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Literatur

Saga Homo Novalis

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Saga Homo Novalis



Iosain Flammenhand 65.623

S anft bläst der Wind über die welligen Ebenen. Wo früher Buchenwälder standen, so zahlreich, dass sie die Erde in Schatten hüllten, sind nur noch die starken Stämme des Kirschlorbeers und einige Arten Rhododendron geblieben. Einstmals erhoben sich hier auch stolze Birken, Eichen, Kiefern und Ahorn, die den Sturm abfingen und seine Kraft brachen. Nun sind von den alten Laubbäumen nur noch einige wenige Ulmen und Erlen geblieben. Und zwischen ihnen rankt sich Efeu wie in einem letzten Versuch, die Einheit der Wälder zu bewahren.

Noch ist er nicht allzu streng, der Geist von Earazzil, der Blitz und Sturm bringt. Und doch treibt er schon kühle Luft vor sich her, die die Erde in Schnee hüllt. Immer früher kommt er mit seinem kalten Gebläse. Und in seinem Bestreben steht der Wunsch, das Leben von grundauf zu ändern.

Sein eisiger Hauch steigt dann über uns und bricht Äste und Halme. Lässt ewiges Grün gefrieren. Der Unterwuchs wird alsbald von grauen Moosen und Flechten bestimmt. Nur vereinzelnd erheben sich noch Koniferen und Farne. Aus Wälder und Heiden werden Steppen und Tundren.

Geblieben in dieser kargen Welt sind kleine Herden von Pferden und Riesenhirsche, die über das Grasland ziehen und die kurzen Kräuter abweiden. Noch sind sie genug, uns zu ernähren. Hinzu kommen das riesige Mammut, das haarige Wollnashorn und das Steppenwisent. Doch Fleisch ist selten geworden. Die Herden bleiben immer öfter aus. Ziehen nicht mehr durchs Land. Und so werden wir selbst zur Beute anderer: dem Höhlenlöwen oder Arahar, dem Bären. Denn die Gefahren sind geblieben und haben sich ausgebreitet wie eine Krankheit, die sich immer wohler fühlt.

Ich bin Iosain. Aus dem Clan der Wölfe. Gerade sind wir von der Jagd zurück. Aber wir hatten nicht viel Glück. Der kleine Rücken des einzigen Hasen wölbt sich, wie er an der Stange hängt. Odon hat ihn dort befestigt. Er meint, dadurch kann ich ihn leichter tragen.

Ihm war es wohl zu peinlich, ihn selbst ins Lager zu bringen.

Ich habe ihn auf dem Großen Platz abgesetzt. Vor mir kniet nun Ranja, um ihn zu zerlegen.

»Nichts gefunden? Wieder.«

»Doch, die Spur einer Antilope. Aber sie war zu schnell«.

»Solange Spuren, sind da.«

»Aber wir treffen immer weniger auf sie. Spuren können so alt wie der Tag sein«. Odon ist nun doch hinzugetreten. »Manchmal sind Monde über sie hinweg gezogen, bevor ich sie finde.«

Ranja widmet sich weiter dem Hasen. »Wenig Fleisch für viel Mägen. Wie satt kriegen«, seufzt sie.

»Ich werde heute Nacht noch einmal aufstehen«, sagt er.

»Aber dann nichts sehen. Und Augen der Tiere nachts überall.«

»Dann werde ich mich eben verstecken, bevor sie meinen Weg kreuzen.«

Odon geht in seine Hütte und legt sich hin. Sie ist aus Zweigen und Blättern errichtet. Drinnen liegen einige Felle, mit Stroh und Gras ausgefüllt. Ich eile ihm hinterher.

Wir teilen die Hütte mit noch einer Frau. Sie heißt Mara. Eigentlich sieht sie ganz anders aus als Odon. Eher wie Ranja. Ihre Stirn weicht stark zurück, während die von Odon hoch ist. Auch hat sie kein Kinn, dafür dicke Augenwülste.

Hilfesuchend sehe ich sie an. Doch sie bleibt stumm. Oft findet sie nicht die richtigen Worte.

Ich wende mich wieder an ihn. »Nimm mich mit, Odon.«

»Lass mich schlafen, Iosain. Ich will heute Nacht ausgeruht sein.«

»Aber ich kann dir doch helfen.«

»Wie willst du mir helfen?«

»Wer trägt denn all die Tiere, die du erlegst«, stottere ich.

»Welche Tiere«, lacht er. »Die, die ich gerne erlegen möchte, aber nicht tu, kann ich selber tragen!«

Ich will ihn nicht in Verlegenheit bringen. Aber ich weiß, dass er einst ein guter und erfolgreicher Jäger war. Ich erinnere mich genau an jede einzelne Jagd. Wie er dem Fuchs auflauerte, der seit Tagen um die Hütte Jamirahmas schlich, weil er ihr frisches Baby roch. Wie er den Wolf schlug, der ihn selbst seine Krallen spüren ließ. Deren Abdruck leuchten noch heute als rötliche Narbe auf seiner Schulter. Oder wie er Saquasi, die Schneegans, mit dem Stein traf.

Ich kenne all seine tapferen Taten, als ob ich sie selbst ausgeführt hätte. Und manchmal ist mir sogar, dass ich die Narbe des Wolfes spüre, wie er sie ihm einst schlug. Der Zufall hatte es gewollt, dass die Tatze nur knapp seinen Kopf verfehlte. Und der mächtige Rachen sandte schon dicht vor ihm seinen fauligen Atem, als er zubeißen wollte. Doch die Wurzel eines Busches ließ Odon in diesem Augenblick stolpern, und er tauchte unter die scharfen Zähne des geifernden Mauls. Er fiel einen kleinen Abhang hinunter. Und bevor der Wolf die neue Situation begriff, kam Odon von der Seite wieder heraufgesprungen und hatte ihm das Messer durch die Kehle gejagt. Seitdem trägt sein Clan das Totem des Wolfes.

»Dann bringe ich dir einfach Glück!«

Odon blickt mich an, als ob er sich fragt, womit ich ihm schon Glück bringen könne. Er sieht meine Augen, die hoffnungsvoll zu ihm hochschauen und ihn bewundern.

»Gut, aber halte dich hinter mich. Die Nacht ist schwer. Voller fremder Geräusche. Und du siehst den Tod nicht eher, als bis er dich erwischt.«

Ich zittere. Doch ich kann nicht mehr zurück. Mit gemischten Gefühlen lege ich mich neben seine Schlafstatt.

Ich versuche, mich auf die Nacht vorzubereiten. Es ist meine erste Jagd. Und ich verstehe Odons Zögern. Mit den wenigen Sommern, die bisher über mich zogen, bin ich noch sehr jung.

Ich überlege, was ich alles mitnehmen kann. Den kleinen Dolch aus geschliffenen Rentierknochen, den mir Odon geschenkt hat, auf alle Fälle. Wenn ich mir auch noch nicht vorstellen kann, ihn zum Töten zu benutzen. Er ist zum Häuten der Tiere gedacht.

Meine Sinne öffnen sich. Vor meinen geistigen Augen sehe ich, wie Odon einem verwundeten Wisent folgt. Er hat es nur am Bauch getroffen. Der Speer dringt nicht tief genug ein, da das Tier bei seinem Anflug anfing, sich wegzudrehen. Nun versucht er, es im dichten Buschwerk des Waldausläufers aufzuspüren.

Doch in der Dunkelheit der Nacht gelingt es ihm nicht, das Wisent wiederzufinden. Mit angehaltenem Atem lauscht er den Geräuschen. Und bei jedem Knacks eines Zweiges eilt er in die Richtung, die er hört. Auch versucht er, den Bluttropfen zu folgen, die im Gras und an den Blättern kleben. Aber auch das Wisent weiß, dass es um sein Leben kämpft. Es verhält sich still in seinem Winkel jenseits des Waldes. Dort, wo hohes Gras eine kleine Baumgruppe umsäumt. Undurchdringlich für die Augen des Jägers.

Ich sehe, wie Odon durch den Busch schleicht, und sich doch nicht dem Unterschlupf des Tieres nähert. Da bricht der volle Mond hervor, zwischen Wolken und Baumwipfeln. Und erhellt die Savanne mit dem dahinter liegenden Wald.

Ein kleiner Strahl Lichtes fällt durch das Geäst zweier Bäume und gibt den Blick auf die Lende des Wisents frei. Sofort eilt Odon dorthin. Umgeht den Busch, um dem Wind entgegenzukommen. Doch schon liegen die Bäume wieder in Dunkelheit. Kein Laut dringt über die Graslandschaft. Aber Odon kennt jetzt das Versteck des Wisents. Der Mond hat es ihm verraten.

»He, Iosain, aufwachen, wenn du mit willst.«

Jemand rüttelt mich. Erschreckt setze ich mich auf. Odon hockt neben mir.

»Die Nacht ist weit voran. Wir müssen los.«

Ich schaue aus der Hütte und reibe mir verschlafen die Augen. Inmitten unseres Clans flackert ein Feuer. Es erhellt die umliegenden Unterschlüpfe. Direkt vor mir wird das Gesicht Henins, des Schamanen, bizarr von den Flammen verzeichnet. Sein wildes Haar fällt zerfranst über seine Schultern.

»Henin ist gerade aus dem Quaratar, der heiligen Höhle zurück. Er hat den Großen Biber gefragt, der den Fluss zügelt. Er hat unserer Bitte gewährt. Er weiß, dass wir Hunger haben, und er wird uns einen kleinen Teil seiner Herde geben.

Erleichtert schaue ich zu Odon: »Dann werden wir heute Nacht nicht allein zurück kommen. Der Biber wird mit uns sein.«

Ich vergewissere mich noch einmal bei Henin. Er nickt in die Ferne, und ich bin mir nicht sicher, ob er mich sieht. Ein kleiner Ast entzündet sich im abklingenden Feuer und erhellt kurz das Gesicht des Schamanen. Befreit mein Auge von der Nacht und legt für den Moment eines Atems seine Züge dar: der verzerrte Mund mit dem stoppeligen Bart.

Ich trete näher heran und greife mir diesen Ast. Er ist noch frisch und lang. Nur seine Spitze glimmt. Odon ruft mich. Ich ertaste das Messer an meiner Seite. Will ihm folgen. Aber da ist noch der Ast.

Als ich Odon eingeholt habe, fragt er mich verwundert: »Was willst du mit dem Feuer? Etwa den Wald abbrennen, damit die Tiere sich nicht mehr verstecken können?«

Ich lass ihn lachen und schreite neben ihm aus. Es ist nicht weit bis zum Fluss. Dort gibt es eine Menge Biber. Am Tag hausen sie mitten auf dem Wasser. In ihren Burgen. Wir sehen sie nur frech herausluken. Sobald sie uns erblicken, verschwindet ihr Schnauzbart schnell.

Jetzt nähern wir uns vorsichtig dem Flussbett. Vor uns hören wir das Plätschern des Wassers. Sein Lauf macht eine Biegung. Da, wo sich eine große Burg befindet.

Odon will durch das Wasser waten. Doch es wird tiefer, und er kehrt um. Wir beobachten die Böschung. Achten auf jedes Geräusch. Schleichen am nahen Ufersaum entlang. Odon sagt, ich solle mit dem Feuer am Ast wegbleiben. Es verrät uns nur.

Ich blicke mich um. Vor mir ist ein kleiner Pfad, der sich direkt zum Wasser windet. Dort fällt er durch das dichte Schilf bis unter die Erdkruste. Da muss eine Höhlung sein. Leise nähere ich mich dem Ufer. Ich versuche, unter die Böschung zu schauen. Ich halte den glühenden Ast über das Wasser. Doch ich sehe nur meine Silhouette und die Gipfel der Bäume über mir.

Ich stecke den Ast in die Erde, wo der Pfad ins Wasser übergeht, und schleiche zurück.

»Was machst du da?«, zischelt Odon.

»Ich glaube, dass sich da ein Tier verbirgt.«

»So? Hast du es gesehen?«

Ich zögere. »Nein, aber es sind überall Biberspuren dort.« Und ich ergänze: »Sie sind ganz frisch.«

Odon blickt zweifelnd zu dem kleinen Feuer rüber. Er versteht nicht, warum ich es dorthin gesteckt habe. Mir selbst ist es auch nicht so recht klar. Aber ich hoffe, dass sich mein Auge erneut von der Nacht befreit.

Ich schaue nach oben. Durch die Baumwipfel dringt kein Licht. Selbst wenn der Mond schiene, würde er nicht bis zu uns herunter dringen.

Odons Neugier über das Feuerchen ist abgeflaut, und er beginnt, dem Fluss zu folgen. Da halte ich ihn fest. Vor mir kräuseln sich Wellen zu Kreisen, und kleine Luftblasen steigen empor.

Odon schaut mich erst verwundert an, dann folgt sein Blick meinem Finger. Auch er sieht jetzt, wie im Fluss eine spitze Schnauze auftaucht, mit Barthaaren an beiden Enden.

Langsam greift er zu seinem Speer. Der Biber sieht den Feuerschein und nähert sich ihm neugierig. Steigt aus dem Wasser. Da holt Odon aus und lässt den Speer durch die Luft fliegen. Ein Quieken ertönt. Der Biber zappelt noch kurz mit den Füßen, dann ist er tot. Er ist sehr fett.

Der Große Biber war uns gnädig. Henin hat gute Arbeit geleistet. Er wird ihn nun öfters fragen müssen. Wie auch die Väter der anderen Tiere.



Unser Clan ist glücklich. Für mehrere Sonnenläufe haben wir nun zu essen. Insgesamt hat uns der Große Biber drei seiner Tiere geschenkt. Und als der Große Hase das sah, hat er hinter dem Großen Biber nicht zurück stecken wollen und uns zwei seiner eigenen Kinder geschickt.

In unserer Mitte flackert ein großes Feuer. An seinen Seiten halten wir an Stöcken Fleisch hinein. Oder legen es auf die kokelnde Kohle abgebrannter Äste.

Überall riecht es nach verbrannten Knochen. Vorher haben die Frauen die Felle gehäutet und in einen gerbenden Brei aus Rinde, eigener Spucke und Wasser gelegt. Den werden sie mit dem Fell kauen, um es geschmeidig zu machen. Ranja, die noch alle Zähne hat, lächelt mir zu. Odon hat wiederholt die Geschichte von der Flamme, die die Tiere sieht, erzählt. Beim Essen sind wir alle zusammen. Auch jetzt noch, mit gefüllten Mägen, scharen sich einige um ihn.

Mein Name taucht bei dieser Geschichte nur selten auf. Odon hält den Feuerstab, wie er im Boden steckte, für einen Zufall. Vielleicht auch von den Urvätern der Jagd geschickt. Keiner weiß, dass ich es war, der das getan hat. Und nur mir wird allmählich klar, dass das Feuer nicht nur wärmt, sondern auch die Macht hat, in die Nacht hinein zu sehen.

Alle wissen, dass wir nachts auf bleiben, um um die hellen Lohen herumzusitzen. Aber keinem ist klar, dass es das Feuer auch ermöglich, Tiere aus der Dunkelheit zu wecken.

Ranja kaut auf einem Fell und schiebt sich stetig neuen Brei in den Mund. Er macht es geschmeidig, so dass die Zähne nicht so schnell abnutzen. Immer wieder schaut sie zu mir rüber. Dann schlüpft sie kurz in ihre Hütte und kommt mit einer Schüssel zurück. In einer Hand hält sie ein paar Himbeeren, die sie nun hinein gibt. Sie reicht sie mir.

Ich rieche den Duft des fermentierten Breis. Er stammt aus den Gedärmen des Bibers. In Zeiten, wo es immer weniger zu sammeln gibt, eine delikate Ergänzung unserer Speisen.

»Das für Iosain, den Jäger.«

»Ich war es nicht, der gejagt hat, Ranja.«

»Dann du bist, der Flamme hält, die Tiere sieht.«

Die anderen schauen auf. War es nicht der Große Biber, der sie gebracht hatte? Odons Blick wandert zu mir, zum Feuer und dann zu mir zurück. Er überlegt.

»In der Tat. Es war Iosains Idee, den Biber mit dem brennenden Ast anzulocken und ihn vor unsere Augen zu führen.« Er hält kurz inne, bevor er fortfährt. »Er ist es, der die Flamme hält, die die Tiere sieht.«

Ich ernte anerkennende Blicke. Allgemeines Geraune erhebt sich über dem Lagerfeuer.

Haan, der die Hütte mit Jamirahma teilt, sagt: »Eine gute Jagd das.«

Und Henin fügt hinzu: »Iosain Biral, die Flammenhand. Die Urväter der Jagd werden dir gnädig sein.«



In der Nacht kommt Ranja zu mir und wärmt mir den Körper. Manchmal schon bietet sie sich mir an. Sie ist etwas älter als ich und schon voll ausgewachsen. Sie zeigte mir, wie es funktioniert, das Djibbiwaddi.

Danach habe ich gelernt, mir den Genuss aus den Lenden der Frau zu holen, wenn mir danach ist. Es geht auch, ohne sie zu fragen. Doch spricht einiges dafür, sich ihrer Bereitwilligkeit zu versichern. Der Genuss erhöht sich, wenn beide mit Wonne dabei sind. Und es ist noch etwas anderes, was mir aufgefallen ist. Ich habe Erinnerungen, dass sich Frauen vor dem Djibbiwaddi einen Tee zubereiten. Aus Kräutern, die fern von hier wachsen. Die übel schmecken und von beißendem Geruch sind. Ihr Gift soll aber nicht töten, sondern verhindern, dass sie gebären. Dieses Wissen muss von Mara kommen. Sie weiß, wie sie ein Kind in sich wachsen lässt.

Mara hat dieselben Gesichtszüge wie Ranja und Haan. Mit einer Nase, deren Öffnungen doppelt so groß sind wie bei Odon, Jamirahma oder Henin. Alle beide Frauen und Haan haben auch einen gedrungeneren Körper. Und wenn ich mir Ranjas Unterseite anschaue, ist sie fast völlig behaart. Jetzt liebkost sie mit ihren dicklichen Fingern meinen Hals. Ich nehme ihre Hand in die meine. Ihre Nägel bilden große, runde Kuppen, die meine Fingerspitzen überdecken. Ich fühle ihre Sehnen unter der Haut. Sie ist so anders als ich, und doch ähnel ich auch ihr und Mara, was meine Muskulatur betrifft. Schon jetzt bin ich so kräftig wie Odon. Das ist wohl auch der Grund, warum ich ihn auf der Jagd begleiten darf.

Im Gesicht bin ich aber fast wie er. Die Augen, der Mund, die Nase. Dazu groß und blond. Nur das Kinn ist mehr wie bei Mara, doch anders. Es ist klein und zurückgezogen. Einzig etwas unterscheidet mich von allen anderen, auch von Odon und Mara: Meine Stirn ist hoch und das Gesicht verläuft in gerader Linie nach unten.

Ich frage mich immer wieder, wieso ich keinem von ihnen wirklich ähnlich sehe. Ihre Brüder und Schwestern haben alle die gleichen Merkmale. Bei mir sagen sie, ich bin aus Quaratar. Tief aus dem Bauch der heiligen Höhle soll mich Henin in seinen Träumen gerufen und an Mara weitergegeben haben. Das sie mich austrägt. So hat der Geist, der dort wohnt, in ihrem Körper die Frucht des Lebens gepflanzt. Er heißt Arahar, oder die Zeremonie wird so genannt. Davon weiß ich zu wenig. Aber so wie ich kommt auch Eosander, mein Spielgefährte, aus Quaratar. Nur dass er in den Bauch von Jamirahma gelangte. Doch es ist, als ob er aus meiner Hütte stammt. Unsere Körper und Gesichtszüge sind wie Brüder.

»Woran denkst?« flüstert mir Ranja zu.

Ich schaue sie nicht sogleich an.

»Iosain Biral, Flammenhand. Früh genug alter Mann. Der nur herumliegt und grübelt.«

»Ranja, es ist nicht so, glaub mir.«

»Beweis, dass nicht so ist.«

Ich beweise es ihr. Doch als sie schließlich eingeschlafen ist, gehen mir erneut viele Gedanken durch den Kopf. Allein, wie sie spricht. Auch Mara kann sich nicht so gut ausdrücken. Deshalb ist sie in Odons Gegenwart immer still.

Und wieder kehren Erinnerungen zu mir, die ich bisher noch nicht kannte. Wie von weit her öffnen sie sich in meinem Kopf und nehmen von selbst Gestalt an. Es ist wie in einem Traum. Nur dass ich alles mit offenen Augen erlebe.

Ist das die Traumwelt, von der Henin spricht. Der Schamane erzählt oft von einer Reise durch den Stein der Höhle. Am Ende tritt er hinaus in eine Welt hinter den Augen und fliegt über den Himmel zu den Lichtern, die an die Stelle der Sonne treten.

»Dann komme ich wieder. Und in meinem Kopf ist ein Weg durch die Tage, die vor uns sind.«

Ich hingegen sehe ihn stets mit roten Augen und wirrem Haar aus der Höhle treten. Geblendet vom Licht des Tages und Schaum in den Mundwinkeln.

Nein. Es muss anders sein! Viele der Erinnerungen zeigen Mara, wie sie die anderen kommen sieht. Die Männer um Odon. Wie sie mit ihrem Floß am Ufer anlegen. Auf sie zukommen. Und in einer fremden Sprache reden. Es ist nicht die Sicht eines Geistes, der von oben auf uns schaut.

Die Fremden haben lange Umhänge aus Fell gegen die Kälte. Und jeder ist mit einem Langdorn bewehrt, mit dem er sich gegen mögliche Feinde zur Wehr setzt.

Und dann kommen mir Bilder, wie Odon auf dem Fluss fährt und sich gegen die reißende Strömung stemmt. Einem Wasserfall knapp entkommt und ans Land gelangt. Wo sie das Floß tragen und die tosende Gischt umgehen. Und wie er Mara sieht, auf sie zuläuft und mit ihr redet. Aber er kann ihre Sprache nicht verstehen.

Ich schüttle ein wenig den Kopf. Jetzt höre ich beide miteinander sprechen. Und ich kann beide verstehen. Die Sprache derer, die hier zuerst waren. Und die derer, die dann kamen.

Ich weiß, wie schwer es in diesen ersten Tagen für alle war, sich verständlich zu machen. Besonders Mara konnte zunächst wenig mit Odon anfangen. Und begriff ihn erst, als er sich ihres Dialektes bemächtigte. Aber da ihm dieser zu dürftig erschienen war, hatte er bald begonnen, ihn mit seinem eigenen zu vervollkommnen.

Ich weiß, dass ich keine Visionen habe wie ein Schamane. Es sind keine Träume aus einer anderen Welt, die sich nun täglich in meinem Kopf abspielen. Es entspricht genau dem, was Mara und Odon erzählen, wenn sie an den Lagerfeuern sitzen.

Ich brauche ihnen nicht mehr unbedingt zuzuhören. Denn ich weiß alle ihre Geschichten, schon bevor sie sie erzählen. Mir ist dabei völlig unbegreiflich, warum ich ihre Gedanken kenne, noch bevor sie ausgesprochen werden. Und warum ich Bilder sehe, die ich nie erlebt habe. Die aber einmal passiert sein müssen. Und die nicht zu mir gehören, sondern zu denen, mit denen ich meine Hütte teile.

»Iosain Flammenhand. Grübelt wieder.«

Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen. Ranja schaut mich vorwurfsvoll an.

»Iosain Flammenhand. Will Jäger sein. Aber nicht ruhen. Das macht schlechte Jagd.«

Bin ich wirklich Jäger? Mit einer Flammenhand? Ein Gefühl steigt in mir auf, dass ich noch nie erlebt habe. Oder ist es das Feuer, das ich suche. Nicht das Wild. Ich bin außerhalb der Träume von Henin. Die den Weg durch die Tage suchen, die vor uns sind. Denn in mir ist die Welt, die hinter mir liegt. Es ist der Weg, der zurück geht zu denen, die meine Hütte teilen. Es sind Odon und Mara, die meine Träume besetzen.



Ich erinnere mich. Odon selbst war einer der ersten, der ein Feuer in Höhlen unterhielt. Einer seiner Ahnen hatte die Idee, gefrorenes Wild aufzutauen. Da das Feuer dafür sehr groß sein musste, errichtete er in einem Höhleneingang einen Scheiterhaufen voller Holz und Äste. Hier war es auch windstiller, und die Glut konnte ihre ganze Kraft entfalten.

Außerdem griff es dort nicht auf die Umgebung um. Die Hütten blieben unberührt und geschützt vor seinem Funkenflug. Odon überlegte sich nun, es ständig zu erhalten.

»Warum es immer wieder neu entfachen? Es reicht, wenn wir es nur ein wenig mit neuem Holz nähren.«

»Aber wir brauchen es doch kaum«, entgegnete Weinareth.

»Merkst du nicht, dass die Tage kälter werden. Auch der Lauf einer Sonne lässt sie nicht erwärmen. Wir werden nicht nur wegen neuer Felle jagen. Es ist auch für den Winter. Wenn sich das Gesicht der Erde bleicht und Thoranda, der Große Geist, es mit Schnee bedeckt.« Odon blieb unbeirrt.

»Du meinst, wir sollten mehr Wild erlegen, als wir jetzt brauchen. Der kalte Boden wird es schon haltbar machen.«

»Richtig. Und später werden wir es an den Höhlenfeuern auftauen.«

Weinareth dachte nach. »Aber es wird immer wieder ausgehen. Die Höhlen liegen zu weit weg von hier.«

»Nicht, wenn wir dort ständig Jemanden hinschicken. Der nur für die Versorgung des Feuers da ist.«

»Aber wir können keinen Mann entbehren.«

»Doch. Denn er ist sehr wichtig, wenn er uns hilft, den Winter zu überstehen.«

So entstand der Feuerhüter. Und es war die Idee von Odon. Ich war zu diesem Zeitpunkt noch nicht geboren. Aber vielleicht hat diese Entscheidung, die zuerst in ihm reifte, auch meine eigene Fähigkeit und den Hang zum Feuer entfaltet.

Es ist nun eine Zeit besserer Tage. Die Jagd erbringt soviel Fleisch, dass wir immer größere Erdkammern ausheben, um den Rest aufzubewahren. Alsbald nehme ich häufiger selbst den Platz des Feuerhüters ein. Die Jagd ist nur ein Teil des Wissens, das ich zum Überleben brauche. Ich muss noch eine Menge lernen für die Erhaltung des Clans. Und meine Neigung, die Eigenschaften des Feuers zu erkennen, scheint Odon zu respektieren.

Tagsüber bleibe ich allein in der Höhle, und sobald es dunkel wird, löst mich ein erfahrener Mann ab. Ich verbringe viele Tage, das Feuer zu nähren und zu nutzen. Der vertraute Umgang mit ihm lässt mich die Furcht vor seiner Magie verlieren. Sie weicht dem Respekt vor seiner Macht und entfacht zugleich meine Neugier, es mehr zu ergründen.

Und in dieser Zeit des Alleinseins, wenn ich das Knacken der Zweige höre, die sich im Wind biegen, oder den Brunftschrei der Hirsche, denen ein erbitterter Kampf auf Leben und Tod folgt, schweifen meine Gedanken über den Horizont und verschmelzen mit den Erinnerungen meines Stammes und den Hoffnungen noch unbegangener Tage. Dann starre ich ins Feuer der immerwährenden Thasar vor mir, und die Wärme ihrer Flammen spendet mir die Kraft und Zuversicht, die ich brauche, um meine kindliche Angst zu vergessen.

Eines Tages erscheint Odon in der Höhle.

»Kommst du wieder mit auf die Jagd? Willst du uns erneut Glück bringen? « Er steht vor mir. In der Hand den Speer. Dieser ist mit den getrockneten Fasern des Rapses gebunden. Sein Schaft zusätzlich in eine Kerbe des Holzes gekeilt.

»Aber es ist doch helllichter Tag. Wozu brauchst du mich da?«

»Ich will den Bären fangen. Der ist sehr gefährlich.«

Ich weiß.

»Wir werden auch Leute aus dem Nachbarclan mitnehmen. So hoffen wir, Arahar in die Enge zu treiben.«

Es ist durchaus üblich, in schwierigen Situationen andere Clans zu fragen. Die Beute wird dann geteilt. Ich erinnere mich, wie der junge Odon auf seine erste Jagd ging. Mit vielen aus verschiedenen Gruppen, die die Flöße gemeinsam trieben. Für sie war es überlebenswichtig, zusammenzuhalten. Sei es, um gekenterte Boote wieder flott zu kriegen. Sei es, um den Angriffen feindlich gesinnter Einheimischer zu widerstehen. Eine furchtbare Gefahr in den Zeiten der Wanderung. Je größer die eigene Gruppe war, desto sicherer konnten sie durch die Territorien der Fremden gelangen.

Dies waren Odons erste Erfahrungen. Der Clan musste zusammen halten. Weil man nicht wusste, was einen morgen erwartet. Der Schutz der Gruppe diente der Sicherheit des eigenen Überlebens.

»Und dasselbe gilt für die Jagd, Odon.« So hatte Weinareth gesprochen, der Erfahrenste unter den damaligen Schiffern. Wenn sie an Land auf der Pirsch waren, dann blieben sie immer dicht beieinander. »Behalte deinen Nachbarn immer im Blick«, wiederholte er so oft er konnte. »Die Verbindung eurer Augen darf nicht unterbrochen sein. Sie muss immer eine Linie bilden.«

Und wer sich nicht daran hielt, bezahlte diesen Fehler manchmal mit dem Leben. Erdano war einmal zurück geblieben und aus Unachtsamkeit mit dem Fuß in einer Lianenschlinge hängen geblieben. Als er sich daraus befreien wollte, stand plötzlich ein wütender Bär vor ihm. Schnell schlug der ihn mit der Tatze über die Brust, so dass Erdano die Luft wegblieb, und er nicht mehr um Hilfe rufen konnte.

Erst als Odon das triumphale Gebrüll des Bären vernahm, wurde er auf die Not des Freundes aufmerksam und eilte zu ihm. Mit dem Speer traf er den Bären in den Rücken, als dieser mit seinem zahnbewehrten Maul Erdano zerfleischen wollte.

Doch der Treffer hatte zur Folge, dass der Bär noch wütender wurde. Zumindest drehte er sich um, und wandte seine Aufmerksamkeit Odon zu. Der versuchte, ihn vollends abzulenken und vollführte einen wilden Tanz. Zappelte und schrie, bis der Bär genug davon bekam. Noch einmal kurz zu Erdano schaute, dann endgültig von ihm abließ und schnaubend auf Odon zu rannte.

»Wende einem Bären niemals deinen Rücken zu«, hatte Weinareth immer wieder gemahnt. So blieb Odon stehen und starrte dem Tier mit festem Blick in die Augen. Hob die Hände und machte sich ganz groß. Kreischte wie verrückt und begann erneut zu hopsen. Das irritierte den Bären, denn er war gewohnt, dass man vor ihm flüchtete. Wut paarte sich mit Vorsicht. Eine neue Situation war für ihn entstanden. Der andere verhielt sich gänzlich unnormal.

Tiere kennen kein Draufgängertum. Ihre Instinkte sind an den Überlebenswillen gekoppelt. Irgendwann, nach reiflicher Überlegung und Abwägung der Risiken beschloss der Bär, dass Odon ihm zu undurchsichtig wurde. Dessen Verhalten mit nichts ihm Gewohntem übereinstimmte. Also drehte er sich mit einem plötzlichen Sprung um die eigene Achse herum und trottete unter heftigem Gebrüll davon. Genau in die Arme der Jagdgruppe. Von vielen Speeren durchbohrt, blieb er liegen.

Erdano überlebte, und die ganze Gemeinschaft, die dreier Clans, hatte für Tage genug zu essen. Odon aber, der wie ein Held aus der Begegnung mit Arahar, dem Bären, hervorgegangen war, erhielt nicht nur die Bewunderung aller, sondern auch die Klauen des Tieres. Sie nahm er mit auf die Jagd, immer wenn es galt, Arahar zu schlagen. Und nach wie vor trägt er sie an der Sehne eines Rens um den Hals.

Das Raunen der Männer erstirbt. Nur noch der leise Wind wiegt sich über den Wipfeln des Waldrandes. Wir brechen auf. Ich gehe neben Odon. Deutlich sehe ich die Bärenkette, deren Krallen wippend unter seinem Hemdausschnitt hervorluken. Bewundernd schaue ich zu ihm hoch. Dann verharre ich. »Ich gehe nur meinen Dolch holen«, rufe ich entschuldigend und kehre kurz um. Dabei weiß ich, dass diese Waffe gegen den Bären viel zu klein ist. Doch ich soll ja auch nicht in vorderster Linie laufen. Hinten bleiben und beobachten. Dabei kenne ich bereits alles, was Odon von Weinareth gehört hat. Wenn ich es den anderen doch nur sagen könnte. Aber ein junger Jäger, der so tut, als ob er die Erfahrung eines Älteren hat, ist eine zu große Anmaßung. Da bleibe ich lieber zurück. Schließlich sind Wissen und Tun nicht ein- und dasselbe.

Doch es gibt auch noch einen anderen Grund, weshalb ich noch einmal zurücklaufe. Ich halte jetzt den brennenden Stecken an meiner Seite und laufe der Gruppe Odons hinterher. So höre ich nur von weitem die Rufe der Jäger. Langsam folge ich den Geräuschen. In meiner Rechten fest den Knauf des Messers, als ob ich es nie mehr loslassen würde. Und in meiner Linken warm die kleine Fackel, die mich ruhig stimmt, weil sie da ist.

Mara hat sie mir gereicht, als ich noch einmal zurückkam.

»Hier Feuer. Nimm.«

»Aber es ist doch Tag. Die Sonne scheint.« Ich hatte lediglich vor, ein paar Äste mitzunehmen mit einer kleinen Thasar, um sie gegebenenfalls zu entzünden.

»Lass Fackel brennen«, wiederholte sie nur eindringlich, und wandte sich ab.

In diesem Augenblick sehe ich hinter meinen Augen die Flammen über die Steppe kommen. Mit rasender Geschwindigkeit. Und alle Tiere laufen davon. Flüchten vor der nahenden Gefahr. Nehmen Reißaus.

Ich sehe, wie Mara in unserer Hütte verschwindet. Der eben erlebte Eindruck ist kurz und gleich wieder vorbei. Auch kann ich keine Menschen mit ihm verbinden. Es ist die allgemeine Erfahrung der Wildnis, die zu mir spricht. Kein genauer Gedanke, der bewusst bleibt.

Und doch packe ich das Feuerholz, das ich nun Fackel nennen will, fester und folge den Männern.

Ich bin noch ganz von den Bildern benommen, die in meinem Kopf spuken, als sich vor mir plötzlich eine Schnepfe erhebt und laut zeternd davon stiebt. Die anderen schauen zurück. Und Odon mahnt mich mit Blicken, doch vorsichtiger zu sein.

Vielleicht bin ich kein guter Jäger. Doch ich halte immer noch das Feuer in meiner Hand. Es gibt mir Wärme und Zutrauen. In seiner Nähe fühle ich mich sicherer.

Nach einer Weile halten wir an und rasten. Die Sonne scheint gnadenlos auf uns herab. Ich sitze neben Haan. Er schaut mir hinterher, als ich aufstehe und nach einem neuen Ast suche. Meine Fackel ist fast abgebrannt. Ich muss immer nach Vorrat an Zweigen Ausschau halten. Denn das Lagerfeuer unseres Heimes ist viel zu weit weg, als dass ich sie dort erneut entzünden könnte.

Plötzlich habe ich einen scharfen, unbekannten Geruch in der Nase. Abrupt bleibe ich stehen, und das rettet mir das Leben. Denn aus dem Gebüsch tritt ein Tier hervor, das so dick ist wie ein Mammut. Nur kleiner. Aber dafür hat es die gefährlichste Waffe, die ich je bei einem Tier gesehen habe: Aus seiner Schnauze ragen oben zwei Speere hervor. Kürzer als unsere, aber dafür machen sie einen spitzen, kräftigen Eindruck.

Ich falle vor Schreck auf den Hintern. Und erst durch diese unwillkürliche Bewegung gewahrt es mich, schnaubt und kommt auf mich zu.

Hinter mir höre ich die anderen schreien: »Iosain, Vorsicht!«

»Ein Nashorn. Schnell, lauf weg!«

»Nun weiß ich zumindest, wie dieses Tier heißt. Und es ist Odon, der wie von einem Moskito gestochen aufspringt und auf mich zu rennt.

Ich für meinen Teil sehe das Untier immer größer werden. Kurz bevor es mich erreicht, hechte ich zur Seite. Es kann kaum richtig bremsen, so schnell ist es. Erst, als ich mich wieder aufrichte, dreht es und kommt zurück. Zu allem Überfluss hat das Gras nun um mich herum Feuer gefangen. Durch meinen Sturz muss es der Fackelstock in meiner Hand entzündet haben. Entsetzt nehme ich wahr, dass sich der Brandt schnell hinter mir durchfrisst und mich von den anderen trennt. Schlimmer noch, mir die einzige Richtung zur Flucht nimmt.

Aber das Nashorn selbst hält nun auch inne. Verharrt, schnaubt. Irgendetwas gefällt ihm nicht. Ich schaue mich um. Das Feuer leckt bereits an meiner Kleidung. Unwillkürlich gehe ich einen Schritt vorwärts. Auf das Nashorn zu, dass sich nicht weit von mir befindet. Es zögert. Dünne Rauchfähnchen dringen in seine Nase. Dann macht es einen Schritt zurück. Ich hebe die fast verglühte Fackel hoch und werfe sie nach ihm.

Hastig wendet das behäbige Tier. Scharrt mit den Hufen. Dreht sich noch einmal um. Als könne es nicht glauben, was dieses kleine Geschöpf da mit ihm tut. Und dann wird es immer schneller und galoppiert alsbald außer Sichtweite.

In diesem Augenblick haben mich meine Clanleute erreicht. Speerbewaffnet sichern sie das Gelände um mich herum. Jemand klopft das Feuer an meiner Hose aus. Andere treten das brennende Gras nieder. Doch bevor die letzte Flamme erlischt, nehme ich einen kleinen Zweig und entzünde ihn. Stolz halte ich ihn in meiner Hand. Und dennoch zittere ich. Doch es ist ein freudiges Zittern. Ich habe eine weitere Möglichkeit gefunden, das Feuer der Wildnis zu nutzen.

Odon hält meinen Kopf in seinen Händen. »Was hast du nur mit dem Nashorn gemacht. Ich hab noch nie erlebt, dass es vor einem Menschen weggelaufen ist.« Er drückt und herzt mich, weil ich gerade noch so davongekommen bin. Auch die anderen umringen mich erfreut.

Aber sie sind alle noch viel zu sehr von dem Erlebnis mit dem großen Tier eingenommen. Die Jagd wird abgeblasen. Es reicht, wenn wir ein Leben retten konnten. Es muss nicht immer ein anderes dafür sterben. Schon gar nicht, wenn es mir gezeigt hat, wie die Natur einen beschenkt: mit der unsägliche Fülle an Möglichkeiten ihrer Macht. Du musst sie nur kennen und richtig anwenden. Ich habe jetzt eine weitere Gabe des Feuers erfahren. Es hält die Tiere nicht nur nachts vom Lager ab. Du kannst es auch am Tage benutzen. Zu deinem Schutz und deiner Verteidigung. Es ist wie eine Waffe. Und mit ihr weiß ich eine der stärksten Eigenschaften der Natur zu nutzen. Feuer ist so heiß, dass keiner darin sein kann. Und doch vermag ich es zu bändigen, wenn ich es klein halte. Dann lässt es mich sogar in seinen Kreis.

»Iosain Biral«, sagt Odon, als wir wieder im Lager ankommen. »Er hat uns gezeigt, wie er ein Nashorn in die Flucht jagen kann.« Und schmunzelnd fügt er hinzu: »Wir haben zwar wieder nichts zu essen. Aber eine Erfahrung. Dank Iosain ist das Feuer unser Verbündeter geworden. Wir sollten ihm danken, denn es ist so mächtig wie die Geister der tiefsten Höhle.«

In meiner Nähe steht Mara und beobachtet mich. Still faltet sie ihre Hände über dem Schoß, während ihre Augen sich nicht von mir abwenden. Und wieder habe ich die Erinnerung der Savanne. Wie eine Herde Säbelantilopen in wilder Panik durch das Gras schießt. Und hinter ihnen das Feuer, das frisst. Züngelnd, flammend, rasend. Ich halte Maras Blick. Ihre Erfahrung ist die der Wildnis dieser Welt. Nicht weniger als das gesprochene Wort Odons. Nun erahne ich, dass ich über mehr als nur eine Möglichkeit verfüge, aus dem Wissen der Erde zu schöpfen. Es ist der unversiegbare Schatz der Natur und der Anbeginn einer Art, die sich ihr hingibt, indem sie sie in sich aufnimmt.

»Mara«, sage ich, »ich werde nun mit dem Feuer die Tiere jagen.«

»F... Feuer.« Maras Blicke tränken sich mit Tränen. »Tötet Tiere.«

»Aber ich werde es nur rufen«, sage ich mit der kindlichen Überzeugung eines Jungen, »wenn ich es wirklich brauche.«

Das Feuer wird mein Verbündeter sein im Überlebenskampf. Und es wird mich überall dorthin begleiten, wo ich seiner bedarf. Denn mit ihm gehe ich den Weg aller Naturgewalten. Wahrhaft mächtiger Freunde.