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Literatur

Saga Homo Novalis

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Isamira & Iosain

D ie Tage vergehen mit den Vorbereitungen auf den großen Tag, an dem ich mit Isamira zu den Schloten von Tarranga hinabsteige, um eine neue Königin zu schaffen. Doch bis jetzt weiß ich nicht, wie es geschehen mag. Ich habe weder eine Vorstellung noch einen Überlieferung, wie diese Zeremonie vor sich zu gehen hat. Keiner kann uns helfen. Niemand. Denn nur wir selbst verfügten einstmals über dieses Geschick.

Ich versuche, mich abzulenken. So tut es gut, Tikone wiederzusehen. Obwohl sie sich sehr verändert hat. Die Generationen von verschiedenen Vätern geben ihr ein völlig anderes Aussehen. Aber das verschmitzte Lächeln, der Schrei nach Caribberi und die Tapferkeit auf der Suche nach neuem Land sind noch da und haben sich in meine Erinnerungen gekerbt.

»Sag, wie habt ihr Al Erador gefunden? Wohin seid ihr damals gegangen? Das, was ich weiß, habe ich nur von Henin.«

»Du meinst, als ich mit Tanatanjapol und Baltasa aufbrach? Da sind wir in die Berge marschiert. In Richtung Süden. Von weitem konnten wir die ersten Gipfel sehen. Sie waren unsere Wegweiser.«

»Und Tanatanjapol? Wie lange bist du bei ihm gewesen? War er dir ein guter Mann? Ich erinnere mich noch, wie verliebt ihr ward.«

»Ich war nur einmal mit ihm ein Paar. Danach waren seine Töchter meine Mutterlinie. Du weißt, unsere Mutter ging mit dir zurück zur Küste.«

»Also, mit wem warst du dann zusammen, als du Eosine gefunden hast?« Antworten ergeben neue Fragen.

»Es war Jemand, den du nicht kennst. Einer aus dem Clan von Ibrahim.«

»Wie habt ihr euch gefunden?«

»Die anderen stießen erst später zu uns. Im Gebirge. Das haben wir dann gemeinsam durchwandert.« Tikone denkt nach. »Dann hat uns Eosine zu sich gelotst. Wir waren schon in ihrer Nähe. Zum Schluss hat sie uns sogar eine Eskorte geschickt. Da waren es nur noch wenige Tagesmärsche.«

»Und wie war Al Erador damals?«

»Noch nicht so wie jetzt. Erst Tanatanjapol hat dieses Bewässerungssystem geschaffen. Aber die schwarze Erde, die hier alles gedeihen lässt, gab es schon.«

»Und? Kommt die Flüssigkeit, die sie tränkt, wirklich aus Tarranga?«

»Ja. Ich habe es selbst zweimal erlebt, wie er sie mit seiner Lava ausspie. Aber es ist viel zu selten. Wir helfen inzwischen mit organischen Abfallprodukten nach.«

»Dann stimmt das, was Eosine sagt?«

Tikone nimmt mich in ihre Arme. »Glaub ihr. Sie hat nur das Wohl der Tjuokurpa im Auge.«

»Das war nicht immer so.«

»Ich kenne sie mittlerweile sehr gut. Sie hat ihre Fehler eingesehen.« Meine Ahnenschwester nimmt meinen Kopf in die Hände und küsst mich. »Beruhige dich, Iosain. Das wird schon klappen mit der Königin und der Reise. Sei unbesorgt. Wir alle passen auf euch auf.« Sie lächelt mir aufmunternd zu. »Und jetzt erzähl mir etwas von deinen Reisen. Du musst ja viel mehr erlebt haben als ich.«

Ich weiß, sie will mich nur ablenken. Also gehe ich auf sie ein. Berichte von der mühseligen Überfahrt zurück nach Indonesien. Dann die langen Märsche durch die Ebenen Asiens, am Himalaya vorbei über die Gebirge Persiens bis nach Europa. Da war sie schon längst in Al Erador angekommen.

»Ich kann mich noch erinnern, wie Eosine mir dereinst sagte, dass du auch aufbrechen wolltest, um mich zu suchen. Um bei mir zu sein«, erinnere ich mich.

»Ja, als wir uns trennten, war meine Liebe zu Tanatanjapol so groß, dass sie den ganzen Horizont ausfüllte. Ich brauchte nirgends mehr hingehen, denn ich war mit ihm bereits da.« Sie schaut mich merkwürdig an. »Aber dann, später, da überkamen mich wieder die Sehnsüchte, die mich an deiner Seite durch die Länder getrieben haben. Die Abenteuer...«

»... und all die Mühsal, auf die du gerne verzichten würdest.«

386 »Nein, ich hätte sie oftmals gegen das langweilige Herumsitzen in Uluru eintauschen mögen.«

»So seid ihr nicht zufrieden hier?«

Sie zögert. »Doch. Aber wir waren einmal Nomaden, liebten das Wandern. Blieben nie länger an einem Ort. Du weißt schon. Du hast es gut gehabt.«

»Gut? Das war durchaus schwierig, immer tiefer in die Fremde zu ziehen. Und mit all der Verantwortung meinem Clans gegenüber.« Ich halte einen Augenblick inne. »Manchmal war ich sehr verzweifelt. Vor allem, als in Europa das Mittelalter anfing. Das war die schlimmste Zeit. Die Bevölkerung begann, sich schlagartig zu vermehren. In den Dörfern entstanden Krankheiten. Kriege zwischen Kleinfürst und Städten waren an der Tagesordnung. Und vor allem die Kirche mit ihrer Inquisition. Das war auch für uns ein wahres Spießrutenlaufen. Denn wie du weißt, waren wir den Menschen in der Wissenschaft weit voraus. Doch das machte sie misstrauisch. Alles, was sie nicht verstanden, musste mit dem Teufel zugehen.«

Sie lehnt sich an mich, und wir schauen zum Brunnen, aus dem zu allen Seiten zahlreiche Bäche rinnen. Eine tiefe Ruhe erfasst uns, und wir sehen schweigend zu den Menschen um uns herum, die einer Arbeit oder anderem nachgehen.

»Glaubst du, wir werden auf ewig hier bleiben müssen?« Tikone schaut mich mit ihren großen Augen an.

»Das kann ich nicht sagen. Denn ich bin mir nicht sicher, wieweit sich unsere Geschichte mit dem Auslöschen der Neandertaler selbst verändert. Keiner kann das sagen.«

»Glaubst du, dass es uns dann selbst nicht mehr geben wird?«

»Uns Tjuokurpa?«

»Nein. Dich und mich.«

»Doch. Aber vielleicht werden wir andere Abenteuer erleben. Zumindest ab dem Zeitpunkt, wenn der Komet vor gut 25.000 Jahren auf die Erde geht.« Ich halte ein, um mich zu verbessern. »Aber wahrscheinlich wird er erst viel später – wenn überhaupt – einen Einfluss auf uns beide haben. Ich glaube sogar, dass wir garnichts persönlich davon spüren werden. Oder«, und ich grinse meine Ahnenschwester an, »oder willst du unbedingt, dass er dein Leben verändert. Dass du jetzt anders sein wirst.«

Sie denkt eine Weile ernsthaft darüber nach. »Nein, nicht wirklich. Es wäre sowieso egal. Wichtig ist, was wir aus dem machen, was wir haben. Oder dem wir begegnen.«

»So spricht meine kleine Schwester«, flüstere ich ihr ins Ohr. Und lehne meinen Kopf an den ihren.

Unsere Sinne pulsieren im selben Rhythmus. Die Welt gerät in Bewegung und ändert ihr Gesicht. Mit jeder Sekunde verstreicht ein Teil von ihr, um einem anderen Platz zu machen.

Vor mir sehe ich Isamira am Brunnen sitzen. Auch sie ist nicht allein. Eosine sitzt bei ihr und spricht auf sie ein. Schnell kommen ihr die Worte über die Lippen, als bliebe ihr nicht viel Zeit, sie noch zu bekehren.

Halma lehnt mit der Schulter an einer Säule aus Alabaster, wie ich sie aus der Höhle in den europäischen Alpen her kenne. Dort, wo wir das Quuanqunquum fanden. Sie scheint sehr ruhig, aber ich weiß, wie sie innerlich aufgewühlt ist. Doch sie bleibt stumm und beobachtet mich nur vorsichtig, als wolle sie jedes Wort, das zu mir dringt, erst einmal untersuchen.

»Siehst du auch den Saft, der wie Honig an seinen Stämmen herunter rinnt«, raunt mir Eosine zu. »Hier ist seine Heimat. Und hier wird Quuanqunquum wieder reifen. Und das ist die beste Zeit, um zu reisen.«

Ich sage nichts, denn ich weiß, dass sie mich nur beschwichtigen will. Damit ich auch ja das mache, was sie wünscht.

»Von hier werden die Tjuokurpa zu einer neuen Macht. Wir treten in die Fußstapfen unserer Vorahnen und werden wie sie die Geschicke der Menschheit lenken.«

Sie versucht, meine Aufmerksamkeit zu erhalten. »Gleichzeitig ist diese erste Reifung die Sicherheit der Geschichte. Denn nur aus der Blüte einer Königin, wenn sie das erste Mal Pollen bildet, kann ein Ring erwachsen. Ein Ring, wie du ihn einst gefunden hast. Und wie er unser Volk erneut stärkt und es zu den Wächtern der Erde macht.«

»Du meinst, wir brauchen wieder einen Ring, um eine neue Königin zu schaffen?«

»Ja, denn das Geschlecht der Königinnen darf nicht mehr aussterben!«

»Was macht dich so sicher, dass ihn diesmal nicht ein anderer finden wird. Jemand, der nicht zu den Tjuokurpa gehört.«

»Das kann schon sein«, bestätigt sie mir widerstrebend. »Aber dann ist er nutzlos, denn nur wir, die durch eine einzige Vermischung gegangen sind, können ihn verwenden. Nur auf uns wird er hören, um uns zur Königin zu führen.«

»Was wird dann geschehen?«

»Erst, wenn ihn einer von uns erhält, kann die Geschichte neu geschrieben werden.«

»So müssen wir ihn also so schnell wie möglich finden.« Irgendwie erschreckt mich dieser Gedanke, denn ich weiß nicht, wo ich suchen sollte.

»Nein, Isamira«, antwortet mir Eosine ruhig, »es ist der Ring, der zu dir kommt.«

Ich erinnere mich noch sehr gut meines alten Ringes. »Sein Name ist Eloahim. Wer gab ihm diesen Namen? Und wer«, hier hebe ich beide Hände, »wer ritzte diese Zeichen hinein?«

Eosine nickt. »Zeichen und Namen stammen von den Ahnen. Es ist die Kraft des Samens, der sich wie ein Schmetterling in einer Metamorphose wandelt. Und all seine Eigenschaften, seine Macht und die Zeichen sind Teil einer Bestimmung, uns zu Quuanqunquum zu führen. Denn wisse, der Ring ist der Mittler zwischen Pflanze und Tjuokurpa. Ohne ihn würden wir nie die Macht seiner Königin erhalten.«

Jetzt rührt sich auch Halma und wendet sich an Eosine. »Irgendwie hoffe ich, dass wir nie einen zweiten Ring finden werden... Aber wenn es doch geschieht... Vorausgesetzt, es gelingt Isamira und Iosain wirklich, eine neue Königin zu erschaffen: Bevor die beiden aufbrechen zu dieser Reise, die uns alle eine ungewisse Zukunft verschafft, musst du mir eines versprechen: Informiere Isamira, die Isamira der Vergangenheit, rechtzeitig, damit sie sich nicht in der Nähe des Kometen befindet, wenn er auf die Erde trifft. Denn wenn nicht, werde ich sie nie wieder sehen.« Und Tränen füllen ihre Augen.

Eosine sieht sie ernst und stolz an. »Ich habe immer deine Loyalität bewundert, Halma. Und glaube mir, es wird mir nichts wichtiger sein, als das Isamira heute und auch damals überlebt.«

Um uns tritt Unruhe ein. Ich merke, dass die Prozedur beginnt. Henin kommt zu uns. Und Iosain, Eosine, Halma und ich erheben uns, um in das tiefste Karan Al Eradors zu Fuße Tarrangas zu gehen, in dem die Pflanzen sind, die für die Prozedur bereitgestellt wurden.

Eosine hat in den letzten Tagen alles vorbereitet. Die neuen Quuanqunquum hier ergeben ein Feld aus halbhohen Bäumen inmitten der verwelkten, alten Kräuter, die nicht einmal metergroß sind. Alles ist in einen Duft von Vanille getaucht, der aus den frischen Kelchen meiner Pflanzen strömt. Er ist jetzt so stark, dass er fast betäubend wirkt und mein Bewusstsein einerseits einlullt, andererseits für die notwendigen Kleinigkeiten schärft.

Ich streichle ihre Blätter. Sie sind so glatt, dass meine Finger kaum spüren, wie sie über sie gleiten. Ich schaue in die Blüten, öffne ihre Stempel. Ein Hauch von starkem, schwerem Moschus schwillt mir entgegen. Goldgelber Staub schwirrt durch den Raum und zieht mit der Luft nach oben. Dort öffnet Eosine jetzt einen langen Fensterschacht zur Oberfläche, wo die Sonne ist. Es ist der Mond, der die Königin beruhigt. Aber es ist die Sonne, die ihre ganze Kraft entfacht. Gleißend brechen ihre Strahlen in Uluru ein. Erhellen die Dunkelheit und Erwärmen die Pflanzen. Ich sehe, wie sich die Reihen Quuanqunquums dem Lichte zuwenden. Und in der rasch aufkommenden Hitze verschmelzen ihre Köpfe. Wir alle fühlen diese Glut wie die Nähe Tarrangas. Und aus dem Inneren der Blütenknospen züngeln kleine Flammen, die wie eine goldene Aura um uns tanzen und Raum und Zeit verdrängen.

Aus einer kleinen Öffnung im Boden steigen feuchte Gase empor. Sie scheinen aus der dunklen Flüssigkeit des Vulkans zu kommen und riechen süßlich und sind kaum sichtbar. Eosine hat mir gesagt, dass es Ethylen ist, das mit dem Wasserdampf hierher gelangt. Es ist ein Kohlenstoffgas, das Pflanzen als Hormon produzieren und stammt aus den organischen Ablagerungen der untersten Schicht. Dort, wo der Humus der schwarzen Erde lagert. Ich fühle, wie mein Gehirn angeregt wird und sich die Sinne aktivieren.

Sie hat mir versichert, dass diese Art Trance mich und Iosain noch enger mit der Pflanze verbindet – was ich nun wirklich nicht nötig habe. Doch diesmal bin ich ohne Ring. Ich weiß nicht, was geschehen wird. Wie soll hier eine Königin entstehen?

Ich konzentriere mich. Die Hitze, die rasch stärker wird, nimmt mir den Atem. Schon umhüllt sie flirrend unsere Körper. Schweißperlen rinnen mir die Stirn hinunter. Ich hole tief Luft, bis meine Lungen glühen. Dann fixiere ich die rosa Kelche der Pflanzen. Rieche den betörenden Duft ihrer Blüten. Fühle, wie sich die Hitze Tarrangas weiter unter meinen Füßen ausbreitet. Meine Gedanken schwirren wie Vögelchen. Aber der Kopf bleibt leer. Quuanqunquum reagiert nicht.

Da merke ich, wie Wärme und Kühle gleichzeitig an meiner Seite pochen und meinen Körper empor kriechen. Iosain ist zu mir getreten. Jetzt legt er eine Kette an seinem Hals frei, die zuvor unter dem Hemd verschwunden war. Daran holt er einen kleinen Beutel hervor, öffnet ihn und führt seine Hand zu mir. Vor meinen Augen liegt ein kleiner, platter Splitter Metall mit einem Loch darin. Es sieht meinem Ring, den ich einst trug, etwas ähnlich.

»Vielleicht hilft er weiter«, flüstert er mir leise zu. »Auch wenn er nur ein Teil dessen ist, was einst der Eine war. Aber er ist von ihm gesandt worden, mich zu holen. Damit wir endlich vereint sind. Doch erst hier findet sich seine endgültige Bestimmung!«

Erstaunt nehme ich den Reif an mich. Wende ihn und betrachte ihn von allen Seiten.

»Ist er es, ein Stück von deinem Ring, dem Samen der Pflanze?« fragt er zitternd.

»Ich kann keine Buchstaben in seinem Inneren erkennen«, raune ich ihm zu. Auch ist er nicht so groß wie Eloahim, der Eine. Den ich trug. Er geht an keinen Finger. »Ich weiß es nicht.«

»Auch wenn er deinem Ring nur ähnelt – vielleicht auch gar kein Ring ist, so ist er doch ein Teil dessen, das mich zu dir brachte.« Iosains Verstand denkt logisch.

»Ja«, hauche ich. »Lass es uns versuchen.«

Sanft lege ich den dünnen Reif in den Kelch der Blüte vor mir, wie ich es einst in der Höhle der Alpen getan hatte. Doch es geschieht immer noch nichts. Ich nehme ihn wieder heraus und lege ihn in die nächste Pflanze. Aber Quuanqunquum will nicht zu mir sprechen. Ich gehe die Reihe der Kräuter ab. Umfasse ihre Stiele, streichle ihre Schäfte, liebkose die rosa Blüten. Doch nirgends eine Reaktion. Iosain nimmt mich in die Arme. Er bemerkt meine wachsende Verzweiflung. Küsst mich, dass ich seine Liebe am ganzen Körper spüre. Gänsehaut überzieht meine Arme und Beine. Es ist ein Gefühl, als ob ich schwebe. Es ist weniger als die Leichtigkeit einer Feder, das Nieseln einer Schneeflocke. Es ist, als ob der Odem eines Windhauchs uns erfasst und wie ein Blütenpollen durch die Luft trägt.

Bei einer der Pflanzen sehe ich sogleich eine Veränderung. Auf ihren Blättern gewahre ich mein Gesicht – nein, unser beider Antlitz! Ihre Blüte erhält rote Farbtupfer, als wir uns ihr zuneigen. Dann lege ich den Reif zu ihr. Sofort entflammt ihr Kelch, als hätte ein Blitz eingeschlagen. Und heller Widerstrahl blendet uns für kurze Zeit. Als wir wieder die Augen öffnen, hat sich der Ringableger fest um den Stempel der Blüte geschlossen. Kleine Samenfäden züngeln aus dem Fruchtknoten, wie ich es beim ersten Mal erlebt hatte. Die herzförmigen, grünen Blätter strecken sich nach mir und Iosain, als ob sie unser begehren. Ich fühle die feuchte Haut von Iosains Lende an mich gelehnt. Klatschnass klebt mir das Haar an der Stirn. Jetzt, in der höchsten Hitze, kaum noch erträglich, dass sich fast unsere Augen schließen vor Qual und Wonne zugleich, erhebt sich Quuanqunquum majestätisch wie im Anbeginn der Zeit. Und ich spüre – alle spüren es – eine neue Königin wird geboren. Und mit ihr eine Zukunft, die alles vergessen lässt, was uns einst in eine solch große Angst versetzt hat.

Und wir fühlen, wie sie uns mitnimmt, zu sich nimmt, uns in sich aufnimmt, während sie aus Uluru emporsteigt und mit uns durch die Atmosphäre hinaus zu den Sternen fliegt.



Der Aufprall wird eine riesige Menge Boden ausheben und in die Atmosphäre werfen. Darauf folgt die Druckwelle, die jeden in ihrem Umkreis kilometerweit durch die Lüfte schleudert. Gefolgt von Geröllregen, der niederprasseln wird und alles, was ihm noch nicht entronnen ist, erschlägt.

Die Luft wird voller Staub sein und nicht mehr atembar. Hitze und Feuer werden auf uns herabregnen. Und dann wird sich zum Schluss einer der Söhne Tarrangas erheben und seine Schlote öffnen. Alles, was in seiner Nähe ist, wird von ihm eingesogen und im Herzen seiner Feuer geschmolzen. Lava wird sich bilden und pyroklastische Ströme die Berge hinabfließen. Gefolgt von entsetzlichem Donner, der Gesteinsbrocken von Häusergröße mit sich trägt.

Dieses Szenario ist nur eine kümmerliche Annahme dessen, was uns wirklich passieren wird. Und keiner von uns kommt da lebend heraus. Also müssen wir uns etwas einfallen lassen, dem Inferno bereits vorher zu entgehen.

Ich schaue zu Iosain. Er ist überall und zugleich um mich herum. Unsere Körper berühren sich. »Ich liebe dich«, sage ich. Er ergreift meine Hand und drückt sie leicht. Hat er dieselbe Angst wie ich. Jetzt, wo unsere Reise begonnen hat?

Ich fühle, wie seine Finger zittern. Fühle unseren Schweiß, der die Innenfläche unserer Hände befeuchtet. Und fühle ihr Herz, das neben mir schlägt mit einer Kraft, daß die Wände um uns herum zu vibrieren beginnen. Auch auf mein Gemüt hat sich jetzt der Duft des Quuanqunquum gelegt. Ich merke, wie ich meine Füße kaum noch fühle. Mehr schwebe. Schon, als wir begannen, nach oben zu gleiten. Zu den Felsen, durch sie hindurch, bis letztlich das dunkle Himmelsgewölbe uns umfaßte. Die Gegenwart und Fürsorge der Königin ist stets bei uns.

Der Mond scheint voll und breitet sein sanftes Gemüt über uns aus. Schwarz der Himmel, als wir uns ihm nähern. Doch immer öfter öffnen sich jetzt Sterne. Vereinzelnd, dann mehr, bis das gesamte Firmament von ihnen übersät ist.

Jetzt erinnere ich mich wieder der Mission. Das Problem liegt nicht nur darin, den Kometen aus seiner Bahn zu werfen und auf die Erde stürzen zu lassen. Es verbindet sich mit der Aufgabe, dem Impakt selbst zu entgehen.

Die einzige Möglichkeit, beides zu tun, den Kometen zu steuern und nicht in die Nähe des Einschlags zu geraten, ist, alles von hier oben zu regulieren. Aus der Höhe des Universums, in der sich keine Weite messen lässt und keine Größe. Nur von hier vermögen wir der Physik der Gestirne habhaft zu werden. Aber nicht mit der Kraft unserer Körper oder dem Wissen unserer Technik. Hier oben gibt es keine menschlichen Maßstäbe mehr. Hier herrschen andere Gesetze, die wir nicht kennen. Hier sind wir allein. Allein mir uns und der Pflanze. Ich sehe sie nirgends, denn mein Körper ist in ihr. Ich bin sie. Ich kann sie lenken, wohin ich will, ohne zu atmen oder die Kälte des Weltalls zu spüren.

Neben mir nehme ich eine andere Aura wahr. Es ist Isamira. Sie scheint von einem bläulichen Schleier umflort, durchsichtig und von weißlichen Fäden umkränzt. Sie schwebt auf und ab, als ob sie gegen die Gravitation ankämpft. Die ist hier geringer, und deshalb bewegt sie sich schneller. Versucht, ihren Rhythmus anzugleichen. Als ob sie die Zeit auspendelt. Denn wir wollen ins Innere der Erde.

Wir sind 25.000 Jahre vor unserer Zeit. Wenn der Komet erscheint, dann wird alles sehr langsam ablaufen und doch nur einige Nanosekunden währen. Wir werden ihn in die Masse der Erde ziehen. Mit der Macht von Quuanqunquum. Er wird dabei eine Geschwindigkeit erreichen, die so groß ist, dass sich jegliche Physik in ihm und um das, was er berührt, verlangsamt. Denn je massereicher unsere Umgebung wird, umso träger läuft alles ab. Dann ist der beste Zeitpunkt, wieder ins Weltall zurück zu steigen. Keine elektromagnetischen Kräfte werden uns bremsen, kein Hindernis sich uns entgegenstellen.

Ich orientiere mich an Isamira. Sie hat Erfahrung mit diesen Ausflügen, wenn auch nur geistig. Kennt das Reisekraut bereits. Obwohl ich keine Schwierigkeiten habe, mich mit ihm zu bewegen, ist mir dieser Zustand des Schwebens doch ein wenig unheimlich. Dazu hier oben, im Bereich der Sterne, zu denen Isamira bereits eine lange Beziehung hat.

Sie wippt immer noch. Ich sehe ihren Körper, wie er sich auf- und niederbeugt, um die Kräfte der Beschleunigung auszugleichen. Zumindest sehe ich das Schemen ihrer Aura, das Gestalt annimmt und mich mit ihr verbindet.

Die Kräfte des Kosmos zerren an mir. Ich lehne mich vor und erkenne, wie die Königin nun ebenfalls versucht, in meinen Rhythmus zu gelangen. Wir sind frei, zu fliegen. Und die Richtung ist unser Wille. Ich habe ein Augenmerk auf Iosain, wie es ihn umher schaukelt. Doch hauptsächlich konzentriere ich mich auf das Gleichgewicht zwischen Geschwindigkeit und den Gravitationskräften der umliegenden Gestirne. Und starre in den Weltraum, um den Kometen auszumachen, sobald er auftaucht.

»Wie fühlst du dich?« frage ich ihn und wundere mich sogleich, dass diese Töne von meinen Lippen kommen, und er sie hören kann.

Und tatsächlich erhalte ich eine Antwort. »Mir ist etwas schwindelig. Aber das legt sich, hoffe ich, wenn wir in der Erde sind. Auch wenn es nicht lange dauern wird.« Seine Stimme klingt hohl, aber was will ich schon erwarten. Ich denke, die Aura des Quuanqunquum schirmt alles ab, was außerhalb unseres Lebenssystems ist. Wir selbst sind zwei eigenständige Entitäten. Da kommt das, was zwischen ihm und mir gesagt wird, wohl mehr wie ein Gefühl herüber.

Zeitgleich mit diesen Gedanken ereilt mich ein Schwall heftiger Sinneseindrücke. Erstaunen und Entsetzen. »Da ist er. Der Komet!« ruft Iosain.

Ich schaue in seine Richtung. Und wahrlich. Mit seinem von der Sonne abgewandten Schweif rast er auf uns zu. Grünblau glitzert das Gas, das ihm entströmt.

»Das ist doch das, was du wolltest«, rufe ich ihm zu. »Jetzt hast du dein Abenteuer im Weltall.«

»Allerdings fehlt mir dazu das passende Raumschiff. Als ich damals in Marrakesch davon sprach, habe ich mehr an eine mir vertraute Technik gedacht.«

»Dann gewöhn’ dich schnell um. Du bist ja noch jung!«

»Zumindest zu jung, um schon zu steeerben...«

Ich schieße nach unten, er in meinem Gefolge. Der doppelt verstärkte Sog, der dabei entsteht, ist aber kein Luftwirbel, sondern ein Gravitationstrichter, dessen Anziehung kurzfristig das Mehrfache der Sonnenmasse annimmt.

Diese Zeitspanne einer Nanosekunden genügt jedoch, um die Bahn des Kometen umzuleiten. In unsere Richtung zu ziehen. Wir befinden uns bereits im Erdmantel. Nichts kann uns mehr aufhalten. Unsere Geschwindigkeit ist nicht mehr messbar. Die Zeit scheint stehenzubleiben. Nicht einmal die Sterne flackern. Das Universum ist eingefroren.

»Schnell, fort«, rufe ich, denn der Komet steht riesengross über uns... nein, er hat uns bereits erreicht. Ich merke, dass ich noch nicht einmal das gesagt habe, sondern gerade erst sagen will.

Wie soll ich es dann Iosain mitteilen, wenn alles bereits passiert, bevor ich reagieren kann?

Aber schneller als das gesprochene Wort sind die Gefühle. Nicht einmal Gefühle. Es ist ein Instinkt zwischen Iosain und mir, der innerhalb der Auren wirkt wie ein einziger Verstand. Es ist mehr, als die Neuronen unserer Gehirne vermögen. Es sind die Neuronen der Pflanze, die sich mit uns und auch mit dem Kosmos verbunden haben.

Erde und Komet verharren scheinbar voreinander, während er bereits beginnt, sie zu durchdringen. Und die freiwerdende Energie ist groß. Während ihres Zusammenpralls und der Bildung des Gravitationstrichters im Erdinneren aber vergeht keine Zeit, sondern Zukunft. Und an ihre Stelle tritt etwas anderes: Inmitten der Aura unserer Königin entsteht ein goldener Ring, geschmiedet aus Sternenstaub und den Elementen selbst.

Und noch bevor ich merke, was weiter geschieht, habe ich schon gewendet, Iosain an meiner Seite. Im selben Augenblick sind wir wieder hoch über der Erde. Fliegen zurück zu den Sonnen und Planeten. Ins Gewölbe der Sterne.

Unter uns erhellt sich ein Fleck, der schnell größer wird. Doch weit entfernt, wie die Erde nun ist, erlischt er sogleich. Dennoch ist sie wie von einer Faust erfasst worden, einer gewaltigen Explosion, die sie in eine Wolke hüllt. Der Ball aus Stein und Wasser dreht sich weiter, während sich wie ein Streifen um ihn herum eine dunkle Staubwand verteilt. Dann vergeht die Zeit und mit ihr der graue Mantel aus Schutt. Weißliche Behänge von Gasen und leichter Zirrus verteilen sich über die Wolken.

Die Erde ist so winzig aus dieser Perspektive. Aber das Blau ihrer Meere, das nun wieder hervortritt, und die Farben ihrer Kontinente, die zu einem grauen Rot verschmelzen, prägen sich mir unvergessen ein. Und aus noch viel größerer Entfernung – wir sind bereits hinter dem Mond – erkenne ich nur noch das weißblaue Braun ihrer Kugel.

Aber meine Augen kehren immer wieder zu dem Ring zurück. Wie er im gravitatonsfreien Raum vor uns schwebt. Leuchtet, als ob er uns grüße. Ist er das neue Unterpfand unseres Volkes? Und zugleich sein Beginn und Fortbestand?

Auch Iosain hat ihn entdeckt, jetzt, wo wir wieder ruhig atmen können. Seine Augen wenden sich mir zu und kehren zu ihm zurück. Dann nimmt er ihn auf und steckt ihn mir an den Finger. Schweigend. Denn welche Worte könnten das Geschenk beschreiben, das uns gerade von Quuanqunquum dargereicht wurde.

Ich streichele Iosain zärtlich über die Wange. Nehme sein Hände in die meinen, so dass sich der Ring zwischen uns einbettet. Dann fliegen wir weiter, zu den Sternen, die nun so zahllos sind, dass sie den ganzen Kosmos besprenkeln. Wo wir uns auch hindrehen, sie sind schon da. Und zwischen ihnen immer wieder dieses einsame Schwarz, schwärzer als eine Nacht auf der Erde. Schwärzer als jede lichtlose Zone, die tiefste Grotte Al Eradors.

Und wir umarmen uns, und unsere Auren gehen ineinander über. Wir lieben uns unter den Sternen. Wir tanzen und surfen durchs Weltall, in einer Wolke aus durchsichtigem Plasma. Und wir singen die Lieder des Caribberi und des Djibbiwaddi, die wir einstmals in der neuen Heimat erfanden.

Auch jetzt holt uns das Glück wieder ein. Empfindungen jenseits aller Geschicke, die wir je durchmaßen, umtosen uns. Und wir tragen alles hinaus ins All, auf das es die Ahnen erreicht und ihnen kündet, dass wir nun bereit sind, ihre Aufgaben zu übernehmen.

Und wir lieben uns erneut, denn nichts ist so schön, als im Zustand der Schwerelosigkeit mit den Körpern zu spielen. Sie sind so leicht, dass wir uns kaum anzustrengen brauchen. Und sie sind so perfekt, dass alles, was wir miteinander tun, zu reinem Vergnügen wird.

Ich schaue sie an, und ich weiß, ich werde sie nie wieder loslassen. Doch dann denke ich daran, dass auch ich vergänglich bin. Und nie wieder will ich zurück, um zu sterben. Nur hier, zwischen den Sternen, kann ich mit Isamira leben. Denn hier gibt es keine Zeit, die unser Leben begrenzt. Und nur hier weiß ich, dass wir uns nie trennen werden. Denn zwischen den Gestirnen ist so unendlich viel Platz für uns, dass ihn keiner uns streitig machen wird. Und wir auf ewig durch die Straßen der Sterne ziehen werden, ohne zu ihrem Ende zu gelangen.

Und irgendwo da draußen ist der Ort, von dem der Komet stammt. Millionen Lichtjahre von hier entfernt. Im endlosen Feuer der Sterne, die mir ihr Funkeln vor Anbeginn meines Lebens sandten. Gibt es dort etwas, das ihn schuf? Und kommt er von da, wo auch unsere Ahnen eine Bleibe fanden? Hier, im unendlichen Dasein des Alls erreicht mich eine Idee: Haben sie ihn etwa geschickt? Ich schüttele den Kopf. Warum sollten sie? Diese Fragen werde ich wohl nie beantworten können.

»Schau die Erde«, ruft mir Isamira mich selbst wieder ins Gedächtnis, »wir haben sie weit hinter uns gelassen. Lasst uns jetzt zurückfliegen. Denn sie ist das Schönste, was ich je gesehen habe.«

Nur unwillig drehe ich mich herum. »Das Schönste, was ich sehe, bist du, Isamira.«

Sie lacht auf, und in ihrer Stimme höre ich die Fanfaren der Zukunft, die mich rufen. Und in ihren Augen sehe ich die Brunnen Al Eradors, wie sie ihr Wasser über die unterirdischen Wiesen verteilen.

Ich lache immer noch. Sehe ihn mir an, hier in dieser ungestörten Weite. Sehe die Wellen der Meere, die seine Augen schlagen. Und mir kommen Tränen, die ich schon lange zurückgehalten habe. Und die nur für diesen Augenblick des Glücks bestimmt sind, wenn ich mit ihm über die Erde fliege. In eine Zukunft hinein, die so neu ist, wie das Baby, dass nun in mir wächst. Schon spüre ich seine ersten Bewegungen. Die heraustretenden Glieder seines Körpers. Und in diesem neuen Leben, dass in nicht mehr als sechs Monaten geboren sein wird, erkenne ich die Bestimmung der Menschen.

Und ich halte Iosain fest, als die Erde wieder vor uns auftaucht. Heller als je zuvor. Und wir nähern uns einer Zeit, die sich inzwischen um 25.000 Jahre gewandelt hat. Einer Ära, von der wir nicht wissen, ob es sie so noch gibt, wie wir sie verlassen haben. Und ob es uns noch gibt, die wir nun zurückkehren.

Ich betrachte und fühle den Ring an meinem Finger. Geschmiedet in der kosmischen Energie eines kleinen Wurmlochs. Wird er uns führen und ewig mit Königinnen versorgen? So wie es der Eine getan hat.

Der Eine. Er hat mich zu den Neandertalern geführt. Und damit in eine große Ungewißheit. Denn was werde ich diesmal gemacht haben? Wird es die Neandertaler noch geben? Die unglücklichen Henker unseres Schicksals.

Ich klammere mich an Iosain, dass meine Finger schmerzen. Mein Herz bangt und bebt, weiß nicht, ob es sich freuen soll. Und bevor wir landen, in einem Schwall aus rosaroten Kelchen, lege ich seine Hand auf meinen Bauch, damit er spürt, dass die Zukunft, die vor uns liegt, von uns erfüllt sein wird. Und alles, was ich bisher gefühlt und erlebt habe, spiegelt sich in seinen Augen. Einem Gestade, in dem ich schon seit meinen Erinnerungen hoffte zu landen.

Dann schweben wir eine Weile über die Küsten des Kontinents unter uns, bevor wie in den Hafen einer Erde einkehren, die nun für immer meine Heimat sein wird. Eine Heimat, erfüllt von den Gerüchen der Pflanze und den Wegen, die uns immer wieder hinausführen werden und uns doch stets dorthin zurückbringen, wohin mich meine Wanderungen nie zuvor getragen haben.

Und alle Sterne, die ich hier oben gesehen habe, werden von meinen Reisen künden. Damit ich weiterhin glaubhaft erzählen kann. Bis zu den Tagen, an denen ich nicht mehr existiere und andere an meine Stelle treten. Um vom Leben der Tjuokurpa zu berichten und einer Zukunft, in der die Menschen alle gemeinsam und friedlich und in einer erfüllten Zukunft miteinander zusammen leben werden.