und da stehen sie. Füllen den Horizont, dass seine Seiten im aufgewirbelten Staub der Hufe verschwimmen. Doch schon von weitem werden wir bemerkt. Es sind nicht nur meine Flammen, die uns verraten. Im trockenen Gebüsch knacken kleine Zweige bei jedem Schritt. Selbst Eosander gelingt es nicht, sich dichter als bis zum Waldrand anzunähern. Sobald er hinaustritt, wird er von den Tieren gesehen. In wildem Galopp sind sie verschwunden und hinterlassen nur noch eine Spur dichten Staubes.

»Diese sind besonders vorsichtig. Und haben wohl auch nur deshalb überlebt«, sagt Eosander. »Deshalb meiden sie auch die Nähe des Waldes. Auf freier Ebene können sie uns schon von weitem erkennen.«

Wir sind sprachlos vor Enttäuschung. So eine große Chance werden wir kaum wieder haben. Oder doch?

»Sag, Eosander, diese Lichtung wird doch von den Bisons oder anderen Tieren regelmäßig genutzt?«

»Ja, denn im Schatten des Waldes verbrennt die Sonne das Gras nicht so und lässt es schön saftig werden.«

»Dann werden sie also wiederkommen?«

»Ist anzunehmen.«

Also müssen wir nur warten. Aber der Hunger drängt mich.

»Was hast du vor?« fragt mich Eosander.

Nur allmählich entsteigt ein Plan den Nebeln meiner Gedanken. Zunächst verschwommen reihen sich Bilder, die ich erlebt habe, zu einer Geschichte aneinander. Erst als ich sie ordne, ergeben sie einen Sinn. Sie stammen aus verschiedenen Zeiten. Und nur, wenn ich sie richtig zusammensetze, erhalte ich die Lösung.

»Kommen sie auch nachts?«

»Eher selten, denn dann schlafen sie. Aber gerade in der Dämmerung, im Zwielicht von morgens und abends, fangen sie zu äsen an. Einmal, weil sie wieder Hunger haben. Und zum anderen, um für den nächsten Schlaf vorzusorgen.«

»Also morgens und abends, sagst du. Wenn es noch halb dunkel ist.«

»Ja, warum?«

»Das könnte reichen.« Ich verrate ihm meinen Plan. Ungläubig hört er ihn sich an. Doch dann versteht er. Und gibt Ratschläge. Änderungen aus der Sicht eines Jägers. Für die Ideen des Flammenhändigen. Der in der Faust die Fackel trägt.



Der Abend dämmert. Henin wirft eine letzte handvoll Sternenstaub in die Lohe, die die Geister besänftigt. Rötlich scheint jetzt das Sonnenlicht durch die Wipfel der Bäume. Und erhellt unsere sorgfältigen Vorbereitungen. Die Flamme, die die Tiere sieht. Sie lodert nun in den Händen vieler. Doch da ist noch mehr. Es gibt auch Fackeln, die gelöscht bleiben. Denen die Thasar mitgegeben wird. Sie machen einen weiten Bogen um die Lichtung und nähern sich seitlich den Tieren.

Nach einer Weile erscheinen wir mit den Flammen aus dem Dunkel des Waldes. Langsam drehen sich die Bisons uns zu, denn wir sind noch in für sie sicherer Entfernung und bieten ihnen keine Gefahr.

Auch als sie sich gemächlich auf den Weg machen, eher ungehalten über die Störung und das Unbill, sich neue Weidegründe suchen zu müssen, glauben sie nur an eine vorübergehende Unterbrechung.

So traben sie schlurfend davon und verfallen erst mit der Zeit in eine schnellere Gangart. Dann aber erscheinen zu ihren Seiten dieselben Lichter, tausendfach. Grell wie Blitze bilden sie eine Flammenwand, die sich im Gras der Steppe schnell ausbreitet und an Dichte gewinnt.

So bleibt ihnen nur noch eine einzige Richtung, in die sie sich wenden können. Es ist fast dunkel, und ihre Augen erkennen nur wenig. Auch haben sie nicht die Erfahrung der anderen ihrer Art, die der Tod ereilt hat, bevor sie sie hätten weitergeben können.

Darum rennen sie alle auf die Klippe zu, die den schroffen Abhang ins kleine Tal bildet. Ihre Hufe donnern über die Steppe dem Rand entgegen. Staub verhüllt die letzte Sicht. Nichts trennt sie mehr von ihren Vorgängern. Wie ein Loch klafft der Abgrund, hebt den Boden auf, zieht sie hinunter, hinein in seinen Schlund und öffnet sein Grab. Das Geröll, lose Steine, Staub. Alles stürzt hinein, reißt die anderen mit, die davor zögern. Und nimmt letztlich alle in den Tod, bevor sie sich Gedanken machen können, zu stoppen. Denn ihre Artgenossen, die hinter ihnen kommen, drängen sie weiter und sich selbst damit ins Verderben.

Als sich der Staub und der Lärm gelegt haben, rücken wir weiter vor. Versammeln uns vor der Klippe und schauen hinab. Einige der Tiere zucken noch mit gebrochenen Knochen im Todeskampf. Nur wenigen ist die Flucht seitlich des Abhanges gelungen. Es sind viele geblieben. Mehrere Hände eines Mannes voll. Wir steigen herab und töten die Überlebenden. Unsere Bäuche werden bis zur warmen Zeit genug zu essen haben. Und noch darüber hinaus, wenn wir das Fleisch im kalten Boden vergraben.

Endlich, endlich riecht es wieder nach Braten. Mehr als ein Feuer hat zu tun. An den kleinen sitzen die Frauen und bereiten das Essen vor. Leber und Herz sind für die Jäger bestimmt. Das rosige und zarte Fleisch der Lenden für die Kinder. Auch das Blut wird aufgefangen und mit Wasser und Wurzeln zu einem klumpigen Brei verrührt. Zusammen mit einigen Steppenkräutern gemischt schmeckt es nach zartem, süßem Darm. Am Großen Feuer wird dann gegessen. Gemeinsam, auch wenn einige hintereinander sitzen müssen. Es ist diesmal so groß, dass ich im Rauch kaum das Ende erkenne kann.

Viele beschäftigen sich jetzt mit den verschiedensten Teilen der Büffel. Vorräte müssen angelegt, Häute abgezogen werden. Die Hörner dienen Speerspitzen und Dolchen. Selbst die Hufe, von den Beinsehnen befreit, werden alsbald Nüsse und harte Früchte zermahlen. Einige Frauen haben sogar die breiten Mahlzähne genommen, um sie später wie Schmuck an einer Kette um ihren Hals zu tragen. Aber dann gebe ich das Zeichen. Nun wird gegessen, bis die Mägen streiken.

»Iosain Biral, die Flammenhand. Du hast doch das Richtige getan. Lange habe ich daran gezweifelt. Und es gab Tage, da ich nicht deiner Meinung war.« Henin setzt sich zu mir ans Gemeinschaftsfeuer. Unsere Münder sind fettig und die Hände verschmiert vom Blut der Büffel.

»Aber es wird der Tag kommen, da wirst du einsehen, dass du es nur tatest, um für diesen Augenblick unser Überleben zu sichern. Denn nach der Kälte musst du wieder aufbrechen.«

Ich sehe ihn an.

»Ja, das Ziel ist nicht aus den Augen. Auch wenn es Umwege braucht, um Hindernisse zu umgehen«, fährt Henin fort.

»So denkst du immer noch an die Große Überfahrt?«

»Mehr als zuvor. Denn nun weiß ich, dass wir es mit dir schaffen.«

Doch wir werden unterbrochen.

»Still!« Eosander hält den Finger an die Lippen. »Bewegt euch nicht. Da ist etwas im Gebüsch.«

Und schon springt er auf und stürzt fort. Als er wiederkommt, zieht er an seiner Hand ein junges Mädchen zu uns in den Kreis des Feuers. Ihre nussbraunen Augen weiten sich vor Schreck. Und ihr Mund öffnet sich zu einem Schrei. Sofort schließt sich seine andere Hand um ihren Rachen und erstickt die Laute, die da kommen wollen. Nur noch die Augen erstarren zu großen Kugeln. Und über ihnen graben sich dicke Wülste in die flache Stirn.

»Ein Flachkopp«, sagt Henin.

»Es ist eine Frau«, bemerkt Ranima.

»Da werden noch mehr sein, wo die herkommt«, antwortet Eosander.

»Wie wunderschön sie ist«, entfährt es mir.

Ich staune über den ovalen Schnitt ihres Gesichts. Sonst haben die Flachköppe alle mehr oder weniger runde Köpfe. Und das fehlende Kinn wird durch einen zarten Mund mit weichen Lippen wettgemacht. Sie wirkt so verletzlich, dass ich zu Eosander hingehe und sie von ihm befreie.

Er aber missversteht mich. »Gut, halte sie fest. Ich gehe die anderen suchen«.

Sie ist jetzt dicht an mich gepresst. Ich fühle ihre Brust an meinem Körper, wie sie sich hebt und senkt. Die Kleine hat Angst. Und dennoch merke ich, wie sie immer wieder zum Fleisch starrt. Sie hat Angst und Hunger. Und letzteres muss wohl stärker als alles andere gewesen sein.

Ich will ihr etwas von der saftigen Keule des Büffels geben. Doch dazu muss ich ihren Mund loslassen. Sie will schreien, da fallen mir zwei Worte ein. »Hantk mucha.« Fleisch essen.

Es sind die Erinnerungen von Mara. Die alte Sprache der Flachköppe. So hart und voller Knacklaute. Ich gebe ihr die Keule.

Angestrengt suche ich nach neuen Worten. »Chak Arga.« Keine Angst. Ich will sie an meinem Feuer willkommen heißen. Sie soll zu essen bekommen wie alle anderen, denen der Hunger der Steppe das Leben schwer macht. Noch genau vor einem Mond waren wir in derselben Lage.

»Tjak drr.« Setz dich.

Sie hockt sich ergeben neben mich. Ich halte ihr erneut das Fleisch hin. Mit schnellem Griff nimmt sie es und beißt gierig hinein.

Da kommt Eosander mit zwei weiteren Flachköppen. Er treibt sie mit dem Speer vor sich hin. Beide haben Angst und reagieren auf jede Geste, die er ihnen deutet.

»Lass sie in Ruhe, Eosander«, sage ich. »Sie haben nur Hunger. Wie wir alle auch.«

Er lässt sie aus seinem Griff. »Was wollen wir mit ihnen tun?«

»Das ist doch ganz einfach. Gebt ihnen zu essen. Wir haben genug.«

»Aber es sind Flachköppe.«

Ich verstehe ihn nur zu gut. Unser Clan muss in der Not zusammenhalten. Diese hier unterscheiden sich zumindest im Aussehen erheblich von uns. Doch es gab eine Zeit, in der wir selbst innerhalb unseres Stammes völlig unterschiedlich aussahen. Das war die Zeit des Übergangs zu dem, was wir heute sind. Davor hatten wir noch Mitglieder, die so waren wie das junge Mädchen, das nun zu meiner Seite sitzt. Jetzt, viel, viel später, sehen wir alle gleich aus, mit einer geraden Linie von der Stirn bis zum Kinn. Aber so war es nicht immer gewesen. Die, die diese Entwicklung in unserem Stamm nicht mitmachten, sind irgendwann ausgeblieben. Sie wurden immer weniger, bis sie ganz ausstarben. Nur unsere Art hat überlebt.

»Eosander«, sage ich, »ein Teil unserer Eltern war das auch einmal. Nur haben wir auch das Blut der Langnasen, wie du aus deinen eigenen Erinnerungen weißt. Deine Mutter Jamirahma war so eine. Aber Haan, der wohl dein Vater war, sah so aus wie sie hier.« Dabei zeige ich auf das Mädchen, dessen Gesicht nun von unten bis oben mit Fett und Blut bekleckert ist.

»Du meinst, wir sollen sie bei uns aufnehmen?«

»Bis sie ihren Hunger gestillt haben, ja.«

Eosander beißt sich auf die Lippen.

»Tut, was Iosain euch sagt.« Henin richtet das Wort an alle. »Er hat Recht. Sie gehören einer alten Rasse an, deren Ahnen auch die unseren sind.«

Meine Leute reden nun aufgeregt durcheinander. Misstrauisch schauen die Flachköppe unter der Stirn zu uns herüber. Doch ich achte nicht auf sie. Das Mädchen neben mir hat zuende gegessen und leckt sich die schmutzigen Finger. Dann schaut sie zu mir. Ihre Wangen glühen wohlig im Schein der Flammen. Ich streiche ihr über ihr verfilztes Haar.

»Kaknu.« Wie ist dein Name, frage ich.

»Inja.«

»Inja«, sage ich. »Du hast schöne Augen.«

Und Inja lächelt.



Nachdem unsere Gäste uns drei Mondläufe lang immer wieder besucht haben, sind wir zu ihrem Clan am anderen Ende des Waldes aufgebrochen. Er ist sehr klein. Nur soviel wir Finger haben, wohnen da. Gleich hinter dem kleinen Tal haben sie in dem dort eher flachen Anhang natürliche Nischen gefunden. Als sie das Gestampfe der Bisonhufe hörten, das Gejohle unserer Stimmen und das Niederkrachen von Büffel und Geröll, waren sie zur Schlucht geeilt und haben mit verfolgt, wie wir die letzten lebenden Büffel getötet, enthäutet und ihr Fleisch zerlegt haben. Dann waren sie hinter uns hergelaufen. Wobei ich sagen muss, dass die Mutigsten zugleich die Hungrigsten waren.

Da es zunächst noch genug tote Tiere gab, haben wir ihnen erlaubt, sich auch davon zu bedienen. Nun, nachdem der dicke Mond dreimal auf und zu gegangen ist, findet ein reger Austausch zwischen unseren Lagern statt.

Da wir hier neu sind und vieles benötigen, um ein festes Lager zu errichten, haben sie uns geholfen, Holz und Stangen für die Zelte anzufertigen. Ich muss sagen, sie sind gar nicht mal ungeschickt. Wenn ihre dicken Finger mir für feinere Verrichtungen auch ungeeignet erscheinen. Aber sie sind so kräftig wie Büffel. Ihre Knie dick wie Äste. Und bei einer Umarmung können sie uns glatt die Brust zerquetschen.

Auch geben sie uns kleine Wurfhölzer, die vorne angespitzt sind. Sie sind so lang wie unsere Arme und werden in auffliegende Entenschwärme geworfen. Sie wissen, wann sie kommen und wo sie sich zum Trinken niederlassen.

Im Tausch dafür zeigt ihnen Ranima, wie sie Löcher in kleine, bunte Steine bohrt und diese dann mit einem Faden aus Hanffasern verbindet. Dazu leitet sie ihn in eine Nadel aus Walplatt, die sie von fernen Vorfahren, die an Flüssen und großen Seen lebten, erhalten hat. Diese ist vorne spitz und dünn und hat eine winzige Öse, durch die der Faden zu ziehen ist. Das ist allerdings ein Problem für die Anderen.

Aber sie sind so begeistert von der Perlenschnur, dass Ranima sie ihnen weiterhin selber herstellt. Sie geben uns soviel andere wichtige Sachen. Zeigen uns, wo Wildpferde und Wisente wohnen. Und lachen gern, wenn sie den gegorenen Saft von Baumfrüchten trinken.

Oft sitze ich in der Lichtung neben dem Wald und beobachte sie. Und obwohl ihre Körper grob erscheinen, sind es die liebevollsten Wesen, die ich kenne. Sie sind leicht zu erfreuen. Und dankbar und nie rachesüchtig.

Am größten Freude bereiten mir allerdings die Stunden mit Inja. Sie ist fast jeden Moment eines Atems bei mir, und alsbald haben wir auch das Lager miteinander geteilt. Ich fühle, dass meine Gedanken oft zu ihr wandern, wenn ich auf Jagd bin. Und selbst wenn ich mit leeren Händen zurück komme, erlebe ich großes Glück, sobald sie in meinen Armen liegt.

Der Pelz ihres Körpers erinnert mich an Ranja, die mich dereinst in die Liebe einwies. Doch heute bin ich älter und reifer. Ich frage sie, was sie mit ihren Kindern machen, wenn sie der Hunger zwingt, das Tal zu verlassen. Doch sie schaut mich nur lange an, und in ihren Augen liegt die Demut ihrer Art.

»Wir hoffen. Geben Milch. Solange geht.«

»So brecht ihr nicht auf, um eine fruchtbarere Gegend zu finden?«

»Dabei sterben Kinder.«

‚Aber wenn ihr bleibt, sterben sie auch’, denke ich erschrocken. Doch ich weiß auch, dass sie die ersten sind, die den Strapazen der Wanderschaft zum Opfer fallen. Inja würde nie von sich aus etwas tun, um dem Kind zu schaden.

Sie gibt mir viel zu denken. In mein Glück mischen sich Gefühle, die mich nicht mehr loslassen. Ich überlege, was aus ihnen wird, wenn die Kälte anhält. Was aus Inja wird, wenn die Bisons ausbleiben.

Eines Morgens kommt Henin zu mir. Ich fülle gerade meine Thasar. Er setzt sich. Eine Weile sagen wir nichts. Still streicht die milde Luft des werdenden Tages über unser Lager.

»Es wird wieder wärmer«, sagt er.



»Ich weiß. Und es erfüllt mein Herz mit Sehnsucht. Denn Injas Bauch wird dick.«

Entsetzt starrt mich Henin an. »Sie kriegt ein Kind von dir?«

»Ja«, sage ich irritiert. Denn das ist nicht die Reaktion, die ich erwartet habe.

»Aber... aber weißt du denn nicht? Was ist mit deiner Blutlinie?«

»Wie kannst du von Blutlinie reden, wenn es ein Kind der Liebe ist?«

Aber auch ich fühle den Stachel, der mich drückt, und den ich schon lange zu verdrängen suche. Ich hoffe immer noch, ihn zu ziehen, bevor er zusticht. Nicht mich. Es ist mein Kind, das er treffen wird.

Es ist immer wieder geschehen, dass wir uns weiter mit den Flachköppen und Breitnasen vermischt haben. Früher, als wir noch keine Kenntnis davon hatten, dass sie aus dem Djibbiwaddi von Mann und Frau entstehen, ist es uns nicht aufgefallen. Die Blutlinie kam und ging. Doch nun ahnen wir die Gründe dafür. Die Erinnerungen und Fähigkeiten sind das Ergebnis einer einzigartigen Vermischung zwischen Breit- und Langnasen. Nur einmal! Jeder weitere Austausch führt unweigerlich wieder zu derem Verlust. Mit anderen Worten: Wir dürfen uns nur noch untereinander paaren. Und das setzt voraus, dass es genügend Clans unserer Art gibt. Schwer in Zeiten, wo die Savanne uns nicht mehr ernähren kann und sich alles zerläuft.

»Das ist der Hauptgrund, warum wir ein anderes Land suchen, Iosain. Alles andere sind Aerandils persönliche Angelegenheiten, die ich aber nur vorschiebe.«

»Du bist nicht einer Meinung mit ihm?«

»Doch. Wie er möchte auch ich die Pflanze finden, mit der wir in die Zukunft und Vergangenheit reisen können. Aber der eigentliche Anlass zur Überfahrt ist die Sorge vor einer weiteren Vermischung mit anderen Rassen.«

»Dann ist es also wahr.«

»Ja. Zunächst waren wir uns nicht sicher und wollten keine Unruhe aufkommen lassen. Niemand kannte früher die Zusammenhänge zwischen Djibbiwaddi und unseren Kindern. Deshalb war ich dafür, es noch zu verschweigen. Doch die Gefahr, auf andere Arten zu treffen, wird immer größer, je mehr wir uns ausbreiten. Wir müssen die Blutlinien erhalten. Denn jede weitere Kreuzung führt zu einer Unreinheit der Linie. Und zum Ausschluss all unserer Fähigkeiten und Kenntnisse. Die Sippe der Flammenhände, Schleuderhände und Dornenhände. Und die von Sternenmund und Falkenauge. Was soll aus ihnen werden?«

Ich kann nicht darauf antworten. Ich weiß es selbst. In meinem Kind mit Inja stirbt meine Art. Zieht sich zurück. Und wird wieder ein Flachkopp oder eine Langnase. Die Entwicklung unzähliger Sonnenbögen wird verdrängt und unnachahmliche Fähigkeiten, die Erinnerungen aller Ahnen, mit ihr zerstört.

»Komm, lasst uns wieder aufbrechen, Iosain. Es ist zwar wunderschön hier. Aber es ist nicht unsere Zukunft.«

»Etwa die von Aerandil?« schreie ich ihn an.

»Nein, die deine.«

Ich berge mein Gesicht in die Hände. Tränen rinnen mir am Arm entlang und tropfen auf den Boden.

»Da ist noch etwas«, sagt Henin.

Ich hebe den Kopf.

»Eosander und Esandine waren aufgebrochen, um die Gegend auszukundschaften. Du hast ja davon nicht allzu viel mitbekommen. Nun sind sie zurück.«

»Und?«

»Sie haben das Birkenwäldchen an der Biegung des Flusses gefunden.«

» Bramir?«

»Die sind schon weg. Aber wir haben Reste ihres Lagers entdeckt. Und die Taue, mit denen sie die Flöße zusammen gebunden haben. Er hat mir bereits mitgeteilt, dass sie am Großen Meer auf uns warten werden.«

»Dann ist es also wahr. Das Treffen findet statt. Mit uns.«

Mehr kann ich nicht sagen. Meine Stimme versagt, und erneut muss ich weinen.

»Tu es für deinen Stamm, Iosain. Hier wird es immer kälter. Wenn wir auch gerade Glück hatten bei der Jagd. Unsere Kinder werden bald wieder Hunger haben.« Henin legt mir den Arm auf die Schulter. »Dort soll es wärmer sein. Und es gibt viele Tiere.« Er hat Recht.

Am Abend ruht Inja neben mir. Ich blicke in ihre großen, braunen Augen. Streichle ihren Bauch.



»Du weinen?«

Ich habe vergessen, dass sie auch nachts sehr gut sehen kann.

»Ich freue mich auf das Kind.«

Sie sagt daraufhin nichts. Aber beim Djibbiwaddi schaut sie mich an, als ob es das letzte Mal ist. Sie weiß, dass ich sie verlassen werde.

Am nächsten Morgen ist sie weg. Ich gehe sofort zu ihrem Clan. Aber sie ist allein in die Berge gezogen. Und keiner kann mir sagen, wohin genau. Es gibt dort viele Verstecke, in denen sie ihr Kind gebären kann. Erst dann wird sie zum Clan zurück kommen. Ich schluchze auf. Ich weiß nicht, ob ich dann noch da bin.

Ziellos taumel ich durch den Wald. Stolper über Wurzeln, bleibe an tiefen Zweigen hängen. Meine Augen sind verschleiert. Wie durch ein Meer von Tränen nehme ich die Bäume wahr. Doch nichts soll mich aufhalten.

Bald weiß ich nicht mehr, wo ich bin. Erst jetzt wird mir bewusst, dass ich sie suche. Aber wo ich auch hinkomme, hinblicke. Ich kann kaum den Nebel vor meinen Augen zerreissen. Erschöpft sinke ich zuboden. Lehne mich an einen Baum und erwache erst, als es dunkel wird.

Ich habe nicht geschlafen. Und doch war mein Geist nicht bei mir. Meine Sinne dämmerten und suchten nach ihr. Aber ich kann nicht fliegen wie ein Schamane. Kurz denke ich, Henin zu bitten. Aber er wird mir nicht helfen. Er will die Wanderung wieder aufnehmen. Willenlos stehe ich auf und beginne, weiterzugehen.

Irgendwann findet mich Henin im Gestrüpp des Waldausläufers. Mit zerrissener Kleidung und zerplatzten Lippen. Doch er sagt kein Wort. Bringt mich zurück ins Lager. Als wir dort ankommen, wird bereits der Aufbruch vorbereitet. Ich weiß, ich werde Inja nie wieder sehen. Aber ich stecke all meine Kraft in die Hoffnung, dass sich mein Kind an mich erinnern kann.

Nur sein Name wird mir ewig verwehrt bleiben.