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Literatur

Saga Homo Novalis

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Isamira Sternenmund 49.318


Eloahim anda da ars
wotan middir ng
wehar sar kamman
nir sa wollin andar


I ch sehe mir immer wieder diese Zeichen auf dem Ring an. Sie sind so winzig, dass ich sie in den frühen Anfängen gar nicht wahrgenommen hatte. Oder hatten sie sich nur verborgen?

Jetzt glitzern sie vor mir in der Flut der Sonnenstrahlen. Sie ziehen sich im inneren Rand des Ringes einmal herum. Jemand muss sie dort eingeritzt haben. Und deshalb frage ich mich, was sie bedeuten.

Es ist schon lange her, dass Halma mir den Ring gebracht hat. Und mittlerweile ist mir klar, dass es kein gewöhnlicher Goldschmuck ist. Auch kein Stein, wie wir zunächst dachten. Vielleicht nicht einmal Schmuck. Sondern ein Gegenstand mit einem tiefen Geheimnis.

Und er muss mir Fähigkeiten verleihen, über die ich zuvor nicht verfügt habe. Oder die mir nicht bewusst waren. Eigentlich sehe ich keinen zwingenden Zusammenhang zwischen ihm und meinen Kräften. Sie können auch auf natürlichem Weg entstanden sein. So wie vieles, dass wir erst mit der Zeit an uns entdecken. Oder das sich nur einstellt, wenn wir seiner bedürfen.

Ich erinnere mich der Geburt einer meiner Ahninnen. Lange, bevor wir uns auf die Wanderung machten, den Rufen Aerandils zu folgen. Es war eine sehr schwierige Geburt. Aber sie brachte uns die Visionen. Reale Träume, die sich nicht von denen der Nacht unterscheiden. Von den meinen werde ich erzählen.

Ich sehe immer wieder eine Ebene vor mir, wie ich sie noch nie erschaute. Loses Geröll bedeckt die Fläche zur Rechten. Aber zur Linken erweitert sie sich zu einem hohen Hügel, auf dessen Kuppe zwei Bäume stehen. Und darüber befindet sich die Sonne und taucht alsbald durch sie hindurch. Verfärbt sich zu orangener Aura, bevor sie blutrot in die Erde sinkt und verschwindet. Eine kleine Weile noch bleibt die Luft warm, bevor sie ein kühler Windhauch erzittern lässt, der auch leicht durch meine Kleider fährt. Es ist das Letzte, was ich fühle.

Seit meiner damaligen Geburt sehe ich oft den Tag meiner Wanderungen, der mein letzter sein wird. Auch diesmal weiß ich, er wird bald kommen. Denn ich bin schon sehr alt. Alt und schwach. Und erst dann wird der Ring von meiner Hand gleiten und sich mit dem Finger meiner Tochter verbinden. Isamira, wie alle meine Töchter heißen. Denn alle meine Kinder sind Töchter. Seit der einen Geburt, die einst mein Schicksal bestimmte, habe ich keinem einzigen Sohn mehr das Leben geschenkt.

Ich sehe es nicht als Fluch. Aber als ein Schicksal, dass für immer mit dem Ring verbunden ist. Damals, als meine Urahnin Schmerzen bekam, wie es noch nie geschah. Die Nabelschnur hatte sich um den Hals ihres Kindes geschlungen und drohte, es zu ersticken. Sie fühlte, wie es sich wand, und ihm die Luft zugeschnürt wurde. Da begann sie zu pressen. Und obwohl es nicht die richtige Zeit war, denn der Mond musste eigentlich noch einmal auf- und zugehen, erschien alsbald ein Kopf zwischen ihren gespreizten Beinen. Und mit Halmas und der Hilfe anderer gelang es ihr, die Tochter zu gebären und die Nabelschnur zu lösen. Das Kind war zum Glück gesund und kräftig. Schnell erholte es sich und wuchs normal heran.

Ich sehe noch die Verzweiflung Isamiras im Antlitz ihrer Schmerzen. Wie sie sich zunächst wand aus Angst, dass Baby zu verlieren. Halma war schon mit feuchten Tüchern gekommen, ihr sie auf die Stirn zu legen. Dann hörten sie ein Donnergrollen, und der Himmel verdüsterte sich. Ängstlich klammerte sich Isamira an Halma, doch ihr Wille war größer, das Kind zu retten. Sie stützte sich an die Freundin und ging in die Hocke. Da grellte mit einem Mal ein Blitz dicht über ihr und fuhr in den Stamm einer nahen Fichte. Diese brach mittig entzwei, gespalten vom leuchtenden Speer Earazzils. Funken stoben über sie, und einige benetzten den Ring an ihrem Finger, wie von ihm angezogen. Zunächst drohte der goldgelbe Reif zu schmelzen, bevor er sich dann für immer an ihren Finger schmiedete. Und nur loslässt, wenn der Tod sie stellt.

Seitdem gelingt es meinem ganzen Stamm, die Geburt um mehr als einen Mondzyklus nach vorne oder hinten zu verschieben. Sei es bei Problemen im Leib oder bei Widrigkeiten des Clans, die eine nahe Geburt bedrohen könnten. Auch Trockenheit und Nahrungsknappheit sind Gründe, eine Niederkunft zu verschieben. Wir hatten schon zuvor keine allzu hohe Sterblichkeit bei unseren Kindern. Von nun an gab es so gut wie keine Todesfälle mehr.

Ich halte meine Hand vor Augen. Sie sind nicht mehr gut und ich muss blinzeln. Und wie jedesmal, wenn ich ihn betrachte, scheint es, als ob er aufleuchtet. Ich sehe seine Zeichen vor meinem geistigen Auge, die sich silbern vom Gold der Rundung abheben.

Eloahim anda da ars, steht am Anfang. Wie oft habe ich mir schon den Kopf zerbrochen, was diese Zeilen bedeuten. Doch ihr Sinn ist mir ebenso verwehrt wie die Bedeutung des Ringes und seine Beziehung zu mir.

Ist er es, der mir die Kraft gibt? Oder erweckt er nur etwas in mir, dass bereits gewartet hat, hervorzukommen? Eines bestärkt mich zudem in dem Verdacht, dass hier Ungewöhnliches vorgeht, weil er auch Interesse außerhalb meines Stammes weckt.

Ich denke an Aerandil. Wie er dereinst mein Lager aufgesucht hatte. Es war mir wie ein Überfall vorgekommen. Und in der Tat waren dessen Absichten die eines Diebes. Allein der Umstand, dass der Ring bei der Bedrohung rot aufglühte, gibt mir die Gewissheit, dass er sich bei Gefahr schützend vor mich stellt.

Was will Aerandil eigentlich von mir? Bei einer der vielen früheren Begegnungen, an denen er mich aufsuchte, teilte er mir mit, dass wir alle Quuanqunquum, die Pflanze, die in Zukunft und Vergangenheit reisen lässt, suchen müssen. Sie soll in Al Erador wachsen. Einer Höhle weit entfernt von hier. Doch ich mag mich nicht seinen Zielen unterordnen. Sie sind mir ebenso unverständlich wie sein plötzliches Auftauchen mir unangenehm und angsteinflößend ist.

Ich weiß von Treffen mit Schamanen anderer Clans, dass er auf der Suche nach dem Kraut über einen Großen Fluss gegangen ist. Und viele ihm folgten. Auch ich lenke meinen Stamm durch die Wälder, Ebenen und über Flüsse. Aber ich suche nicht das Reisekraut. Ich bin auf der Suche nach den Bildern, die sich mir als Visionen zeigen. Und zu deren Orten ich irgendwann gelange, bevor ich sterbe. Sobald ich angekommen bin, gibt es eine letzte Version, die auf meine Tochter übergeht. Sie hat andere Inhalte, zeigt eine andere Gegend. Die ihr eigener Weg zur letzten Ruhe sein wird. Doch keiner von uns kennt das endgültige Ziel, dass die Letzte von uns einmal erreichen wird. Aber es ist der Ort, an den uns der Ring führt.

Es gibt im meinem Clan mittlerweile Unbehagen darüber, dass sie nicht wissen, wohin es sie zieht. Sie wollen zwar ebenso wenig wie ich dem Rate Aerandils folgen. Doch diese Unrast, die mich treibt, reibt den Stamm auf. Und viele klagen über die Strapazen und Unbill der langen Wanderungen, deren Gründe ihnen verborgen bleiben.

Aber solange ich sie außerhalb der Gefahren leite, bleiben sie bei mir. Und noch immer haben sich die Visionen meiner Ahnen bewahrheitet. Auch das ist ihnen ein gutes Zeichen. Denn die Erfüllung von Träumen beweist ihnen die Richtigkeit des Tuns.

»Wie geht es dir?« Ich werde aus meinen Gedanken geschreckt. Sie legen sich jetzt immer häufiger über mich. Und dämpfen die Empfindungen für meine Umgebung.

Es ist meine Tochter. »Isamira, ich habe dich gar nicht kommen hören.«

»Wie so häufig, wenn du in Gedanken bist, Mutter.«

»Wir sind da.« Ich weiß, dass sie weiß, dass ich bald sterbe.

»Wo, Mutter?« Ihre Augen weiten sich ängstlich.

»Am Berg der zwei Bäume. Meinem Grab.«

Sie wird still. Sie weiß, dass ich angekommen bin. Der Ort, an dem ich sterben werde. Das Ende meines Weges. Die Ringübergabe.

»Wohin wird es uns ziehen?«

Schatten unter dunkelrotem Himmel lassen sich nieder. Schwarz wird die Erde. Kühl und feucht weht Luft über kahlem Boden. Nur noch ein kleiner Spalt hellen Lichts flackert zwischen den Wolken auf, verdünnt und etwas bläulich.

»Zu einem Ort, den nur eine von uns je erreicht. Die Letzte wird ihn sehen und all die Grausamkeiten der Menschen auf Erden.«

Meine Tochter legt sich zu mir und drückt ihr Gesicht an das meine. Ich fühle die Feuchtigkeit ihrer Wangen.

»Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Und vielleicht wird er nie enden. Oder wir finden es vorher heraus, warum wir dorthin gehen.«

»Du meinst, wir werden vor seinem Ende unser Ziel erkennen?«

»So, wie wir jeweils unser eigenes Ende kommen sehen.«

»Dann bleibt die Hoffnung, dass wir ihn verändern können? Sein Ziel erscheint mir doch düster und schrecklich.«

»Ja, aber um ein so gewaltiges Schicksal zu ändern, brauchen wir mehr als den Ring. Er weißt uns nur den Weg.«

»Was meinst du damit, Mutter?«

»Wir gebären nur Töchter. Nie werden wir unsere Kräfte bündeln können.«

»Ein Mann?« Die junge Isamira hält vor Spannung den Atem an.

»Vielleicht ein Mann, den der Ring unseren Weg kreuzen lässt.«

»Ein Mann wird kommen? Aber es gibt doch so viele hier.«

»Ein Mann mit der Kraft, dem Ring zu folgen, wie wir es tun.«

»Aber gibt es denn noch einen zweiten?«

»Nicht dass ich weiß. Doch er muss keinen Ring besitzen, um seinen Ruf zu hören.«

»Wie dann?«

»Es reicht eines Tages die Gabe, die Flamme, die den Blitz schuf, der den Ring an uns band, zu erkennen. Sie wird ihn zu uns bringen.«

»Wann wird das sein? Oh wann endlich?«

»In noch sehr langer Zeit, Isamira. Die weder du noch deine nächsten Kinder erleben werden. Aber es wird ihn geben, den Mann, der irgendwann auch aufbrechen wird, dem Weg des Ringes zu folgen.«

»Ein Mann, der unser Schicksal kennt.«

»Ein Mann, mit dem wir unser Schicksal vereinen.«

Da kommt ein Späher ins Lager gestürmt. »Wir haben ihn gefunden. Den Hügel der zwei Bäume. Es ist nicht weit von hier!«

Isamiras Augen leuchten auf. Doch ihre Tochter klammert sich an sie.

»Mutter, du darfst nicht sterben.«

Doch die Alte streichelt nur ihre Haare und küsst ihre Augen.

»Es ist soweit. Bringt mich dorthin.«

Der Tag geht zuende. Über den Wolken neigt sich die Bahn der Sonne. Langsam zieht der Clan auf die sandige Ebene, zu deren Rechten sich ein Hügel erhebt. Und in der Tat, auf ihm wachsen zwei Bäume. Isamiras Visionen haben sich erfüllt.

Schon begibt sich die Sonne herab und dringt zwischen die Bäume. Die Leute legen Isamira auf ein weiches Lager und zünden ein wärmendes Feuer an. Allmählich dunkelt es und die Schatten der Ebene werden länger. Von oben kriechen die Schemen der Zweige und Blätter beider Buchen auf sie zu, bis sie das provisorische Rund des Clans erreicht haben.

Da ergreift Isamira die Hand ihrer Tochter, und streift den Ring, der sie bisher nie verlassen hat, herunter und legt ihn an den Finger ihrer Tochter.

»Es ist das einzige Mal, dass er mich verlässt, dass er abgeht, um den Weg fortzuführen. Meiner endet hier, und du wirst ihm jetzt folgen.«

Ein letztes Mal erscheint in ihren Augen ein heller Schein. Dringt aus ihnen hervor und geht zu ihrer Tochter über. Dann öffnet sich ihre Hand sanft und legt sich auf die Decke. Ihre Lider schließen sich.

Isamira schluchzt auf. »Mutter!«

Sie wirft sich über die Alte. Doch der Tod ist nicht zu verjagen. Nach einiger Zeit steht sie auf und betrachtet ihre Mutter. Dann wischt sie sich die Tränen aus dem Gesicht. Dabei sieht sie Eloahim an ihrer Rechten. Es ist ein ungewohnter Anblick. Doch er gibt ihr Mut und die Stärke, den Clan weiterzuführen. In eine Zukunft, in der jemand auf sie warten wird. Sie weiß nicht, wer er ist, aber sie weiß, dass sie selbst es auch nie erfahren wird.



Die Nacht darauf leuchtet hell von unseren Feuern. Es sind so viele, dass die ganze Ebene in klarem Licht erstrahlt. Viele von uns bemalen sich mit Ocker. Roter Stein wird zerstoßen und zerrieben. Sein feines Pulver mit Tierfett vermengt. Oft benutzen wir es, um uns vor der Sonne zu schützen. Doch diesmal ehren wir die Tote, die unsere Clanführerin war.

Isamira war eine starke Frau. Dies sage ich als Isamira, die ihren Weg noch gehen muss. Meine Mutter hat ihr Grab gefunden. Es sind die Hügel der zwei Bäume, deren Schatten nun von der Nacht verhüllt werden.

Wir haben unter ihnen, da, wo sich ihre Wurzeln treffen, eine Grube ausgehoben und den Leichnam hineingetan. Samon hat einige Figuren aus Holz geschnitzt, die ihren Weg einst begleitet haben. Eine davon ist die Hyäne, unser Clanzeichen. Andere erzählen von den Dingen, denen sie begegnet ist. Den Vögeln, mit denen sie sang, den Kräutern, die sie sammelte und dem Schmuck, den sie sich anfertigte. Jemand legt einen Knochendolch hinein, den sie ihm zur Jagd geschenkt hatte. Nun gibt er ihn ihr zurück. Zum Schluss bedecke ich sie mit einem alten Tuch, das ihr einst ihre eigene Mutter geschenkt hatte, als sie noch ein Kind war.

Dann verbergen wir das Grab mit Steinen, um ihren Körper nicht von Tieren fressen zu lassen. Er soll nicht in den Bäuchen der Geier landen, sondern sich in der Erde verteilen, die unsere Saat befruchtet.

Aus einem anderen Clan wissen wir von Tänzen, die sie machen, wenn sie einen Toten ehren. Auch Singen gehört dazu. Es sind alte Texte, die die Isamiras vor uns gedichtet haben. Zu einer Musik, die Jelaise auf einer Flöte spielt. Wunderschön hört es sich an, wie das Rauschen des Schmelzwassers, das ins Tal plätschert. Sie hat die Flöte aus einem Bambusrohr geschnitzt und mit einer Linie von Löchern versehen, die sie nun abwechselnd mit ihren Fingern öffnet und schließt.

Neben ihr sitzt Jaron und trommelt auf einem kleinen Kessel, den er mit Ziegenfell überspannt hat. Es ist alles sehr harmonisch und passt sich dem Stampfen der Füße an, das Ro erzeugt. Unten an den Knöcheln hat er sich kleine Schellen angebunden, Ringe aus leichtem Metall, die zusätzlich seinen Tanz untermalen.

Es rasselt und klöppelt, dazu die tragende Melodie von Jelaise. Ro hüpft umher und hält die Augen geschlossen. Ich wundere mich immer wieder, wie er so die Balance halten kann. Aber ihn führen Sinne, die er sonst nicht braucht.

Die Nacht erschallt mit den Liedern unseres Stammes, und die heiße Luft trägt sie weit hinaus. Dazu beleuchtet das Feuer unsere Körper, die sich jetzt zur Musik winden. Alle anderen sind hinzugekommen, von ihren eigenen Lagern und stehen am Grab Isamiras, das zum Großen Platz wird.

Samon hat sich das Geweih eines Hirsches aufgesetzt. Dazu hat er mit einem Bohrer aus spitzem Stein kleine Löcher hineingemacht und mittels einer Nadel aus Renknochen eine Schnüre aus gedrilltem Gras hindurch gezogen. Daran hängen nun die bunten Federn eines Vogels.

Er hat schon einiges vom gegorenen Fruchtsaft getrunken und beginnt, mit seiner Kappe grölend herumzutanzen. Dann verharrt er, als ob ihm ein Gedanke käme und wendet sich an mich.

»Hier, Isamira. Ich habe deine Mutter geliebt. Ich bin ihr überall hin gefolgt. Und du weißt, ich werde es auch für dich tun.«

Dann reißt er sich überschwänglich den Kopfschmuck herunter und setzt ihn mir auf. Erst bin ich verblüfft. Doch ich stehe auf und wiege mich in den Hüften. Stehe mitten auf dem Platz. Vor dem Grab meiner Mutter. Die Wangen vom roten Pulver verfärbt und die Haare von der Asche des Feuers geweißt. Und ich beginne, meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Auch das Tanzen kann eine Geschichte sein. Erzählen von Trauer und Sehnsucht. Den Wegen, die hinter uns liegen. Und der undurchsichtigen Blässe kommender Tage.

Diesmal bleibt mein Mund stumm. Nun erleben alle meine Gedanken, die von der Reise meiner Mutter erzählen, im Auftritt meiner Hände und Beine, meines Körpers und meines Lächeln. Denn es ist Eloahim, der Ring, der mir im Augenblick die Kraft gibt, den Tod zu vergessen und das Gute zu sehen.

Und der von nun an meine Richtung bestimmen wird. Wohin sich mein Clan zu wenden hat.



Nicht unweit dieser Ebene werden andere Menschen auf das Fest aufmerksam. Zuerst gewahren sie das helle Licht, das wundersam die Nacht erleuchtet. Dann, als sie näherkommen, hören sie die Trommeln und Flöten. Und als sie die Ebene betreten, erkennen sie hoch oben auf einem Hügel unter zwei Bäumen Menschen tanzen. Die dazu Klänge von sich geben, die sie noch nie gehört haben. Und deren Sinn sich noch weniger erschliesst. Ebenso wie die eigentümlichen Bewegungen, die sie vollführen. Verrenkungen und Sprünge. Zu welchem Zweck?

Langsam schleichen sie sich näher heran. Vorsichtig, denn ihnen ist nicht klar, was oder wen sie vor sich haben. Noch nie ist ihnen solchermaßen wiederfahren. Töne und Tritte, die miteinander harmonieren.

Alsbald erkennen sie auch die Gesichter. Doch zu ihrem Erstaunen sind diese bemalt. Auf eine eher abschreckende Art. Sie wirken gar nicht menschlich, obwohl ihre restlichen Körper ihnen selbst schon ähneln.

Im Schattenriss des Feuers verfolgen sie die fremden Gestalten. Über ihnen die Bäume, und vor ihnen ein steinerner Hügel. Wie dünne Papierschnitte kommen sie ihnen vor. Vom heißen Gas der Flammen umlodert, das kurz und flirrend ihre Körperteile freigibt. Begleitet von grässlichen Fratzen und wundersamen Klängen.

Dann tritt jemand in ihre Mitte. Halb Hirsch, halb Frau. Sie dreht ihre Hüften wie eine Göttin. Und doch erliegen die Männer ihren Verlockungen. Während die Frauen zu ihr hochstarren, als sähen sie einen Geist, der ihre Kinder bringt. Und für alle ist sie der Große Ahn eines Tieres, einer Hirschkuh, die sich aus der Erde erhebt. Aus einem Hügel, dessen steinerne Kappe das Tor zur Welt der Götter ist. Angekommen, um ihnen den Pfad der Erleuchtung zu bringen.



Als Isamira und ihr Stamm die Ankömmlinge sehen, halten sie inne. Doch sie sind schon öfters diesen Menschen begegnet. Die ihnen sehr ähneln. Aber nur fast. Es sind zwar keine Flachköppe, sondern Langnasen wie sie selbst. Aber sie verfügen nicht über ihre Fähigkeiten. Wissen nicht so viel wie sie selbst. Und erinnern sich nicht ihrer Ahnen. Des gesamten Wissens des Stammes.

Und doch sind sie eine Gefahr, weil sie sich mit ihnen vermehren können. Vermehren und Nachkommen kriegen, die dann alles verlieren, was ihren eigenen Clan ausmacht. Die Erinnerung der Blutlinie. Dessen Verlust wie ein Todesurteil wirkt. Denn so stirbt die Identität der Tjuokurpa. Wie sich jetzt alle Stämme der neuen Menschen nennen. Nachdem Aerandil sie zusammengeschworen hat.

Doch sie hegt keinen Groll gegen die Fremden. Bisher haben sie sich immer gut verstanden. Handel getrieben, Sachen getauscht. So wird es auch jetzt wieder sein. Isamira geht auf sie zu, während sie den anderen bedeutet, mit der Musik fortzufahren.

Für Usar ist es aber, als käme der Alte Arahar selbst als Geist einer Hirschkuh zu ihm herab. Wie angewurzelt bleibt er stehen und rührt sich auch nicht, als sie ihren Kopfschmuck abnimmt. Darunter wallt dunkles Haar hervor. Seine Versteinerung weicht auch nicht, als sie ihm die Stirn anbietet und seine Hände in die ihren aufnimmt.

»Sei willkommen an unserem Feuer.«

Doch er versteht ihre Worte nicht. Ihren eigenartig hohen Klang. Kehlig antwortet er in seiner Sprache. Sie ist hart und kurz gehalten. Aber er erkennt, dass sie ihm und den Seinen einen Platz an ihrem Feuer anbietet. Und es kommen andere, die ihnen Speisen geben und etwas zu Trinken. Dankbar nehmen sie an, denn sie sind erschöpft von der letzten Jagd, die nichts eingebracht hat.

Sie werden gut bewirtschaftet und finden am Rand des Großen Feuers Platz für ihr eigenes Lager. Bald auch verstehen sie einander besser. Was sie sagen und wie sie leben. Die anderen, diese eigenartigen Fremden, die sich selbst Tjuokurpa nennen, müssen gerade erst aus dem Hügel hervorgekommen sein. Aber nach nur wenigen Sonnenläufen haben sie sich bestens eingerichtet. Mit ihren grasgefüllten Schuhen, die sie mit Nadeln aus Rentierknochen herstellen, ist ihnen immer warm auf der kalten Erde. Und sie sind trittsicher bei der Jagd.

Die hiesigen Menschen begleiten sie und bewundern die Schleudern und Speere. Damit treffen die anderen die Saquasi auf große Entfernung. Die braten sie dann in einem Feuer, das aus einem Stein kommt. Zu ihrer Überraschung brauchen sie kein Thasar mehr, denn es gelingt ihnen, das Feuer aus der Seele der Steine zu rufen. Und in kleinen Öfen backen sie dünne, lang haltbare Fladen aus Körnern, geriebenem Wurzelmehl und Wasser. Das Ergebnis nennen sie Bartenbrot. Damit haben sie auch im Winter immer zu essen. Die Einheimischen fragen sich, wo sie diese Schätze alle hernehmen. Haben sie sie mitgebracht von dort, wo sie herkommen? Von den Sternen oder aus der Erde? Bald hoffen sie es zu erfahren.

Aufgefallen sind ihnen deren große Rundhütten, die sie alsbald errichtet haben.

»Kurul«, hört Usar sie beschreiben. Aber sie sind mehr. Sie sind groß und aus Holz. Innen bieten sie auch eine Öffnung für ein kleines Feuer, etwas, das ihnen viel Macht und Kontrolle über die Flammen gibt. Aber das Eigentümlichste entdecken die hiesigen Menschen, als sie sich die Fußböden ansehen. Dort ist eine Klappe aus massivem Holz, durch die man hinuntergehen kann. In die Erde. Und dort sind Räume, in denen Krüge und Kannen voller Vorräte stehen. Auch Körner und Wein. Ein Garten der Götter.

Obwohl die Tjuokurpa zur Oberfläche gestiegen sind, scheinen sie immer noch Kontakt nach unten zu haben. Sie kommen dann in Kleidern aus Bärenfell und Löwenkragen. Tiere, die es hier schon lange nicht mehr gibt. Thurk, ihr Gerber hat sie angeblich gemacht.

Sie haben auch anderes Ungewöhnliches bei sich. So lassen sie in Rindenholz Gesichter erscheinen oder ritzen in Steine die Bilder der Tiere, die sie jagen. Die Menschen glauben, dass sie sie damit besitzen, ihre Macht auf sie legen. Sie für die Jagd bestimmen. Viele von ihnen bekommen es mit der Angst, sie könnten es auch mit ihnen tun.

Aber es gibt auch Vieles, das sie anziehend macht. Die Frauen sind ganz begeistert von ihrem Schmuck. Es sind Knochen und Steinplättchen, die sie um den Hals tragen. Auch gibt es Ketten aus verzierten Fuchszähnen, Perlen, Fingerringe aus Elfenbein und Amulette aus durchlochten Muscheln. Oder Ringe, die aus Erz bestehen, dass wir nicht kennen. Aber immer wieder muss ich, Usar, die Frau beobachten, die das Geweih des Hirsches trug. Mit dem sie tanzte, sang und Musik machte.

Deshalb folgt er ihr oft. Und eines Abends sieht er, wie sie ihre rechte Hand hebt, an der ein wunderschöner goldener Ring sitzt. Er ist sogleich geblendet von dessen Schönheit und völlig trunken seines Anblicks.

Sie hat sich auf einen erhöhten Felsen gesetzt. Jetzt hört er sie reden.

»Sterne am Himmel. Ihr seht so weit. Zeigt mir den Weg, den Eloahim mit mir vorhat zu gehen. Helft mir, nicht von ihm abzukommen. Damit ich dem Ziel bald nahe bin, das er für mich ausersehen hat.«

Gar merkwürdige Worte. Mittlerweile versteht er ein wenig ihre Sprache. Ihre sanften Töne, die so hell und weich klingen. Der Tiergott spricht mit seinen Verwandten, den Sternen. Er verbündet sich mit ihnen. Nur was hat er vor? Und wer ist Eloahim? Einer der Sterne?

Wieder und wieder hebt Isamira die Hand. Und auf einmal ist es, als ob der Ring antwortet. Ein Licht aus den Sternen bricht sich in seinem Gold. Und in ihm erwächst das Gesicht einer Frau. Erstrahlt in hellem Widerschein und wirft einen langen Reflex über die Ebene. In eine Richtung, die vor ihr liegt. Die auf einen Weg weißt, der sie mahnt, wieder aufzubrechen. Dem Banner seines glühenden Schweifes zu folgen. Und niemals erlöschend in seiner Kraft.

»Eosine«, hört Usar sie flüstern, »was ist es, dass mich am Ziel erwartet?«



Ich kehre zurück zum Großen Platz. Ich bin noch jung. Und doch muss ich meinen Stamm führen. Auch wenn es nicht jedem gefällt. Eloahim hat sich deutlich ausgedrückt. Aber diesmal nicht in einem Traum. Jetzt verstehe ich meine Mutter. Wenn man ihn besitzt, sind seine Anweisungen klar und deutlich. Es gibt keine Missverständnisse. Und doch werde ich es schwer haben, die anderen zu überzeugen. Denn diesmal hat mir noch Jemand den Weg gewiesen. Und sie ist ein Mensch wie wir und doch aus einer anderen Welt.

Ich gehe zu Halma.

»Wie soll ich es den anderen nur sagen?«

Sie versteht mich. »Wir müssen weiter?«

»Ja. Aber ich bin noch so jung. Werden sie auf mich hören?«

»So, wie sie immer auf euch gehört haben.«

»Aber meine Mutter war weise.«

»Du bist es auch, Isamira. Du musst nur tun, was die anderen vor dir taten.«

»Du meinst, eine Geschichte erzählen?«

»Eine Geschichte von Himmel und Erde.«

Ich fühle mich schon gleich wohler. Das ist es, was ich kann. »Und von den Sternen.«

»Ja, Isamira Baiame, der Sternenmund.«

Wir gehen zusammen zum Großen Feuer. Es hat sich herumgesprochen, dass es heute Nacht eine neue Geschichte gibt. Und doch ahnen einige, dass sie mit dem Fortgehen zu tun hat.

Ich setze mich und schaue mich um. Auch einige der Menschen, die hier ständig wohnen, sind anwesend. Sie haben im Gegensatz zu den Flachköppen keine Probleme, unsere Sprache zu verstehen und zu sprechen. Ich beginne.

»Als der Himmel noch ganz jung war, lebten einige der Sterne abseits in einer verlassenen Gegend, die sie Heim nannten. Sie war ihr Zuhause, und keiner fühlte sich unwohl.

Aber sie waren wenige und vermehrten sich recht langsam. Doch da sie nichts anderes kannten, blieben sie dort, wo sie waren und glaubten weiterhin, dass sie in Saus und Braus schwelgten.

Doch manchmal begannen sich einige zu fragten, ob sie die einzigen wären. Denn sie sahen kein Ende da, wo ihr Heim aufhörte. Doch normalerweise muss etwas eine Grenze haben, damit dahinter Anderes beginnt. Also dachten sie sich, dass ihr Heim doch nicht dort zuende war, wo sie seinen Abschluss wähnten.

Und vielleicht – so eine weitere Schlussfolgerung – vielleicht gab es ja sogar mehr, als nur das, was sie sahen und um sich hatten.

Doch immer wieder waren welche, die mahnten, es sei genug nachgeforscht. Aber auf die Frage, wo denn nun ihr Heim aufhörte, wussten sie auch keine Antwort. Es könnte ja sein, dass da, wo sie sich befanden, gar nicht das Zentrum ihres Heimes war. Und sie somit auch nicht so richtig zuhause seien.

Also brachen einige auf und kundschafteten die nähere Umgebung aus. Doch sie fanden nichts, was sie nicht schon kannten. Beziehungsweise es trat nichts Neues zutage.

Aber eines Nachts traute sich ein kleiner Stern weiter hinaus und sah in großer Ferne einen anderen Stern, der ihm zublinkte. Erschrocken kehrte er darob um. Denn von Fremden angeblinkt zu werden gefiel ihm gar nicht.

Aber woher weißt du denn, dass er dir Böses wollte, wurde er von den Umstehenden gefragt.

Würdest du mich anblinken, wenn ich neben dir stünde?

Naja, du kennst mich ja. Ich kann dir direkt sagen, was ich denke, war die Antwort. Aber kennt der andere denn deine Sprache?

Du meinst, er wusste nicht, wie er mit mir reden sollte?

Ja! Und das Gemeinsame, was wir Sterne haben, ist doch blinken, oder?

Also hat er nur versucht, sich mir verständlich zu machen?

Das kriegen wir erst heraus, wenn wir zurückblinken!

Und so machte sich eine kleine Gruppe von Sternen auf, den fremden Stern aufzusuchen.

Und als sie ihn nach den Grenzen ihres Heims fragten, sagte er in einem merkwürdigen Dialekt: Da, wo ihr herkommt.

Und wo ist denn das Zentrum des Heims, wo du lebst?

Und er wies in die entgegengesetzte Richtung.

So haben die Sterne erkannt, dass die Heimat überall ist, nicht nur, wo sie selbst wohnen. Und dass es noch viel mehr gibt, als sie sich hatten vorstellen können. Doch dazu müssten sie erst ihr zuhause verlassen.«

Ich hole Luft. Das ist meine Geschichte. Und sie endet damit, dass wir wieder wandern werden.

Alle um mich herum schweigen. Sie sind noch ganz betroffen von ihrer Bedeutung. Ab und zu vernehme ich Seufzen und das schnelle Atmen der Kinder.

Dann erhebt sich Ro. »So lasst uns ein letztes Mal tanzen.« Und er spreizt die Arme. Jelaise springt auf und holt ihre Flöte. Jaron stellt sich die Trommeln zusammen. Die anderen laufen geschwind hin und her, um genug Feuerholz zu sammeln und Wein und Essen bereit zu stellen.

Auch unsere Gäste sind eingeladen. Sie haben alles von ihren Hütten aus beobachtet. Wir werden sie verlassen. Sie haben genug von uns gelernt. Und wir haben vieles mit ihnen getauscht.

Da tritt Halma zu mir.

»Isamira, es gibt immer noch einige, die nicht mitgehen wollen.«

Ich schaue sie entsetzt an.

»Es sind vor allem die Alten und Schwachen. Sie können nicht mehr und befürchten, den nächsten Winter nicht zu überstehen. Auch wollen sie dir keine Last sein.«

Ich nicke. »Gut. Ich will keinen zwingen. So sollen sie bleiben und vielleicht nachkommen.«

»Das ist weise, Isamira. Du wirst deiner Mutter immer ähnlicher.«

Ich hoffe, dass ich wie sie stets die richtige Entscheidung treffe. Mein Clan bereitet den Aufbruch vor.

Doch es zeigt sich, dass auch einige Familien mit jüngeren Kindern zurückbleiben. Sie wollen sich um die anderen kümmern. Die hier bleiben werden und die, die hier leben. Die trotz ihrer langen Nasen doch von geringerem Verstand sind. Ich hoffe bloß nicht, dass sie sich mit ihnen mischen. Denn dass wäre ihr Ende. Sie hätten nicht mehr die Fähigkeiten der Tjuokurpa. Und würden damit wieder zum Volk der Lang- und Breitnasen gehören, aus denen sie einst entwachsen waren.

»Es muss zumindest dafür gesorgt werden, dass sie einen Schamanen haben, um mit uns in Kontakt zu bleiben.« Halma weist mich auf ein Hauptproblem hin.

Ich denke darüber nach. »Nicht unbedingt. Wir haben ja auch keinen.«

»Das ist wahr. Aber bislang brauchten wir auch nicht mit anderen Stämmen auf lange Strecken reden.«

Da fällt mir etwas ein. »Du weißt doch von der, die nie gesehen wurde. Und die auch reisen kann?«

Halma sieht mich verwundert an. »Eosine?« Sie ist für sie nur ein Mythos.

»Ich bin ihr heute Nacht begegnet. Als ich auf dem Felsen saß. Sie ist mir erschienen. Wie Aerandil meinen Müttern. Sie hat sich in Eloahim gespiegelt. Sie weiß von ihm. Und sie kennt seine Macht. Ich glaube, sie kennt ihn länger, als meine Ahnen es je taten.«

Halma staunt. »Dann gibt es sie wirklich? Und... und sie hat sich mit dir in Verbindung gesetzt?«

»Nicht unbedingt in Verbindung gesetzt.« Ich muss lächeln. »Der Ring hat sie geholt.«

»Ja, aber... « stottert Halma. »Was hat sie denn von dir gewollt?«

»Sie hat sich anerboten. Wenn ich dem Ring weiter folge, wird sie sich um die kümmern, die zurück bleiben.«

»Dann wird sie die Mittlerin sein zwischen unseren Stämmen?«



‚Sternenmund nennt sie sich, was in ihrer Sprache Baiame heißt. Sie hat mit den Sternen geredet. Und sie geht jetzt weiter, um den Weg für eine Zukunft frei zu machen, die wir noch nicht kennen.

Es hat gereicht, dass sie ihrem Volk eine Geschichte erzählte. Vom Himmel, der über uns wacht. Sie hat berichtet, was die Götter denken. Und sie handelt danach, da sie selbst eine Göttin ist.

Zurückgelassen hat sie in ihrer Fürsorge einige ihres Clans, die auf uns aufpassen und uns lehren, Bäume und Pflanzen zu achten sowie die Tiere der Wildnis.

Und durch sie wird sie weiter mit uns sprechen. Denn auch wenn sie jetzt geht, wird sie uns nie verlassen.‘

So spricht Usar, und mit ihm kommen die Geschichten auch zu anderen Menschen. Zu denen, die sich nicht erinnern. Alles weiter erzählen oder irgendwie aufzeichnen müssen. Und die glauben, dass diese Geschichten und Rituale von denen stammen, die sich als ihre Götter zu erkennen gegeben haben. Und Usar fängt an, sich zu bewegen. Erst ein wenig ungelenk, dann rhythmischer. Er weiß, dass es eigentlich dafür da ist, die Toten zu ehren. Sein Stamm legt die ihren nun auch in Gräber aus Stein. Und gibt ihnen Schmuck und Waffen anbei, um von den Göttern wohlwollend empfangen zu werden. Damit sie ihr Ansehen auch im Jenseits behalten. Und nun tanzt er, um schon jetzt der fortziehenden Göttin zu schmeicheln. Damit auch er nach seinem Tod einen hohen Rang inne hat und immer genug zu essen und zu trinken.

Schließlich steigert er sich in eine wilde Emphase, die ihn alsbald erschöpft und halb ohnmächtig niederfallen lässt. Doch in seinem Inneren pulsiert weiter der Gedanke, dass er sich nun ihrem Wohlwollen als würdig erwiesen hat. Denen, die über seinen Tod und sein Leben wachen. Wann immer er ihre Tänze vollzieht. Und ihre Namen ausspricht.

‚Isamira…‘