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Literatur

Saga Homo Novalis

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Saga Homo Novalis



Isamira Sternenmund 61.634

I ch sehe die weiten Ebenen vor mir, wie sie im Horizont verschwimmen und sich mit dem Himmel paaren. Dort, wo unser Auge nicht reicht, ihnen zu folgen. Wo sie sich heimlich und unbeobachtet treffen. Und ihre Spielereien keinem festen Vorsatz unterliegen.

Wenn ich dichter heran treten will, ihnen zu folgen, dann weichen sie mir aus. Fliehen vor mir. Nie werde ich den Horizont erreichen. Da, wo alles unsagbar klein wird. Und mir nur noch die Winzigkeit ihrer Gestalt gleich einem Hauch von Schatten bleibt.

So setze ich mich auf die Anhöhe eines Felsens und schaue mir ihr Schauspiel aus der Ferne an. Die Wellen der Hügel, in einer Umrahmung von Bäumen. Vorne trinkt ein Rehkitz bei der Mutter. Gierig stößt es immer wieder seine spitze Schnauze gegen die Zitzen des Euters. Ruhig bleibt die Kuh stehen. Sieht umher. Sichert. Dann traben beide weg. Der Herde hinterher.

Dahinten stehen Antilopen, die im Schutz der Büsche äsen. Sie wandern weiter, bis sie im Flirren des heißen Mittags verschwimmen und sich auflösen.

Nun gleitet mein Blick zum blauen Dach, aus dem die Sonne hervortritt. So hell, dass ich mich abwenden muss. Sie ist durch nichts zu erkennen. Sie verbirgt sich, indem sie sich offen zeigt: Mit ihrer Stärke und Macht, die uns zu Boden zu schauen zwingt.

Jedes andere Geschöpf, sei es Mensch, Tier oder Geist, braucht Geborgenheit, um zu ruhen. Muss sich in seine Höhle zurückziehen, wo es nicht gesehen wird. Verborgen im Schutz seiner Tarnung. Nicht so der helle Himmelsball.

Am meisten bewundere ich das Versteck der Lichter, die nicht so gewaltig wie die Sonne sind. Sie kommen nur nachts hervor, wenn alles schläft. Strahlen und funkeln dann von allen Seiten. Wechseln sogar ihre Position. Oder zeigen sich nur von einer Seite. Da ist einer, der so groß und dick ist, dass es ihm nicht immer gelingt, sich vollkommen zu verbergen. Dann sehe ich ihn auch tagsüber. Wenn er milchig weiß zwischen den Bergen bleibt.

Aber die meisten können sich in der Zeit des Lichtes vollkommen und lautlos zurückziehen. Bedecken sich mit blauer Haut. Dann suche ich sie vergeblich. Denn nichts kann sie hervorbringen und für meine Augen erkennbar machen. Ihr Geheimnis möchte ich ergründen. Die Kunst des Verbergens. Und wie ich sie dennoch entdecken kann.

So habe ich ein Mittel ersonnen, sie auf meine Weise herzuholen. Wann immer ich es mir wünsche. Häufig und in zahlloser Gestalt, dass ich sie nicht vermisse, wenn sie sich zurückziehen.

Zuerst habe ich meinem Clan von ihnen erzählt. Von ihrem Standort, ihren Farben und ihrer Größe. Als ich merkte, dass das auch den anderen bekannt war, ging ich dazu über, ihnen von den Wohnungen der Lichter tagsüber zu erzählen, was sie tun und wie sie denken.

Jedem einzelnen gab ich eine eigene Geschichte und verwob sie mit denen ihrer Nachbarn. Erzählte von den Tagen ihrer Kindheit, als es nur wenige waren, und der Himmel nur eine einzige, leere Hülle hatte. Wie sie sich vermehrten und ausbreiteten. Über das Gewölbe des Horizonts hinaus wanderten. Ich erfand einige, die lustig waren und anfingen zu tanzen. Oder andere, die sich weiterhin ausruhten, wenn sie sich zeigten. Aber immer überlegte ich mir, was sie wohl denken, wenn sie auf uns herabschauen. Werden sie sich dieselben Fragen stellen? Sich für unser Treiben hier unten interessieren? Vielleicht sogar zu uns herab kommen. Heimlich und verstohlen, damit es keiner merkt?

Auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob es sich wirklich so verhält, was ich sage, erkenne ich in den Gesichtern der Umsitzenden eine unverhohlene Begeisterung. Das Aufflackern der Flamme erhellt ihre blitzenden Augen und offenbart mir die Faszination des Augenblicks. Mit offenen Mündern werden sie von mir gefangen gehalten. Und nicht eher befreit, als dass die Scheite des Feuers verglimmen.

Da glüht plötzlich etwas vor mir auf. Hoch oben sehe ich ein Licht auf mich zukommen. Zuerst erschrecke ich mich, denn hinter sich zieht eseinen langen Schweif, der nach allen Seiten Funken stößt. Doch dann erfreue ich mich daran und halte es für einen schönen, verwegenen Traum.

Aber das Licht kommt näher und wird immer größer. Als es fast den Erdboden erreicht, hält es mit einem Male inne und explodiert in zahllosen Sterne, die in bunten Bögen auf mich herab regnen.

Ich zwinkere mit den Augen. Die Hitze des Tages hat sie ermüdet. Das ist unmöglich ein Traum. Ich reibe mein Gesicht mit den Handflächen. Aber die Funken sind noch da. Kurz über mir lösen sie sich auf und zerplatzen im Nichts.

Wie habe ich sie noch genannt? Sterne? Was für ein Wort. Ich kenne es nicht, und doch ist es wie selbstverständlich in mir entstanden.

Ich fühle mich immer noch benommen. Sterne, die vom Himmel fallen. Hat der Große Geist sie mir geschickt? Aber er pflegt uns seine Überraschungen eigentlich nur hinter den Augen zu zeigen. Meistens den Schamanen, wenn sie Artagum trinken. Ich hingegen habe alles wirklich gesehen. Vor meinen eigenen Augen. Es war wie ein Feuer aus Schnee. Von den Lichtern der Nacht geschickt. Zu mir. Ich bin sicher, sie wollen mir etwas sagen.

Ich stehe auf und kehre langsam zu den Höhlen zurück. Bald gewahre ich den Berghang, an dessen Felsvorsprung ihr Eingang ist.

Isamira sitzt am Feuer, das nie ausgeht. Dafür sorgt die Thasar. Sie bewahrt die Glut von Earazzil, der sie einst auf die Erde gesandt hat. Mit viel Getöse und Geblitze. Wie es einem echten Geist geziemt.

Die alte Frau, in deren Höhle ich aufgewachsen bin, bevor ich mir eine eigene einrichtete, häutet ein Ren. Von ihr habe ich die Erinnerung. Ihre Ahnen erzählten zudem die ersten Geschichten an den Feuern und gaben so auch anderen ihr Wissen weiter. Denen, die nicht aus ihrer Blutlinie stammen. Doch die Erzählungen ähneln sich alle, so dass sie, einmal berichtet, ihre Würze verlieren. Deshalb beginne ich selbst, ihnen neue Aspekt beizumischen. Und das unterscheidet meine von denen aller Isamiras zuvor: Ich füge meinen Vorträgen Bilder hinzu, die nur dem entspringen, was sich in meinem Kopf abspielt. Es ist nicht alles selbst schon erfunden. Aber meinen Beobachtungen wird immer wieder gerne gelauscht, wenn ich sie mit meinen Kopfbildern begleite. Das sind Worte, die erst geschehen, wenn sie ausgesprochen sind. Während die alten Geschichten bereits passiert sind und erst dann weitererzählt werden.

»Na, Isamira, hast du wieder geträumt? Auf deinem Felsen?«

»Du weißt. Es sind nicht diese Art von Träumen, die mich nachts erreichen. Meine kann ich selbst bewegen. Sie laufen dorthin, wo ich sie haben will. Und in ihnen geschieht das, was ich möchte.«

Die alte Frau hält inne. »Du bist schon was besonderes, Isamira. Keine hat vorher solche Geschichten erzählt wie du.«

Ich bin mir nicht sicher, ob das ein versteckter Vorwurf ist. Denn ohne Zweifel vermag sie ihren Worte auch eine Bedeutung zu geben, die sich mit ihren Wünschen deckt. Nur würde sie ihre eigenen Gedanken nie direkt äußern oder sie in die Geschichten zu offensichtlich einweben.«

Ich setze mich zu ihr und helfe beim Abhäuten des Rentieres. Dann liegen die Knochen frei. Jetzt wird jeder gebraucht. Ihr Mark zu gewinnen, bedarf es kräftiger Hände.

»Samon«, ruft Isamira, »kannst du uns helfen?«

Ein Kopf erscheint aus der Höhle, in der ich auch einmal gewohnt habe. Und schon eilt er uns zur Hilfe. In unserem Clan ist es durchaus üblich, dass sich die Männer an den Tätigkeiten der Essenszubereitung beteiligen. Sie stehen uns zur Seite, wenn wir das Fleisch bearbeiten. Wie auch wir mit auf die Jagd kommen, um das Wild zu erlegen. Denn viele unter den Frauen sind bessere Schützen als die Männer.

Solange meine Ahnen die Kinder von Arahar empfangen haben, führten sie diesen Clan an. Und wenn die Zeit an mir ist, habe ich nicht vor, es zu ändern.

Wir Isamiras halten nun beide den langen Beinknochen des Rens fest. Während Samon mit einer Axt das obere Gelenkt abspaltet. Es bedarf eines gezielten Querhiebes, damit sich der Knochen öffnet, und das leckere Mark frei liegt.

Es ist sehr nahrhaft und wird gleichmäßig unter den Mitgliedern aller Familien des Clans verteilt. Das ist eigentlich bei allen so üblich. Aber wir wissen von einigen, die in Zeichen der Not ihre Jagdbeute nicht zu teilen gewillt sind. Es sind Menschen, bei denen das Erlegen von Tieren die größere Rolle spielte. Und sie kannten keine Höhlenbehausungen. Noch dass sie in den Wintermonaten, in denen es weniger Nahrung gab, feste Zelte aufstellten. Niemals suchten sie dann Beeren oder Wurzeln. Sie ernährten sich ausschließlich von Fleisch und folgten den Herden. Deshalb waren sie die ersten, die der werdenden Kälte zum Opfer fielen.

Wir, die wir lernen, denken über das hinaus, was uns die Sonne eines einzigen Bogens schenkt. Wir hören auf die Wege unserer Ahnen, die zurück gehen zu der Zeit, in der die erste Höhle geteilt wurde. Und bereiten uns auf die Wege vor, die noch vor uns sind.

Direkt neben der Felsennase unseres Eingangs wachsen Bäumen, deren Früchte in roten Schalen liegen und sehr saftig sind. Auch gibt es kleine, gelbe Pflaumen und Feigen mit schrumpeliger Haut. Häufig sammeln wir am Waldesrand auch die Brombeeren, die mit süßem Honig herrlich schmecken.

»Nadion, kannst du bitte hiermit ein Loch graben?« wende ich mich an einen jüngeren Mann, der oft in meiner Nähe ist. Ich übernehme bereits Aufgaben, die das Überleben des Clans sichern.

Zuvor hat Samon aus dem abgeschlagenen Rentiergeweih eine Gabel geschnitzt, die es ermöglicht, mit ihrem gebogenen Ende die halb gefrorene Erde tief auszukratzen. In das entstandene Loch können wir übrig gebliebenes Fleisch oder gesammelte Beeren legen. Es ist dort so kalt, dass wir es auch nach vielen Umläufen der Sonne noch unverändert auffinden und essen können. Das war früher nicht so. Aber die Nächte sind kälter geworden.

Nadion zögert. »Ist es dafür nicht schon zu warm? Die Sonne wird bereits heiß und steht hoch über uns.«

Ich schaue auf. Er hat vielleicht recht. Der Boden mag bald auftauen.

»Versuch es. Wenn er nach einer Armeslänge noch nicht kalt wird, dann werden wir wohl beginnen, das Fleisch des Rens in die hinteren Gänge der Höhle zu verlegen. Du weißt, gleich hinter den Vorsprung, wo die Hand friert.« Es ist ein Loch tief im Innersten des Felsens. Und glatter, kalter Stein bedeckt denn Boden, wo es keine Erde mehr gibt und keine Pflanzen.

Nickend nimmt er sich das schaufelartige Geweih. »Wirst du heute deine Höhle mit mir teilen?« fragt er im Vorübergehen. So als messe er dem keine große Bedeutung bei.

Meine Antwort fällt demgemäß auch recht uneindeutig aus. »Glaubst du, dass ich es nur tue, wenn du die Vorräte für uns anlegst?«

»Zumindest weiß ich, dass du es nicht tun wirst, wenn du wütend auf mich bist.«

»Würdest du mich sonst jeden Tag gerne wütend machen?«

»Nein, oh nein«, beeilt er sich zu verbessern. »Ich will doch nur... Du denkst, dass ich...«

Anstelle weiterer Worte packt er das Geweih und beginnt emsig, in einiger Entfernung von mir ein tiefes Loch zu schaufeln.

Ich stehe auf und gehe zu einem anderen Vorratsloch. Dort liegt noch der Rest eines alten Mammuts. Ich nehme es und wende mich wieder dem Feuer zu.

»Na«, flüstert mir Isamira zu, »willst du ihn versöhnen?«

Sie sieht, dass ich ihm heute Abend sein Lieblingsmahl zubereiten will. Getrocknetes Fleisch wird mit Himbeeren vermischt und mit heißem Fett übergossen.

»Er hat es verdient.« Ich denke dabei auch an Arahars Geist. Mir scheint, dass er immer dann Geschenke verteilt, wenn der Mann bei uns war. Meine Erinnerungen erzählen mir genug. Ich brauche nur die Zufälle aneinander reihen. Wenn der Mann zum Djibbiwaddi kommt. Und es genau zwischen der Zeit liegt, wo unsere Schöße bluten.

Ich habe noch keine Kinder bekommen. Aber ich bin in dem Alter, wo sie in uns entstehen. Schon seit einiger Zeit kommt das Blut auch bei mir. Aber da ist noch etwas anderes, das ich mich schon lange frage.

»Warum kommt Arahar nur zu uns Frauen?«

Isamira überlegt eine Weile. »Zu den Männern spricht er, wenn sie ihn um eine gute Jagd bitten.«

»Aber wir jagen doch auch. Und das nicht schlechter!«

»Das stimmt. Aber vielleicht sind sie nicht so begabt beim Kinder kriegen.«

»Hat der Große Geist von Thoranda denn nicht allen Menschen gleiche Möglichkeiten gegeben?«

»Wer weiß«, lacht sie verschmitzt. »Vielleicht war es ja einmal so.«

»Und du meinst...«

»Das die Männer nicht in allem so gut sind, wie sie uns glauben machen wollen.« Und fügt hinzu: »Deshalb hat er ihnen unmerklich die Gabe des Kinder kriegen genommen.«

»Aber dadurch sind wir nun im Vorteil.«

»Das ist das Geheimnis unserer Blutlinie, Isamira. Wir wissen darum. Und deshalb stellen wir die Führer des Clans.«

»Ich versteh nur nicht, wieso das bei den anderen Clans nicht so verläuft?«

»Clanführer ist der, der auf einem Gebiet der Beste ist. Wir Frauen sind mit der Zeit die einzigen, die gebären. Das ist ein Unterschied.«

»Aber umso leichter müsste dann doch die Wahl auf uns fallen.«

»Der Clanführer wird in einem ständigen Wettbewerb ausgesucht. Er muss sich stets erneut beweisen. Ist er schwach, wird er abgesetzt oder fällt im Kampf.«

»Bei uns ist es also anders.« Ich erkenne die Wahrheit hinter der Wahrheit. »Und warum sind dann wir hier die Clanführer?«

»Weil wir im Jagen, Planen und Essen zubereiten die besten sind.«

»Nein«, wage ich zu behaupten. »Weil wir die Geschichte der Geburten kennen wie kein anderer.«

Ich halte für einen Moment inne.

»Und weil ich Geschichten erzähle, die mehr sind, als nur die Legenden des Clans. Seines Wissens und seiner Blutlinie. Mir hören sie zu, weil ich von Dingen erzähle, die neu sind. Die ihnen gefallen, wenn ich über sie berichte. Und die sie unterhalten an den Feuern der Nacht. In der Zeit, in der sie Muße suchen, neue Kraft für die nächste Jagd und den Ausflug zu den Fruchtbäumen finden. Hierzu gebe ich ihnen die Ruhe und die Lust. Sich jedes Mal auf einen weiteren Tag vorzubereiten. Und Mut zu sammeln für die Anstrengungen, die das Überleben des Clans erfordern.«

So spreche ich. Und Isamira, die Ältere, schaut mir hinterher, als ich zu meinem Unterstand gehe.



Es dunkelt bereits, und ich habe mich in den hinteren Winkel meiner Höhle nieder gelassen. Da, wo das Fell des Büffels liegt, auf dem ich schlafe. Hier ist es warm und ruhig. Auf dem Leder liegen noch Tücher aus Ziegenhaut. Ganz weich gekaut und in einen Brei von Alaunschiefer und Wasser gegerbt. Und am Kopfende ist ein ebenso bearbeitetes Kissen, dass ich mit den Federn der Saquasi gefüllt habe. Hierauf schlafe ich sofort ein und träume dann von Dingen, die es auf der Welt nicht gibt.

Sinnend betrachte ich mir die durchlochten Muscheln, die ich vor mir ausgebreitet habe. Sie habe ich am Rand eines Berges gefunden und musste sie dort aus dem festen Sandstein kratzen. Sie sind etwas ausgebleicht, aber haben ihre schöne Form noch bewahrt.

Ich weiß von ganz weisen Muscheln, die am Ufer von großen Seen liegen. Sie sollen in der Sonne blinken und wie ein Regenbogen ihre Farbe ändern. So etwas Schönes kann ich mir kaum vorstellen. Und ich überlege mir, wie ich meinen Muscheln noch mehr Glanz verleihen kann.

Ich will sie zu einer Kette binden. Fäden aus den Fasern des Hanfes habe ich mir bereits geknüpft. Zuerst müssen sie mühsam aufgeschnitten werden. Dann drehe ich sie zu einem festen Band zusammen. Da höre ich ein Geräusch.

»Isamira, schläfst du schon?«

Halma schaut herein. Sie weiß ganz genau, dass ich noch nicht schlafe.

»Komm nur«, flüstere ich und frage mich sofort, warum ich nicht normal rede. Ich rücke beiseite und sie setzt sich neben mich. Guckt mich an.

Sie hält etwas in ihrer Hand.

»Hast du das schon mal gesehen?«

Jetzt öffnet sie die Finger und ein kleiner, gelber Stein kommt zum Vorschein. Manchmal glänzt er etwas rötlich, wenn sie ihn ins Licht hält, das vom Eingang fällt. Bewusst dreht sie ihn hin und her, so dass er anfängt zu blinken.

»So einen Stein habe ich noch nie gesehen, Halma. Wo hast du ihn her?« entweicht es mir unversehens, und ich halte vor Begeisterung den Atem an.

»Er lag in der Mulde eines ausgewaschenen Flusses.«

»Und, und? Was ist das für ein Stein?«

Jetzt gehe ich ganz dicht heran, daß meine Nase ihn fast berührt.

Sie überlegt. »Ich glaube nicht, dass das ein Stein ist. Siehst du dieses Loch darin? Ich habe versucht, es zu vergrößern.« Sie legt ihn auf den felsigen Boden. »Wenn man mit dem Fingernagel darauf schlägt, klingt er ganz hell.« Sie klopft darauf, und ein leiser Ton wie aus den Tiefen einer hohen Höhle entsteht in meinen Ohren.

»Oh, wie schön das ist.« Ich denke an die Flöten von Olineus. Dem Mitglied einer entfernten Gemeinschaft. »Willst du damit Musik machen?«

Halma denkt nach. »Eigentlich nicht. Ich habe was ganz anderes ausprobiert. Du siehst ja das kleine Loch in ihm. Ich habe versucht, es zu vergrößern. Aber das geht nicht.«

Ich sehe leichte Kratzer an der Innenseite.

»Ja, es ist mir nur gelungen, ihn ein bisschen weicher zu schleifen.« Sie zeigt auf eine Stelle. »Hier war eine scharfe Kante, die weh tut, wenn man ihn benutzt.«

»Ihn benutzt? Was hast du damit gemacht?«

Jetzt grinst sie mich an. Nimmt ihn in die Hand und steckt ihn an den kleinen Finger.

»Ein Ring. Zuerst wollte ich ihn an den mittleren stecken. Aber ich konnte ihn nicht aushöhlen. Nun passt er genau für die beiden kleinen.«

Ein Ring, der nicht aus Holz ist. Oder aus Stein. Ich fühle mich schwindlig vor Aufregung.

»Woraus besteht er denn?«

»Keine Ahnung. Keiner hat jemals so etwas gesehen.«

»So etwas Schönes«, ergänze ich.

»Da, nimm ihn mal.«

»Du meinst, ich kann ihn mir anstecken?«

»Ja.«

Sie gibt ihn mir. Und ich lege ihn an meinen rechten, kleinen Finger. Wie er blinkt! Ich kann meine Blicke kaum von ihm wenden. Halte meine Hand vor mir ausgestreckt. Springe auf und fange an zu hüpfen.

»Ein Ring, der mir gefällt, ist wie ein Mann, der zu mir hält.«

Erschrocken halte ich inne. Halma schaut mich an, mit offenem Mund.

»Was hast du da gesagt?«

Ich wiederhole. »Ein Ring, der mir gefällt, ist wie ein Mann, der zu mir hält.«

»Das klingt ebenso hübsch wie der Ring.«

Auch mir ist der Klang meiner Worte aufgefallen. Es war mehr als nur Gerede. Darin war etwas, nachdem ich mich unwillkürlich bewegen möchte. Immer wieder sage ich diesen Satz und drehe mich dabei im Kreis. Halte die Hand mit dem Ring hoch. Und schlenker die Arme über meinem Kopf. Dabei lasse ich ihn nie aus den Augen.

Halma stimmt in meinen Singsang ein. Es ist Musik in unseren Ohren. Die Worte kommen wie eine Melodie.

Erschöpft setze ich mich und will ihn ihr zurück geben.

»Nein«, sagt sie. »Für heute darfst du ihn behalten.«

Verwundert starre ich sie an.

Sie kichert und steht auf. »Ich muss jetzt gehen. Also noch viel Spaß mit dem Ring.«

Bevor ich mir mehr Gedanken machen kann, heften sich meine Augen wieder an das seltsame Stück. Noch eine Weile halte ich die Hand vor mein Gesicht.

Dann räume ich die Muscheln mitsamt den Fäden in eine kleine Schatulle aus Ton. Nichts kann gegen den Ring ankommen. Er glänzt und blitzt im einfallenden Licht, als ob ihm ein Geist Leben eingehaucht hat. Träumerisch betrachte ich ihn. Jetzt erhält er zu beiden Seiten Schwingen aus weißem Dolomit, die wie Flügel schlagen. Und erhebt sich und fliegt über mir in den Himmel. Hinauf zu den Lichtern, die sich noch verbergen. Und seine Kraft ist so stark, dass er von dort herunter leuchtet wie einer der Feuer, die dort wohnen. Blitze zucken um ihn herum auf und fahren über den Himmel, wo sie in einer Wolke aus Funken zerstieben und in der Ferne des Horizonts herabregnen. Und da erwachen die anderen und werden eifersüchtig ob dieses Gesellen, der vor ihnen in seinem Glanze auf und ab tanzt. Und so beginnen auch sie, tagsüber zu strahlen, dass es heller wird als zuvor und selbst die Sonne hinter diesem Zauber verblasst.

Und wieder denke ich an die Lichter der Nacht, als ich heute auf dem Felsen saß, und sie in kleinen Sternen zu mir sprachen. Ich habe sowas noch nie erlebt und weiß auch von keinem, dem das wiederfahren ist. Ich glaube, sie haben mir eine Aufgabe gegeben, die ich den Menschen berichten muss. Noch einmal erglüht der Ring sonnengleich und schlägt seine Funken über jenem fernen Teil der Erde.

Geblendet muss ich die Augen schließen und merke erst jetzt, dass ich es schon längst getan habe.

Da höre ich wieder eine Stimme.

»Isamira, schläfst du schon?«

Es ist Nadion.

»Wieso denken alle, dass ich schon schlafe?«

»Weil du deine Augen geschlossen hast.«

»Meine Träume sind meine Geschichten. Deshalb schließe ich sie, das weißt du doch. Heute Abend am Feuer wirst du sie hören.«

Er druckst herum. »Darf ich reinkommen?«

Ich mache ihm Platz.

»Samon meint, da es bald wärmer wird, könnten wie beginnen, die Wohnhöhlen zu säubern und alle Sachen nach draußen zu legen. Wir können sie dann waschen und in der Sonne aufhängen und trocknen.

»Ich habe aber im Augenblick viel zu tun.« Ich besinne mich der Sterne und des Ringes. Irgendwie müssen sie miteinander zu tun haben.

»Es entsteht eine neue Geschichte«, sage ich. »Und sie wird wundervoller und größer sein alle anderen zuvor.«

»Dann lass mich dir helfen.«

»Du willst mir beim Säubern meiner Höhle helfen?«

»Wenn du doch sowenig Zeit hast«, stottert er. »Unsere Höhlen liegen nebeneinander. So können wir doch zusammen... es ist doch nicht weit für mich zu dir...«

Alle Höhlen unseres Clans liegen beieinander. Es ist eine einzige große Grotte mit kleinen Wohnnischen, die zum Teil von einem Vorhang aus dem Fell einer Bergziege getrennt sind.

Eine Weile sagt keiner was. Dann sieht er den Ring.

»Das ist aber schön. Wo hast du das her?«

»Hat Halma gefunden. Gefällt es dir?«

»Aber ja.« Bewundernd hält er meinen Finger und betrachtet ihn sich näher.

»Das ist ein Ring«, sage ich.

»Oh, ein Ring.«

»Ja.«

Zärtlich streicht er meine Hand.

‚Ist es der Ring?’, frage ich mich.

»Wie weich deine Hände sind.«

‚Ein Ring, der mir gefällt, ist wie ein Mann, der zu mir hält.’

»Und doch bist du so stark.«

Immer wieder kehrt der Reim – ja, ich werde es Reim nennen – zurück und innerlich beginne ich erneut zu tanzen. Dann beugt er sich über mich. Ich rieche den Sauerampfer, den er gegen den Mundgeruch genommen hat.

Er beginnt, meine Hüfte zu liebkosen. Ich streichle sein Gesicht, das jetzt sanft und zärtlich wird. Dann entkleiden wir uns, legen uns hin und machen Liebe. Er hat bereits akzeptiert, dass ich das Djibbiwaddi nicht im knien begehe.

Erschöpft liegen wir danach eng aneinander gepresst nebeneinander. Ich fühle ihn noch heiß in mir. Und das, was aus ihm geflossen ist. Ich drücke die Schenkel zusammen, damit es in mir bleibt. Wenn Arahar nicht gewillt ist, ein Kind in mich zu pflanzen, dann möchte ich es selbst tun. Vielleicht kann ich mir dann sogar wünschen, wann ich es gebäre. Nach den Erfahrungen der Frauen meiner Blutlinie müsste es geschehen, wenn die Tage wieder kälter sind, und Schnee die Erde umhüllt. Ich hoffe nun, dass es noch in der Zeit ist, wenn die Sonne mittags hoch steht. Denn dann werden die Kinder weniger krank. Die meisten überleben die Kälte nur, wenn sie den Sonnenlauf schon ein paarmal erlebt haben. Das ist auch die Zeit, wenn es dem großen, dicken Mond nicht immer gelingt, sich vollkommen zu verbergen.

Und ich werde mir dann sicher sein, dass wir es sind, die die Kinder machen. Und damit meine ich mich, die Frau, die eine Mutter ist. Und Nadion, den Mann, dem ich vertraue. Und den ich Vater nennen werde.



»Am Anfang waren alle Sterne gleich. Selbst die Großen galten nicht mehr als die Kleinen. Denn der Himmel bot genug Platz, dass es auf Größe und Kraft nicht ankam. Außerdem waren sie eine Familie. Jeder war mit jedem verwandt. Es gab zwei Geschlechter. Sie unterteilten sich in Sial und Turk. Diese hatten Kinder, und deren Sial wurden Mütter genannt. Und die Turk waren die Väter.«

So beginnt meine Geschichte, die ich kurze Zeit später am Feuer erzähle. Alle Mitglieder meines Clans sind da und noch mehr. Sie sind gekommen vom Clan der Antilopen, der Biber und der Mammuts. Wir, die Hyänen, wo die Frauen den Stamm führen, haben Boten ausgeschickt. Denn heute habe ich eine Geschichte kundzugeben, die den Menschen der Savanne Neues berichtet. Damit sie es in ihren Erinnerungen weitergeben.

Der Große Platz ist voller Menschen. Es hustet und schnauft. Tuschelt und kichert. Noch bis unter die Kiefern des Waldrandes sitzen die Besucher. Deshalb gibt es auch dort kleinere Feuer, die wärmen und Essen bereiten. Es riecht nach Hirschbraten und dem Sud gegorener Beeren. Irgendwo höre ich das Pfeifen eines Ziesels. Und weit entfernt ertönt das schaurige Jaulen des Wolfes. Aber er fürchtet das Feuer. Hier sind wir sicher.

»Und immer sahen die Sterne auf die Erde herab und verfolgten die Taten der Menschen. Denn sie waren sehr interessiert an allem, was da unten geschah. Einerseits wurde ihnen so nicht langweilig. Andererseits liebten sie es, ihnen Ratschläge zu erteilen, wenn diese sie darum baten. Denn sie hatten von sich selbst eine entschieden gute Meinung.

Da verhielt es sich eines Tages, dass ein riesiger Stern entstand, aus dem Bauche gleich mehrerer Mütter. Und er ward absonderlich groß und überstrahlte alle anderen.

Er nannte sich selbst Sonne und erteilte sogleich ein Verbot. Von nun an durfte nur noch er leuchten, denn er war noch eitler als die anderen und bildete sich ein, keiner könne so hell sein wie er. Außerdem liebte er es, die Menschen allein für sich zu haben und begriff nicht, dass er oftmals sehr heiß war und die Erde furchtbar darunter litt.

So drängte er die anderen in die hintersten Winkel des Himmels. Und alles versteckte sich ob seines Zorns und seiner Willkür. Da er aber nicht so stark war, wie er selber glaubte, hielt er nie lange durch und verblasste stets für einige Zeit, um sich zu erholen. Dieses nutzten die anderen und traten nun hervor. Einjeder begann wieder zu funkeln, wie er es dereinst getan hatte. Aber es war immer nur im Dunkeln, aus dem Verborgenen heraus. Tagsüber jedoch versteckten sie sich, denn die Pracht der Sonne war wirklich für eine Weile sehr stark.«

Wie gebannt lauschen sie mir, mit offenen Mäulern und großen Augen. Gewiss glauben die Kleinen, dass es sich genauso verhält, wie ich es erzähle. Und in der Tat entstehen diese Geschichten oft aus Eindrücken, die ich auf meiner Rast in der Savanne erhalte. Während ich die Natur beobachte.

»Doch eines Tages beschlossen die Mütter, sich mit den Vätern zu einem großen Djibbiwaddi zusammen zu tun. So entstanden ihre neuen Kinder, die sich auch am Tag aus der Deckung der Nacht hervorwagten. Denn die Mütter hatten den dicken Mond gebeten, für diese Zeremonie über den Bergen seinen milchigen Bauch zu zeigen. Damit die Kinder immer gestillt waren und nie Hunger litten. So konnten sie kräftig heranwachsen und waren mutig und verspielt.

Sie liebten es, über das Himmelsgewölbe zu sausen und Fangen zu spielen und wurden dessen nicht müde. Sogar am Tage, wenn die Sterne sich versteckten, hörten sie nicht auf, sich zu jagen und jedmöglichen Unsinn zu treiben. So dass die Sonne allmählich wütend wurde.

Doch die gut genährten Kinder hatten keine Angst vor ihrem Onkel und lachten über ihn. Dabei zeigten sie ihm sogar ihren rückwärtigen Schweif, indem sie unzählige Funken sprühten.

So kamen sie auch wieder tagsüber auf die Erde, um zu den Menschen zu sprechen.«

Eines der Kinder aus dem Clan der Biber rutscht schon seit einiger Zeit herum und kann nicht still sitzen. »Isamira«, fragt es endlich, »wann kommt das Sternenkind auch mal zu mir.«

»Meistens besucht es dich in deinen Träumen. Aber ich bin neulich einem begegnet, das am lichten Tag direkt auf mich zugeschossen ist.«

»Isamira, und wie sehen sie aus? Woran kann ich sie erkennen?« fragen jetzt auch andere.

»Sie sind noch viel kleiner als die Sterne, die wir die Lichter des Himmels nennen. Aber vor allem tragen sie einen funkensprühenden Schweif hinterher, der selbst am Tage gut zu sehen ist, und mit dem sie die Sonne ärgern wollen. Und deshalb werden sie Sternschnuppen genannt.«

Jetzt kommen auch Fragen vonseiten der Älteren. Sie aber interessiert vielmehr, was es mit den Vätern auf sich hat. Wie kann es sein, dass die Kinder von ihnen kommen. Und woher wissen sie, dass sie es waren, von denen die einzelnen abstammen.

»Immer wenn wir Djibbiwaddi mit ihnen machen, entstehen sie.«

»Dann haben wir jetzt auch ein Kind, Isamira?« Nadion kratzt sich verwundert das Kinn.

»Es muss nicht unbedingt jedesmal passieren. Aber diesmal«, und ich sehe es an den wissenden Augen der Frauen, »diesmal bin ich mir sicher.«

»Du meinst, ich bin jetzt auch sowas wie... ein Vater?«

»Du wirst es werden, Nadion, der Vater meiner Kinder. Und ich gehe zu ihm und bedecke sein Gesicht mit Liebe.

»Isamira Baiame, der Sternenmund, der von den Sternen erzählt. Wenn ich dich küsse, so bin ich dem Himmel nahe.«

»Du gibst mir meinen Namen. Denn du wirst der Vater der Kinder sein, die mit den Sternen reden.«

So ende ich und mit ihr die Legende von den Sternen. Aber überall wird diese Geschichte weitererzählt. Und sie erreicht die Lagerfeuer anderer Clans. Dann werden sie hören von den Sternen und ihren Kindern. Und dass sie Mütter haben und auch Väter, und dass das Djibbiwaddi mehr ist, als nur Djibbiwaddi.



Ich sitze jetzt wieder auf dem Felsen und sehne mich nach den Sternen. Sie verstecken sich weiterhin, und ich will ihnen doch nur sagen, dass sie es ruhig wagen sollen, hervorzukommen. So wie ihre Kinder, die Sternschnuppen es tun.

»Hört ihr mich? Wie soll ich zu euch sprechen?«

‚Wie es die Schamanen tun? In einer tiefen Höhle?’ frage ich mich still.

Nein, ich bin kein Heiler und kein Zauberer, der mit den Geistern spricht.

Ich muss einen andern Weg gehen, mit den Sternen, denen ich den Namen gegeben habe, zu reden. Ich muss ihre Aufmerksamkeit auf mich lenken. Ich weiß, dass sie mich sehen. Nicht nur nachts, wenn sie sich zeigen. Ich muss eine Sprache finden, die sie verstehen.

Ich schaue mich um. Blicke auf meine Hände. Da steckt noch der Ring an meinem Finger. Ich habe beim letzten Mond vergessen, ihn Halma zurückzugeben. Das Djibbiwaddi mit Nadion und dann meine Geschichte über die Sterne und ihre Kinder. Da habe ich ihn ganz vergessen. Oder doch nicht?

Mir ist, als ob er mir die Sicherheit gibt, meinen eigenen Weg zu gehen. Kraft zu schöpfen in der Weite der Steppe, auf das ich den Wundern des Lebens auf meine Art begegnen kann. Sie zu deuten von keinem Schleier der Tarnung behindert. Durch die Nebel des Horizonts schreitend mit offenen Augen.

Er leuchtet jetzt im Licht des werdenden Tages, so golden und hell wie die Sonne selbst. Und ich spüre, dass er mir die Kraft verleiht, die ich brauche, um mit den Sternen zu sprechen. Und wohl für noch viel mehr, dessen ich erst jetzt beginne, mir bewusst zu werden.

Um mich herum gibt es viele Steine, die wir als Malsteine verwenden. Sie sind kalkig und hinterlassen eine weise Spur auf dem Fels. Es gibt sie auch in verschiedenen Farben. Aber die sind nicht so gut haltbar. Da ist es besser, die Farben getrockneter Beeren oder die zerstampfter Tonerde zu nehmen. Damit können wir sehr schöne Bilder machen und Flächen ausfüllen.

Die Kreide in meiner Hand gleitet über das Gestein. Während ich auf dem Felsen hocke, vertiefen sich meine Gedanken in Bilder, die in meinem Kopf eine Geschichte zu erzählen beginnen.

Zuerst zeichne ich den Himmel der Nacht, wie die Sterne an ihm stehen. Aber sie sollen merken, dass ich sie rufe. Deshalb erhöhe ich mich, um auf diesen Fels herabzuschauen. Dort sollen sie mich finden, wie ich zu ihnen rede.

Doch ich bin ich, und ich sehe nur meine Arme und Beine sowie den Körper. Als ob ich kein Gesicht hätte. Davon weiß ich nur, wenn ich in den Fluss schaue. Wie ich wirklich aussehe. Mein langes, dunkles Haar, das um ein braunes Gesicht mit mandelförmigen Augen fließt. Ich fühle, wie mich Erregung erfasst. Erst in diesen Augenblicken betrachte ich mich als ein eigener Mensch.

‚Das heißt, ich bestehe auch außerhalb von mir? Ich sitze am Wasser und bin gleichzeitig im Wasser. Liegt mein Gesicht neben mir? Unmöglich! Also bleibe ich, wo ich bin, nur dass ich mich von außerhalb beobachten kann. Wie aus den Augen eines anderen Menschen. Und wenn ich will, dass mich andere sehen, muss ich mich nur so darstellen, wie ich im Fluss aussehe. Das verborgene Abbild von mir. Ich muss also nur wie die Sterne aus dem Schatten hervortreten. Aus einem Schatten, den die Sonne macht. Und wenn ich mich dann für immer zeigen kann, bin ich befreit, denn ich bin für alle sichtbar. Wie auf dem Stein hier, der mich darstellt.’

Inmitten des Sternenmeeres vor mir entsteht nun ein Kopf, mehr ein Kreis mit Augen und Mund. Er soll sehen und sprechen. Und er schaut nach oben zu denen, deren Weißheit er erbittet.

Doch es ist nicht genug. Unter dem Kopf entsteht ein Körper, an den sich ein dicker Bauch anschließt. Mit Armen und Beinen, die an seiner Seite herausragen.

Und daneben zeichne ich dieselbe Figur. Nur diesmal ist sie wieder dünn, aber nicht mehr allein. An ihrer Seite steht ein kleines Kind. Und es zeigt auf den Bauch der dicken Frau und blickt dabei zu den Sternen. Und zwischen den beiden Frauen ist ein Mond, der wandert. Hin und her. Weil er nicht weiß, wo er stehen bleiben soll.

Und als es Nacht wird, bin ich fertig und hebe meinen Kopf zu den Sternen. Ich will sie fragen, ob sie die Antwort kennen. Und ob sie mir helfen können. Denn das Kind, das ich von Nadion erwarte, pocht schon unter meinem Herzen. Ich will wissen, wann es kommt. Nicht, dass es in der Ungewissheit der Kälte geboren wird. Sein Leben soll ewig dauern und in die Ahnenreihe meines Blutes eingehen.

Aber anstelle einer Antwort des Himmels erwärmt sich der Ring an meinem Finger. Unmerklich, und doch spüre ich ihn. Ein Glimmen geht von ihm aus, als ob er im Feuer von Earazzil selbst geschmiedet worden ist. Einem Feuer, das Leidenschaft und Wissen in sich vereint. Und aus dem die Kraft meiner Töchter erwächst.