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Literatur

Saga Homo Novalis

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Iosain

F lughafen Berlin-Tegel. Es ist 7:30. Ich sitze im Warteraum und kämpfe zäh mit der Müdigkeit, die noch in meinem Körper steckt. Die Sitzplätze um mich herum füllen sich. Bald beginnt der CheckIn. Henin wandert den Gang vor den Terminals auf und ab. Auch ihn hat Unruhe ergriffen. Ich sehe ihm an, wie er nur mühsam seine Mimik beherrscht. Eigentlich sollte er derjenige sein, der Gelassenheit ausstrahlt. Sein Bart beginnt bereits zu ergrauen.

Vor mir sitzt ein Mann und liest Zeitung. Er kämpft sichtlich mit der Müdigkeit und reibt sich ununterbrochen die Augen, um besser sehen zu können. Daneben nehme ich einen dieser Neandertaler wahr, die wir früher Flachköppe genannt haben. Vereinzelnd sind sie nun auch in den Städten aufgetaucht. Wenn sie hier sind, kleiden sie sich wie wir. Wohnen aber nicht in unseren Häusern, wie sie überhaupt selten den Weg zu uns finden. Sie scheinen freundlich zu sein, aber leben sehr zurückgezogen. Irgendwo am Schwarzen Meer. Von dort kommen sie nur in unsere Art von Zivilisation, wenn sie mit uns Handel treiben. Sie erwerben sich technische Güter wie Erntemaschinen und Traktoren, die sie auf ihren Feldern einsetzen. Diese sind zwar karg, aber sie arbeiten hart. Und mit ihren Familien und Clans erwirtschaften sie sich reichlich Korn, Kartoffeln und Früchte.

Dennoch habe ich das Gefühl, dass sie sich nicht so verhalten wie wir. Zwar sind sie handwerklich geschickt, können mit Werkzeug und subtilen Gerätschaften umgehen. Aber nur Weniges dringt zu uns, dass von der Bewirtschaftung ihrer Felder berichtet. Sie müssen ungeheuer fleißig sein. Denn normalerweise erlaubt der Boden nicht mehrere Ernten pro Jahr. Man munkelt, dass sie dabei nicht einmal chemische Zusätze einsetzen. Es scheint alles rein biologisch zu sein. Sie müssen über Wissen verfügen, das einen äußerst effektiven Anbau ermöglicht.

Doch beim Handeln, wenn sie ihren Ernteüberschuß mit anderen Staaten gegen technische Geräte eintauschen, sind sie nicht besonders auf Gewinnmaximierung aus. Ihnen reicht es, dass sie genug für ihre Familien erhalten. Mir scheint, dass sie kein Verhältnis zum Geld haben. Das bisschen, das sie brauchen, ermöglicht ihnen die eigene Landwirtschaft. Das Territorium, in dem sie leben, ihr Staat, nennt sich seit 100 Jahren Neanderthal wie der Ort, an dem der erste fossile Fund ihrer Ahnen außerhalb ihres jetzigen Lebensraumes gefunden wurde. Hier wohnen die meisten von ihnen. Ein wenig abgeschieden. Selten, dass sie Jemanden dorthin einladen. Fremden ist der Zutritt verwehrt.

Sie unterhalten keine Botschaften oder sonstige nationale Vertreter anderer Länder. Sind politisch, ideologisch, kulturell und religiös vollkommen neutral. Bei ihnen gibt es keine Armeen, weil sie mittlerweile keine Feinde mehr unter den Menschen haben. Sie unterhalten eine Art lockeren Kontakt zur UNO, die ihnen Hilfe bei Angriffen gewährt. Aber da sich in ihrem Gebiet anscheinend weder wichtigen Ressourcen noch abbaubare Energien wie Kohle, Gas oder Öl befinden, sind sie auch nicht sehr interessant für andere Staaten.

Zwar sind sie mit ihren kräftigen, gedrungenen Körpern uns kräftemäßig weit überlegen. Aber da sie so gut wie keine Waffen haben, wären sie bei Übergriffen allen anderen unterlegen. Sie jagen zwar in ihren Wäldern nicht mehr mit den früheren Kurzspeeren. Haben gelernt, mit Gewehren und Fallen umzugehen. Doch stellt das heute schon das Höchstmaß an einer ihnen vorstellbaren Technik dar.

Es gab Zeiten, da waren sie Sklaven in den Kolonien Amerikas. Wurden aus ihrer Heimat gerissen, in engen, stickigen Schiffsbäuchen über See verfrachtet und an die dortigen Farmer verkauft. Viele starben schon auf der Überfahrt. Oft war es ungewiss, ob ihr Volk überleben würde.

Und es gab Zeiten, lange zuvor, als sie von den Herrscharen griechischer Armeen überrannt und niedergemetzelt wurden. Denn sie wollten sich nicht unterordnen unter deren König Alexander, den man später den Großen nannte. Er tötete gnadenlos ihre Familien, und nur wenigen gelang es, in die nahen Wälder zu fliehen, wo die Pferde der Mazedonier nicht durchkamen. Dort, jenseits des Großreiches des Tyrannen, lebten sie versprengt in den Höhlen und Wäldern des Kaukasus. Doch verließen die Griechen, die sich in ihrem Land zunächst ansässig gemacht hatten, sehr bald wieder diese Gegend, da sie ihnen selbst zu rau erschien. So gelang es den Neandertalern erneut, die Ostküsten des Schwarzen Meeres zu besiedeln. Und obwohl sie immer wieder Zuflucht im Gebirge suchten, war es doch diese alte Heimat, wohin sie stets zurückfanden.

Irgendwann begannen sie, hohe Doppelmauern und Gräben um ihre Dörfer zu bauen, die die Invasoren für kurze Zeit vor schwer zu lösende Aufgaben stellten. Aber es war immer eine Frage der Zeit, dass ihre Bollwerke überwunden wurden. Dann nahmen sich die Usurpatoren erneut die Früchte ihrer Felder, bis nichts mehr übrig blieb. Doch die Neandertaler blieben nie, um ihnen zu dienen. Stets zogen sie sich in ihre Wälder und die unzugänglichen Gebiete der Schluchten und Berge zurück, wohin sie von Ortsunkundigen nicht verfolgt werden konnten. Auch bauten sie später unterirdische Tunnel, in denen die Fortbewegung für sie mit ihren kurzen Gliedmaßen geeigneter war als für die Menschen. Von dort tauchten sie dann auf und griffen manchmal die Besetzer an, um sie empfindlich zu treffen. Sie in ihrer Ruhe und Sicherheit zu stören und ein ums andere Mal Angst und Schrecken zu verbreiten.

Diese Usurpatoren kannten sich damals nicht so gut mit der Landwirtschaft aus. Ihnen fehlten die Fachleute für den ziemlich kargen Boden, um eine ebenso effiziente Nutzung zu gewährleisten. Bald schon war es ihnen nicht mehr möglich, sich ohne die Neandertaler auf diesem Flecken Erde zu halten.

Noch viel früher, vor 20.000 Jahren, da lebten wir noch mit ihnen zusammen. Aber es zeichnete sich ab, dass unsere Völker zu unterschiedlich waren, als dass sie friedlich nebeneinander existieren konnten. Zunächst schien es ihnen möglich, sich unsere Kultur anzueignen. Ansässig zu werden, den Acker zu bebauen, Städte zu errichten, Vieh und Gärten zu halten und der Kunst zu frönen. Dies alles hatte uns dereinst ermöglicht, unsere Vorstellungen von Kultur außerhalb von Worten zu visualisieren. Für die Generationen nach uns. Und zur Erbauung derer, die Zeit fanden, sich an ihr zu erfreuen.

Doch alsbald erwiesen sich ihre intellektuellen Möglichkeiten als unseren nicht ebenbürtig. Ihnen gelang es nicht, sich zukünftige oder vergangene Ereignisse vorzustellen und ihnen eine Beziehung beizuordnen. Somit gab und gibt es für sie nie ein Leben nach dem Tod. Weder vermochten es Religionen, ihnen ein Paradies zu versprechen. Noch gelang es ihnen selbst, ein soziales Geflecht aufzubauen, das ihre Interessen außerhalb ihres kleinen Familienrahmens vereinte. Deshalb sind sie bis jetzt nicht in der Lage, wirkliche Städte zu gründen, sich in Gesetze und Normen anderer Länder einzuordnen und einem internationalen Interesse zu folgen.

Ihre Vorgehensweisen stecken oft zu tief in ihnen drin, dass es fast den Eindruck erweckt, sie seien genetisch. In der Tat orientieren sie sich an der Natur, was sie auch zu dieser vorzüglichen Bodenhaltung befähigt. Dabei sind ihre Werte seit Jahrtausenden beständig und ihre Traditionen sehen sich im Umgang mit der Umwelt bestätigt. So sind auch ihre Rituale zu verstehen, die sie anwenden, um sich zu begatten. Sie sind einem vorgeschriebenen Prozedere unterworfen, dass sie davon abhält, mit anderen, Unkundigen wie wir, zu harmonieren. So erhält die Frau ihren Eisprung nur, wenn sie schon sehr lange – mindestens drei Jahre - mit demselben Mann zusammen gelebt hat.

Seit 200 Jahren haben sie auch einen König. Was beweist, wie lange sie brauchen, um die sie umgebenen Staatsformen zu erkennen und teilweise und oft verzerrt zu übernehmen. Er wird wie ein Diktator eingesetzt und bestimmt sämtliche Angelegenheiten. Es gibt keine Verwaltung oder eine übergeordnete Instanz, die darauf aus wäre, sich privat zu bereichern. So kennen sie weder Lüge noch Korruption oder Unmoral. Ihre Verhaltensweisen scheinen sich auf erblichen Anlagen und nicht auf religiösen oder ideologischen Überzeugungen zu gründen.

Sollten sie einmal außerhalb ihrer Dörfer erscheinen, so ist die Triebfeder der Handel. Sie haben kein Interesse, sich über die Geschehnisse auf der Welt zu informieren. Ausserdem scheint all ihren Handlungen eine misstrauische Angst zu unterliegen, so als glaubten sie, von allem betrogen zu werden. Vorhin auf der Rolltreppe habe ich einen der Prospektoren gesehen. Er war dunkel gekleidet wie viele von ihnen. Mit einem umbrablauen Overall, darüber einen schwarzen Pullover. In einem kleinen Rucksack auf dem Rücken hatte er seine Habseligkeiten verstaut. Dazu trug er einen Aktenkoffer, in dem wahrscheinlich Unterlagen und Dokumente waren. Einige von ihnen können lesen. Sogar in Englisch.

Ich muss sagen, sie sind sehr verschlossen, und ich weiß nur wenig von ihnen. Sie sind uns anderen nicht ganz geheuer. Instinktiv wahren auch wir einen Abstand zu ihnen, gehen keine Vertraulichkeiten mit ihnen ein. Sie leben zu isoliert, als dass wir sie besser kennen lernen können. Bleiben Fremde in dieser Welt. Lassen sich auf keine Freundschaften mit uns ein. Sind misstrauisch und zurückhaltend, was notwendige Geschäftstreffen betrifft. Sie wollen uns anscheinend nur sehen, wenn es nicht zu vermeiden ist. Sie werden sogar aggressiv, wenn wir sie ohne Grund ansprechen, als ob sie sich angegriffen fühlen. Und soweit ich mich erinnern kann, haben sie in den letzteren Jahrzehnten keine guten Erfahrungen mit uns gemacht. Sind den ständig neuen Techniken, den Autos, Fernsehern, Computern, Satelliten und Flugzeugen nicht gewachsen. Auch wenn sie sie hier bei uns benutzen.

Aber sie haben eines gelernt. Einer einzigen Idee, die sie eint, zu dienen. Sie wollen sich nicht mit anderen Völkern vereinen. Ja, auch sie bleiben unvermischt. Sie schotten sich vollkommen von den anderen ab, um unabhängig zu sein. Bleiben unter sich. Bearbeiten in Ruhe ihre Felder, um den Ertrag an uns zu verkaufen. Manche fertigen auch Schmuck an, den sie aber nicht einmal selber tragen. Doch der Aufbau eines Staates und die Festlegung seiner Grenzen, die sie zwischen sich und unseren Ländern legen, sind bereits Ausdruck eines beginnenden zivilisierten Lebens. Und der Anfang, in Gruppen mit mehr als 10 - 20 Menschen zu denken.

Dennoch ist das, was wir Wirtschaft und Sozialprodukt nennen, bei ihnen nicht einmal wirklicher Handel. Ihre Familien tauschen die Ernteerträge gegen Waren ein. Geld ist ihnen wie gesagt ebenso abstrakt wie die Vorstellung, Reichtümer anzuhäufen. Sie besitzen keine eigene Währung. So ist das einzig wahre Gemeinsame die Erhaltung ihres Territoriums. Es wirkt wie ein angeborener Instinkt, der sie befähigt, sich gegen Eindringlinge zu wehren, indem sie sie nach wie vor ignorieren. Wer bei ihnen eindringt, erhält weder Gastfreundschaft noch andersartige Unterstützung.

Entsprechend scheinen sie überhaupt nicht von den Annehmlichkeiten unserer Welt beeinflusst zu werden. Noch können sie unsere Freizeitgestaltung, ferne Inseln oder kulturelle Programme reizen. Es ist eine Art besondere Allianz, die sie zusammenhält. Sie in ihren alten Traditionen verbindet. Sie haben weder eine politische Führung in unserem Sinne, noch ein per Gesetz geregeltes Leben. Denn ihr Verhalten ist teilweise noch instinktorientiert. Sogar mehr als früher. Das schmälert nicht ihre intellektuellen Leistungen, aber es macht sie für eine zivilisierte Welt unberechenbar. Sie haben irgendwann begriffen, dass sie nur miteinander überleben können. Ohne die anderen Menschen. Abseits von denen bleibend, die ihnen überlegen sind. Aber ihre Kultur ist nicht in der Lage, sich wenigstens untereinander organisiert zu helfen. Die Gleichberechtigung der Gemeinschaft und ihrer Verbünde zu fördern. Genauso aber sind auch Luxus und Anmaßung, Ignoranz und Niedertracht, geboren aus der Gier nach Geld und Ruhm, für sie nur Säulen egoistischer, territorialer und auch religiöser Machtgelüste und ebensowenig erstrebenswert. Ich bin mir sicher, dass hier ein weiterer Grund liegt, dass sie sich nicht unserem Leben anpassen wollen. Für sie scheint eine höchste Lebensform auf anderen Prinzipien zu beruhen. Ich würde viel dafür geben, diese näher kennenzulernen.

Ihr Über- und Zusammenleben funktioniert auf eine andere Art, damals wie heute. Nach wie vor sind sie nicht in der Lage, in einem sozialen Sinne wie wir zusammen zu sein und daraus eine Machtstruktur aufzubauen. Selbst der König entscheidet nur entsprechend den Traditionen. Dennoch sind sie den Menschen nicht immer unterlegen. Sind eher gegen sie gefeit. Ich seufze. Kann ein Oberhaupt, wenn er instinktiv und naturgegeben herrscht, ein höheres Maß an Kultur erbringen? Sogar an Leistung? Imgrunde habe ich, hat mein eigenes Volk, immer nach so einem System gesucht.

»Alle Passagiere des Fluges ...«

Die Ansagen erinnern mich wieder daran, wo ich mich gerade befinde. Ich schaue mich um. Viele Passagiere sind mittlerweile aufgestanden. Henin stupst mich an.

»Komm, wir müssen jetzt durch die Kontrolle.«

Vor einem kleinen Tresen bildet sich schon eine lange Traube von Menschen.

Jetzt ist es Zeit, etwas Grundsätzliches klarzustellen. Wenn ich bislang immer von uns geredet habe, so muss ich mich korrigieren. Denn wir sind natürlich genauso wenig derselben Menschenrasse, die mittlerweile und letztendlich auf der Erde dominiert, zugehörig wie die Neandertaler. Im Gegenteil. Mit den ehemaligen Flachköppen verbindet uns viel mehr als mit den Menschen.

Wir, die Tjuokurpa, gibt es noch immer. Unvermischt, und noch viel seltener als die Neandertaler. Aber wir unterscheiden uns nur unmerklich von den üblichen Menschen, die sich als homo sapiens bezeichnen. Unsere Gesichter sind horizontaler, mit einem fliehenden Kinn. Die Hautfarbe, die Augen, die Nase, die Haare sind ähnlich. Das Wesentliche aber, worauf es ankommt, unsere Intelligenz, ist von den Menschen noch nicht erfasst worden. Wie unser phylogenetisches Gedächtnis. Und die Fähigkeiten zum geistigen Fliegen. Das liegt auch daran, dass sich die meisten von uns nicht oder selten in der Öffentlichkeit zeigen. Es gibt zudem nur wenige, die verteilt auf der Erde wohnen. Die meisten leben in Al Erador unterhalb von Uluru in Australien. Dort existiert unerkannt von den anderen ein autarkes Ökosystem, das uns mit Tieren, Pflanzen und Wasser versorgt.

Insofern haben wir selbst heute noch einiges gemeinsam mit den Neandertalern, wenn auch nicht ihre Intelligenz. Wir sind fast wie Halbbrüder zu ihnen, denn unsere beiden Arten stammen direkt vom homo erectus ab. In Europa war er der heidelbergensis als Zwischenstufe zu den Neandertalern. In Asien, unserer alten Heimat, der javaensis, der sich dann mit dem sapiens mischte und in die asiatischen Vielvölkerrassen einging. Wir, die Tjuokurpa, sind die direkten Nachkommen dieser ersten Vermischung. Und bewahren unsere daraus resultierenden Fähigkeiten durch die Vermeidung weiterer Vermischungen. Halten die erste Blutlinie rein. Wie die Neandertaler. Wenn die Welt der Menschen auch von deren Existenz und Heimat weiß, so ist ihr Territorium doch nach aussen abgeschirmt. Wir schützen uns, indem wir uns nicht zu erkennen geben. Unser Hauptstamm im Verborgenen bleibt. Nur Einzelne wie ich oder Isamira mit unseren Großfamilien leben außerhalb Ulurus. Aber wir dürfen unsere Art nicht verraten, bleiben imgrunde anonym.

Ich seufze. Meine Gedanken, die beim Anblick des Neandertalers ausschweiften, lenken mich wieder zurück zu meinem eigentlichen Vorhaben. Isamiras Versteckspiele sind es, die mich seit vielen Jahrtausenden durch die Welt gejagt haben. Sie hat es mir fast unmöglich gemacht, sie zu finden. Geschickt verstand sie es immer wieder, ihre Spuren zu verwischen und ihre Wohnsitze zu wechseln. Als ob sie wüsste, dass wir sie suchen. Als ob sie bis heute jeden Kontakt zu uns vermeiden will.

Schon vor 15.000 Jahren bin ich aufgebrochen, sie zu finden. Erst habe ich zurück über die Meeresenge der Timor-See gesetzt. Dann den Weg über Indonesien nach Asien eingeschlagen. Vor 3000 Jahren ist mein Clan in Europa angekommen. Durch die Türkei ging es nach Frankreich. Dort – es war bereits das Mittelalter angebrochen - habe ich die Menschen reden hören, dass es welche gibt, die aus Blei Gold machen können. Und denen nachgesagt wurde, dass sie wie Vögel des Nachts durch die Lüfte fliegen. Herabkämen und den Menschen böse Träume in die Köpfe setzten.

Einerseits wurden sie damals als Gelehrte geehrt, andererseits als Alchimisten verschrien. Einige wurden verfolgt und erschlagen. Andere, vor allem Frauen, als Hexen verbrannt. Das letzte Mal sind sie in der Gegend von Berlin gesehen worden. Dort sollen merkwürdige Menschen gelebt haben, die in der Lage waren, die Sterne vom Himmel zu holen und mit ihnen zu reden. Auch konnten sie die schärfsten und härtesten Metalle herstellen. Messer, Töpfe, Scheren. Feste Kleidung aus Pflanzen wie Hanf. Sie sorgten in ihren Häusern für die erste Kanalisation. Abfließbare Aborte. Entsorgten den Müll mittels Sickergruben. Krankheiten wurden ausgerottet. Aussätzige geheilt.

Bis die Gewaltherrschaft der Inquisition auch bis hier vordrang. Danach waren sie für immer verschwunden. Kein Brief, Dokument oder Niederschrift hat je mehr von ihnen berichtet. Es hieß, sie seien des Nachts zu den Sternen entschwunden. Andere behaupteten, sie haben sich in Wölfe verwandelt und geisterten nun durch die Wälder. Doch ich war mir sicher, dass sie keine solchen Spuren hinterlassen hatten, die eine derartige Mystifizierung rechtfertigten. Ich glaubte eher, sie hatten sich nach einem sichereren Ort umgeschaut. Einem, wo es weniger Menschen gab.

Die Städte Europas wurden immer größer und voller. Das war vor 500 Jahren. In dieser Zeit suchte ich vorwiegend auf dem Land. In Rumänien und Bulgarien, wo sich die Karpaten hochziehen. Dort hörte ich von einem Volk, das vollkommen allein lebte. Und bei dem es spukte. Man erzählte sich von wundersamen Begegnungen mit menschenähnlichen Monstern, die aus den Bergen kamen oder aus der Erde hervorbrachen. Und wer sich in diese einsame Gegend verirrte, war des Todes. Oder gar noch Schlimmeres.

Aber als ich nähere Beschreibungen von ihnen erhielt, war ich mir sicher, dass es sich nicht um den Stamm von Isamira handelte. Vielmehr glaubte ich, in ihnen die Anderen wiederzuerkennen, die mir vor 60.000 Jahren auf meinen Wegen durch das Lamatt begegnet waren. Um sicher zu sein, suchte ich trotz des Geredes eines ihrer kleinen Dörfer am Rande des Schwarzen Meeres auf. Und in der Tat, es waren die Flachköppe, die hier ihre Heimat gefunden hatten. Und wie ich bemerkte, waren sie vollkommen harmlos und lebten isoliert von den Menschen.

Diese mitunter recht weiten Reisen veranlassten mich zeitweise, mich nicht mehr vom ganzen Clan begleiten zu lassen. Auch war es zu gefährlich, alle auf diese schweren und nicht ganz sicheren Reisen mitzunehmen. Außerdem fiel eine Gruppe von drei bis fünf Leuten weniger auf als eine ganze Hundertschaft mit Kind und Kegel. Zudem erwiesen sich viele Tipps als Nieten, und es reichte oftmals, wenn wir einige wenige Späher dorthin schickten.

Deshalb siedelte sich unser Haupttroß in Deutschland an. Die Umgebung von Freiburg schien mir zentral in Europa und voller Wälder und Auen. Mit den Jahren wurden wir angesehene Bauern, die viel von der Agrarwirtschaft verstanden. Wir setzten die ersten Kartoffeln, die aus Mittelamerika kamen, in größeren Feldern an. Sie gediehen wunderbar, waren nahrhaft und sicherten vielen Familien auch außerhalb unseres Dorfes das Überleben. Selbst gegen den Kartoffelkäfer, der sämtliche Ernten in anderen Ländern fraß oder die Fäule, die den Rest vernichtete, waren wir gewappnet. Wir säten rund um die Felder und auch inmitten von ihnen kleine Inseln von einer besonderen Art Kohl, den wir aus einer Kreuzung mit Buschbohnen erhielten. Dies vertrieb die Schädlinge und machte die Pflanzen resistent.

Unsere Agrarkultur wurde legendär. In Irland retteten wir viele Menschen vor einer drohenden Hungerkatastrophe. Sie machten den Fehler, nur auf Monokultur zu setzen. Wir hingegen erschufen die Vierfelderwirtschaft. Im ersten Feld setzten wir Kartoffeln, dann Erbsen und Bohnen, dann Wurzelgemüse und im vierten Kohl und Kürbisse. Im nächsten Jahr wurde rotiert. Bevor wir Kürbis und Kohl pflanzten, gaben wir zusätzlich organischen Dünger in die Erde. Im nächsten Jahr war er aufgebraucht und überfütterte nicht das Wurzelgemüse, das sonst leicht aufspaltete. Erbsen und Bohnen produzierten eigene Nahrung. Ihre Wurzeln, in der Erde belassen, dienten in der nächsten Runde den Kartoffeln als Nahrung. Und der organische Dünger des Kohls war bei der Rotation soweit von der Kartoffel entfernt worden, dass sie nicht mehr vom Kartoffelschorf befallen werden konnte.

Auch richteten wir uns beim Sähen und Ernten nach den Phasen des Mondes. Oberirdische Pflanzen wurden bei zunehmendem Mond gesät und gesetzt. So konnten die Säfte mehr in deren Nutzhälfte beim Wachstum fließen. Auch das Holz für unsere Häuser fällten wir an speziellen Tagen. Später war es resistent gegen Feuer und Fäulnis. Ich kann sagen, dass wir es gelernt hatten, im Einklang mit der Natur zu leben.

Doch so intensiv uns auch die aktuellen Geschehnisse beschäftigten, nie war unsere eigentliche Aufgabe vergessen. Immer noch galt unser Hiersein der Suche nach Isamira, ihrem Stamm und der neuen Pflanze, die wir in ihren Händen glaubten. Mit dem Aufkommen der Zeitungen versuchte ich es mit Anzeigen. ‚Suche Frau, die mit mir reist, die Pflanze zu finden.’ Oder: ‚Möchte mit dir die Königin der Pflanzen züchten.’ Später, als ich kaum noch Hoffnung hatte, sie auf diesem Weg zu erreichen, wurde ich deutlicher: ‚Isamira, vom Stamme der Tjuokurpa, gib mir ein Zeichen. Iosain.’

Aber die Jahrzehnte vergingen ohne eine Antwort. Meine Kundschafter durchquerten ganz Europa auf der Suche nach ihr. Hinterlegten Spuren, die sie zu mir führen sollten. Beauftragten Detektive, sie mit professionellen Methoden aufzuspüren. Doch nichts geschah. Isamira blieb verschwunden und langsam begann ich, mir Sorgen zu machen. Hatte der Feldzug der Inquisition doch zu ihrer Auslöschung geführt?

Zum Glück war ich auf all diesen Wanderungen und Irrungen immer in Kontakt mit Eosine. Sie blieb mir stets ein Ratgeber an meiner Seite. Half mir, wenn ich nicht weiter wusste, tröstete mich, wenn ich verzweifelt war, spornte mich an, wenn die Erschöpfung mich zu übermannen drohte.

Manchmal setzte sie sich mit Henin auseinander. Mit ihm konnte sie eine konstante, starke Verbindung aufrechterhalten. Doch in den letzten Jahren sprachen wir oft direkt miteinander. Es bedurfte ihrer ganzen Kräfte, und oft verlor ich sie aus meinem Kopf. Die Distanz war zu riesig. Schließlich lebte sie auf der entgegengesetzten Seite der Erdkugel. Aber es dauerte nie lange, dann hatte sie wieder zu mir gefunden.

»Sie wird Europa verlassen haben. Inquisition und Hexenverbrennung, aber auch Krankheiten und Kriege haben sie vertrieben«, sagte Eosine einmal.

»Aber wohin? Amerika ist gerade erst entdeckt worden. Australien, wo wir herkommen, kennt man hier noch nicht. Das wäre zwar eine gute Rückzugsmöglichkeit. Aber sie käme genau zu dir.«

»Warum nicht«, sagte Eosine.

»Weil sie nicht zu dir will.«

So verstrichen die Jahrhunderte. Das Industriezeitalter kam. Wir griffen gerne Techniken auf, um den Ackerbau effizienter zu betreiben. Und konnten endlich offen damit beginnen, Maschinen, Elektrizität und eine gwisse Telekommunikation anzuwenden. Doch soviel wir auch Muße fanden, uns in Deutschland kulturell einzurichten. Unsere Erkundigungen nach Isamira und ihrem Clan gingen ungebrochen weiter, wenn auch fruchtlos. Wir erwogen bereits, Europa doch noch in Richtung Amerika zu verlassen, um dort weiterzusuchen. Aber die Meere schienen uns bislang nicht sicher genug, und mit unseren gut 1000 Leuten war die Kapazität eines damaligen Schiffes schnell erschöpft, so dass die Überfahrt uns gespalten hätte. Hauptsächlich aber gab mir mein Ringsplitter, den ich seit der Abfahrt aus Australien immer bei mir trug, zu verstehen, dass Isamira noch hier in Europa war. Denn sobald ich nur an ein Verlassen dieser Gegend dachte, glomm er auf und wurde schwer, als widersetzte er sich meinen Gedanken.

Weitere Jahre gingen ins Land. Der Beutel, der das Kleinod, ein Bruchstück des männlichen Planzensamens, beherbergte, wurde weitergegeben. Von Generation zu Generation. Kriege kamen, brachten Elend über Europa, Frieden wurde geschlossen und wieder die Früchte der Felder eingefahren. Unverändert ruhte der kleine Ringsplitter in den Beuteln meiner Väter. Bis er eines Tages begann, in schnellem Rhythmus kühler und wärmer zu werden, beinahe zu vibrieren, als wolle sich sein Inneres hinfortbewegen. Erneut war Krieg über Europa angebrochen. Deutschland, Preußen, Österreich, Frankreich und Russland kämpften um die Herrschaft. Die Zeiten waren unruhiger denn je. Das Kleinod meines Ahns, der einziger Kontakt zu Isamira, pulsierte in ständigem Temperaturwechsel.

»Du sagst, der Ringableger in deinem Halsbeutel bekommt ein Eigenleben?«, fragte mich Eosine, als ich ihr davon berichtete.

»Ja. Und wir glauben, dass Isamira Europa gerade verlassen hat.«

»Aber wohin?«

»Es ging auf einen anderen Kontinent«, erwiderte ich zögernd. »Aber es kann nicht Amerika sein, Australien oder der Osten, wo sie sich dir über Land nähern könnte.«

»Warum nicht?« überlegte Eosine.

»Auch wenn sie weg ist, so kann es nicht weit sein. Der Splitter ihres Ringes zieht mich nicht so fort, als ob sie sehr entfernt wäre, als ob sie jetzt noch reist. Sie muss bald an ihrem Ziel angekommen sein, nicht lange nach ihrem Aufbruch.«

»Dann bleibt nur Afrika!«

»Afrika?« Ich überlegte. »Das kann gut möglich sein. Dort gibt es weite, menschenleere Gebiete. Das könnte ideal für sie sein.«

Aber Henin riet mir zu bleiben.

»Was willst du noch hier? Was hält dich?« fragte ich ihn.

»Willst du wirklich wieder mit dem ganzen Treck losziehen? Heute ist das viel zu umständlich. All die Papiere, Pässe, Kontrollen. Mit 1500 Leuten, die wir nun sind dank unserer blühenden Wirtschaft, keine Kleinigkeit. Lass uns Boten nach Nordafrika schicken.«

»Und du glaubst, das reicht?«

Auch ich hatte mich in all den Jahren an diesen Flecken Erde gewöhnt. Innerlich schauderte es mich vor einer neuen Wanderung. Ich gedachte der langen Jahre in Australien, bevor wir uns für die Abreise entschieden. Damals war ich zumindest viel entscheidungsfreudiger gewesen. Doch das war ein anderer Iosain. Einer, der in der Wildnis aufgewachsen war. Der die kalten Nächte in den Zelten nicht fürchtete.

Ich hatte mich verändert. In all den Jahrhunderten war die Entwicklung Europas nicht an mir vorübergezogen. Ich war mit ihm gewachsen, hatte mich an seine Gesetze gewöhnt. War nun zivilisiert. Doch das Herz der Tjuokurpa schlug noch in mir.

Was wird aus meinem Volk, wenn ich hier bleibe? Was wird aus all denen, die in Uluru auf mich warten? Die in den Jahrtausenden nie den Glauben an mich verloren haben. Für die ich die Hoffnung auf eine bessere Zukunft bin. Die zu erreichen nur mit der Pflanze möglich ist. Quuanqunquum. Wie lange hatte ich schon nicht mehr daran gedacht?

Isamira ist gegangen, als es ihr zu gefährlich wurde. Wahrscheinlich hat sie es getan, um die Königin zu schützen. Sie wird, wie Eosine es vermutete, in Afrika sein. Ich schickte Trupps von 2, 3 Leuten über das Mittelmeer. Nach Tanger in Marokko, Tunis, Algier und Alexandria am Nildelta Ägyptens. Doch sie hatten keinen Erfolg. Kein Zeichen Isamiras.

Der Krieg verging. Das 20. Jahrhundert wurde eingeläutet. Und mit ihm Fortschritt und Zivilisation. Die Strassen Europas erhellten sich im Schein der Strassenlampen. Telegraphen und Funksignale verbanden die Welt. Aber auch Revolutionen fegten über das Land. Dann kam der 1. Weltkrieg. Für mehrere Jahre verschanzten wir uns auf unseren Bauernhöfen. Es war zu gefährlich, die Häuser zu verlassen. Bis wir es wieder wagten, unsere Suche aufzunehmen.



»Mein Clan wird dasselbe tun«, resümierte ich eines Tages. Es war Ende der Neunzehn-Dreißiger und der 2. Weltkrieg stand bevor. Überall gab es Unruhen, und die Menschen verhielten sich merkwürdig. Einerseits waren sie verängstigt, andererseits bedrohten sie sich untereinander. Es herrschte ein scharfer Ton und die Gespräche drehten sich um Rassenwahn und Expansion.

Wir hatten Kriege kommen und gegen sehen. Aber diesmal war es anders. Ich kannte diese Atmosphäre. Hatte sie bei den Wingen, den Römern, Mongolen und anderen Völkern gesehen. Bei Alexander dem Großen. Cäsar und Napeleon. Grundzüge des Größenwahnsinns. Ihnen lagen nach wie vor die Ausbreitung des eigenen Volkes und die Erweiterung ihres Territoriums zugrunde. Dann bedarf es nur eines Zündfunken, wie der Wahn eines Diktators, um immer blutigere Kriege auszulösen. Die Waffen waren inzwischen zu Massenvernichtungsanlagen geworden.

Doch mittlerweile hatte keiner mehr ein Recht, nachbarschaftliche Gebiete anzugreifen und auszurotten. Es gab internationale Gesetze. Aber auch die Schurken wurden immer größer. Und wahnsinniger. Wir mussten uns entscheiden. Nach vielen Jahrhunderten der Ansässigkeit. Wir brachen wieder auf.

»Wo wollt ihr hin?« fragte mich Eosine.

»In den Süden. Der Osten und Norden scheint mir nicht stark genug für eine Gegenwehr. Dann wird es dort sehr unruhig. Es wird vermutlich jahrelang entsetzliche Kämpfe geben.«

Es dauerte Monate, bis wir die Höfe verkauft hatten. Busse bestellen konnten, die uns gen Süden fuhren. Möbel gegen Autos tauschten. Proviant kauften, die richtige Kleidung zunähten. Die Kinder auf die Reise vorbereiteten. Ihnen von einer neuen Heimat zu erzählen. Und letztlich hatten wir das aufkommende Misstrauen der Behörden zu beruhigen, die in unserer Abreise einen staatsfeindlichen Hintergrund vermuteten.

Wir waren ja seit langer Zeit auch Deutsche, und unsere Jungen drohten, einberufen zu werden. Bald würde es keine Möglichkeit mehr geben, dem Unheil auszuweichen. Wir mussten sofort los. Unsere Busse schoben sich über die Österreichische Grenze. Dort mußten wir lange warten. Ein so großer Treck erregte im Angesicht des drohenden Kriegsbeginns Aufmerksamkeit. Unsere Papiere wurden genauestens kontrolliert. Immer wieder diese Befragungen, warum wir wegzögen und wohin. Früher, ganz viel früher, war das einfacher gewesen. Jetzt, wo es soviele Menschen gab, dass alles und jedes reguliert werden musste, konnten wir keinen Schritt vor die eigene Tür setzen, ohne dass wir einen Antrag zu stellen hatten.

Dann begann es in Polen. Der Einmarsch. Wir waren kurz vor Innsbruck. Überall gab es Straßensperren. Und dann trat Italien in den Krieg ein. Nun würden wir vom Regen in die Traufe kommen. Kurzerhand wechselten wir die Richtung. Die neutrale Schweiz erschien uns die richtige Stätte, die Alpen zu überqueren. In einem abgelegenen Bergtal setzten wir uns für ein Jahr zur Ruhe, um die Entwicklung in Europa abzuwarten. Auch wollten wir uns in dieser Zeit still zurückziehen, um nicht weiter aufzufallen. Dann hörten wir, dass der Krieg nach Afrika übergeschwappt war. Die Kolonien Südwest-Afrika und Deutsch-Ostafrika mobilisierten ebenso wie der Norden des Kontinents. Dort kämpfte alsbald die verbündete Türkei mit den Deutschen gegen die Engländer.

Nun, wo wir Deutschland bereits verlassen hatten, war es keine großartige Entscheidung mehr, wo unser Ziel zu liegen hatte.

»Aber wir können im Augenblick nicht nach Afrika«, raunte mir Henin zu. »Es ist viel zu gefährlich.«

»Aber wir müssen. Isamira ist da.«

»Sie wird sich jetzt noch besser verstecken als vorher. Wenn du sie bislang nicht gefunden hast, dann wirst du es nun erstrecht nicht schaffen.«

»Du meinst, sie hat ein sicheres Versteck, aus dem sie im Augenblick nicht rauskommen wird?«

»Ja. Völlig unmöglich, sie jetzt zu finden.«

Und so blieben wir in der Schweiz. Warteten den Krieg ab. Gründeten neue Familien. Setzten eine weitere Generation von Kindern in die Welt. Nach Iosain dem Großen folgte Iosain der Kleine. Was mein Ahn Iosain einst begann - vor mehreren Jahrtausenden - verbleibt nun in meinen Händen. Ich bin noch jung - 24, aber das ist mein Vorteil. Ich bin ein Kind des neuen Zeitalters. Bin mit Computern und Internet aufgewachsen. Habe keine Probleme mit der Umstellung auf dieses neue Medium. Bücher lese ich zwar nach wie vor wie meine Eltern, aber sie brauche ich nicht mehr zum Lernen. Wenn ich etwas wissen will, gehe ich nicht in eine Bibliothek, sondern ins Internet. Wenn ich mich mit anderen Menschen unterhalten will, gehe ich in einen Chatroom oder schreibe eMails. Doch das Beste ist, wenn ich mich per ePhone und Cam mit meinen Freunden unterhalte. Oder zu einem Treff in der nächsten Stadt verabrede. Die Dörfer hier im Kanton sind zu langweilig. Nur Kuhglocken und Almen. Mich zieht es in die Ferne. Wenn keiner mit will dann surfe ich allein durch die Welt. Gehe auf fremde Seiten, lese die neuesten Infos, verfolge die Forschungen der ISS oder die Marsexkursionen. Das Weltall fasziniert mich, denn die Erde kenne ich schon. Meine Vorfahren haben sie bereist, und ich habe alle ihre Erinnerungen und Begegnungen in meinem Kopf. Und was ich noch nicht weiß, erlebe ich auf den Seiten, Bildern und in den Filmen des Netzes.

So habe ich sie auch gefunden. Durch das World Wide Web. Es war eigentlich mehr ein Zufall. Denn ich war nur in einem Chat, als eine Phobe auf meine Frage, was sie am Universum am meisten fasziniert, schrieb: ‚Fliegen zu den Sternen, die so unendlich sind und fern. Und doch so nah, dass wir sie in unseren Träumen zu uns holen möchten.’ Wow!

‚Auch ich träume von den Sternen. Aber ich will sie nicht zu mir runterholen. Ich will zu ihnen fliegen.’

‚Das dauert zu lange’, antwortete sie sofort. ‚Es sei denn, du kannst durch die Zeit reisen.’

‚Ja, du wirst sehen. Eines Tages werde ich es tun.’

Was sie zunächst für die Übertreibung eines dummen Jungen hielt, erwies sich wenige Tage später als der Ausgangspunkt unserer Freundschaft. Auch wenn wir von unterschiedlichen Wegen sprachen. Ich deutete ihr zunächst an, dass es sehr bald möglich sein könnte, durch die Zeit zu fliegen. Sie darauf: ‚Wie? Das haben schon andere gewollt. Und auch sie sind gescheitert.’

‚Na klar. Noch sind wir nicht so weit. Noch haben wir nicht die Technik.’

‚Es ist keine Technik, von der ich spreche. Es ist biologisch.’

Biologisch? ‚Auch ich hatte es so gemeint.’ Zunächst jedenfalls.

‚Was verstehst du denn unter biologisch?’ war ihre nächste Frage.

‚Nun, erst einmal sind wir es, die es tun. Und wir sind biologisch!’

‚Du meinst damit dich selbst?’ Das klang ihr einleuchtend. ‚Aber ich meine es nicht so.’

Weiter wollte sie nichts sagen. Doch sie gab mir ihre eMail-Adresse. ‚Sag mir jetzt, wie du es meinst’, schrieb ich ihr direkt. Aber sie wich weiterhin aus. Und doch schien es mir, als ob sie darüber sprechen wollte. Irgendetwas bedrückte sie.

‚Warum in den Kosmos gehen, wenn es doch hier auf der Erde noch soviele ungelöste Probleme gibt.’

‚Ich kenne die Erde besser als jeder andere’, erwiderte ich. ‚Ich will weiter hinaus.’

‚Und doch ist das, was du dort suchst, das, was du nur hier findest.’

Ich liebe Geheimnisse, vor allem, wenn ich sie nicht verstehe. ‚Du sprichst wie eine Sphinx.’

‚Warum?’

‚In Rätseln, unbekannte Schöne.’

‚Bin ich das?’

‚Das kann ich dir erst sagen, wenn ich dich sehe.’

‚Bin ich dann vielleicht nicht mehr schön?’ Ich konnte sie förmlich kichern hören. Wollte sie mich die ganze Zeit auf den Arm nehmen?

‚Ich bezog mich auf das Schöne im Unbekannten.’ Wenn Stottern beim Schreiben möglich ist, dann jetzt. ‚Auf dich also. Wo bist du?’

‚Das kann ich dir nicht sagen.’

‚Warum nicht?’

‚Es wird ein weiteres Rätsel für dich sein.’

‚Dann gib mir einen Anhaltspunkt. Das wäre fair.’

‚Afrika.’

Afrika? ‚Afrika ist groß.’

‚Afrika.’

Afrika! Afrika?

Wenn ich mir alles zusammenreimte, was sie bislang gesagt hatte, kam mir eine vage Idee.

Ich zögerte. Dann durchfuhr mich eine Sicherheit, die mir kalten Schweiß über die Haut jagte. Mein Herz raste. Mein Verstand schien sich auszuschalten. ‚Isamira Baiame?’ waren die einzigen Worte meiner nächsten Mail.

Daraufhin stoppte der Verkehr. Sie schrieb mir nie wieder. Aber das war das eindeutigste Zeichen. Wenn du etwas Bedeutendes suchst, wirst du es nicht finden, bevor du nicht weißt, wie es denkt. Oder der Zufall dir die Wege ebnet. Ich weiß, sie wollte mir etwas sagen. Einem Unbekannten, dem sie vertraute. Ihre Einsamkeit durchbrechen. Die jahrhundertelange Abgeschiedenheit. Das Joch ihrer Bestimmung. Die Pflanze. Eine Königin, die ihr die Hände band. Ihr verbot, sich wieder der Welt zu zeigen. Isamira – wenn sie es war, hatte Angst. Ich konnte es fühlen. Und doch sehnte sie sich nach Kontakt. Nun hatte ich ihre letzte Hoffnung zerstört. Ihre eMail- Adresse war gelöscht. Es gab sie nicht mehr.

Doch ich holte ihre alten Briefe hervor, aus einem digitalen Ordner wie aus einer verstaubten Schublade. Und durchforstete sie nach mehr Informationen. Zuletzt öffnete ich den Header und sah hinter dem Fake der Phobe eine marokkanische Adresse. Aber auch diese gab es nicht mehr. Doch eins ist nun sicher: Sie wohnt in Marokko.



Ich betrete den Schlauch, der mich zum Flugzeug führt. Wie bin ich hierher gekommen? In Berlin habe ich alte Kontakte. Einer meiner dortigen Freunde unterhält ein Reiseunternehmen. Die haben in Marokko recherchiert. Die eMail stammt von der Maroc Telecom Menara. Erstellt im letzten Jahr in Marrakesch. Das war’s. Die Adresse des Besitzers des Internetanschlußes festzustellen, war dann kein Problem mehr, wenn man weiß, dass alles mit einem Bakschisch viel leichter geht.

Zunächst wollte mein Stamm in der Schweiz, dass ich erst einmal zurück komme. Aber dort wäre ich nur aufgehalten worden. Allein die Zugund Busfahrten in den Kanton. Jeder hätte mir zu etwas anderem geraten. Ich muss mich auf meinen Instinkt verlassen, der mich bisher zu Isamira geleitet hat. Jetzt, in der entscheidenden Phase. Und vor allem: Es muss alles schnell gehen, damit Isamira keine Zeit findet, sich neu zu verstecken!

Ich habe mehrmals mit Henin telefoniert und dann zwei Tickets gekauft. In Berlin auf ihn gewartet. Am nächsten Tag haben wir dann das Flugzeug nach Marrakesch bestiegen.

Ich gleite im Strom der Abreisenden. Fühle den kalten Wind des frühen Aprilmorgens. Betrete gemeinsam mit Henin das Flugzeug. Finde noch halb im Schlaf meinen Sitz, zu dem mich die freundliche Stewardess dirigiert. Dann kann ich mich endlich wieder setzen. Lasse die Ansagen über mögliche Unglückfälle und ihre Rettungsaktionen geduldig über mich ergehen, ohne ihnen zuzuhören.

Als wir abheben, überlege ich noch einmal, ob es richtig war, Henin mitzunehmen. Er wollte mich nicht allein gehen lassen. In ein fremdes, unbekanntes Land. War ich doch noch so jung. Aber in meinem Wissen genauso alt wie er.

Auch wenn er mich nun auf vielleicht dem wichtigstem Wegstück meiner Wanderung begleitet. Dem letzten Teil, vielleicht der Abschluss einer jahrtausendelangen Suche. Ich glaube, es ist das Beste, wenn ich alleine bei Isamira auftauche. Henin als Schamane kann leicht wie eine Bewaffnung auf sie wirken. Ich will unser erstes Treffen nicht gleich in den Sand setzen.

»Aber ich werde beruhigend für sie sein. Schließlich bin ich doch wie ein Vater.«

»Sie kennt dich. Du weißt doch: deine körperliche Visualisierung. Erscheinungen in den Köpfen anderer. Du könntest sie manipulieren.«

»Aber sowas würde ich nie machen«, antwortet er mir entrüstet.

»Das ist mir klar. Aber ihre Erfahrungen mit Aerandil und wem noch alles haben sie misstrauisch gemacht.«

»Wie kommst du darauf?«

»Warum hat sie keinen Kontakt mit Eosine mehr?«

Diese Frage ist ein Dauerbrenner in unseren Diskussionen. »Wenn sie ihr nicht traut, dann heisst das noch lange nicht, dass sie mir nicht vertraut«, sagt er ruhig.

»Aber es kann an etwas liegen, dass mit der Königin zu tun hat. Du weißt, sie hat sich erst nach deren Existenz zurückgezogen. Da könnte etwas sein, dass sie davon abhält, den Schamanen weiterhin zu trauen.«

»Wieso den Schamanen? Warum nicht allen Tjuokurpa?«

»Weil es um Macht geht. Um die Veränderung der Zukunft. Um etwas, das sie wie ein Gott aussehen lässt.«

»Sind wir es nicht für so viele bereits gewesen?«

»Aber wir sind keine Götter.« Ich bin mir sicher, dass Isamiras Angst im Dünkel einer Göttin begründet ist, unfehlbar zu sein.

Henin hält einen Augenblick inne. Dann sagt er: »Das impliziert, dass sie die Königin tatsächlich gefunden hat.« Er schaut zu mir herüber. »Und du denkst sogar, dass diese Königin die Macht hat, all das zu ermöglichen, wofür wir sie brauchen.«

Er hat recht. Ja, ich bin mir sicher, dass Isamiras Zurückgezogenheit etwas damit zu tun hat, dass sie die Konsequenzen aus dem Besitz der Königinpflanze fürchtet.

Deshalb will ich auch so vorsichtig wie möglich sein. Zunächst werde ich alleine bei ihr aufkreuzen. Sie wird nichts von meinem Besuch ahnen. Denn schreiben kann ich ihr natürlich nicht mehr. Hätte ich ihr meine Ankunft auf die eine oder andere Weise angekündigt, sie wäre auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Ich kann nur hoffen, dass sie unser anfänglicher Kontakt nicht zu sehr verstört hat. Was wird sie sich gedacht haben? Nur ein Tjuokurpa konnte ihren tatsächlichen Namen kennen.

Deswegen habe ich auch keine Zeit verstreichen lassen, hörte nicht auf Henins Bedenken und habe mich gleich in Berlin an die Recherche nach ihr gemacht. Nun ist das Ende dieser Suche in Sicht. In Marrakesch, wo wir in drei Stunden landen werden.

Immer wieder schwirren mir die Gedanken im Kopf herum. Trotz meiner Müdigkeit kann ich nicht schlafen. Ich schaue aus dem Fenster. Unter mir ziehen Wolken. »Unter uns liegt jetzt München«, lautet die Durchsage des Piloten. Es ist wie eine Insel im Meer von Feldern.

In den Jahren der Suche nach Isamira überkamen mich immer wieder Zweifel an der Richtigkeit meines Tuns. Und vor allem, ob es einen Sinn macht. Denn ohne jede Aussicht auf Erfolg bin ich mit meinem Clan getrennt von meinem Volk geblieben. All die Jahrtausende. Auch wenn wir uns von gut 1000 auf 1500 verstärkten, durften wir doch keinen sexuellen Kontakt zu anderen Menschen haben. Wir blieben isoliert inmitten der Menschheit.

»Was haben wir wirklich erreicht«, fragte ich Henin und andere meines Clans des Öfteren.

»Wir haben überlebt«, lautete die lakonische Antwort Eosanders. »Odin und die anderen haben es nicht geschafft. Selbst Aerandil nicht.«

»Aber ich vermisse meine Schwester Tikone, ihren damaligen Mann Tanatanjapol, der nun in den Nachkommen seiner Väter weiterlebt. Sie und viele andere, die dereinst in Australien blieben, werde ich nie mehr sehen.«

»Das kann nur die Zukunft zeigen«, mischte sich Henin ein. »Und gerade die zu legen, sind wir ausgezogen.«

»Dabei fühle ich mich hier wohl. Es gab immer genug Wild zu jagen und Früchte anzubauen. Wir haben Wasser im Überfluss, und unsere Familien müssen nicht Hunger leiden.« Eosander hatte sich am besten von uns allen in Europa eingelebt.

»Aber vermisst ihr denn nicht die anderen, die in Uluru bei Eosine aufwachsen. Auch ihnen geht es gut. Und sie leben in der Tradition der Tjuokurpa.« So sprach ich früher. Doch mittlerweile habe ich mich damit abgefunden.

Dennoch übermannten und übermannen mich immer wieder die Sehnsüchte nach Uluru, dass wir zwar nie kennen gelernt haben. Aber das der Ort ist, an dem sich mein Volk endlich zusammengefunden hat. Menschen, die so denken wie wir, so aussehen wie wir, und die sich verlaufen würden in Städten voll fremder und dummer Leute.

»Wir haben soviel erreicht. Soviel gefunden. Konnten schon Eisen schmelzen, bevor die ersten Menschen Dörfer gründeten. Operierten bereits vor 15.000 Jahren an offenen Schädeln. Züchteten Rinder und Ziegen. Und gruben eine Kanalisation um die Häuser herum, damit die Krankheiten, die die Städte verseuchen, gar nicht erst aufkamen. Darauf mussten wir erst auf unseren Wanderungen wieder verzichten. Denn wir blieben nie lange, konnten und können unser Wissen mit den Menschen nicht teilen. Denn dann würden wir vielleicht noch mehr mit ihnen teilen.«

»Du hast recht«, bestätigte mich Henin darin. »Um unseren Wissensstand auszuleben, mussten wir erst die langsamer verlaufende Entwicklung der sapiens-Menschen abwarten.«

»Aber trotzdem hatten wir doch immer innerhalb unserer Gemeinschaft unser eigenes Niveau«, ergänzte Eosander. Nach wie vor basiert die Heilkunde Henins auf Techniken und Kräutern, denen die heutige Schulmedizin noch nicht nachkommen kann.«

»Ja, versteht ihr denn nicht? Die Kultur und das Wissen unseres Volkes sind jeder anderen Menschenrasse um Längen überlegen. Geschweige denn ihrer doppelbödigen Moral, ihren falschen Religionen, ihrem scheinheiligen Gleichheitsdenken. Mann und Frau, Arm und Reich. Weiß und Schwarz. Solange wir in deren Kulturkreis leben, müssen wir uns ihren Regeln unterordnen!«

»Aber dafür bleiben wir ja unter uns. Nicht nur wegen der Vermischung. Auch, um unsere eigenen Kulturleistungen nicht zu verlieren«, sagte darauf Eosander.

»Und so bleiben wir stark. Und können unserer Aufgabe weiterhin nachgehen.« Henin fand immer die richtigen Worte. »Die Zukunft, die uns bevorsteht, darf nicht geschehen. Es liegt an uns, sie zu verhindern. Und dafür benötigen wir Isamira!«

Auch Eosine wurde niemals müde, uns die Notwendigkeit deutlich zu machen, Isamira und ihre Königin zu finden.

»Eines der größten Probleme der Zukunft, das bereits heute auftritt, ist der Temperaturanstieg der Erde. Ich reise immer wieder dorthin – in die unterschiedlichsten Zeitepochen - und es wird sehr bald immer schlimmer. Irgendwann wird sich der Meeresspiegel soweit erheben, dass das flache Land überschwemmt wird. Auch Uluru gehört dazu.«

»Uluru?« rief ich entsetzt. »Wie ist das möglich?«

»Nun, es liegt unter der Erde. Und das Outback ist sehr flach.« Sie machte eine kurze Pause. »Dieses global Warming ist der Hauptgrund für den Niedergang der Menschen und für die Herrschaft der Neandertaler, wie es irgendwann geschehen wird.«

»Was hat der Neandertaler mit der Erwärmung der Erde zu tun?« habe ich sie immer wieder gefragt.

»Zuerst recht wenig«, war ihre Antwort. »Du weißt ja, er handelt lediglich mit seinen Feldgütern.«

»Ja. Und zu mehr wird er auch nicht fähig sein.«

»Doch! Da gibt es etwas, dessen ich mir noch nicht sicher bin. Es hat damit zu tun, warum er so gute Ernteerträge erzielt.«

»Wie meinst du das?« Ich verstehe immer noch nicht, worauf Eosine hinauswill.

»Eigentlich ist der Boden recht karg und dürfte nicht so fruchtbar sein.«

»Aber das ist doch in Ordnung. Er arbeitet halt hart.«

»Naja. Mir scheint, dass er Hilfe bekommen hat – wenn nicht jetzt, dann später, etwas, dass die Felder besser düngt. Und diese enorme Hitze entwickelt.«

»Welche Hitze?«

»Die rasend schnell verlaufende Erhitzung der Atmosphäre.« Da ich sie immer weniger verstand, fügte sie hinzu: »Das ist heute noch kaum zu spüren, beginnt aber schon. Ich jedoch spreche von der weiteren Zukunft, Iosain!«

»Welcher Zukunft?«

»In wenigen hundert Jahren. Dann wird es selbst - wie gesagt - Uluru nicht mehr geben.«

»Und du meinst... Der Neandertaler ist daran schuld?«

»Irgendwann wird er uns auslöschen.«

»Wirklich? Und er selbst?«

»Er wird der Herr der Erde werden.«

»Wie denn? Ihm fehlt doch jegliche Kultur und Technik.«

»Es gab die Dinosaurier. Sie waren damals die Herrscher der Welt. Die haben auch ohne 200 Millionen Jahre über die Erde geherrscht. Und das waren Tiere.«

»Und wir können nichts machen?«

»Iosain. Das ganze spielt sich langsam ab«, flüsterte sie beinahe. »Ich werde dir das einmal erklären.«

Ich wartete schweigend, denn ich konnte nichts weiter sagen.

»Was im Augenblick anfängt, ist eine Reaktion der Natur auf die Erwärmung. Gletscher schmelzen ebenso wie die Kappen der Pole.« Eosine räusperte sich. Obwohl ich sie nicht wirklich sah, bemerkte ich ihre aufkommende Wut. »Die Aborigines haben es damals begonnen mit ihrem Abbrennen der Wälder. Dadurch wurde zusätzliches Kohlendioxyd in der Atmosphäre frei, das im Holz gespeichert war. Folge: Die ganze Erde erwärmte sich. Nur geht das heute mit dem CO2-Ausstoss noch viel rasanter. So schnell wie noch nie. Durch das Abtauen riesiger Eisflächen an den Polen hebt sich der Meeresspiegel enorm. Auch das haben wir schon erlebt.«

Ich weiß. Die Meeresenge von Australien. Die Landbrücke nach Amerika. Aber das geschah in einem natürlichen Zyklus.

»Kurzfristig kommt es sogar in Nordeuropa zu Kälteeinbrüchen. Das salzlose Wasser der Gletscher lässt den warmen Golfstrom nicht mehr in der Barentssee versinken. Dort aber ist der Motor für seinen Rücklauf am Meeresboden nach Amerika. Also bleibt er aus und die Küsten in Europa werden vorübergehend eiskalt. Ich habe gesehen, wie in baldiger Zukunft die Menschen aus Skandinavien fliehen und Schutz im südlichen Europa suchen. Doch auch da herrscht Hunger und Chaos. Krankheiten brechen aus. Holland ist als erstes vollkommen unter Wasser. Die Menschen beginnen, sich gegenseitig zu bekriegen.

Das aber ist nur der Anfang. Diese Periode dauert erdgeschichtlich nicht lange. Mit der weiteren Erwärmung der Ozeane schmilzt auch das Methan, das dort am Meeresboden vereist lagert. Und wenn das in die Atmosphäre gelangt, dann kommt es zur eigentlichen Katastrophe.«

»Und wie sieht das aus?« habe ich leise gefragt.

»Die Meere steigen jetzt noch mehr. Viele Inseln gehen unter.«

Entsetzt sehe ich die Ebenen der Küsten in Fluten untergehen. Eosine fuhr ungerührt fort: »Und das liegt nicht allein am Menschen, seiner Rodung der Pflanzen und den diversen Schadstoffemissionen. Das liegt haupsächlich am Neandertaler. Mit ihm fängt es wirklich an, gefährlich zu werden. Denn irgendetwas erwärmt die Atmosphäre, ausgehend von seinem Territorium, so stark, dass das Land sehr schnell versinkt. Die besiedlungsfähige Fläche wird noch in diesem Jahrhundert zu klein. Was heute Bergspitzen sind, bildet dann die einzigen Wohnflächen für die Menschen. Wohin also mit ihnen? Und wovon werden sie sich überhaupt ernähren können?«

Sie wußte bereits die Antwort. »Es gibt ebenso wenig grüne Flächen für Gras und Wälder, wie es noch Tiere geben wird, die sich davon ernähren. Vielleicht bleiben noch ein paar Plätze, an denen die Menschen Getreide anbauen. Wenn er sie lässt.«

»Wer? Der Neandertaler?«

»Ja. Denn mit dem Versinken der menschlichen Wohnstätten beginnt auch die Kultur und Technik der Menschen unterzugehen.«

»Aber was ist es, das ihn veranlasst, das Klima zu erwärmen. Was ist es nur?«

»Wenn ich das wüsste. Aber es hat etwas mit der Effizienz zu tun, mit der er seine Böden fruchtbar macht.«

Eosines ständige Anklagen gaben mir sehr zu denken. Dann hat sie mir eines Tages etwas Besonderes anvertraut: »Hast du dir schon einmal Gedanken darüber gemacht, was mit uns passieren wird?«

»Wir werden Uluru irgendwann verlassen müssen. Du hast gesagt, auch dieses Land wird überschwemmt.«

»Aber fast ganz Australien ist flach. Das Outback wird ein riesiges Meer werden. Und unsere Höhlen werden vollgeflutet und unbewohnbar sein. Wo sollen wir hin? Und wo sollen wir Quuanqunquum wieder anbauen? Quuanqunquum! Denk an Quuanqunquum! Iosain, wir werden die Pflanze, die unsere Beschützerin ist und mit der wir durch die Zeiten reisen, um die Erde zu regulieren, verlieren.«

»Das ist doch nicht möglich«, entfuhr es mir nur.

»Langfristig überlebt nicht der Intelligenteste, sondern der Kräftigste.

Erinnert euch der Zukunft!«

Diese letzten Sätze Eosines gehen mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich setze mich aufrechter hin.

»Henin, glaubst du, dass wir untergehen werden, weil wir uns eines Tages nicht mehr der Umwelt anpassen können?«

»Wenn das so ist, dann ja«, lautet seine lakonische Antwort.

»Also müssen wir eine Lösung finden, die uns überleben lässt.«

Er sieht aus dem Fenster. Murmelt etwas in seinen Bart. »Vielleicht haben wir sie ja schon gefunden.« Unter uns streicht ein Wolkenfeld vorüber.

»Du meinst Isamira?« frage ich.

»Nein – unsere Vorfahren.«

»Aber daran könnte ich mich erinnern.« Ich schaue jetzt auch aus dem Fenster.

»Wenn es die Vorfahren unserer Zeit sind. Nur dann.«

Da lichtet sich die Wolkendecke und ich erkenne die Küste Spaniens.

Das Mittelmeer. Auf der anderen Seite liegt Marokko.

»Was möchten Sie essen? Wir haben Brötchen mit Käse oder mit Schinken.«

Eine Stewardess beugt sich zu uns rüber.

»Haben Sie auch etwas mit Salat?« fragt Henin.

Erstaunt hält sie inne. »Nein, nicht zum Frühstück. Es ist ja nur ein kleiner Imbiss.«

»Dann nein danke«, erwidert er. Ich hole etwas aus meiner Tasche. In einer Tupperware ist Müsli ohne Nüsse, in einem zweiten Haferbrei mit Schokomilch. Nichts Hartes. Nur Zermahlenes, Yoghurt, Flüssiges. Unsere Kiefer sind mittlerweile zu schwach für Rohes oder Schweres. Wir bevorzugen es, unsere Nahrung anders aufzubereiten. Knochen zu benagen oder Nüsse zu knacken ist uns nicht mehr möglich. Besonders in den letzten Jahren setzen wir auf spezielle Biokost.

Ich seufze. Soweit wir uns auch von den Menschen unterscheiden. Unser Schicksal wird dasselbe sein.



Wir sind in Marrakesch angekommen. Henin wartet in einem Cafe um die Ecke. Entlang der Straße gibt es viele solcher Möglichkeiten. Es ist nicht weit vom Platz Gemma El Fna. Doch wir haben keinen Blick für die Gaukler oder Musiker. Auch die Souks, voller Menschengequirl, haben wir bis jetzt gemieden. Es gibt nur ein Ziel. Seit unserer Recherche in Berlin. Seit meinem Kontakt zu Isamira. Seit unserer Abreise aus Australien.

Die Pflanze! Die Zukunft. Unser Überleben.

Nun sind wir ihr dichtauf. Wenn ich schon nicht hoffe, sie zu sehen, so bin ich mir doch sicher, Isamira zu treffen. Sie lebt in der Medina. In einem großen Haus in einer kleinen Seitengasse.

Sie ist nicht allein. Immer in Begleitung einiger weniger Freunde. Halma zum Beispiel. Ihr Clan selber hat sein Lager abseits auf dem Land. Nach Auskunft der Reiseagentur eine Adresse für Töpferkunst und Kräuteranbau. Das trifft auf Isamira zu. Ist typisch für ihr altes Leben im Lamatt und während der Wanderschaft.

Ich überlege. Hat sie sich verändert? Wie ich? Oder hat sie ganz bewusst den Orient gewählt, um in dieser traditionsverpflichtenden Kultur nicht aufzufallen. Ihren eigenen Gewohnheiten weiter nachgehen zu können. Und unerkannt mit ihrer Pflanze zu leben?

Ich bin in der Nähe von Riad LaRousse.

Biege in eine kleine Gasse.

Derb Guerraba 12.

Ich fühle etwas schwer an meinem Hals. Ich öffne den kleinen Beutel und sehe, dass es der Ringableger ist, der rotglühend darin funkelt. Habe ich sie wirklich gefunden?

Ich klopfe. Eine zeitlang geschieht nichts. Dann höre ich Schritte, und eine Frau in meinem Alter öffnet die Tür. Sie ist nicht älter als 25, eher 22. Sie hat im Gegensatz zu mir eine hellere Haut. Meine entspricht noch mehr der Farbe Indonesiens, das wir einst Lamatt nannten. Sie hat schwarze Haare, eine hohe Stirn, ein senkrecht fallendes Gesicht, darin eine kleine Stupsnase.

Sie schaut mich fragend an.

»Isamira?« sage ich.