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Literatur

Saga Homo Novalis

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Saga Homo Novalis



Isamira Sternenmund 25.921

E s ist nun schon so lange her, daß ich die anderen meines Clans sah. Seit wird uns trennten. Mir ist bestimmt, den Weg zu gehen, den der Ring für mich ersinnt. Die anderen beschieden sich und blieben. Wo es ihnen gefiel. Um die Beschwerlichkeiten der Wanderschaft zu umgehen.

Die Unrast all dieser Jahre zerrt an uns, die weitergehen. Wir sind nur wenige. Gerade genug, um unsere Blutlinie zu erhalten und nicht den Tücken der Vermischung zu erliegen.

Manchmal füllen sich meine Augen mit Trauer. Ich habe schon lange keinen Kontakt mehr zu den Zurückgebliebenen meines Clans. Sie, die sich noch die Hyänen nennen. Wir selbst haben dieses Totem schon lange abgelegt. Ich bin kein Schamane. Und wir werden auch keinen bei uns haben. Nach dem letzten Kontakt mit Aerandil bin ich überzeugt, daß seine Großen Geister keinen wirklichen Einfluß auf unsere Geschicke haben. Sie zeigen uns weder Weg noch Ziel. Noch sind sie Beschützer der Tjuokurpa.

Die letzten Kontakte zum Rest meines Clans gab es, als ich noch über breite Flüße schwamm. So breit, daß wir immer wieder auch Flöße bauen mußten. Sie sagten, daß etwas mit ihnen geschehe. Das sie unmerklich schrumpften. Erst die Leiber, dann Hände und Füße. Das war damals, als Eloin starb und seine Familie für immer ausgelöscht wurde. Es waren die Schamanen der anderen, die uns davon erzählten und uns die Veränderung meines eigenen Stammes mitteilten.

Und dann erschien eines Tages Eosine. Mit Wortgewalt wollte sie mich zwingen, zurückzugehen, endlich den Weg über das Große Wasser zu finden und zu Al Erador zu kommen. Sie sprach von der Erhaltung der Blutlinie und dem drohenden Untergang der Tjuokurpa. Aber davon haben schon die anderen Schamanen, vor allem Aerandil, mir in den Ohren gelegen. Und was hat es ihnen genützt? Selbst die Herrschaft des großen Schamanen ist letztlich untergegangen! Warum soll ich einem Weg folgen, der ins Unglück führt?

Selbst als Eosine mir darlegte, daß es noch mehr gab. Daß es meines Ringes bedurfte, um den Niedergang der Tjuokurpa abzuwenden. Ich habe nicht eingewilligt. Denn wenn es um ihn geht, den Ring, dann tue ich ja, was er mir weist. Ich bin es schließlich, die ihm fogt. Das muß Eosine einsehen.

Aber dann erinnerte auch sie mich daran, daß mein Volk, das ich zurückgelassen habe, sich verändert. Sie sind über einen Kopf kleiner als ich geworden. Ich vermag das nicht zu begreifen. Wie können Menschen kleiner werden, wenn sie doch eigentlich wachsen, um die Kindheit zu verlassen. Wenn sie das nicht wollen, so müßen sie gute Gründe dafür haben. Für Eosine war es ein Beweis, daß es immer falsch ist, den eigenen Clan zu spalten. Aber ich liess mich nicht von ihr einschüchtern.

Seitdem hatte ich nur noch Kontakt mit einigen wenigen. Sander und Henin und auch Ismaellarion, der zum Clan von Ibrahim fand. Bis auch ihre Rufe ausblieben.

Ich vemag es nicht zu erklären, warum mich nun keiner besucht, mein Wissen mit mir zu teilen. Leben auch ihre Familien nicht mehr? Oder ist es etwas anderes, was ich schon lange vermute: die Entfernung zu ihnen ist zu groß geworden. Ich scheine mich immer mehr von den Tjuokurpa wegzubewegen. Das heißt auch von meinen eigenen Leuten und dem Wissen meines Volkes.

Dennoch bin ich nicht allein. Immer wieder begegne ich anderen Menschen. Sie sehen uns sehr ähnlich, doch unterscheiden sich von uns vor allem in den Gesichtern. Sie haben große Nasen, eine verhältnismäßig fliehende Stirn, aber im Gegensatz zu uns ein sehr kräftiges Kinn. Und während unsere Köpfe oben sehr gewölbt sind und vorne grad heruntergehen, sind die ihren spitzer im Gesicht zulaufend.

Doch sie sind uns ausgesprochen ähnlich. Haben dieselben langen Arme und Beine. Und denselben geraden Gang. Ganz im Gegensatz zu den Menschen, die ich noch aus den Anfängen meiner Erinnerung kenne. Sie waren eher gedrungen mit stärker behaarten Körpern. Und mächtigen Augenwülsten. Sie treffe ich kaum noch an.

Dafür sprechen die Menschen, auf die wir in den letzten Jahren gestoßen sind, eine Sprache, die so ganz anders ist, als ich sie jemals hörte. Voller schöner Laute, die anstelle des Klicken und Schnalzen der Flachköppe und Langnasen stehen. Auch wir haben diese weichen Töne. Worte, die nur durch eine Veränderung der Mundöffnung entstehen. Sie klingen wie ein ferner, geheimnissvoller Gesang, und ich habe schon einige Begriffe von ihnen gelernt. Aber dann weiche ich ihnen doch schnell aus. Sie wollen sich mit uns paaren, denn sie ahnen nichts von unserer Blutlinie. Mein Stamm droht immer wieder, den Verlockungen dieser Neuankömmlinge zu unterliegen.

Manchmal stehe ich traurig vor dem Wasser eines Teiches und sehe mein Abbild. Meinen großen, schlanken Oberkörper, der dem ihren zunächst so ähnlich ist. Doch dann die hohe Stirn und das zurückweichende Kinn. Mein ganzer Kopf ist nach unten verjüngt, und mittendrinn diese kleine Nase.

Die Wellen gauckeln mir vielleicht ein falsches Bild vor. Auch sehe ich keine richtigen Farben. Nur undeutlich die etwas schräge Form meiner Augen. Das Wasser ist nur bedingt für das eigene Wiedererkennen geeignet. Bis Halma mit einer Scherbe kam, die sie am Rand eines erloschenen Vulkans fand. Sie hatte eine glatte Oberfläche und spiegelte die Sonne hell zurück. Es war so schön, daß ich nicht mehr davon abkonnte. Erst recht nicht, als ich darin mich selbst erkannte. Mein Gesicht mit den großen, mandelförmigen Augen. Sie sind schwarz inmitten eines weißen Beckens. Und sie haben die Farbe meiner Haare, das mir zottelig in Strähnen auf die Schulter fällt.

Seitdem habe ich diese Scherbe immer bei mir. Regelmäßig kämme ich nun mein Haar. Es fühlt sich glatter und geschmeidiger an. Ich nenne die Magie dieses Glases Spiegel. Und viele meines Clans haben nun einen, um sich zu sehen und zu pflegen.

Doch wir sind nur noch 360 Familien, die mit mir ziehen. Elase hatte es einst ausgerechnet, bevor ich endgültig den Kontakt zu ihnen verlor. Durch die Schließung der Hand zur Faust, wenn die Finger voll sind und zur rechten Hand wechseln, hat sie eine neue Zahl erfunden. Sie nennt sie Taro, denn sie besitzt keine Finger. Aber sie kann im Kopf eingesetzt werden, wenn wenigstens ein Finger benutzt wird. Und sie hat herausgefunden, daß wir 3 Finger soviel wie 300 sein müßen, damit unsere Art überleben kann. Ansonsten würden wir uns vermischen müßen oder aussterben, weil Frauen und Männer unfruchtbar werden. So war es bei Aerandil. Und auch in Orins Clan gibt es solche Erscheinungen. Daraufhin hatte Sander seine Söhne dazu gebracht, Elase anstelle von Arine zur Frau zu nehmen. Oder andere. Es wurde ein Rennen mit der Zeit.

Wir erbringen knapp die geforderte Anzahl von Clanmitgliedern. Doch ich kann mir nicht sicher sein, wielange wir so noch überleben können. Allmählich frage auch ich mich, ob es nicht falsch war, sich von den anderen zu trennen. Einem Ziel entgegen, das ich eigentlich garnicht kenne.

Gerade jetzt wird es wieder extrem kühl. Der Winter setzt schon früh ein. So kalt, wie es selten war. Je weiter wir kommen, umso anstrengender wird es. Die Spitzen der Äste sind hart gefroren. Die Kessel in den Kuruls klirren vor Kälte. Es riecht nach Schnee. Und täglich sammeln wir Holz für die Feuer unserer Öfen und das Große unserer Gemeinschaft. Immer früher setzt nun die Dunkelheit ein und vertreibt uns aus den Wäldern, die hier überhand nehmen. Die meiste Zeit bringen wir damit zu, uns wärmende Schuhe und Kleider zu nähen. Frost kriecht in unsere Betten.

Doch dann denke ich an den Ring an meinem Finger. Der nur abgeht, um auf den meiner Tochter gestreift zu werden. Ein Ring, wie es noch keinen gab. Der mich nun schon so lange begleitet und meine Geschicke führt. Und doch bin ich nicht sicher, welches sein Geheimnis ist. Das letzte Mal, als ihn meine Ahnin abnahm und mir übergab, habe ich seine Inschrift gelesen.

Eloahim anda da ars

Doch bis heute entzieht sich mir ihre Bedeutung. Aber sie wird etwas mit dem Ziel zu tun haben, dem ich mich unaufhaltsam nähere. Ohne es selbst zu kennen. Ich weiß wie meine Ahnen nur um meine persönliche Bestimmung. Den Todesort, an dem der Ring von mir an meine Tochter übergehen wird. Dann ist es an ihr, ihm weiter zu folgen.

Ich betrachte ihn lange. Den Ring, der mein Schicksal ist. Ziehe schon wie so oft zuvor an ihm. Doch er geht nicht ab. Und so enthüllen sich seine Zeichen nicht vollkommen. Bleiben mir ewig ein Rätsel. Ein Bündnis, das mich schützt und doch seiner unerforschlichen Bestimmung ausliefert. Ein Ziel, das ich, wie es einstmals hieß, nur durch den Flammenwerfer selbst erfahre. Vielleicht ist er es, dem der Ring folgt?

»Was grübelst du schon wieder?« Halma ist leise in mein Kurul getreten.

Doch der Antworten mangelt es mir schon lange.

»Ist es wieder der Ring?«

»Es ist der Ring. Und es ist der Grund unserer Reisen.«

»Du weißt, wir folgen dir stets.«

»Es ist auch nicht die Furcht, ihr könntet mich verlassen. Oder euch mischen.Es ist die Angst, daß ich euch in die Fremde leite, in ein Verderbnis, das auch uns tötet.«

»Der Ring, der uns führt, hat uns bisher immer beschützt. Nie fehlgeleitet. Wir sind immer wohlgenährt. Selbst die Zahl unserer Kinder schwindet nicht aus Krankheit oder Unfruchtbarkeit.«

»Es ist auch nicht mein Glaube an den Ring, der mir Sorgen bereitet. Es ist die Ungewißheit, die an mir nagt.«

Halma schaut mich prüfend an.

»Und das bißchen, das ich weiß.«

»Aha. Der Mann, der die Flammen beherrscht«, folgert sie.

Nun, Männer habe ich genug getroffen. Aber woher werde ich wissen, daß er es ist. Ich schaue zum Ring. Er wird es mir sagen.

Wie er schon so oft zu mir gesprochen hat, wenn ich auf den Felsen saß, jeweils in einem anderen Land. Von Flüßen getrennt, die Gräber meiner Ahnen hinter mich lassend. Und daran dachte, von den Sternen zu erzählen und den Himmel herunterzuholen.

Wie ich es auch die letzten Male getan habe. Ich besinne mich meines neuesten Fundes. Es ist ein glatter Felsschiefer, wie wir sie seit kurzem als Spiegel nutzen. Doch seine Oberfläche ist mehr. Sie läßt sich abnehmen, ablösen vom Untergestein. Ich habe damit etwas besonderes vor. Dafür brauche ich keine Worte. Meine Beobachtungen der Sterne haben mir die Erkenntnis gegeben. Sie wandern über den Horizont. Und tauchen am anderen Ende wieder auf.#

Ihr Verlauf ähnelt dem Bogen der Sonne. Von daher war es nicht mehr schwer, sich ihre Wanderung vorzustellen. Nur ist sie viel langsamer. Gilt für ein ganzes Jahr. Aber dafür kann es die Zeit bestimmen, wann es wärmer wird, die Tage länger sind, und die Zeit für die Aussaat kommt. Ebenso weiß ich an ihrer Position, wann es wieder kälter wird. Und wann der beste Zeitpunkt naht, das Korn und die verschiedenen Pflanzen einzuholen. Dicke Wurzeln oder die reifen Früchte der Bäume.

Ich muß nur noch einen Weg finden, dieses Wissen für andere unvergänglich werden zu lassen. Nicht für meine Blutlinie, denn sie weiß alles, was ich weiß. Auch nicht für die anderen Clans, denn zu ihnen habe ich keinen Kontakt mehr. Aber für die Familien anderer Blutlinien, die mir noch folgen. Und für ein besseres Verständnis dessen, was das Wissen des Himmels ist. Das ich nun einholen will.

Samon aus einer meiner alten Vaterlinien ist ein guter Schnitzer. Wenn er es schafft, in diesen Stein die Zeichen der Sterne zu ritzen, ist mir viel geholfen. Schwierigkeiten bereitet mir nur noch, die Veränderungen der Jahreszeiten darzustellen.

Vor seinem Kurul sitzt er an einer runden Felsplatte. Mit einer Art Meißel haut er Rinnen und Formen hinein.

»Dies ist der Himmel im Frühjahr«, sagt er mir zur Begrüßung. Seit Wochen sind seine Hände die Träger meiner Gedanken. »Aber der Sommer… Ich werde wohl für jede Jahreszeit eine eigene Platte anfertigen müßen.«

Gerade das will ich vermeiden. Es soll alles in einem Überblick zu sehen sein. Zumal mehrere Schiefer viel zu schwer für eine Wanderschaft sind.

»Versuche es mit einer Einteilung«, rate ich ihm zögernd. Langsam formt sich mir ein Plan. Doch wie soll er es erraten?

»Eine Einteilung?« Er schaut mich verwirrt an.

Ich nehme einen Kreidestein und mache ein Kreuz auf der Platte. Hier sind 4 Flächen. Eine für jede Jahreszeit. Doch ich brauche einen festen Bezugspunkt.

»Du kennst doch den hellen Stern, der immer da oben steht?« frage ich ihn.

»Inmitten eines Kreuzes aus anderen. Ja, ich weiß.«

»Wir nennen ihn den Großen Stern. Er ändert nie seine Lage am Himmel. Aber alle anderen um ihn herum.«

Soweit versteht er.

»In die Mitte der Scheibe ritzt du jetzt diesen Stern. Er erhält die größte Kerbe. Die anderen brauchst du noch nicht berücksichtigen.«

Das dauert nicht lange. Er ist schnell und geschickt. Ich sehe mir das Ergebnis an. Nun müßen die hinzukommen, die auch immer gut zu sehen sind. Aber mit ihren unterschiedlichen Positionen. Je nach Jahreszeit.

Ich besinne mich. Erinnere mich an die Zeichnungen, die ich von den Sternen gemacht habe. Zu den verschiedenen Mondwechseln. Ordne 2, 3 auf jeweils einem Feld an. Leite seine treibenden Hände. Die Sterne müßen in ihrem Verhältnis zum Großen Stern gesetzt sein. Wie sie je nach Jahreszeit stehen. Noch kommt es nicht auf die Genauigkeit an. Ich will nur meinen Plan im Kopf sehen. Später wird er es auf eine neuen Platte übenehmen. Und darüber werde ich einen Spiegel anbringen, der dem fast entspricht, den ich hier gefunden habe. Nur ist er vollkommen durchsichtig. Wenn der Fixstern, den Aerandil Thoranda nannte, darunter als kleiner, heller Punkt wieder auftaucht, vom Spiegel sozusagen verkleinert, dann stehen alle anderen Himmelskörper zu ihm je nach Jahreszeit verschoben. Doch ihre veränderten Standpunkte geben mir jeweils die Zeit für Aussaat und Ernte an. Sauber und genau. Für die Ewigkeit.

»Ist das deine eigene Idee?« fragt mich Halma, als sie sich das Ergebnis ansieht. »Oder hat dir der Ring dabei geholfen?«

Seit er an mich gebunden ist, habe ich den Eindruck, er leitet mich. In seiner Sprache, deren eingeritzte Zeichen ich nicht verstehe. Die er mir aber in meinen Gedanken wortlos zu erkennen gibt.

All diese Fähigkeiten, die ich seitdem erfahre, erhalte. Kommen sie von ihm? Setzt er etwas in mir frei, dessen ich mir nicht bewußt bin? Wovon ich nichts weiß? Oder ist es nur mein Glaube an ihn, der mich zu all diesem beflügelt?

Ich kann es nicht sagen. »Es ist in mir. Doch er wird schon seine Absichten mit mir haben.« Auch wenn er sichtbar nichts bewirkt. So lenkt er doch in meinen Träumen meine Wege. Für jede von uns nur eine kleine Strecke. Die ihres eigenen Lebens. Aber weitere Töchter schliessen sich ihr an. Und so nähert sich unser Clan etwas, das nur der Ring allein kennt.



Der Aufgaben sind viele. Doch ich spüre die Kraft, ihnen zu begegnen. Mit dem Ring an meiner Seite weiß ich, daß meine Bestimmung beziehungsweise die meines Geschlechts noch nicht eingelöst ist. Auf seinem Weg in eine unbestimmte Zukunft werde ich noch so Manchem begegnen, das sich mir entgegenstellt. Und erst dessen Bezwingung mich zu Neuem beflügelt, mich mit mehr Weißheit bedenkt.

Ich gehe gerade mit Halma und Kanaro durch einen Wald, dessen Unterholz noch nie von eines Menschen Fuß betreten worden ist. Knorrig und drohend stellen sich uns die tiefliegenden Zweige in den Weg. Dornenbüsche versperren und zerkratzen unsere Beine und Wurzeln lassen uns stolpern. Nur spärlich dringt die Sonne durch die Wipfel der Bäume. Es ist sehr dunkel. Doch wir haben Hunger.

Vor uns spaltet sich der Wald zu einer kleinen Lichtung. Müde wollen wir uns an einen klaren Bach setzen, um uns ein bißchen zu erholen. Da hält mich Kanaro am Arm fest.

»Pscht! Hast du das gehört?«

Ich lausche. Irgendwo singt ein Vogel. Das Hämmern eines Spechtes dringt durch die Bäume. Ein Kauz ruft. Manchmal knackt es im Unterholz. Dann bricht das Trällern der Vögel ab, und es wird still im Wald.

Er leitet mit seinem Finger mein Augenmerk auf einen Spalt im Geflecht der Blätter. Darunter bewegen sich jetzt die Zweige. Doch hören kann ich noch nichts.

Kanaro legt seinen Finger auf die Lippen. Dann greift er zu seinem Bogen und nimmt ihn vom Rücken. Halma, die sehr gut schleichen kann, bedeutet er, die Lichtung zu umrunden und von hinten auf den Spalt zuzugehen.

Wir warten ab. Nach einer Weile hören wir sie von der entgegengesetzten Seite. Kanaro legt einen Pfeil in die Sehne. Und schon bricht etwas aus dem Unterholz. Keine paar Manneslängen von uns entfernt. Und kommt auf uns zu. Ich mache Anstalten, zurückzuweichen.

»Bleib, wo du bist und rühr dich nicht«, ruft er mir zu. »Es wird dich nicht sehen.«

Aber jetzt erkenne ich, was sich so lange vor uns versteckt hielt. Es ist ein riesiges Wollnashorn. Sein dichtes, braunes Fell ist verfilzt und mit kleines Blättern und Halmen bedeckt. Es schnaubt wütend und verharrt. Auf der Nase trägt es zwei Hörner. Das Vordere ist unglaublich lang und spitz. Ich habe noch nie ein so großes Tier gesehen. Außer meine Mütter in der Steppe des Lamatt. Die Mammuts. Dieses Tier hier ist zwar nicht ganz so mächtig. Erreicht aber leicht Haupteshöhe.

Viel mehr vermag ich nicht zu denken. Denn sogleich hat sich die Situation verändert. Langsam gewinnt das Nashorn wieder an Geschwindigkeit und kommt auf uns zu. Kanaro hat bereits seinen zweiten Pfeil abgeschoßen. Und auch der dritte trifft es in seinen Nacken, noch ehe es uns erreicht. Ich rieche bereits sein lehmiges, stinkendes Fell. Erkenne das Weiße in seinen Augen. Warum will Kanaro, daß ich stehen bleibe? Ist er blöd? Mein Körper beginnt sich umzudrehen und will davonlaufen. Da bricht es zusammen. Kurz, bevor es den Waldrand betritt, hinter dem wir stehen. Ein weiterer Pfeil steckt zwischen seinen Augen. Sand wirbelt auf. Der Boden erzittert, als es nochmal versucht, aufzukommen. Und wieder stürzt. Da ist Kanaro mit zwei Schritten bei ihm. Stößt mit voller Wucht einen Speer in seine Kehle. Vor seinen Füßen schnauft es noch einmal aus. Dann ist es tot.

Jetzt traue auch ich mich hervor. Meine Hände sind noch schweißnaß. Das Herz pocht mir bis zum Hals. Das Zittern meiner Finger ebbt erst langsam ab. Von der anderen Seite kommt Halma in die Schneise.

»Hast du gewußt, was für ein Tier das war?« frage ich sie verwundert.

»Kanaro hat es schon gestern gesehen. Er wußte, daß es hier irgendwo sein mußte.«

»Und mir habt ihr nichts gesagt?« Ich bin empört. Aber ich weiß auch, daß beide bald ein Paar werden. Also teilen sie Informationen, die für andere Ohren nicht bestimmt sind.

»Das sollte eine Überraschung werden.« Kanaro will sich nicht gegen mich stellen. Doch Halma sieht es ähnlich. »Wenn du willst, kannst du eines seiner Hörner behalten.« Ständig zieht sie mich auf, seitdem ich mich vor einigen Jahren in einen der Männer der Langnasen verliebt hatte. Das ist schon lange her, wie ich finde. Doch sie will nicht damit aufhören. Wohl auch, um mich wissen und nie vergessen zu lassen, daß ich mit verbotenen Früchten gespielt habe.

Jetzt beginnt sie, mit Kanaro das Fell des Tieres abzuziehen und es fachmännisch auszuweiden.

Ich ekel mich vor dem Blutgeruch. Sie lacht.

»Früher hättest du es auch nicht gekonnt.« Ich rümpfe die Nase. »Aber jetzt scheinst du ja mächtig Spaß daran zu haben.«

»Was heißt Spaß. Wir alle wollen überleben.«

Sie hat Recht. Ich hole mein Messer heraus und beginne, das Fleisch in Teile zu schneiden, die auf unsere Rutsche paßen. Die besteht aus zwei Stecken, zwischen denen eine alte Bärenhaut gespannt ist. Auch etwas, das sie selbst gebaut hat. Neben der Schmuckherstellung ist sie mittlerweile sehr geschickt mit Holz und Messer.

Wir bereiten den Abtransport vor. Es ist schwer und erfordert viel Kraft und Geschick, die Rutsche durch den dichten Wald zurückzuziehen. Manchmal ist der Pfad, der von Tieren ausgelaufen ist, nur so breit wie eine Hand, wenn er überhaupt da ist. Wir ächtzen und schwitzen. Abwechselnd lösen wir uns ab. Einer geht voran und schlägt eine Bresche ins Gebüsch. Doch ständig bleiben wir an Dornen oder niedrigen Zweigen hängen. Wir sind Menschen der Steppe. Der Wald ist uns zu undurchdringlich und dunkel. Wir brauchen Platz, um unsere Speere und Pfeile fliegen zu lassen.

Mit einem Mal verharrt Kanaro erneut. Da ist wieder etwas vor uns. Ein Geräusch. Auf unserem Weg. Dazwischen dichter Busch. Auch auf der anderen Seite wird es plötzlich still.

Kanaro nimmt sein Messer heraus und schleicht sich gebückt um das Gestrüpp herum. Dann hören wir einen Ausruf. Und noch einen. Mit einem Mal sind es gleich mehrere Stimmen. Wir verstehen nicht. Doch schon tritt Kanaro hervor, in seinen Fäusten die Fellkragen zweier Flachköppe.

Ich will zu einer Verteidigungsgeste ansetzen. Doch sofort bemerke ich, daß die beiden kaum noch in der Lage sind, sich zu wehren. Deshalb kann er sie auch problemlos mit sich schleifen. Angekommen, fallen sie erschöpft zuboden.

»Wer sind sie?« frage ich.

»Wie du siehst, es sind Flachköppe.« Die unsere Ahnen die Anderen nannten. Nur noch selten treffen wir auf sie.

»Was machen sie hier?«

»Wir werden sie mitnehmen. Ich glaube, sie haben schrecklichen Hunger.« Er fixiert sie. Ergeben liegen sie nach wie vor da, wo er sie fallen gelassen hat. Mitleid kommt in mir hoch. Ich gebe ihnen etwas zu trinken.

Gierig saugen sie den Beutel leer. Murmeln etwas, daß sich nach Dank anhört. Oder auch eine Bitte um mehr sein mag. Ich reiche ihnen etwas Bartenbrot. Selbst das wird verschlungen, als ob es die erste Mahlzeit des Tages für sie ist. Wenn ich ihnen zusehe, glaube ich fast, die erste seit Tagen.

»Ja, sie sollen mit uns kommen. Sie sind am verhungern.«

Wir haben genug zu essen. Der Ring hat uns stets den Weg gewiesen. Durch Wälder voller Beeren, über Wiesen voller Wild. Entsprechend den Jahreszeiten. Im Winter fanden wir Höhlen als wärmenden Unterschlupft. Im Sommer boten unsere Kuruls genug frische Luft.

Ich mustere die beiden. Sie sehen zwar recht kräftig aus. Doch ihre Kleidung ist schmutzig und zerrißen. Einer von ihnen hat eine blutige Wunde am Oberarm. Irgendein Tier muß ihn verletzt haben. Vielleicht das Nashorn, das wir gerade geschlachtet haben und bei uns tragen?

Als wir im Lager ankommen, bilden sich sogleich Gruppen von Neugierigen um uns herum. Selbst mit unserem Karren sind wir schneller gewesen als die entkräfteten Flachköppe. Sie schleppen sich dahin, kaum noch einiger Schritte fähig.

»Richtet ein freies Kurul her und gebt ihnen ein weiches Lager«, ordne ich an. »Und andere sollen etwas zu essen und zu trinken bringen.«

Dann hole ich Jaron.

»Du verstehst doch ein wenig ihre Sprache. Frage sie, wo ihre Familien sind.«

Als wir das Kurul betreten, sehen wir die beiden immer noch essen.

Jaron wendet sich an sie. Verwundert heben sie ihre Köpfe. Sagen irgendwas.

»Ich kann sie kaum verstehen«, beginnt Jaron. »Sie sprechen hier anders als hinter dem letzten Fluß. Aber ich glaube, sie leben allein.«

»Ohne Familie?« wundere ich mich.

Jaron übersetzt so gut er kann. »Sie haben ihre Familie und den ganzen Clan schon lange verloren. Auch wenn sie es nicht sagen können, glaube ich, daß es schon 3 bis 4 Jahre her ist.«

»Aber was machen sie denn so allein hier?« Für mich ist es unvorstellbar, ohne Freunde und Stammesmitglieder länger als gewöhnlich unterwegs zu sein.

»Sie sagen, alle... alle tot«, übersetzt er wörtlich.

»Was ist ihnen geschehen?«

»Sie haben die letzten Winter nicht überstanden. Wer noch Kraft genug besaß, zog südlich. Doch die Kälte zog mit. Und nahm sich einen nach dem anderen.« Er schaudert innerlich. »Selbst die Tiere waren nicht mehr da. Wer nicht erfror, verhungerte.«

»Aber hier ist doch genug zu essen«, bemerke ich estaunt.

»Sie sind es gewohnt, in den Wäldern zu jagen.«

Ich schaue mich um. »Wir sind in einem Wald.«

»Nein, überhaupt nicht«, widerspricht Jaron in seiner Zwiesprache mit den Flachköppen. »Da, wo sie herkommen, sind die Wälder so dicht, daß sie garnicht mehr aufhören. Aber jetzt, wo schon seit langem die Kälte eingesetzt hat, sind sie verschwunden.«

»Verschwunden?« wiederhole ich verwundert.

»Ja, für sie sind sie verschwunden. Das hier ist nur ein kläglicher Rest von Bäumen. Alles andere ist nunmehr Steppe geworden.«

Ich schaue mich unwillkürlich um. Hier sind noch viele Koniferen, Laubbäume und Buschwerk. Hinter uns wachsen riesige Eichen. Vielleicht ist es das letzte Waldgebiet in dieser Gegend. Voller Wildschweine und Hirsche. »Hier in diesem Waldstück gibt es noch genug Tiere zum Jagen.« Ich denke an das heute erlegte Wollnashorn.

»Die meisten haben es nicht mehr bis hierher geschafft. Und die, die angekommen sind, haben nicht mehr die Kraft und die Waffen, um zu jagen. Außerdem fehlt es ihnen an Geschicklichkeit. Und sie sind zuwenig. Höchstens noch 10 pro Clan, die verstreut leben.«

Ich verstehe nicht ganz. »Gut. Zu zweit zu jagen, ist sicherlich schwer. Aber wieso sollten sie nicht geschickt genug sein?« Jaron hält sich bei der Antwort auf diese Frage lange mit den beiden auf. Mittlerweile haben sie aufgegessen und liegen satt und ermattet auf ihren Strohbetten.

Dann beginnt er erneut. »Ihre Speere reichen bloß für den Nahkampf. Mit dem Rückgang der Wälder und ihrem Marsch vor der Kälte sind sie immer mehr in offenes Gelände gekommen.« Noch einmal vergewissert er sich bei ihnen für die Richtigkeit seiner Übersetzung. »Doch dort sehen die Tiere sie schon von weitem. Und ihre Speere sind zu schwer und kurz, um weit geworfen werden zu können. Außerdem sind sie schlechte Läufer. Nie werden sie es mit einem Hirsch aufnehmen können.«

Ich überlege. Wir eigentlich auch nicht. Aber zum Ausgleich haben wir Hilfsmittel. Pfeil und Bogen, Wurfspeere, Fallgruben, Fackeln bei Nacht.

»Wieso bauen sie sich denn nicht andere Waffen.« Doch schon im selben Augemblick tut mir die Frage leid. Sie können sich nicht mit anderen Stämmen austauschen. Moment – ich doch auch nicht mehr. Aber ich habe bereits genug Hilfsmittel, um mich mit meinem Clan selber umzustellen. Und ich habe den Ring!

»Laßt sie sich ausruhen«, sage ich und verlasse mit den anderen das Kurul. »Und versorgt ihre Öfen mit Feuer.« Ich werde ihnen die Nacht geben, um sich zu erholen. »Desweilen laßt uns selbst das Große Feuer eröffnen. Wir haben einen riesigen Fang zu feiern.« Und ich eine neue Geschichte zu erzählen.

Wir bereiten uns auf das Essen vor. Feuer werden errichtet. Alsbald erstrahlt das Lager wie die Sterne am Himmel. Als die meistens sitzen, beginne ich. Nicht alle können dabei sein. Einige ziehen es vor, sich zu lieben oder sind zu müde. Oder beides, denn das Djibbiawaddidi erschöpft, wenn es gut ist. Aber wie immer ist der Große Platz voll. Mehrere 100 haben sich im wärmenden Schein der Flammen um mich versammelt.

»Ich will euch von den Sternen erzählen, und warum sie sind wie wir.

Auch sie sind neugierig. Eines Tages zog es einen von ihnen hinter das Firmament. Er wollte unbedingt wissen, was es auf der anderen Seite gab. Und er wollte sehen, wieweit er gehen konnte, ohne anzuhalten.

So marschierte er ununterbrochen und ward alsbald hinter dem Horizont verschwunden. Doch da war nichts. Also wollte er wieder zurück. Aber er hatte ja versprochen, solange zu wandern, bis es nicht mehr weiter ging.

Es wurde ihm ausgesprochen langweilig, und so holte er rascher aus. Dann sah er die Erde wieder erscheinen. Doch, oh Wunder, diesmal war er auf der anderen Seite. Das fand er ziemlich drollig und wollte es gleich nochmal versuchen. Auf der Wanderung über die Erde erzählte er dann den anderen, die er traf, davon. Und viele folgten ihm.

Und so ziehen sie noch heute um die Erde herum. Und es dauert 6 Monate, bis sie das Ende der Erde erreicht haben und weitere 6, bis sie auf der entgegengesetzten Seite wieder hervorkommen.«

Ich will gerade fortfahren, ihnen von meiner Himmelsscheibe zu erzählen, als ich ein Schnaufen und Stöhnen aus dem Kurul höre, wo die Flachköppe untergekommen sind.

Jaron eilt sofort zu ihnen. Auch Jelaise legt ihre Flöte beiseite und will ihm helfen. Doch sogleich kommen sie wieder hervor.

»Sie haben schreckliche Schmerzen«, rufen sie uns.

Kanaro, Samon und Halma stürzen zu ihnen. Sie haben viel Erfahrung mit Krankheiten und Verletzungen. Auch ich laufe in mein Kurul, wo ich einige Kräuter weiß.

Als ich bei der Hütte der beiden Gäste ankomme, sehe ich, wie sie im Sterben liegen.

»Haben sie zuviel gegessen? Ist es fremd gewesen?«

»Nach einer so auszerrenden Lebensweise ist es ihnen bestimmt nicht gut bekommen«, sagt Kanaro. »Aber es ist etwas anderes.«

Wir schauen ihn an.

»Ich habe es gleich gesehen. Unsere Hilfe kam zu spät. Der Bauch hat die Nahrung nicht mehr angenommen.« Er deutet auf eine Ecke hin. »Sie haben alles wieder erbrochen.«

Jaron versucht, noch einmal mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Doch sie hören ihn kaum. Reagieren nicht mehr. Es ist wahrscheinlich zu spät. Ich sehe eine letzte Möglichkeit. Unlängst habe ich von einem Baum die Rinde probiert. Sie schmeckt und riecht sehr scharf und bitter. Doch mit einem Kraut, das ich in seiner Nähe fand, wird der unerträgliche Geruch ausgeglichen. Es ist nun sehr milde und auch verdaulich. Aber vor allem nimmt es die Krämpfe im Darm. Danach strömt die Krankheit als Blähungen heraus. Und den Betroffenen geht es alsbald besser.

Ich mische beides zurecht, die Rinde und das Kraut. Ein grünlichgelber Brei entsteht. In einem Topf mit Wasser koche ich alles zu einem Sud auf und gieße die heiße Flüßigkeit durch ein Tuch. Als das Getränk etwas abgekühlt ist, verabreiche ich beiden davon. Nur unter Stöhnen vermögen sie zu schlucken. Doch ich verlasse sie nicht eher, als bis sie alles ausgetrunken haben.

Ich lasse Jaron bei ihnen und gehe zurück zum Großen Platz. Bedrückt teile ich den Familien mit, daß meine Geschichte nun zuende ist.

»Während die Sterne immer noch wandern, gibt es auf der Erde Menschen, die es nicht schaffen. Sie müßen stehen bleiben. Und wenn der Ort zu unfriedlich wird, dann müßen sie sterben. Weil sie nicht mehr weiterwandern können.«

In diesem Moment kommt Jaron und meldet, daß es ihnen besser geht. Ich sehe sogleich nach ihnen. Ihre Augen, die vorher fieberverhangen und glasig waren, sind nun wieder klar. Ein Lächeln huscht ihnen über die Lippen. Für sie ist es ein Wunder, daß sie vor dem Tod bewahrt hat. Ich verordne ihnen mit bekömmlichem Bartenbrot und Wasser zunächst nur eine leichte Kost. Wenn sie die Nacht überstehen, sind sie endgültig gerettet und können auch wieder Fleisch zu sich nehmen. Ich weiß, daß sie sich größtenteils davon ernähren. Und mir wird klar, daß ihr Leben nach wie vor von einer erfolgreichen Jagd in großen Wäldern abhängt. Hier, wo wir uns befinden, gibt es die letzten ihrer Ausläufer am Rande des Eises. Vielleicht können sie es doch schaffen. Und ihre Art wird überleben.

Während ich die beiden Flachköppe dem Schlaf überlasse, nähere ich mich wieder dem Großen Platz. Voller Gedanken. Ich fühle, wie hier eine Menschenart ihrem Ende zugeht. Ich muß ihnen helfen, wie ich es schon mit den anderen im Lamatt tat. Doch diesmal kann ich keine weiteren Stammesmitglieder zurücklassen. Ich brauche alle meines Clans für die weitere Reise.

In diesem Augenblick spüre ich einen heftigen Druck auf meiner Haut. Als ob mich etwas Unsichtbares gegen die Bäume drücken will. Mehrere Feuer vor mir gehen aus. Ganz plötzlich ist es vollkommen still. Eine unheilvolle, schwüle, drückende Luft erfüllt die Nacht und breitet sich schwer über dem Wald aus. Ich schaue nach oben. Etwas glitzert durch die Äste der dunklen Bäume über uns.

Ich renne zur Lichtung und starre in den schwarzen Himmel. Ein rosa Glühen erfüllt langsam seine rechte Seite. Wird heller und breitet sich über den Horizont aus. Die Schwärze der Nacht weicht einer drohenden Lichterfülle, der alsbald von weitem ein Geräusch folgt, das zunächst als tiefes Brummen, dann als hohes Pfeifen ertönt.

Aus dem Heulen wird ein lautes Donnern. Dann ein Knall, als ob der Himmel explodiert. Und mitten darin erscheint ein kleiner Stern, gefolgt von einem Feuerball. Ich muß die Augen schliessen, so nahe jagt dieses Geschoß über uns hinweg. Erneut erfüllt Donner den Wald, gefolgt von einer Hitze, die sämtliche Luft herauspreßt. Ich kann kaum atmen. Meine Kleider scheinen in Flammen aufzugehen. Und in meinen Ohren erschallt der Lärm von Göttern, die einen Kampf zwischen sich ausfechten. Gebannt schaue ich dem Stern hinterher. Ein langer Schweif aus Flammen folgt ihm und erhellt seine Bahn, bis er am Horizont verschwunden ist.

Doch der Spuk ist noch nicht vorbei. Erneut sirrt es über den Bäumen und erhellt die Nacht. Dann sehe ich etwas Kleineres auf mich zurasen. Es ist aber so gleißend hell, daß es scheint, als ob ich in die Sonne sehe. Als es in einiger Entfernung von mir auf einer Lichtung aufschlägt, ist es nur faustgroß. Und doch öffnet sich die Erde wie ein Vulkan und schleudert ihr Inneres empor. Es hinterläßt einen Krater, tief wie ein Meer. Und groß wie ein Berg. Silbrig hat es gefunkelt. Umrahmt von einer Aura aus Gold. Und einen Schweif aus Funken hat es hinter sich getragen. Nun regnet es heiße Tropfen und kleines Gestein. Die Luft kocht. Rauch kommt aus der Richtung des Aufschlags und überzieht die Lichtung wie ein dichter Nebel. Mir bleibt erneut die Luft weg.

Für kurze Zeit setzt mein Bewußtsein aus. Ich finde mich auf dem Rasen wieder und öffne die Augen. Das krachende Bersten hat aufgehört. Nur verschwommen erkenne ich weit oben einen weiteren Feuerball verschwinden. Ein Flimmern verabschiedet seinen Schweif. Danach beginnt, sich ein sachter Wind zu erheben. So, als wage zunächst nur er, wieder hervorzuschauen.

Jetzt nehme ich auch die anderen wahr. Langsam erheben sie sich, noch vollkommen verdattert und überrascht. Keiner wagt zu sprechen. Einige bleiben liegen, wie sie hingefallen sind. Keiner Regung fähig. Als ob sie die Geister eben mit eigenen Augen vorbeifliegen gesehen haben. Es war ein Gruß der Götter.

Stille lastet jetzt über der Wiese. Vom Wald hören wir das Heulen eines einsamen Wolfes. Wer sich die Zeichen zu erklären vermag, der weiß zu überleben. Wer ihnen entflieht, der stirbt. Noch kann ich mir nicht erklären, was die Götter uns sagen wollten. Doch oft betrifft es die Existenz eines ganzen Volkes. Seinen Erhalt und seine Zerstörung. Ich werde mich dieser Nacht erinnern, wenn es gilt, die richtigen Taten folgen zu lassen. Mir ist klar, daß dieser Moment eine Entscheidung ist für unsere Berechtigung, auf Erden zu sein. Und so wie ich den Stern sah, der kam, um zu uns zu sprechen, so erkenne ich auch eine Warnung. Er hinterließ einen Teil von sich, um auf uns aufzupaßen. Vielleicht aber ist dieser Rest, in einem Krater versunken, nicht für uns bestimmt. Vielleicht will er den Anderen sagen, daß sie hier endlich ihre Heimat gefunden haben. Am Fuße großer Berge. Dicht an einem Meer. Geschützt im Bett einer Tiefebene.

Wenn die beiden Flachköppe überleben, können vielleicht noch viele ihrer Art nachkommen. Ich werde gleich mit ihnen sprechen. Ist das meine und ihre Bestimmung? Wird sich hier ihr Volk neu finden? Und mit ihm eine neue Generation. Ich werde ihnen die Nachricht des Sternengottes überbringen, sobald sie sich erholt haben. Sie lautet: Bleibt hier. Haltet zusammen. Gegen Tod und Kälte. Und gründet einen eigenen Stamm.

Ich werde sie lehren, zu jagen. Mit Pfeil und Bogen. Und sich auch in der Savanne, wo es keine Bäume gibt, zu bewegen und anzuscheichen. Ich werde ihnen suchen helfen, Wasser zu finden. Und eine Unterkunft bauen. Mehrere Hütten ergeben ein Dorf, eine erste Pallisade, einen Schutzring. Und ich werde ihnen zeigen, sich zu wehren gegen Überfälle anderer Menschen, wenn ich weiterziehen muß. Denn ich kann nur hoffen, daß sie überleben werden im Kampf gegen die Kälte.

Ich muß an die Clans jenseits des Großen Flußes denken. Viele haben es nicht geschafft. Und viele, die angekommen sind, starben, weil es irgend etwas gab, daß ihnen zu fremd schien. Mit dem sie nicht umgehen konnten. So wird mir bewußt, das meine Suche nur dem gelten darf, das nach der Erhaltung des Lebens trachtet. Denn es ist der Wille der Götter, Leben zu formen. Und unsere Aufgabe, es zu bewahren. Sie werden uns nur töten, wenn wir uns wider die Natur setzen. Wenn wir nicht mehr in der Lage sind, uns ihrem Wandel anzupaßen. Und wenn wir es zulassen, daß andere sie zerstören.

Ich habe einen Traum. Ich schwebe über den Bäumen. Leise höre ich ihr Rascheln. Sehe die winterkahlen Kronen der Äste. Unter ihnen schimmert der weiße Teppich des Schnees. Nirgends ist ein Laut zu hören. Wie zugedeckt die Erde. Doch dann kommt Wind auf und zieht mich mit seinem kühlen Hauch über die Berge hinweg zu einer Ebene. Sie ist ebenso kahl wie der Waldboden. Doch in ihrer Mitte erhebt sich ein Felsen. Wie ein Monument wirkt er innerhalb der ebenen Fläche von Wiese und Sumpf. Geradezu unruhig erzittert seine Spitze, und ich lege den Ring darauf. Mein Weg scheint dort beendet. Doch dann erschallt ein Donner aus dem mächtigen Gewölbe des Himmels, und herab stürzt ein helllohener Blitz, der durch den Ring geht und ihn mit sich nimmt. Schneller als der Wind, höher als die Wolken, jagt er dahin und trägt ihn über Land und Wasser. Bis er plötzlich in die Erde schießt, tief in sie dringt und endgültig in einer Höhle aus Alabasterkalk und Kristallpyrit stoppt. Dort ist sie, die Pflanze, die letzte ihrer Art. Und der Ring hat erreicht, was seine Bestimmung ist und sich mit ihr vereint.

Ich wache auf. Schweißdurchtränkt. Streiche mir die Haare aus dem naßen Gesicht. Was war geschehen? Doch nur ein Traum wie jede Nacht zuvor.

Ich reibe mir die Augen und langsam kommt es mir zu Bewußtsein. Nein, dies war kein normaler Traum. Ich habe meinen Todestag kommen gesehen.

Aber das war nicht alles. Da kam noch mehr. Der Ring flog weiter als je zuvor. Bis er eine Höhle fand. Und in ihr sein Ziel und seine Bestimmung sah.

Doch wo war es gewesen? Und was war dieses Ziel? Ich habe es nicht richtig erkennen können. Es lag tief unter der Erde. War es Al Erador?

Aber ich bin auf der richtigen Spur! Folge als einzige der Fährte von Quuanqunquum. Der einzigen Richtung. Und alle anderen, die über das Große Meer gesegelt waren, scheinen in die Irre gegangen zu sein. Ist das wirklich die Wahrheit? Hat der Ring zu mir gesprochen und mir endlich seine Absicht kundgetan?

Ich kann es kaum faßen. Ich habe meinen Clan immer gut geführt. Denn ich bin die Ringträgerin. Und werde es über den Tod hinaus bleiben.

»Ja, du bist die Ringträgerin.«

Ich drehe mich herum. Wer hat da zu mir gesprochen?

»Du kannst mich nicht sehen, denn ich bin weit entfernt. Und nur meine Stimme dringt noch zu dir.«

»Wer bist du?«

»Du weißt es. Ich bin Eosine.«

»Eosine? Willst du mich wieder überreden, umzukehren? Wo ich so nah am Ziel bin?« Eosine, die mich ewig verfolgte, mir ihren Willen aufzuzwingen. In ihre undurchsichtigen Machenschaften hineinzuziehen. Mich mit ihrem Schicksal zu verflechten.

»Nein, ich werde dich niemals mehr beirren. Du hattest recht, den Weisungen des Ringes zu folgen. Und dein Traum hat mir gezeigt, daß deine Entscheidungen alle richtig waren.«

»Du weißt von meinem Traum?«

»Ja, denn er hat mich zu dir geführt.«

»Ich träume jede Nacht.«

»Aber dieser Traum hat das weibliche Kind des Krautes gefunden, das wir Quuanqunquum nennen. Ich lebe bei ihren Eltern in Al Erador. Und sie haben endlich die letzte ihrer Art wieder.«

»Das weibliche Kind des Quuanqunquum?«

»Ja. Und soviel wie ich weiß, scheint der Ring das männliche zu sein.«

Ich setze mich aufrecht ins Bett. Langsam gewinne ich meine Fassung zurück. Erst die Offenbarung meines Sterbeortes, dann die Entdeckung der Bestimmung meiner langen Reise. Und nun Eosine. Sie muß mir endlich alles erzählen.

»Was ist das Quuanqunquum?«

Sie hält den Atem an. Doch nur kurz ihr Zögern. »Es ist eine 3-geschlechtliche Pflanze. Wenn sie ausgewachsen ist, verkörpert sie sozusagen das Elternteil. Nur mit ihnen ist es möglich zu reisen. Dann gibt es das männliche Kind, der Samen in Form eines Ringes. Es glänzt wie Gold, ist aber aus einem organischen Material. Als drittes gibt es das weibliche Kind. Wenn beide Kinder zusammen kommen, vereinen sie sich und werden zu einem Elternteil.«

Es ist fast wie bei einer normalen Pflanze. »Das heißt, die Kinder können uns nicht das Reisen ermöglichen?«

«Richtig«, bestätigt Eosine. Das geht nur mit dem Erwachsenen, das aus den Kindern hervorgehen.«

Langsam begreife ich. »Und ich habe einen Teil des Samens.« Ich brauche nicht ihre Bestätigung. »Und der ist auf der Suche nach der weiblichen Blüte.«

»Ja. Nur suchen braucht er sie eigentlich nicht. Er weiß, wo sie ist. Er braucht nur Jemanden, der ihn dorthin bringt.«

»Und das bin ich.«

»Du und dein Stamm.«

»Und wenn sie vereint sind...« Ich kiechere unwillkürlich, »dann gibt es ein neues Elternteil. Und dann kann ich fliegen wie du.«

»Im Prinzip ja.«

»Was meinst du damit?«

»Das die Elternpflanzen in Al Erador schon sehr alt sind. Lange ist es her, daß sich ihre Kinder vereinten. Den letzten Sproß dieser Vereinigung habe ich gefunden. Mit ihm ist es mir seit dem möglich, zu reisen.« Leise fügt sie hinzu: »Nur mit ihm.«

»Nur mit ihm?«

»Ja. Denn, wie gesagt, die Pflanzen hier in Al Erador sind schon sehr, sehr alt. Sind bereits welk und verkümmert. Sie werden bald absterben. Ein Reisen ist mit ihnen kaum mehr machbar.«

Ich komme ins Stottern. »Aber dann ist die Große Überfahrt und die ganze Wanderung der Tjuokurpa völlig umsonst gewesen?«

»Ja.«

Eine Weile weht nur der Wind. Ich höre das Rascheln der Blätter. Über allem anderen hat sich der Mantel der Nacht gedeckt. Nur der Mond scheint noch durch die zerrissene Wolkendecke voller Schnee und schickt etwas Licht über die Wiese.

»Und wenn irgendwann auch deine Pflanze stirbt? Gibt es denn keine Kinder mehr?«

»Du trägst das wahrscheinlich letzte männliche bei dir.«

Mich schaudert es bei der Tragweite dieser Erkenntnis. »Das ist ja schrecklich.«

»Bislang gab es kaum Hoffnung. Aber nun wissen wir, daß der Ring noch eine jungfräuliche Blüte gefunden hat.«

Zunächst legen sich meine Sorgen. Nur um weitere aufkommen zu lassen. »Dann wird es bald eine neue Pflanze geben. Aber nur noch eine?«

»Ja.«

»Und danach ist es vorbei?«

»Ja.«

»Können die Eltern keinen neuen Samen gebähren?«

»Nein. Sie können nur reisen und uns mitnehmen.«

»Wieso?« Ich will es nicht wahrhaben.

»In der Natur vergeht etwas nur, um anderem Platz zu machen.«

Auch das befriedigt mich nicht. »Keine weitere Hoffnung?«

Eosine zögert auch hier zunächst, bevor sie antwortet: »Doch. Es gibt eine Möglichkeit. Die erwachsenen Pflanzen können nicht für Nachkommen sorgen. Und die Kinder sorgen in der Regel nur für die Vereinigung, um dann zu einer Elternpflanze zu reifen.«

»Aber… so gibt es keine Möglichkeit der Befruchtung mehr?«

»Doch. Manchmal gelingt es den Kindern, eine Königin hervorzubringen.«

»Eine Königin? Was ist das?«

»Sie gibt es häufig bei Insekten. Sie ist die einzige, die für Nachwuchs sorgen kann. Beim Quuanqunquum ist sie es, die neuen Samen und neue Fruchknoten hervorbringt.« Sie merkt, daß ich nicht verstehe. »Samen ist der Pollen des männlichen Kindes, der Fruchtknoten der Schoß der weiblichen Blüte.«

»Dann liegt alle Hoffnung darin, daß mein Ring und die Blüte, die das Ziel meiner Reise ist, sich zu einer Königin vereinen.«

»So ist der Kreislauf des Quuanqunquum.«

»Gibt es eine Möglichkeit, es bereits vorher zu wissen?« frage ich, denn ich weiß, daß erst meine Nachkommen es erfahren werden.

»Lies die Inschrift auf der Innenseite des Ringes. Sie wird es dir sagen.«

»Aber ich kann sie nicht verstehen.«

»So ist dort wirklich eine?« Kurz hält Eosine inne. »Wie lautet sie?«

»Eloahim anda da ars«, sage ich. »So beginnt es.« Ich kenne sie auswendig, denn eine meiner Ahninen hat sie einmal ausführlich gelesen.

»Dann besteht Hoffnung«, flüstert Eosine.

»Warum. Kennst du den Wortlaut in unserer Sprache?«

»Nein. Aber das es überhaupt eine Inschrift gibt, ist schon ein gutes Zeichen. Denn sie ist in goldenem Sand entstanden. Da, wo Königinnen geboren werden.«

»In goldenem Sand«, wiederhole ich ehrfürchtig.

»Ja«, sagt Eosine, »wenn die Königin geschaffen ist, dann wirst auch du die Zeichen des Ringes verstehen können. Dann werden sie dir alles erzählen. Und ihr letztes Geheimnis wird die Erkenntnis des ewigen Lebens sein.«

Also sprach Eosine, bevor sie Isamira ein letztes Mal sah.