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Literatur

Saga Homo Novalis

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Saga Homo Novalis



Isamira

V or mir steht ein Mann, der so aussieht wie ich. Doch er ist nicht von meinem Stamm. Er ist der, auf den ich seit 50.000 Jahren warte.

»Iosain«, sage ich schlicht, doch mein Herz bebt wie selten zuvor.

Er ist groß, mit blondem Haar. Seine hohe Stirn geht in ein schmales Oval über, darin eine kleine Nase wie bei mir. Mein Blick bleibt an seinen blauen Augen hängen. Ist er es wirklich? Der den Ring geschmiedet hat aus Gold und Feuer? Und mit dem sich meine Wege von nun an vereinen?

»Ja, ich bin es, Iosain. Und ich bin gekommen, dich mitzunehmen zu unserem Volk.«

Er ist es. Und es ist die Sprache der Tjuokurpa, wie sie nie vergessen wird. Doch er will mich zurückbringen zu Eosine, die mir die Königin nehmen will. Mich zwingt, meine Macht zu gebrauchen, dass sie andere tötet. Ich fühle, wie meine Beine nachgeben. Mein Kreislauf summt wie ein Bienenstock. Und ich höre den Schrei von Vögeln, die es niemals geben wird.

Er stützt mich mit seinem Arm und geleitet mich durch den Korridor in den Innenhof. Dort ist eine Matla, auf die ich mich halb lege, halb setze.

Er nimmt mir gegenüber Platz auf einem Plastikstuhl. Sieht mich nur an, als ob wir uns schon lange kennen. Ich sehe sein Gesicht, das eines Neuen Menschens. Die muskelösen Arme. Die hohe, schlanke Gestalt. Ich habe ihn noch nie zu Gesicht bekommen. Doch dann finden meine Augen wieder in die seinen, und es ist, als ob die Jahrtausende von Jahren, die unser Volk getrennt waren, wie weggewischt sind.

Ich schaue zu den Sternen. Aber es ist Tag, und sie werden mir nicht helfen. Als mein Blick wieder herunter gleitet, gewahre ich Halma, wie sie im Türrahmen zum Esszimmer steht. Regungslos, wie dahin gemeißelt. Als sei sie vom Blitz oder etwas viel Gefährlicherem getroffen.

Ich beginne mich wieder zu fassen. Mein Herz setzt ein, schlägt erneut. Blut kehrt in meinen Kopf zurück. Ich fühle Wärme in meinen Fingerspitzen. Der Nebel meiner Augen wird ausgewaschen. Und rinnt mir als kleine Tränen über die Wangen.

Noch bevor einer von uns beiden etwas sagt, nähert sich Halma mit einem Tablett, auf der eine Kanne Tee und zwei Gläser stehen. Dankbar nehme ich die Kanne und gieße ein Glas ein. Schütte den Inhalt zurück. Wiederhole diesen Vorgang dreimal. Lasse zwischendurch etwas Zeit. Hebe jedesmal die Kanne ganz hoch und lasse den Tee langsam ins Glas zurückfließen. So wird er kühler. Und atmet den Duft meines Gartens. Ich hebe den Kopf.

‚Willst du nichts?’ will ich Halma fragen.

Doch sie ist schon wieder verschwunden. Ich rieche nur noch den Duft von Patschuli, der zur Küche zieht.

Ich konzentriere mich.

»Du willst mich zu unserem Volk führen?« Es ist mehr ein Hauch, als ein Satz. Zitternd reiche ich ihm den Tee.

Er trinkt, ohne aufzuschauen. Verbrennt sich die Zunge. Er weiß nicht, dass heißer Tee geschlürft werden muss. Ich beobachte ihn und werde ruhiger.

»Schmeckt gut«, sagt er.

»Der Tee? Ist aus Pfefferminze. Das wächst hier überall.«

»Kenne ich auch. Aber wird bei uns ganz anders zubereitet.«

Ich weiß. Und ich weiß nicht. Es liegen zu viele Jahre dazwischen. Aber das Zubereiten von Kräutern ist mir stets ein Bedürfnis. Nur mit der Umgebung wechseln die Essenzen oder die Methoden.

»Wir sind hier in Afrika.« Ich richte mich auf, will nachschenken.

Doch da ist schon seine Hand über der Kanne. Ich spüre Wärme unter meinen Fingern. Will zugreifen. Stehe auf.

»Ich hole noch etwas Zucker.«

»Aber der Tee ist süß genug«, wirft Iosain ein. »Eigentlich viel zu süß«, fügt er nach kurzem Zögern hinzu.

Jetzt stehe ich vor ihm und weiß nicht wohin. Ihr Sterne, zeigt mir den Weg. Leuchtet am Tage, denn da sind die Pfade der Verwirrung groß.

Iosain springt ebenfalls auf. Weist auf meinen Jalaba. »Was hast du da an? Sieht echt geil aus.«

Ich schaue etwas verblüfft an mir herunter. Mein weißer Umhang, um die Hüften mit einem Gürtel zusammengehalten. Er zeigt auf die Säume.

»Fantastisch. Wo hast du das her?«

Wieder schaue ich an mir herunter. Da, wo sich meine nackten Füße in die Berberschuhe flüchten, endet der Jalaba. Mit gestickten Verzierungen aus rotem Garn. Rüschen. Ornamenten.

»Den habe ich mir selber gewebt. Und gestickt.«

»Voll schräg. Tragt ihr alle sowas?«

‚Ja’, will ich ihm antworten. Doch sind seine Blicke noch auf die Halbschuhe fixiert. Es sind gelbe Babuschen. Auch reichlich bestickt. Mit roten und blauen Mustern.

»Hast du die auch gemacht?«

»Nein. Die habe ich gekauft.«

Er wirkt enttäuscht. Irgendwie hat er gedacht, dass wir hier alles selber produzieren. Wie vor 500 Jahren. Uns trennt soviel.

Plötzlich überkommt mich Schwermut. Ich stehe immer noch mitten im Innenhof und weiß nicht, wohin. Unsicher weiche ich einer unsichtbaren Gefahr rückwärts aus. Stolper gegen die Matla und setze mich automatisch hin.

Er scheint meine Verwirrung zu spüren. Kommt zu mir. Nimmt am anderen Ende Platz, während er mich ununterbrochen anschaut. Dann rückt er näher, bis wir uns berühren.

Ich verfolge alles wie aus weiter Entfernung. Hier ist nun einer aus meinem Volk, und doch so fremd. Und doch ein Tjuokurpa. Mehr. Es ist er. Der mir beschrieben wurde. Der das Feuer beherrscht. Und dessen Weißheit den Ring geschmiedet haben soll.

Aber er ist noch so jung. Und versteht garnichts von der Welt. Ist ein dummer Junge, der mir dumme Fragen stellt.

Ich beginne zu weinen. Nur leicht, denn ich muss mich beherrschen. Die Tränen der Frauen sind wie weißer Honig, wenn sie sparsam vergossen werden.

Wieder fühle ich sein Knie an meinem. Ich will unwillkürlich zurückzucken, da legt er seinen Arm um meine Schulter. Hält mich für eine Weile. Dann drückt er leicht meinen Kopf an seine Brust. Ich höre sein Herz. Und darin schießt sein Blut in meine Wangen, dass ich erröte. Jetzt kommen noch mehr Tränen, und sie rinnen über seine andere Hand, mit der er nun meine Wange hält.

Eine Weile hört die Erde auf, sich zu drehen. Wir bleiben in unserem Flug, der plötzlich von der Schwerkraft befreit ist, und spüren den eigenen Körper nicht mehr. Schweben durch die Luft, über die Stadt hinaus zu den Wolken, hinten denen die Sterne beginnen. Da sehe ich sie endlich. Und sie weisen mir einen Weg, der sich vor uns öffnet.

Ich spüre seine Kraft. Schmiege mich an ihn. Er ist in Wirklichkeit kein kleiner Junge. In ihm ruhen die Zuversicht und die Fähigkeit vieler seiner Ahnen. Und mit ihnen das Wissen, alle unsere Probleme zu lösen.

Tränen habe ich nun keine mehr, denn da, wo das Wasser herkommt, ist jetzt ein Meer voller Hoffnung. Ich schaue ihn an, küsse seine Stirn, bis sich unsere salzigen Münder finden. Engumschlungen liege ich in seinen Armen. Iosain ist da. Und er wird mir helfen. Ich spüre seinen Willen, so wie ich seine Hand halte, als die Zeit sich wieder bequemt, in normalen Bahnen zu verlaufen.

»Ich werde dich zu nichts zwingen. Und doch wirst du es sein, mit der ich in die Zukunft fliege, Isamira.«

»Willst du solange warten, bis wir Raumschiffe bauen, die Lichtgeschwindigkeit erreichen?«

»Das ist Plan B. Die andere Möglichkeit liegt in deiner Königin.«

Unwillkürlich verhärtet sich der Griff meiner Finger um seine Hand. Dann löst sich die Anspannung. Er schaut mich konzentriert an.

»Deine Augen sind im Licht der Sonne grün wie Jade. Und gelb wie Bernstein. Hättest du Krallen, wärst du eine Katze.«

»Woher weißt du, dass ich es nicht bin.«

Er zögert. »Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht.«

»Dann warte, bis du dir sicher bist.«

»Dazu muss ich dich besser kennenlernen. Also erzähle mir von dir. Und deinem Clan.«

»Gleich alles auf einmal?«

»Es wäre leichter, wenn du von vorne anfängst.«

»Das gibt `ne Menge zu erzählen.«

»Ich habe alle Zeit der Welt.« Er legt sich auf die Matla mit dem Kopf auf meinem Schoß. »Wenn du schon nicht mit deiner Königin beginnen willst, so fange doch mit meiner an.«

»Mit deiner?« Was meint er damit?

»Du bist meine Königin, Isamira. Seit der Geburt unserer ersten Ahnen. Seitdem Eosine unser Volk aus Afrika führte. Und seitdem die Tjuokurpa eine eigene Art sind.«

Und mit dir werde ich eine neue Erde gründen. Und unser Volk wird dort leben in Frieden und Einklang mit der Natur. Ich fühle, wie mich das Blut siedend umkreist. Sich aus meinem Herzen pumpt, durch die Adern bis in meine Zehe strömt. Alles wird heiss, was es erreicht, und hinterlässt ein Kribbeln, als berührte mich Jemand mit einer Feder.

Geht es ihm genauso? Ich fühle seinen warmen Atem in meinem Nacken, als er seine Lippen darauf drückt. Dort, wo sie mich ertasten, entsteht ein Hof kitzliger Feuchtigkeit, als ob tausend Ameisen darüber rennen. Iosain, wie lange habe ich auf dich gewartet?

Ich streichle seine Haare, die so hell sind, dass sie wie Flachs aussehen. Wie der Zwirn meiner Jalaba. Die meinen Körper berührt und umhüllt, wie es noch keiner tat. Und die nun mein Körper abstreift, ohne seine Blöße zu verlieren. Um eins zu werden mit dem, auf den ich mein Leben lang gewartet habe.



»Die Wanderschaft zum Zentrum des Kontinents, in dem Quuanqunquum wohnt, war mir stets verbaut. Zunächst hatte ich durchaus den Willen, dorthin zu gelangen. Doch dann bemerkte ich all die Mühsal, die ihr auf euch nahmt. Und gab den Plan, der nicht einmal meiner war, auf, das Reisekraut zu finden.

Ich folgte eher einer eigenen Aufgabe, die mir der Ring beschied. Zunächst glaubte ich, es sei nur ein hübscher Gegenstand, den Halma einst in einem Bach fand. Aber bald sollte es sich zeigen, dass er meine Geschicke lenkte. Unmerklich, dass ich zunächst den Glauben fand, es seien meine eigenen Fertigkeiten. So können unsere Frauen die Geburt der Kinder um einen Monat hinauszögern, wenn es vonnöten ist. Auch gelingt es uns, uns vor den Besuchen fremder Schamanen zu schützen, die uns nichts Gutes wollen.

»Du redest von Aerandil?«

»Ganz besonders von ihm.«

»Aber warum warst du gegen ihn?«

»Er wollte es nicht wahrhaben, dass mein Stamm von mir geleitet wird. Und dass wir ohne Schamanen auskommen. Die brauchte er schließlich, um uns besser kontrollieren zu können.«

»Aber über sie hat er die Verbindung untereinander aufrecht gehalten.«

»Das ging doch auch so, oder?« Ich zögere. Da ist noch etwas anderes.

»Er wollte auch, dass ich zu ihm komme.«

»Was? Warum?«

»Er wollte mich zur Frau.«

»Und? Ist das so schlimm? Das ist doch eine Ehre.« Aber obwohl Iosain dies sagt, merke ich, wie er sich selbst auf die Lippen beißt.

»Ihm ging es um die Erhöhung seiner Macht. Ich wäre nur ein Mittel zum Zweck.«

»Ja«, erwidert Iosain, »ich denke da genauso über ihn. Auch ich habe irgendwann aufgehört, ihm blind zu vertrauen.«

»Ich konnte mich schon deshalb nicht mit ihm vereinen, weil meine Bestimmung eine andere war.« Auf die erwartungsgespannten Blicke Iosains ergänze ich: »Ich folgte dem Ring.«

»Dem Ring? Hast du denn mit ihm... gesprochen?«

»Nein«, lache ich, »nicht so ganz. Er hat sich mir in meinen Träumen offenbart. In ihnen sah ich das Ziel einer jeden Reise von uns. Er lenkte unsere Schritte und Geschicke. Und behütete uns so vor jeglichem Unheil.«

»Dann hat dieser Ring irgendwie... gelebt?«

»Er war der männliche Samen der Pflanze. Dereinst durch die Welten geflogen. Seine Bestimmung war es, den weiblichen Teil zu finden. Doch dazu brauchte er einen Träger.«

»Ja, das hat mir Eosine gesagt. Aber ist es auch die Königin, die du gefunden hast?«

Ich merke, wie er mich gespannt anschaut. Die Gewissheit ihres Vorhabens, seine Aufgabe, steht vor einer Weggabelung.

»Ja, es war das weibliche Kind, das zur Königin wurde. Und noch viel mehr.«

»Was noch.« Sein Atem geht stoßweise...

… auf Totem gebaut

wird Zukunft entstehn…

»Darüber will ich jetzt noch nicht reden. Es hat Zeit. Es kann wie ein Fluch sein. Du wirst es vielleicht später verstehen.«

Er nickt, ein wenig enttäuscht. Doch es ist jetzt nicht der richtige Augenblick dafür. Ich wende mich wieder meiner Geschichte zu.

»Wir folgten euch also schon lange nicht mehr auf der Suche nach der Pflanze. Stattdessen suchten wir unsere eigene.

Die Wanderung nach Europa erwies sich zusehens auch als Kampf gegen das Klima. Es wurde immer kälter, denn wir zogen gen Norden, dem Willen des Ringes nach. Irgendwann wurde die Mühsal für einige meiner Leute zu beschwerlich. Wir beschlossen, sie zurück zu lassen. Sie kehrten um und strandeten auf einer Insel, auf der sie vollkommen isoliert lebten, nachdem der Meeresspiegel sich wieder gesenkt hatte.

Und infolge dessen veränderte sich ihr Körperwuchs. Sie wurden kleiner und kleiner, bis sie nur noch einen Meter maßen. Ich hatte noch Kontakt über die Schamanen anderer Clans mit ihnen, bis auch dieser ausblieb. Jetzt weiß ich, dass sie alle vor 12.000 Jahren bei einem Vulkanausbruch umgekommen sind. Die letzten meines Stammes, der zurück blieb.

Ich mache mir deshalb Vorwürfe. Aber ich weiß auch, dass es das Beste in der damaligen Situation war. Möglicherweise habe ich ihnen so noch über 10.000 Jahre des Lebens geschenkt.

Mein Clan selbst ist vor 17.000 Jahren in einem Gebirge in Europa angekommen, das wir heute die Alpen nennen. Nach Jahrtausenden unsagbarer Qualen, Zeiten der Ungewissheit und Not, gerieten wir in ein Hochtal, umsäumt von den steilsten Wipfeln der Berge. Ein letztes Kräftemessen mit den Geröllhängen, an denen seitlich bei jedem unserer Schritte Steine und Sand hinunter kollerten. Dann waren all die Beschwernisse der Wanderungen vergessen.

Vor uns erhob sich ein gewaltiger Fels inmitten einer flachen, kahlen Ebene. Ich erinnerte mich an meine Träume, die mir von diesem Tag erzählten, und ich wusste, dass ich und alle Isamiras vor mir nun angekommen waren. Unser Ziel war erreicht, die Wanderung beendet. Doch nicht schon mein Schicksal, denn ich war damals noch jung und nicht bereit zum Sterben.

Da brauste ein kalter Wind auf, zerrte an meiner Hand, die den Ring trug und zog mich zur Mitte des Platzes. In diesem Augenblick fiel ein mächtiger Donner über uns her, gefolgt von einem gleißenden Blitz, der sich über unseren Köpfen zusammenzog, sich sammelte und dann erneut herausfuhr. In die Felswand hinein, diese öffnend, ihren Fuß zu einem Portal spaltend und dass Innere nach außen wölbend.

Wir standen wie erstarrt vor diesem Ereignis. Einige fielen auf die Knie und flehten die Götter um Gnade an. Doch ich wusste, dass es das Geheimnis des Ringes war, das sich jetzt lüften würde und lief zu der Spalte im Fels, die Platz hatte für zwei Menschen. Dahinter erschloss sich jetzt eine kleine Höhle, in der es trotz der Finsternis anmutig glänzte. Silbrigbläulich funkelte es von den Wänden. Kristalle brachen das wenige Licht und verstärkten es hundertfach. Sie teilten das Weiß der Alabasterwände in zahlreiche Facetten und Spektren. Es dauerte eine Weile, bis sich meine Augen an das Flirren der Farben gewöhnt hatten. Um einen halbmondförmigen Regenbogen zu gewahren, der sich im hinteren Teil der seltsamen Höhle aufzog. Unter ihm konnte ich nun eine Bewegung erkennen, die nichts war als das Erzittern der Blätter eines kleinen Ästchens.

Als ich näher getreten war, sah ich die Pflanze. Es musste Quuanqunquum sein. Sein majestätisch gebogener Stamm neigte sich zu mir. Er war ungefähr so groß wie ich. Aus dem Geflecht der Zweige hingen goldgelbe Blätter, die herzförmig waren und eine glatte Oberfläche besaßen, auf denen sich mein Gesicht spiegelte. An ihnen perlten Tropfen von Wasser herunter, die aus der Felsendecke kamen. Sie rannen nieder zu den Wurzeln, die sich in den Humus des vergangenen Laubes gegraben hatten.

Ich ging noch näher heran, im Banne dieser Pflanze, seines Duftes, der ihr entstieg und dem Schimmern der sie umgebenden Wände. Setzte dem Atem nach, den sie ausströmte, und der nach Honig und Vanille roch. Teilte die Blätter, die riesig einen Schaft umhüllten. Und dahinter fand ich sie: Die Blüte, aus denen der Odem der Götter entfuhr.

Sie war weißlich rosa, mit kleinen gesprenkelten, roten Tupfern. Ihr zarter, runder Kelch öffnete sich und schien mir eine Melodie zu flüstern. Magisch wurde ich davon angezogen, wie eine Biene zur Blüte eilt. Ich suchte weitere, aber fand nur die eine. Es gab nur sie. Eine einzige Blüte inmitten der Pflanze, in ihrem Schoß wartend. All die Jahrtausende, vom festen Fels umschlossen. Den nur der Blitz der Götter zerreißen konnte, um die Vereinigung zu gewähren.

Zitternd hob ich meine rechte Hand. Jetzt erstrahlte der goldene Ring, und es überzogen ihn die Farben der Blüte mit rosa Schleiern. Ich zog ihn ab und legte ihn in den Kelch, aus dem plötzlich ein heller Schein hervorkam und mich blendete. Doch noch ehe ich die Augen schließen konnte, las ich die Zeilen im Inneren des Ringes, die sich mir endlich erschlossen:

der Ring zeigt den Weg

zur Blüte zu gehn

auf Totem gebaut

wird Zukunft entstehn

Dann blendeten mich die Ereignisse. Von all dem Leuchten drehten sich mir die Sinne und Schwindel ergriff mich. Ich sank zu Boden, wo mich die anderen fanden.

Als ich wieder zu mir kam, konnte ich es kaum glauben, was soeben geschehen war. Der Ring umschloss nun den Stempel der Blüte, fest in sie verankert. Und kleine Ableger züngelten aus der Frucht des Kelches.

Ich nahm sie, sieben an der Zahl, und verbarg sie in meiner Tasche. Und noch während ich das Felsenmonument verließ, fühlte ich die fingerlangen Schoten sich suchend biegen und schlüpfen. Es vibrierte in meiner Hosentasche. Ich konnte sie fühlen, wie sie nach draußen wollten, um zu wachsen.

Sie suchten die Erde und das Wasser. Sogleich ging ich zurück und nahm alles Nötige aus der Höhle. Dann setzte ich die Ableger in einen feuchten Beutel mit Erde, den ich nach oben offen ließ. Noch im selben Augenblick reckten sie ihre Leiber und öffneten sich. Und aus ihnen heraus wuchs Quuanqunquum, anfänglich mit zartem Grün, noch ganz feucht aus der Schote, und lugte über den Rand des Beutels.

Ja, es sind insgesamt sieben Pflanzen, die ich mit mir trug. Und eine jede ist aufgegangen.«

»Dann sag mir, wo? Wo sind sie?« Iosain kann seine Neugier kaum zügeln.

»Nicht hier, nicht in der Stadt.«

»Hast du Angst, dass sie beschädigt werden können?«

»Nicht sosehr das. Wenn es so wäre, bin ich mir sicher, weiteren Samen aus der Königin zu holen.« Bei diesem Gedanken zittere ich allerdings. Doch er darf nichts bemerken. Ich überlege. »Es ist nicht die Angst, dass ihr was passieren könnte.« Ich hole nochmals tief Atem. »Ich habe Angst, was sie mit uns machen wird.«

Iosain sagt nichts. Das schätze ich so an ihm. In den wenigen Stunden, in denen wir uns kennen, sind Jahre vergangen. Er ist sehr bedächtig, wenn es um Probleme geht. Entscheidet erst, wenn er meint, alle Aspekte zu kennen. Ich glaube, ich kann ihm vertrauen. Er ist der, der mir verkündet war.

Wir gehen zusammen in den Essraum. Hier ist ein offener Kamin. Aber es ist bereits zu warm, um ihn zu entzünden. So setzen wir uns davor, und für lange Zeit singen die Vögel in den Höfen der Medina.

Über dem Kamin sehe ich die Scheibe aus Schiefer, die einst Thoranda fixierte. Den Stern, an dem sich alle anderen orientierten. Die ihre Bahnen entsprechend der Jahreszeit um ihn zogen. Auch Iosains Blick fällt zwangsläufig darauf.

»Ist das ein Kalender?« fragt er mich.

»Ja, eine Himmelsscheibe. Mit ihr konnten wir die Zeiten für Aussaat und Ernte berechnen.«

Er nickt bewundernd. »Und funktioniert sie noch?«

»Würde sie, ja. Aber nicht hier in Nordafrika. Außerdem haben sich die Bahnen der Sterne in den letzten 25.000 Jahren beträchtlich verschoben.«

»So ist es eine Erinnerung an Zeiten, in denen wir anders lebten. Heute gibt es viele Dinge, die sie ersetzen.«

Ich schweige, denn mein Auge weilt in der Vergangenheit.

»Es scheint, als ob sie uns überflügeln.«

Ich komme zurück. »Nein. Das ist nur Technik. Wir stehen mittlerweile in einem sozialen Gefüge, dass wir der Neuerungen nicht mehr bedürfen.«

»Aber der Lohn ist die Isolierung.«

Er hat Recht. Es ist eine Welt in der Welt. Am Klarsten ist das da, wo Eosine lebt. Soweit möchte ich nicht gehen.

Er seufzt. »Es gibt nur wenige von uns, die sich noch unter die Menschen wagen.«

Er rutscht ein wenig zur Seite. Der Saum des blauen Bezuges schlägt eine Falte.

Halma ist gekommen und gesellt sich zu uns.

»Es ist schön, dass Halma bei dir geblieben ist«, sagt er. »Kennst du mich?« ist ihre Frage.

Er wendet sich ihr zu. »Natürlich habe ich von dir gehört. Du hast doch den Ring erst gefunden.«

Sie grinst. »Ja. Da bin ich natürlich wieder viel zu vorschnell gewesen. Ich bin sicher, dass die Götter vorhatten, Isamira selbst den Ring zu geben.«

Iosain lacht. »Die Götter?«

»Naja, so dachten wir damals jedenfalls. Heute denke ich, dass der Ring fest damit rechnete, dass Isamira ihn schon finden würde.« Dabei zieht sie allerdings die Mundwinkel herunter und spricht so langsam, dass es unglaubwürdig klingt.

»Hey, keiner konnte ahnen, dass du deine Nase auch überall reinstecken musst.«

»Zum Glück, denn du wärst doch sicher an ihm vorbei gegangen, ohne etwas zu merken.«

»Halma«, rufe ich gespielt entrüstet.

»Ihr redet vom Ring, als ob er ein Eigenleben hatte. Einen Willen, gefunden zu werden und euch zu führen.« Iosain holt uns zum Ernst der Lage zurück. Besinnt sich. Fasst sich leicht an die Brust. Dann fährt er fort: »Ja. So ist er. Auch mich hat er hierhergeführt. Damals, als er den Sohn meines Ahnen rettete.«

»Er hat euren Sohn gerettet?«

»Ja, das war noch im... heute würde man Outback sagen. Iosain der Jüngere ist einen Berg runtergefallen, und dann erschien dieser leuchtende Reif, der wohl ein Splitter deines Ringes war, und hat mir, dem Vater, gezeigt, wo er lag.« Er scheint noch ganz gefangen von dieser Erinnerung. Wieder zögert er, als ob ihm noch etwas auf der Zunge liege. Dann besinnt er sich anders. »Und dann zog er über den Horizont und hat mir meinen Weg gewiesen.«

»Ja, so kann man es sagen«, antworte ich. »Er hatte einen Willen wie ein Lebewesen. Denn er ist ja kein wirklicher Ring gewesen, sondern nur so geformt. In Wahrheit war er organisch.«

»Also eine Pflanze. Aber die kann doch genauso wenig denken wie... «

Er zögert, den Satz zu vollenden.

»Wie ein Stein aus Metall? Ja, er ist ein Pflanzenteil, und doch mehr. Das zu enträtseln, erhält mein gesamtes Denken.«

»Wie meinst du das?«

»Er hat wirklich einen Willen. Schützte mich und meinen Clan. Gab uns die Träume. Und ging nur von unseren Fingern, wenn wir starben. Bis wir die Königin erreichten. Er hatte sich an uns gebunden mit dem Vorsatz, von uns zur weiblichen Pflanze geführt zu werden.«

Iosain steht auf und geht auf und ab. Lange sagt er keinen Ton. Von draußen kann ich den Brunnen hören, wie sein Wasser sich gurgelnd ins Becken ergießt.

»Aber wie konnte der Ring sowas bestreben?«

»Er muss einer Macht entstammen, die höher steht, als wir«, sage ich kurz.

»Einer höheren Macht? Redest du nun doch von einem Gott?«

»Das habe ich eigentlich gehofft, von dir zu erfahren.«

»Von mir?« kräht er verwundert.

»Ja, von dir. Denn du hast ihn doch erschaffen. Oder zumindest seine Feuer geschürt, in denen er geschmiedet wurde.«

Abrupt setzt er sich. Mit geweiteten Augen. In den Meeren seiner Iris meine ich das Rauschen der Gestade zu hören.

»Wieso sollte ich ihn im Feuer... Was habe ich damit zu tun?«

»Nun, du bist Iosain Flammenhand.«

Er schaut mich eindringlich an. »Und du bist Isamira Sternenmund. In unserer alten Sprache Baiame. Aber was hast du wirklich mit den Sternen zu tun?«

Ich weiß, worauf er anspielt. Besaßen wir wirklich diese allmächtigen Kräfte? Dereinst in Indonesien und Australien, da waren wir die Götter der damaligen Menschen. Egal, ob sie sich die Anderen nannten, Wingen oder heute Aborigines. Damals spielten wir die Rolle ihrer Götter. Waren ihre Vorbilder, auf Erden gestiegen, um sie zu leiten.

»Glaubst du, dass ich uns immer noch für Götter halte?«

»Glaubst du es?« entfährt es ihm.

»Ich habe das nie gewollt. Auch damals schon nicht.« Ich schaue zu Halma. »Zumindest, was mich betrifft.« Dann sehe ich wieder zum ihm. »Aber womöglich halte ich dich für mehr.«

»Und das immer noch?«

Das ist mir nun peinlich. Ich schäme mich. »Nein«, antworte ich leise.

»Aber du warst meine Hoffnung auf eine Menge von Fragen, die ich nicht verstehe.«

»Wir dachten, du kannst uns mehr über den Ursprung des Ringes sagen«, kommt mir Halma zur Hilfe.

Iosain schüttelt den Kopf. »Ich habe genauso wenig damit zu tun, wie ich ein Gott bin.«

Das habe ich befürchtet. Nicht, dass er kein Gott ist. Sondern, dass er ebenso wenig Antworten hat wie wir.

»So bleibt uns nun nicht einmal die Hoffnung, die Wahrheit über den Ursprung der Pflanze zu erfahren. Unsere ganze Einsamkeit war umsonst. Die Abgeschiedenheit, die Vorsicht.« Mir kommen die Tränen. »Ach, Iosain, ich fühle mich so allein.«

Er nimmt mich schnell in seine Arme und bedeckt meine Haare mit seinem Gesicht. Streichelt meine Hände.

»Aber du bist doch nicht allein. Da ist Halma, und da ist dein Clan.«

»Ja, Halma ist immer bei mir. Es ist gut, Jemand zu haben, der einen nie verlässt. Wie ein Freund, der über die Jahrtausende fast so geworden ist, wie du selbst. Ist es bei dir nicht ähnlich?«

»Ja, natür... « Unruhig wirft Iosain plötzlich den Kopf hoch. Als ob ihn irgendwas gestochen hätte. »Oh, ich Idiot!«

»Was ist?« stottere ich verwirrt.

»Ich habe ihn vollkommen vergessen.«

»Wen?«

»Na, genau den, der mir so wichtig ist. Ein Freund wie bei dir Halma. Und ich lasse ihn die ganze Zeit warten!«

»Wo ist er. Und wer ist es vor allem?«

»Henin, mein lieber, alter Henin. Er muss schon den halben Tag im Cafe sitzen.«

»Na, dann hol ihn doch her!«

Iosain schluckt. Rennt zur Tür und wieder zurück. Sucht seine Jacke, die er oben am Bett abgestreift hat. »Ach was«, ruft er, ich gehe so.«

Und schon ist er draußen. Wir hören noch die Tür zuschlagen. Das Echo schallt laut über den Hof. Dann klopft es wieder.

»Hat er was vergessen?« frage ich mich.

Halma öffnet die Tür. Da steht Iosain mit Henin. Dessen bereits ergrauender Bart leuchtet im Rahmen.

»Er war die ganze Zeit hier. Hat auf mich gewartet.« Iosain ist froh und überglücklich. So einen Freund findet man selten. Ich sehe zu Halma. Sowas entwickelt sich erst in vielen, vielen Jahren.

Wir treten in den Innenhof zurück. Ich beobachte Henin aus den Augenwinkeln. Er ist ein Schamane. Wieweit kann ich ihm trauen? Er war sicherlich mit seinem Geist präsent, während Iosain mit mir sprach. Wusste stets, was wir redeten und taten, ohne sich einzumischen. Da ist er wieder, dieser Zorn. Den ich seit Aerandil empfinde. Der kam und blieb, ohne zu fragen. Für ihn gab es nichts, das er respektierte. Außer es diente seinen eigenen Interessen.

Henin bemerkt mein Misstrauen und sagt: »Isamira, ich freue mich wirklich, dich zu sehen. Und dass du heil und gesund bist.«

»Meinem Clan ging es immer gut.«

Er versteht die Anspielung. »Darüber habe ich mir auch keine Sorgen gemacht. Es ist vielmehr die Last, die dir eine höhere Macht aufbürdete.«

Der Ring. Er hat mich immer beschützt und durch alle Gefahren geleitet. Er war nie eine Bürde. Aber er passte nicht ins Konzept der Schamanen. Weil sie seine Aufgabe nicht einzuschätzen vermochten. Sie wussten nicht, wozu er gut war!

»Du siehst die Königin als eine höhere Macht?«

Henin zögert. Wir sitzen nun wieder im Esszimmer. Halma war kurz weg. Tritt nun hinzu. Zunächst wollte sie uns etwas kochen. Doch dazu bleibt keine Zeit. Ich brauche sie jetzt bei mir. Deshalb kaufte sie nur vier Boccadios, gefüllte Baguettes mit Pommes Frites, Salat und Gemüse. Dazu gebe ich etwas gekochtes Hammelfleisch. Es muss weich genug sein für unsere Kiefer. Auch wenn wir den anderen Menschen zum Verwechseln ähnlich sind, bleiben wir doch eine eigene Spezies. Mit schwachem Gebiss. Ich blicke zu Iosain. Fühle mich zu ihm hingezogen wie selten zu Jemandem. Sehe, wie er am unvermeidlichen Pfefferminztee nippt, um das Brot besser aufzuweichen.

Der Schamane räuspert sich und wartet, bis er den Bissen runtergeschluckt hat. »Was verstehst du unter einer höheren Macht?«

»Eine Frage mit einer Gegenfrage beantworten?« Ich lächle. »Das Wort kommt doch von dir.«

»Das stimmt. Du hast es zu ihr gesagt.« Iosain unterstützt mich. Er spürt, dass ich alle Kräfte brauche.

»Entschuldige«, sagt Henin sogleich. »Die Angewohnheit eines Schamanen. Immer etwas mystisch zu sein.«

»Dann sei jetzt mal etwas weniger mystisch.« Iosain blickt seinen Freund ernst an.

Henin faltet für kurze Zeit die Hände, als ob er bete. Dann öffnet er sie und sagt: »Die Zeit hat sich geändert. Auch wir Schamanen sind nicht mehr dieselben. Obwohl wir noch alle unsere Fähigkeiten haben – vorausgesetzt, wir haben uns nicht vermischt – denken auch wir mittlerweile anders.« Er hält kurz inne. Räuspert sich und schaut mich an. »Höhere Mächte sind für uns keine Götter oder Geister mehr. Wir teilen nicht die Meinung der Menschen, an eine überirdische Macht glauben zu müssen.«

»Ist die Königin nun an ihre Stelle getreten?«

Er lächelt. »Nein. Aber die Frage nach der Königin und dem Ursprung von Quuanqunquum ist vielleicht noch zu früh gestellt. Eosine und ich haben gehofft, sie mit euch allen gemeinsam zu erörtern.«

Bei ihrem Namen spannen sich unwillkürlich meine Muskeln an. Wie ein Abwehrreflex. Ich versuche, ruhiger zu atmen. Ich bin bei meinem Volk. Es wird mir nichts geschehen.

»Aber ich weiß, dass es wichtig für dich ist, Isamira, alles über sie zu wissen«, fährt Henin fort. »Denn du musst die Entscheidung fällen.«

»Welche Entscheidung?«

»Mit uns zu kommen. Es ist der einzige Weg, körperlich durch die Zeit zu reisen.«

»Warum sollte ich das?«

»Die Gegenwart hat sich bereits geändert. Es wird wärmer, die Meere treten über die Ufer. Das Land geht unter, auch Uluru...«

Henin merkt, wie ich erstarre. Bin ich so verträumt in meiner Zurückgezogenheit, dass ich das nicht bemerkt habe? Doch, es steht in den Zeitungen. Aber die beiden, auch Iosain, meinen mehr. Langsam und vorsichtig bringen sie mir Tatsachen bei, die mir einen Kloß in die Kehle setzen, der sich bis zum Magen runterzieht.

»Die Neandertaler werden eines Tages die Welt beherrschen. Und sie werden uns jagen wie Schlachtvieh, wenn wir es nicht verhindern können«, kommt Henin zum Schlusspunkt.

Iosain legt den Arm um mich. »Es ist die Königin, die wir brauchen, um körperlich in die Zeit einzugreifen. Wir müssen verhindern, dass die Tjuokurpa sterben!«

»Was hat das mit der Königin zu tun? Sie lässt uns in die Zukunft oder Vergangenheit fliegen. Gut. Aber reichen nicht normale Pflanzen aus? Ich kann euch davon genug geben.«

»Das würde uns nicht viel nützen. Denn nur die Königin erlaubt körperliches Eingreifen.«

Es ist unumgänglich. Meine Angst setzt automatisch ein. Das, was keiner erfahren soll. Schweigen hüllen über das, was passierte.

Meine Finger beginnen zu zittern. Die Erinnerung daran ist zu schlimm. Ich fühle, ich bin einem Heulkrampf nahe. Halma setzt sich besorgt neben mich und nimmt meinem Kopf in die Arme.

»Pscht. Du brauchst nichts sagen. Sie werden eben selber solange warten müssen, bis sie sich eine eigene Königin gezüchtet haben.« Sie weiß Bescheid, denn sie gehört zu meinem Stamm.

»Aber das ist unmöglich«, ereifert sich Henin.

»Nach all den tausenden von Äonen hast du nicht mal die Zeit, um noch etwas zu warten?« Halma funkelt Henin an.

Sie schützt mich, wann immer ich ihrer bedarf. Auch Iosain an meiner anderen Seite hält meine Hand. Streichelt sie zärtlich. Ist er so feinfühlig? Oder ist das Taktik?

Ach – wie quält mich diese Entscheidung. Jetzt werfe ich selbst einen Keil zwischen uns.

»Ich will es euch erklären.« Mein Atem geht wieder etwas normaler. »Quuanqunquum ist mächtig und groß geworden. Mit ihm kann die Zukunft verändert werden. Die Vergangenheit bleibt ewig ausgelöscht. Nichts ist mehr wie vorher. Was vorher war, wird tot sein.«

»Wie kommst du darauf?« fragt Henin.

»Das stand auf dem Ring. ‚Auf Totem gebaut, wird Zukunft entstehen.’ Das heisst, wenn wir eine Zukunft haben, in der wir überleben, werden wir sie ändern müssen. Sie wird auf Toten basieren. Tote, deren ursprünglicher Sinn zu leben vollkommen ausgelöscht ist. Die vergebens waren. Wie ein Fehltritt in der Geschichte der Erde.«

Jetzt übermannen mich doch die Tränen und ich bedecke mein Gesicht mit den Händen.

»Isamira«, sagt Henin leise, »du musst mit Eosine reden.«

Iosain ahnt meine Angst. Führt seinen Mund ganz dicht an mein Ohr. »Was hast du erlebt, dass du nie mehr reisen willst?«

Ich blicke ihn an. Durch einen Schleier aus Tränen gewahre ich sein Gesicht über mir. Es ist der Mann, den ich liebe.

»Ich werde es dir sagen. Denn wenn du auch nicht den Ring geschmiedet hast, so hat er dich doch letztlich zu mir geschickt.«

Ich schaue ihn an. Langsam beginnt er zu nicken. »Ich wusste immer, dass es dein Ring gewesen war, der mir damals half, meinen Sohn zu finden und den Weg, dir zu folgen.«

Und dabei öffnet er einen Beutel um seinen Hals, in dem der Ringableger pulsiert. Es ist ein kleiner Reif, dennoch golden und leuchtend wie einst mein eigener Ring.

Jetzt habe ich endgültige Gewissheit. Er ist derjenige, dem mein Schicksal begegnen wollte! Mein Geschlecht braucht nicht länger warten. Er ist der Mann, mit dem sich meine Blutlinie der Töchter vereinen wird.

»Aber wer war es dann, der den Ring einst machte. Wenn nicht du?« Und ich sehe ihm tief in die Augen. »Ich kann mir keinen anderen vorstellen.«

»Es war nicht Iosain, der den Ring geschmiedet hat«, mischt sich Henin bedächtig ein. »Und doch – er war es auch. Es waren unsere Vorfahren vor langer, langer Zeit. Er war es, und noch andere, die Quuanqunquum erschufen, um die Welten der Erde zu retten.«

»Wer«, frage ich kaum hörbar, denn es scheint, als ob ich die Antwort kenne.

»Du, Isamira. Du selbst und Iosain, ihr beide seid die wahren Schöpfer.«



»Die Stecklinge waren noch sehr klein. Ich habe sie mehrmals täglich gewässert. Mit ihnen gesprochen, ihre zarten, grünen Blättchen gestreichelt. Nur der Sonne durfte ich sie nicht zu sehr aussetzen.«

Meine Erinnerungen sind voll der Fürsorge und Bekümmernis um meine Pflänzchen. »Ich trug sie in kleinen Täschchen an meinem Körper unter dem Wams, so dass nur die frische Luft ihre duftenden Halme umschmeichelte. Sonne blieb zeitlebens fern von ihnen, nachdem ich sie einmal ihren Strahlen ausgesetzt hatte. Ihre Blätter waren sofort gewellt und färbten sich von grün nach gelb. Ich erschrak dermaßen, dass ich sie die nächsten Wochen nicht mehr aus den Augen ließ. Nur des Nachts wagte ich es noch, sie aus den Beuteln voller Erde zu holen und im milden Schein des Mondes aufzustellen. Dann reckten sie sich, als wollten sie auf direktem Wege zu ihm hin. Und im Hauch meines Atems, wenn ich mit ihnen sprach, neigten sie sich mir zu, um mich besser zu hören. Und ihre kleinen Blütenköpfe nickten, als ob sie mich verstünden.«

Wir sitzen alle um ein Feuer, das wie in den Bergen des Lamatt unsere Körper wärmt und auf unseren Gesichtern das Flackern der Flammen widerscheinen lässt.

Hier, im Hohen Atlas, wird es nachts sehr kalt. Deshalb sind einige von uns in Decken eingewickelt, während andere lediglich aus den Backsteinhäusern der Umgebung lugen. Sie kennen die Geschichte, die ich nun erzähle, denn sie haben ihr früher oft gelauscht, während ich mich mit den Sämlingen beschäftigte.

»Sie sind nun zu riesigen Pflanzen angewachsen. Mehr als buschgroß, Gewächse, die, wenn sie zahlreicher wären, einen ganzen Wald ergeben würden. Es ist nur schade, dass wir sie versteckt halten, damit sie keiner direkten Sonneneinwirkung ausgesetzt sind.«

Auf der Fahrt hierher habe ich Henin und Iosain immer wieder erklären müssen, dass ich schon manches Mal neuen Samen geholt habe. Es gab Zeiten, da sind sie mir eingegangen. Teils lag es an der kalten Umgebung, oder sie waren irrtümlich der Sonne ausgesetzt. Teils wurden sie von Menschen vernichtet, die sie für Hexerei hielten. Doch dann zog es mich stets ins Alpenvorland, wo der monumentale Felsen immer noch steht.

Das erste, was die beiden taten, als wir auf dem Land in den Bergen ankamen, war, sich die Pflanzen anzusehen. Sie gedeihen hier wirklich wunderbar. In ihrer Grotte, in die Nachts die Sterne leuchten. Sie sind 2 Meter hoch, wenn sie ausgewachsen sind. Haben riesige, runde Blätter mit goldgelbem Rand. Und die oberen, die sich dem rosa Kelch nähern, sind herzförmig zugeschnitten. Nur nachts, bei Vollmond öffnen sich ihre Blüten und setzen Myriaden von Düften frei. Dann riecht es nach Honig und Vanille. Und ein jeder, der die Höhle betritt, wird davon betört und meint, auf ihnen zu schweben. Ich selbst sitze meistens unter ihrem Dach aus Blättern. Denn eine Ruhe geht von ihnen aus, die mich oftmals die Schmerzen der Einsamkeit und des Wartens ertragen lassen.

»Anfangs achtete ich darauf, dass es nicht mehr als sieben waren. Zumindest in der ersten Zeit, als wir noch im damaligen Europa waren. Einige Jahrhunderte, nachdem ich sie gefunden hatte. Später gab es Gründe, ihre Zahl zu erhöhen.«

»Warum?« fragt Iosain. In seinen wunderschönen, blauen Augen spiegeln sich die Flammen wie orangene Zungen, die aus der Erde springen. Ich kann kaum einen Blick von ihm wenden. Und will es auch gar nicht. Denn er ist mir alles, das Ziel meiner Sehnsüchte, Hoffnungen und Begierden. Still und heiß berühren sich unsere Knie.

»Davon will ich euch berichten.«

»So bist du schon mit ihnen in die Zukunft gereist.«

Es ist mehr eine Behauptung, denn eine Frage. Von einer anderen Person, die sich geistig bei uns eingereiht hat. Eosine ist kurzfristig dazugekommen. Ich habe es nicht gewollt. Habe mich lange geweigert. Aber um zu entscheiden, was wird, müssen alle Beteiligten verstehen, was bereits geschah. Dazu hat auch sie ein Recht. Solange - und das ist meine Voraussetzung für ihre Teilnahme - sie sich zurückhält, keinen manipuliert.

Sie ist nun wie in einer modernen Videokonferenz mit uns verbunden. Nur, dass sie einzig in den Köpfen von Henin, Iosain und mir zu existieren scheint. Wie ein Gedanke, den zu steuern einem nicht selbst gelingt. Der einen eigenen Willen hat.

»In die Zukunft und in die Vergangenheit. Denn die Ziele der Pflanze sind unbegrenzt«, antworte ich.

Und von ihnen werde ich künden. Endlich, nach langer Zeit. Nur mein Stamm kennt bislang meine Sorgen, weiß von den Nöten und Gewissensqualen, die ich durchlebe. Thurk legt einige Felle auf den Boden, auf die wir uns setzen. Die Kühle des Abends beginnt bereits, durch unsere Hosen zu dringen.

»Nirgends fand ich zunächst etwas Beunruhigendes. Etwas, das mir Angst machte. Denn ich reiste überall hin. Dachte, das Besondere liege woanders. Neues, mir Unbekanntes, glaubte ich zu entdecken.«

Jelaise und Jaron reichen Tee und Brot. Ein wenig Salz und Butter. Dazu weiche Kekse, die wir aus Kräuterteig backen.

»Eines Tages kam ich auch in den Kaukasus. Dort wusste ich ein Volk, das mir noch aus alter Erinnerung als das der Flachköppe bekannt war. Und ich wusste, dass es die Nachkommen deren sind, denen ich einst geholfen hatte, als ich durch dieses Land, das zu der Zeit noch sehr kalt war und am Rand der Gletscher lag, zog. Auf der Suche nach der Pflanze.

Und als ich bei ihnen erschien, sah ich, wie schwer sie es hatten, zu überleben. Sie besaßen kaum Technik. Arbeiteten hart auf ihrem Acker. Trieben keinerlei Handel, um sich mit den Waren und Annehmlichkeiten der Menschen das Leben leichter zu machen. Immer noch irrten sie am Rande ihrer Existenz, waren stets bedroht, unterzugehen. Ein ganzes Volk, das nicht mehr in diese Zeit passte. So beschloss ich, ihnen auch diesmal zu helfen. Ich schenkte ihnen zehn Sämlinge von Quuanqunquum. Und sie gediehen bei ihnen prächtig. Machten die Böden mit den Ausscheidungen ihrer Wurzeln fruchtbar und grün. Rasch lernten die Neandertaler, ihre Felder immer besser zu bestellen.«

Ein tiefes Gefühl der Verzweiflung befällt mich, und mir kommen die Tränen. Ich will aufstehen, doch Taumel ergreift mich und lässt mich zu Boden sinken. Iosain stürzt erschrocken zu mir und hält mich in seinen Armen.

»Was ist dir, Isamira? Das war doch eine gute Tat.«

Nur langsam kann ich mich wieder fassen. »Ich weine auch nicht wegen dieser Tat, sondern wegen der Folgen, die ich mir nicht vorstellen konnte.« Erneut breche ich in Tränen aus. »Und die der wahre Grund sind, dass ich mich nicht mehr an euch wenden wollte. Mich hier in der Wüste vergrabe.« Schluchzen verschleiert meine nächsten Worte. »Ich bin euer nicht würdig!«

»Ja, warum denn?« fragt nun auch Henin entsetzt.

Doch ich schüttele nur den Kopf. Will nichts mehr sagen.

Da ertönt die Stimme von Eosine: »Jetzt wird mir alles klar. Ja, es ist wirklich eine schändliche Tat, der du dich bezichtigst, Isamira.«

Nun ist es unendlich still in der Wüste. Und nicht einmal die Hunde bellen. Nacht senkt sich bleiern auf uns herab. Wie eine Schuld, die ich allein zu tragen habe. Ich stehe auf.

»Quuanqunquum hat sie zum Ort der Königin geführt. Denn Quuanqunquum zieht Quuanqunquum an. Und so haben sie nach Jahren die Stelle gefunden, wo die Königin einst wuchs.«

»Ist sie denn nicht mehr dort?« fragt mich Henin und weiß doch die Antwort.

»Sie haben sie genommen. Alle Pflanzen. Auch die Königin.« Meine Stimme zittert zu sehr, als dass ich fortfahren kann.

»Und sie haben die Königin bei sich angebaut. Und dumm, wie sie sind, der Sonne ausgesetzt.« Eosine bleibt scheinbar unbeeindruckt.

Nur langsam dringt diese Wendung in die Köpfe der Umsitzenden. Jemand raunt, andere flüstern erschrocken.

Ich sinke zu Boden. Bedecke mit den Händen schamvoll mein Gesicht.

»Nur Königinnen können der Sonne widerstehen.« Henin schaut entsetzt zu mir. »Die Königin und die Sonne! In ihnen sind die Energien des Kosmos vereint und vervielfacht. Das muss die Erde um sie herum dort ganz schön aufgeheizt haben.«

»Nur außerhalb des Territoriums von Neanderthal. Nur außerhalb«, sagt Eosine.

»Wie meinst du das?« fragt Henin sie.

»In Neanderthal selber wäre es so kochend heiß, dass keiner überleben könnte. Aber die Pflanze schützt ja ihre Besitzer. Darum wird das Klima nur außerhalb ihres Schutzwalles ansteigen. Schnell werden sich die Temperaturen erhöhen, schneller, als uns lieb ist. Und damit auch das Wasser.«

»Kann dagegen denn nichts getan werden?« frage ich verzweifelt Eosine.

»Ah – jetzt möchtest du helfen? Doch der Prozess, den du mitgetragen hast, ist nicht mehr aufzuhalten. Die Welt wird sich erhitzen und in Fluten untergehen.«

»Das hast du mir auch gesagt, Eosine«, ruft Iosain erregt, »aber wieso können wir jetzt nichts mehr machen? Wir werden ihnen Quuanqunquum wieder wegnehmen!«

»Unmöglich, denn es ist bereits geschehen. Isamira war in der Gegenwart gereist.« Jetzt wendet sich Eosine direkt an sie. »Du hast doch festgestellt, dass die Höhle der Pflanze im Bergtal wirklich leer ist?«

»Ja«, sage ich nur und senke den Kopf.

»Dann werden wir nichts mehr tun können. Quuanqunquum schützt seinen Besitzer.«

»Aber ich... ich bin es doch auch«, werfe ich ein.

»Du? Du hattest es in deinem Hochmut nicht nötig, die Pflanze an dich zu nehmen. Da, im Bergtal der Alpen hat sie keinem gehört. Jetzt haben sie die Neandertaler. Und werden sie missbrauchen. Sie sind die Diebe und Mörder dieser Erde.«

»Aber Quuanqunquum ist doch für uns gemacht worden. Von uns!« ruft Iosain wütend.

Eosine sagt lange Zeit nichts. Erst als wir glauben, sie habe sich zurückgezogen, hören wir wieder ihre Stimme.

»Wir können nicht mehr ins Territorium, weil es von der Pflanze wie eine Glocke isoliert wird. Auch eine Annäherung ist kaum mehr möglich, weil es rundherum schon viel zu heiß ist. Selbst die Menschen mit ihren Panzern und Raketen können nichts dagegen ausrichten. Die ganze Elektronik ihrer Waffen wird gestört. Selbst wenn sie merken würden, dass die Gefahr des global warmings hauptsächlich von dort ausgeht.«

Eine zeitlang schweigt Eosine, bevor sie fortfährt: »Ich war in letzter Zeit öfters da. Aber selbst meine mentale Aura ist nicht mehr durchgekommen. So erfahre ich erst von dir, dass die Neandertaler im Besitz der Königin sind. Das erklärt mir nun alles.«

Wieder vergehen Minuten, bevor sie sich erneut meldet.

»Dann ist ein Handeln nur noch mit einer großen Reise durch Zeit und Raum möglich. Und dazu musst du, Isamira, mit dem restlichen Quuanqunquum zu mir kommen. Und Iosain wird dabei sein. Denn es steht nur in eurer beider Macht, eine zweite Königin zu schaffen. Um die Geschichte physisch zu verändern.« Unter ihrer Stimme fühle ich die Erde beben. »So wie es die Ahnen von uns erwarten.«

Da ist sie wieder, diese Offenbarung, die Henin kurz vor unserer Abreise aussprach und die Eosine nun erneuert. Iosain und ich. Sind wir die Nachfolger von Ahnen, die es erst in der Zukunft geben wird?

»Ihr sprecht davon, dass es unsere Urahnen waren, die Quuanqunquum geschaffen haben!« Ich schaue zu Henin. »Das hast du mir bereits in Marrakesch erzählt.« Dann blicke ich in meinem Inneren zu Eosine. »Nun auch du. Sag, wer sind wir wirklich?«

Henins Blick ist kurz in sich gekehrt. Er muss etwas mit Eosine austauschen, das mir entgeht. Deshalb mahne ich: »Sprich ehrlich und rasch. Und wende dich an meinen ganzen Clan. Denn es geht alle an. Sofern sie sich eine sichere Zukunft wünschen.«

Henin setzt sich auf und räuspert sich. »Ich werde reden, da die anderen deines Stammes Eosine nicht verstehen können. Für das ganze Volk der Tjuokurpa werde ich sprechen, und doch liegt es an Jedem, daraus die eigenen Lehren zu ziehen.«

Sein Blick wird nun klarer, und er scheint zu Jedem einzelnen von uns zu sprechen. »Wir, die wir uns heute die Tjuokurpa nennen, waren einst so weit fortgeschritten, dass es uns gelang, körperlos durch die Zeiten zu reisen. Dann schmiedete Iosain, der große Ahn, in den Flammen der Sonne einen Ring aus organischer Materie, und Isamira war es, die andere Ahnin der Ahnen, die die weibliche Blüte bildete. Alles um sie herum war so heiß, dass es die Temperatur der Sonne überstrahlte. Und deshalb darf die Königin, die aus beiden Teilen entsteht, nicht mit der Sonne leben, da die Hitze beider – die der Sterne und die der Königin, alles um sie herum verbrennen würde.«

Sämtliche Mitglieder meines Stammes sind jetzt um uns herum versammelt. Wer nicht alles versteht, dem werden Henins Worte weitergetragen.

»Es ist normalerweise nicht zu spüren. Denn die Glut ruht wie ein Feuer in ihrem Inneren, wo all diese Macht zusammenkommt und uns zum Reisen befähigt. Doch wenn die Pflanze für länger frei in der Sonne lebt, entsteht in ihrem Kelch große Hitze, die nach außen dringt und sich in einem riesigen Energieschild entlädt.«

»Jetzt weiß ich, warum die Pflanze nicht in der Sonne sein darf. Wie es in Neanderthal geschieht«, mische ich mich ein.

»Du weißt noch garnichts«, wütet Eosine. »Irgendwann wird es auch für Quuanqunquum zu viel, so dass es in der unwirtlichen Hitze eingeht. Und ja – selbst die Königin wird irgendwann daran sterben. Und dann tritt der Neandertaler heraus aus seiner Glocke. Und findet den Rest der Menschheit verkümmert und hilflos. Du kennst bereits das Ende, Isamira. Das Ende der Welt!«

»Was ist dann der eigentliche Sinn von Quuanqunquum und seiner Königin?« wage ich leise zu fragen. »Ich denke, sie sind für uns da.«

»Ja, um uns zu retten. Nur uns – die Tjuokurpa, zu bewahren und zu schützen. Und wenn es sein muss, die Geschichte neu zu gestalten.« Sie holt tief Luft. »Aber dazu muss die Königin erst einmal in unseren Besitz sein!« Ihre letzten Worte gehen in ein wütendes Geschnaufe über.

»Aber warum passen denn die Ahnen nicht selbst darauf auf? Sie, die doch die wahren Genies sind.«

»Sie, unsere Ahnen, wollten etwas Beständiges schaffen. Und doch zeitlos, für immer. Sollte ihnen etwas zustoßen, mussten sie Vorsorge treffen. Auch wollten sie uns die Möglichkeit geben, die Geschichte schon früh zu beeinflussen. Wenn möglich, bereits in den Anfängen einer Entwicklung, die böse ausgehen könnte.«

»Wie jetzt«, sagt Eosine. Doch in ihrer Stimme ist eine Bestimmung, die nichts Gutes ahnen lässt.

»Aber wieso müssen wir es sein. Können die Menschen denn nicht selbst ihr Schicksal regulieren?«

»Nein, Isamira. Wir sind die einzige Hoffnung, die Geschehnisse wieder rückgängig zu machen. Das weißt du. Und deshalb müsst ihr alle nach Uluru. Denn nur hier kann es gelingen, eine neue Königin zu erschaffen.«

Damit endet sie, und eine große Stille setzt ein, die von nichts gestört wird. Halbhoch dräut der Mond über der Wüste Marokkos und taucht die Umhersitzenden in goldgelbes Licht. Kleine, weiße Wolken ziehen an ihm vorbei und überflirren den Boden mit den Figuren wahnwitziger Schatten.

»Nur eine Königin kann uns körperlich reisen lassen, um die Geschicke der Erde zu ändern«, höre ich Iosain sagen.

»Aber was zeigt das?« ertönt wieder Eosines Stimme in meinem Kopf.

»Wie meinst du das«, frage ich.

»Die Anwesenheit Quuanqunquums in unserer Zeit beweist, dass sich die Geschichte bereits mindestens einmal verändert hat. Und es geschah jedesmal, indem eine Königin geschaffen wurde.«

Wie eine Offenbarung öffnet sich für mich die Vorsehung. Ja, der Ring war bereits zu mir gekommen. »Wir stehen kurz vor einer neuen Veränderung!« entfährt es mir.

»Die Geschichte der Erde ist vielleicht schon öfter verändert worden, als wir glauben«, bestätigt Henin. »Doch wie oft, werden wir nie erfahren.« Er hält bedeutungsvoll inne, um sogleich fortzufahren. »Und warum haben die Ahnen nicht mehr weiter eingegriffen? Warum liegt es nun an uns? Ich glaube, dass es sie selbst nicht mehr gibt. Unsere Vorfahren. Nur noch ihre Pflanze. Sie müssen einstmalen eine Zeitepoche der Neuordnung bestimmt haben, in der sie das Reisekraut aussäten.«

»Ja. Und nun liegt es an uns, ihre Aufgabe fortzuführen.« Eosine scheint nur noch mit mir zu sprechen.

Die Natur ist perfekt, nicht wir. Also werden wir sie nie begreifen. Unsere Vorfahren waren dereinst vielleicht in der Lage. Sie schufen etwas, dass die Geschichte der Erde reguliert. Aber auch dieses Instrument ist nicht perfekt, weil es Abwandlungen in der Zeit gibt, die nicht vorhersehbar sind. Zum Beispiel den Diebstahl der Pflanze und die damit verbundene Erderwärmung.

Und die Ahnen selbst. Warum existieren sie nicht mehr? Was ist ihnen geschehen?

Nun sollen wir ihre Nachfolge antreten. Ich werde erneut die Königin der Zeitreisen schaffen. Zusammen mit Iosain. Und nur wir können mit ihr fliegen.

Etwas Warmes umfängt mich. Es ist Iosains Arm, den er um meine Schultern legt. Sanft drückt er meinen Kopf an sich und raunt: »Es war der Ring, der mich rief, zu dir zu gehen. Und es ist die neue Königin, die will, dass wir dorthin reisen, wo die Vergangenheit beginnt.« Dabei fühle ich heiß den Reif, als seine Brust die meine berührt.

Mir stockt der Atem. Das Unvermeidliche, Unausgesprochene, Undenkbare ist da. Ich werde nach Uluru kommen. Ich werde Eosine treffen. Und wir werden einen Plan entwerfen, die Menschheit zu retten.

»So gehen wir nach Uluru!« sage ich. »Dann werden sich dein Clan, Iosain, und der meine vereinen. So wie alle anderen Stämme es bereits getan haben.«

Iosain. Ich schaue zu ihm rüber. In all dieser Aufbruchstimmung habe ich ihn nicht vergessen. Sind wir füreinander geschaffen? Ja, ich habe es bereits Jahrtausende zuvor gewusst. Und es bedurfte nicht einer Pflanze, ihn zu mir zu leiten. Schließlich war es bereits vor ihrer Existenz geschehen. Denn wir selbst haben Quuanqunquum geschaffen.