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Literatur

Saga Homo Novalis

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Orin Schleuderhand 41.655

S eit wir dem Großen Stern gefolgt sind, damals vor der Überquerung der Großen Wasser, haben wir das Quuanqunquum gesucht. Wir haben ein Floß gebaut, mit dem wir nach Tagen das andere Ufer erreichten. Dem Tode näher als dem Leben.

Doch wir haben nie aufgegeben. Wir glaubten und glauben an das, was uns Aerandil versprochen hat. Und ich werde nicht aufhören, sie zu suchen. Die Pflanze, mit der wir durch die Zeit reisen können. Und die es uns ermöglicht, beschwerliche Wege wie jetzt zu meiden.

Al Erador kann nicht mehr fern sein. Der Born ewigen Lebens. Wo Zeit und Weg keine Rolle spielen. Viele Stämme haben es gesucht. Doch mir ist klar, dass es nicht an den Küsten sein wird, wo wir einst gelandet sind. Aerandil hat gesagt, dass die Höhle der Pflanze in einer Wüste liegt. In der Nähe eines Vulkans. Deshalb werde ich mich ins Landesinnere begeben. Auch wenn ich dann den Schutz anderer Clans verliere.

Sander hat mir versichert, dass es einige andere gibt, die auch erwägen, die Küste zu verlassen. Hier haben wir bislang noch die vertrauten Dinge gefunden, die wir aus unserer alten Heimat kennen. Pflanzen und Fische sind denen der Flüsse und Wälder des Lamatts ähnlich. Muscheln, Schnecken, Krabben und die Eier von Schildkröten gibt es. Selbst Beeren und Kräuter sind den Frauen, die sie sammeln, nicht unbekannt.

Nur für uns Jäger hat sich einiges gewandelt. In den Flüssen lauern Krokodile, die schnell und gefräßig sind. Das Durchqueren von Wasser erscheint mir daher ausgesprochen risikoreich. Auch ist deren Haut sehr hart, so dass unsere Messer sie kaum durchbohren können. Aber es traut sich sowieso keiner in ihre Nähe.

Ähnlich geht es uns mit den Echsen und Schlangen. Die einen sind riesig, so dass wir davon ausgehen, dass sie auch uns fressen können. Die anderen haben sich leider schon als äußerst giftig erwiesen. Zwei aus unserem Clan sind bereits an ihrem Biss gestorben. Und das ist kein Einzelfall, wie ich von anderen Clans höre.

In einigen Tagen, wenn die Sonne mehrere Bögen verstreichen lässt, wollen wir aufbrechen. Heute Abend wird Caribberi sein. Wir werden ein letztes Mal tanzen und feiern. Und Thoranda bitten, uns bald zum Quuanqunquum zu führen, bevor unser Clan den unbekannten Gefahren dieser Wildnis erliegt.

Es war harte Arbeit, alle Familien davon zu überzeugen, dass sich die Pflanze nur im Zentrum dieser Landschaft verbergen kann. Sie muss außerhalb des Djungels sein, eingerahmt von sandiger Savanne. Und sie liegt weit entfernt von hier, denn unsere Kundschafter haben hier nichts anderes gefunden als dichten, undurchdringlichen Wald. Später sollen sich weite, trockene Grassteppen anschließen. Doch immer unterbrochen von Flüssen und üppigem Dickicht.

»Orin«, ruft Arine, »komm endlich. Du musst dich für das Caribberi vorbereiten.«

Was sie meint, ist, sie will mich vorbereiten. »Bin gleich da«, murmel ich resigniert vor mich hin, denn allzu bunt liebt sie die Tänze.

»Setz dich«, gibt sie mir zu verstehen, als ich im Kurul eintreffe. »Und leg endlich deinen Speer ab.«

»Das ist kein Speer«, wage ich zu wiedersprechen.

»Was auch immer du da wieder mitgebracht hast, leg es endlich weg.«

Ich stelle den Stab an die Innenwand des Kurul. Er ist noch nicht fertig. Doch er wird mir auf der neuen Wanderung viel Freude bereiten. Ich hoffe, mit ihm das Jagdglück auf meine Seite zu bringen. Noch zu unbekannt sind uns die Tiere hier. Und es herrschen Gerüchte von noch weitaus gefährlicheren. Draußen, im Innenland.

Arine drückt mich zu Boden. Dann hockt sie sich vor mich hin und befingert meine Wangen. Neben sich hat sie einige Schalen mit Farben und zerstoßenem Gestein. Mit einem Mörser zerreibt sie jetzt einen kleinen Kiesel und füllt die Maße mit Wasser auf. Dann taucht sie einen Finger hinein und zieht mir den Rötel übers Gesicht. Auf der Stirn erhalte ich eine Wellenlinie, die über die Wangen hinabfließt. Am Kinn sammelt sie sich zu einem großen Fleck.

»Jetzt bist du der, der mit dem Boden spricht.«

»Und warum spreche ich mit dem Boden?«

»Weil du dann hören kannst, wo die Tiere sind.«

Sie ist klug, meine Gefährtin. »Aber gib mir noch einen braunen Streifen für das Fell von Arahar. Er ist schließlich mein Totem.«

Sie greift in eine Schale mit gelb-roter Tonerde. Sie ist dickflüssig, und als Arine sie mir an die Schläfen streicht, heften sich ganze Klumpen daran.

»So, nun geh und tanze, Bundjil, die Schleuderhand. Und trinke nicht zu viel Beerenwein.«

Bundjil, die Schleuderhand, denke ich, wird bald einen Schleuderstab haben, der die Hand verlässt.

»Ich geh noch etwas machen«, antworte ich ihr und nehme den Stecken, den ich vorher abgestellt habe, wieder an mich. Er ist bereits durchs Feuer gelaufen und wird nicht brechen. Seine Fasern sind erhitzt und gespannt. Die Rinde ist geschält und seine Haut dunkelbraun.

Ein Speer, wenn ich ihn werfe, fliegt nur so weit, wie es meine Kraft zulässt. Aber was ist, wenn ihn zwei Männer werfen. Oder drei? Er müsste doppelt oder dreimal so weit fliegen. Oder doppelt oder dreimal so wuchtig auf das Tier treffen.

So sehr ich mir auch den Kopf zermartert habe, ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass drei vernünftige Menschen zusammen mit einem dünnen Stock gleichzeitig laufen und ihn dann werfen. Das ergäbe Gelächter am Feuer der Frauen und führte wahrscheinlich nur dazu, dass alle drei gleichzeitig hinfallen würden.

Nein, es muss der Arm eines Mannes sein, der so stark ist wie drei! Sollte ich mehr essen, um kräftiger zu werden? Oder sollte mein Arm länger ausholen, um Schwung zu nehmen? Vielleicht täte es auch ein längerer Arm? Das geht nicht, es sei denn, ich wäre ein Affe der alten Gegend. Also muss ich ihn anders verlängern. Durch einen Zusatz.

Soweit war ich schon vor einiger Zeit. Meine Steinschleuder ist perfekt. Aber sie tötet nicht genau. Sie betäubt oft nur. Bei größeren Tieren hilft sie gar nicht und reizt sie nur. Nein, es muss etwas sein, das sofort und zuverlässig wirkt. Etwas viel Stärkeres. Das aber genauso weit fliegt.

Also ein Speer. Er kann ruhig kleiner und damit leichter sein. Aber je kleiner, umso schwieriger ist er weit zu werfen. Der Vorteil eines kleinen Speeres nützt mir mit meinem Arm nichts. Es muss etwas völlig anderes sein, das seine Kraft besser bei leichten Dingen einsetzen kann.

So habe ich mir vor einem Monat die Beinsehne eines Kängurus herausgeschnitten und sie zusammengezwirbelt. Jetzt hole ich sie hervor. Vor meinem Kurul habe ich eine Nadel aus dem Splitter eines Mammutknochens aufbewahrt. An ihrem dickeren Ende ist eine kleine Öse gebohrt, durch das ich jetzt die Sehne ziehe. Mit der anderen Hand halte ich den Stock der Eibe. Er ist biegsam aber hart wie die Schleuder. Und so hoch, dass er mir bis zum Kopf reicht. An beide Enden habe ich bereits jeweils ein Loch vorbereitet. Hierdurch fädele ich nun die Nadel mit der Sehne ein und verknotet das eine Ende fest am Stock. Dasselbe mache ich an der anderen Seite. Ich achte darauf, dass die Sehne straff gespannt am Stecken hängt. Dieser ist dadurch ein wenig durchgebogen, aber noch ziemlich gerade.

Nun nehme ich einen kleinen Speer aus der Tasche. Er ist nur so lang wie mein Unterarm, hat aber an der Spitze eine scharfe Klinge. Ins andere Ende habe ich eine Kerbe gemacht, in die ich nun die Sehne setze.

Dann hebe ich alles hoch und ziele auf einen Baum, der mehrere Manneslängen entfernt von mir ist. Mit einer Hand halte ich den Stab, mit der anderen ziehe ich den Kurzspeer an der Sehne zurück.

Erwartungsgespannt halte ich die Luft an. Mein erster Wurf soll gut aussehen. Ich habe bewusst einen Baum gewählt, der nicht zu entfernt ist. Sein Stamm ist dick, und ich suche mir eine Astgabelung, die sichtbare Wülste aufweist. Dann lasse ich los.

Mit einem Jaulen zischt der Speer an meinem Ohr vorbei und lässt es heiß aufglühen. Ich will fast aufschreien vor Schmerz, doch dann sehe ich, wie er kurz vor mir zu Boden fällt. Es ist nicht mal ein Fallen. Er trudelt einfach aus. Stolpert und überschlägt sich im dichten Gras. Verwundert schaue ich ihn an, so kurz vor meinen Füßen. Wäre er noch etwas weniger geflogen, hätte er meinen großen Zeh durchbohrt. Ich will es nicht glauben.

Da weckt mich ein merkwürdiger Ton aus meiner Verdutztheit. Es ist Arine. Sie hält sich den Mund. Verdeckt ihn mit einer Hand. Aber ich höre, wie sie gluckst.

»Was war das?« kommt es dann aus ihr hervor, noch bevor ich zu einer Erklärung ansetzen kann.

»Was das war?« beantworte ich ihre Frage. »Kein Ahnung. Ein Speerwurf?«

Jetzt hält sie nichts mehr. Um mich nicht zu beschämen, rennt sie ins Kurul. Ich folge ihr langsam.

»Eigentlich wollte ich einen Baum treffen.«

Sie kriegt kaum Luft. »Dann musst du eben etwas dichter rangehen...«

»Ha, ha.«

»Sei nicht böse, Orin. Tu es doch mit deiner Schleuderhand!«

»Wird wohl so sein müssen.«

Sie bemerkt meine Enttäuschung. »Gib mal her.«

Ich reiche ihr den Stock mit der Sehne.

»Wenn ich ein neues Fell spannen will, dann mache ich es nass und befestige es an kleinen, gebogenen Bäumen, die es auseinanderziehen.« Sie ist die beste Gerberin, seit ich denken kann. Aber warum sagt sie mir das?

»Damit die Bäume das Fell auseinanderziehen können, muss ich sie vorher nach innen biegen. Sie halten das Fell dann unter Spannung.«

Jetzt verstehe ich. »Und dann biegen sich die Bäume wieder gerade. Und ziehen das Fell auseinander.« Ja, aber da fliegt doch nichts davon? Dann habe ich den Geistesblitz. »Die Felle sind festgebunden. Wenn sie es aber nicht wären – wie mein kleiner Speer, dann würden die Bäume sie durch die Luft sausen lassen.«

Oh Thoranda, ich sehe es!

Schnell nehme ich den Eibenstock und biege ihn. Nun hängt die Sehne schlaff herunter. Ich muss sie also noch fester spannen! Dann erhält sie die Kraft, die dreimal so groß ist, wie mein Arm!

Doch ein neuer Gedanke lässt mich innehalten. In all der Aufregung fällt mir eines auf. Hat Arine das etwa gewusst? Vorausgesehen?

Ich sehe sie an. Aber ich wage sie nicht zu fragen. Sie schaut meinem Treiben nach wie vor neugierig zu. Ich habe wirklich Angst vor der Antwort. So harmlos, wie sie tut.

Nachdem die Sehne wieder straff ist, sirrt sie leise, wenn ich sie nur berühre. Der Eibenstab ist wie eine Sichel gebogen. Ich kann mir nicht vorstellen, ihn noch mehr biegen zu können. Vielleicht war Arines Idee doch nicht so gut. Fast schon will mir dieser Gedanke gefallen.

Wir gehen wieder hinaus. Ich lege den Kurzspeer ein. Diesmal achte ich auf meine Füße. Mit aller Kraft ziehe ich ihn hinters Ohr. Wahre diesmal auch etwas mehr Abstand. Doch behalte den Baum fest im Blick. Lasse los. Im selben Augenblick knackt es vor mir. Das Speerende erzittert, als seine Spitze durch das Holz dringt. Doch irgendetwas reißt an meinen Fingern, schüttelt sie auseinander. Meine Hand, die den Stab hält, wird ganz taub. Erschrocken sehe ich sie an. Da kreischt Arine:

»Orin, du hast es geschafft. Du hast den Baum getroffen!«

Dann fällt ihr Blick auf mich. »Was ist dir, Orin?«

Doch das Gefühl der Taubheit geht schnell weg. Ich hebe jetzt stolz den Kopf und zeige zum Baum. »War ein guter Wurf. Und er muss sehr mächtig gewesen sein. Denn er hat noch viel Kraft in meiner Hand gelassen.«

Jetzt gehen wir zum Speer, der im Baum steckt. Nur mit Mühe kann ich ihn wieder herausziehen. Da sagt Arine: »Gib ihn mir, Orin. Er wird heute am Lagerfeuer noch einmal für uns sprechen.«

Das Fest! Es ist schon dunkel geworden, und ich sehe, wie die Leute bereits mit den Vorbereitungen beginnen. Holz aufscheiten. Essen aufwärmen. Sich bemalen. Aerandil hat es uns gelehrt. Wir sind die Tjuokurpa. In unserem Blut fließt das Wissen unserer Ahnen. Und mit dem Blut der Erde bemalen wir uns, um den Göttern zu dienen und von ihnen die Gnade der Jagd einzuholen. Viele von uns sind schon rot und ocker im Gesicht. Einige auch am ganzen Körper, den Beinen und Armen. Und es gibt sogar welche, die sich die Federn von Vögeln ins Haar gesteckt haben. Denn der Große Geist der Vögel will es, dass wir ihrer gedenken, sie ehren und in unsere Tänze aufnehmen.

Einige fangen jetzt zu singen an. So, wie es Tikone, die Schwester des Iosain Biral, zuerst tat. Und die Lieder handeln von der Freude am Leben, der Liebe und von der Jagd. Jeder Stamm hat mittlerweile seine eigenen Worte. Ich komme zum Feuer, das nun glimmt, und singe vom fernen Bären, meinem Totem, dem ich dereinst gefolgt bin, und das mich hier nun verlassen hat. Ich bitte Arahar, sich mir wieder zu zeigen. Sander beginnt, auf und ab zu hüpfen. Und in seinem eigenen Sprechgesang beschwört er den Großen Geist der Bären.

Mittlerweile hat sich die Dunkelheit vollkommen auf die Lichtung gelegt. Wir alle sitzen um mehrere Feuer herum. Es ist der Große Platz, der seine Arme um uns fasst und mit seinen Flammen unsere Gesichter erhitzt.

Hinter den Köpfen der Clanmitglieder, die unruhig hin- und herrücken, gewahre ich die vielen Kuruls. Unsere Zelte und Hütten, die wir nun wieder abbauen müssen. Für eine neue Wanderschaft in noch Unbekannteres. Kalb sitzt mit seiner Gefährtin vor einer hohlen Röhre aus Beinknochen, die er mithilfe Arines an beiden Seiten mit gegerbtem Fell bespannt hat. Wenn er sie beklopft, kommen daraus Töne wie das Stampfen der Büffel. Sie ist sehr laut und eindringlich. Sie gibt einen Rhythmus vor, dem sich keiner entziehen kann. Bald sind alle aufgestanden und bilden einen großen Kreis ums Feuer. Ein jeder zuckt mit den Füßen. Es ist der Moment, die Entzückung meiner Leute zu nutzen und sie in Mut zu wandeln, der zum Aufbruch gehört. Ich gehe in die Mitte.

Hier halte ich den gebogenen Eibenstab mit beiden Händen hoch. Alle fragen sich, was ich damit vorhabe. Sie sollen es erfahren. Arine gibt mir den Kurzspeer. Ich spanne ihn in die Sehne. Dann halte ich über ihre Köpfe hinweg. Als ich loslasse, jagt der Speer in die Nacht hinaus, und von Fern hören wir ein kurzes Klacken, als er irgendwo in einen Baum trifft. Doch sehen können wir ihn nicht mehr. Es ist außerhalb des Feuerkreises.

Zuerst gewinnt Erstaunen die Überhand. Doch dann löst sich die Verwunderung mit den wilden Schreien der Ekstase und Verzückung. Jetzt ist keiner mehr zu halten. Alle stürmen gleichzeitig auf mich ein.

»Wie hast du denn das gemacht, Orin?«

»Zeig das nochmal!«

»Woher hast du diesen Stock da?«

Und: »Wofür ist das?«

»Wofür das ist? Das will ich euch sagen.« Die Trommel ist verklungen, und alle harren gebannt meiner Antwort. »Damit werden wir auf unserer Wanderung immer genug Wild haben. Denn diese Waffe trifft von weitem. Und sie ist gefährlicher als die Schleuder, da sie sofort tötet.«

Jeder weiß, dass wir mit dem Erlegen großer Tiere nicht nur sicherer vor ihnen sind, sondern auch besser durch sie versorgt sind.

»Du meinst, sie wird uns viel Nahrung verschaffen?« Mandarins Bauch muss immer gefüllt sein.

»Soviel wir wollen. Und noch mehr.«

Sander tritt hervor. Er nimmt sich den Stock in die Hand. Wiegt ihn. Prüft seine Spannung und Elastizität. »Ein sonderbares Werkzeug.«

»Es wird mehr tun, als nur dem Jagen dienen. Es ist auch eine Waffe gegen die Gefahren, die in der Fremde auf uns lauern. Sie wird uns beschützen, noch ehe ein Tier uns erreicht hat.«

Sander zupft an der Sehne. »Ich sehe, du hast sie aus dem gemacht, was du hier findest. Es wird gut sein, denn dieses Land braucht seine eigenen Waffen. Und nur was hier wächst, kann sich hier auch wappnen.«

»Wie wirst du es nennen«, fragt Kalb, steht auf und kommt näher. »Ein Kurzspeer ist doch nur das eine. Aber die Hauptsache ist dieser hohe...« Er weist auf den halbmondförmig gespannten Eibenstock.

»... Bogen. Es ist ein Bogen. Wie die Sichel des Mondes.« Arine schaut mich an.

»Sie hat recht, denn sie hat ihn ja erst zum Leben erweckt. Ohne sie wäre er nur ein schlaffes Gerät, um mir die Füße zu zerstechen.«

Jubel erschallt. »Wir haben einen Bogen. Er wird uns auf der Wanderung begleiten und beschützen.«

Arines Blick bleibt unverwandt auf mich gerichtet. Es ist der Blick einer Frau, die mir seit unendlichen Generationen vertraut ist, und die mir doch immer wieder Neues offenbart. Nur selten hat meine Blutlinie eine andere Frau auserwählt. Denn immer wieder gibt es neue Seiten, wo ich dachte, bereits alle zu kennen. Vielleicht sind es auch die bekannten, und nur das Land ist es, das sie in ein anderes Licht setzt.

»So ist das eine der Bogen«, sage ich, »und das andere nenne ich Pfeil. Wie zwei Dinge zusammen gehören, die gemeinsam geboren sind.«

Und ich weiß, dass Pfeil und Bogen so sind, wie Jäger und Beute. Oder Mann und Frau. Ohne das eine kann es das andere nicht geben.

Gleich morgen werde ich den Jägern den Umgang mit der neuer Waffe beibringen.



Wir sind nun schon Tage unterwegs, ohne dass sich die Landschaft ändert. Überall gibt es diese Bäume mit ihren fein zerschnittenen Blättern. Aus ihrer Mitte wachsen immer neue Triebe und teilen sich erst weit über unseren Köpfen zu dünnen Wedeln. Überall auch recken sich Palmen so zahlreich wie Gras in die Höhe mit ihren kahlen Stämmen, die erst oben ausfächern.

Im Unterholz wachsen dichte Büsche, die oft mit Dornen bewehrt unsere Beine zerkratzen. Einen Pfad zu finden ist schwer, und mit unseren Steinmessern gelingt es nicht, eine breitere Schneise als für einen Menschen zu gewinnen. So müssen wir oft hintereinander laufen, was eine lange Schlange ergibt, deren Enden nicht zu überschauen sind. Ich bin darauf bedacht, dass es Botenläufer gibt, die den Kontakt unter uns aufrecht erhalten. Falls einer Gruppe etwas zustößt, können wir sofort helfen.

Die Frauen mit den Kindern haben es am schwersten. Oft müssen sie die Kleinen tragen, denn Schlingpflanzen und giftiges Geblätt verletzen ihre Füße. Auch hängen Lianen von oben herab und greifen nach unseren Hälsen. Wir müssen aufpassen, dass es keine Baumschlangen sind, die getarnt auf den Ästen lauern.

Um uns herum herrscht ein stetes Schnattern und Keifen von Vögeln und anderem Getier. Das Rasseln von Heuschrecken und das Rufen von unbekannten Waldbewohnern nimmt uns oft den Mut, den wir brauchen, um diesen undurchsichtigen Djungel zu durchdringen.

Aber das Schlimmste ist, wenn dieser monotone Lärm einmal aussetzt. Plötzlich entsteht eine vollkommene Stille. Unheimlicher als alles andere zuvor. Und wir bleiben stehen und wagen nicht, uns von der Stelle zu rühren. Wir ahnen, dass jetzt eine Gefahr durch das Dickicht schleicht, leise und unsichtbar. Nur ab und zu sehen wir das gefleckte Fell einer kleinen Raubkatze, die uns gegenüber aber genauso respektvoll Abstand hält wie wir vor ihr. Aufgrund unserer Menge sind wir sicher. Doch ich lasse keinen mehr allein kundschaften und verstärke die Wachen des Nachts.

Das Beste für uns ist, wenn wir einem der zahllosen Wasserläufe folgen, die uns entgegenkommen und zur Küste fließen. Es ist immer sicher, die Gewissheit von Wasser um sich zu haben. Und die Flüsse liefern eine Orientierung, dass wir uns nicht im Kreis drehen. Denn sie kommen alle aus den Bergen oberhalb der flachen Küste. Folgen wir ihnen zurück, werden sie uns ins Landesinnere führen.

Die Art und Weise, wie wir uns hier fortbewegen, lässt mich auf eine Idee kommen. Ich bin sicher, sie wird mir noch nützlich sein. Sicher nicht hier und mit so vielen. Aber bei anderen Gelegenheiten, vor allem bei der Jagd. Die Familien gehen wie in einer langen, dünnen Linie. Jeder tritt in die Fußstapfen des Vorgängers. Von vorne betrachtet, sehen sie weitaus ungefährlicher aus. Wenn die Jäger nun gebückt hintereinander schleichen, erscheinen sie klein und wie nur ein einzelnes Lebewesen. Vielleicht kann der erste auch Zweige und Blätter in den Händen halten und sich langsam vorwärts bewegen. Jetzt ist er ein Busch. Und das Tier lässt ihn dicht herankommen.

Regelmäßig rasten wir. Die Sträucher tragen viele Früchte und Nüsse, die wir essen können. Plötzlich stößt ein Schwarm von bunten, mit kräftigen Schnäbeln besetzten Vögeln in die Luft. Irgendetwas hat sie aufgeschreckt. Doch es ist nur eine Baumkatze, die sich angeschlichen hat. Aber durch jede Bedrohung lernen wir hinzu. Achten auf die Umgebung, um verborgene Gefahren zu erkennen. Von oben warnen uns die Vögel, von unten die Insekten. Wir werden eins mit der Natur. Lernen die Sprache der Tiere. Ihr Verhalten ist uns Orientierung und Anpassung.

Einige von uns sind den aufgeschreckten Vögeln gefolgt. Sie haben sie zu einer Lichtung in unserer Nähe geführt, in der ein kleiner See ruht. Ringsherum gibt es weitere Wasserlöcher. Jetzt wissen wir, dass sie sich immer am Wasser aufhalten. Ihre Kenntnis des Djungels verhilft uns, zu überleben. Wir prüfen die hiesigen Pflanzen. Kauen ihre Blätter. Was bitter ist, wird sofort wieder ausgespuckt. Aber die Knollen der dortigen Seerosen schmecken wie süße Beeren. Überall krabbeln grüne Ameisen. Wir picken sie auf. Sie sind säuerlich, stärken aber unsere Ausdauer.

Hier, wo der Djungel offen ist, wollen wir ein wenig bleiben und uns erholen. Schon bald stehen die Kuruls. Es sind Stäbe und Stecken, um die Felle und Häute gelegt werden. Sie haben einen Eingang und oben einen Rauchfang. Ansonsten reichen auf der Wanderschaft ein Strohlager, weiche Felle und Decken als Bett und eine Kochstelle für kleinere Bedürfnisse. Meistens essen wir alle am Großen Platz. Es gibt ein große Feuerstelle, an der gegessen wird, und mehrere kleine, an denen die Speisen zubereitet werden. Alsbald sind wir fertig. Gesättigt lassen wir uns im hohen Gras nieder.

»Was ist, wenn wir doch noch etwas gegessen haben, dessen Gift erst später wirkt?«

Ich drehe mich um. Es ist Elase. Sie ist irgendwann mit einem anderen Clan an der Küste zu uns gestoßen. Und bei uns geblieben. Sie wollte mit uns sein, weil wir kurz vor dem Aufbruch standen. Uns nicht endgültig niedergelassen haben wie viele andere. Sie ist sehr klug und hat das Zeug zu einer Anführerin. Bei uns hofft sie, stets auf etwas Neues zu stoßen. Dem Unbekannten zu begegnen. Sie glaubt, dass die Welt hier anders ist als in den Ebenen des Lamatts. Sie glaubt, hier gibt es eine Magie, die uns über uns selbst erhebt. Aber zu meiner Verblüffung meint sie nicht die Pflanze. Sie ist gar nicht an Reisen durch die Lüfte und über der Erde interessiert. Sie spricht ständig von einem neuen Wissen. Vom Lernen und der Erkenntnis, wer wir sind. Und dass wir selbst wachsen und uns ändern, wenn wir die Dinge um uns herum besser verstehen. Dass wir zu den Pflanzen werden, wenn wir sie essen, und dass wir Kängurus werden, wenn wir so springen könnten wie sie.

»Hast du jemals erlebt, wie ein Vogel fliegt, Orin? Sich wie eine Feder durch die Lüfte schwingt und alles von oben betrachtet?« fragte sie mich einmal.

»Da frage besser Sander«, entgegnete ich.

»Ich meine nicht die Kunst der Schamanen, die ja doch nur in den Träumen der Trance liegen.«

»Oh, dass sag ihm besser auch selber. Da wird er dir was antworten.«

»Glaub mir, darüber habe ich schon das eine und andere Mal mit ihm gesprochen. Aber wie so oft, stoße ich bei den Schamanen nur auf taube Ohren.«

Ich hielt das Gespräch für beendet. Aber dann fuhr sie fort: »Eines Tages werden wir auch fliegen können. Weil wir es den Vögel abgeschaut haben. Aber da wir nicht über ihre Armkraft verfügen, werden wir uns Hilfsmittel ausdenken. So wie du mit deinem Bogen.«

Seitdem geht mir dieser Gedanke nicht mehr aus dem Kopf. Sie wollte mir nur klarmachen, dass wir Menschen mehr können, als nur das, was unsere Körper zulassen. Wir haben den Verstand, um Ideen nachzuahmen, die andere können, weil sie dazu geboren sind. Weil ihnen ihre Großen Geister zum Beispiel Flügel gegeben haben. Will sie die Götter ersetzen, indem sie die Natur nachbauen?

»Die Geister werden wissen, wie wir zu überleben haben«, gebe ich nun zurück.

Sie schweigt eine Weile, doch ich weiß, dass sie noch da ist. »Und wenn sie sich nun dafür entscheiden, dass dieses und jenes Kraut uns nicht dienlich ist? Dann sind wir schon tot, bevor wir sie um eine andere Gnade bitten können. Ohne es an die Clans weiterzugeben.«

»Deshalb sind wir ja auch vorsichtig beim Prüfen der Pflanzen. Und«, sage ich ein wenig genervt, »außerdem spricht Sander jeden Tag mit den Göttern.«

»Selbst hier, wo es keine Höhlen gibt?«

»Kein Quaratar, aber Samirate, die Geister im Freien zu rufen.«

Wieder schweigt sie. Denkt nach.

»Was ist, wenn wir weiter die Tiere beobachten.«

»Das tun wir doch schon.«

»Aber gezielter.« Sie setzt sich jetzt neben mich. »Es gibt hier kleine Beutler, die vieles ähnlich essen wir wir. Wenn wir einen von ihnen einfangen und ihn stets bei uns haben, dann können wir ihm die neuen Speisen geben. Was es isst, ist auch gut für uns.«

Einfach und einleuchtend.

»Du meinst, wir sollen das Tier überall mit uns nehmen?«

Sie nickt. Es wird sich schon einer der Jüngeren bereit erklären, auf es aufzupassen und ihm alle neuen Pflanzen, Beeren und Wurzeln, auf die wir stoßen, zu essen geben.«

Ich will gerade einwilligen, da gesteht sie mir: »Ich habe es bereits bei mir. Es ist noch klein, fast ein Baby. Es war von seinen Eltern verlassen. Wahrscheinlich sind sie von einer Schleichkatze getötet worden.»

Doch noch bevor ich etwas erwidern kann, bemerke ich wieder diese Veränderung. Es ist wie ein Ballen Moos, der sich über das Gemüt setzt, in die Ohren dringt und sie ausstopft. Diese plötzliche Stille kriecht in uns, ihr Schweigen lastet wie Gestein auf unseren Körpern. Erdrückt unsere Brust, die Lungen setzen aus. Dann hören wir von der anderen Seite des Sees ein Geschrei.

»Was ist los?« Ich erhebe mich.

»Ein Untier ist hier. Es kommt direkt auf uns zu!«

Sofort hole ich meinen Bogen und laufe dorthin.

Vor mir öffnet sich der Busch. Ein riesiges Tier mit glattem Fell stößt hervor. Es ist fast so hoch wie ich. Hat aber den Umfang eines Kuruls. Allein sein Kopf reicht mir zwischen die aufgerissenen Hände. Nun scharrt es mit den Füßen, an denen große Klauen sitzen.

»Es will uns essen!« ruft der kleine Freio, und sein Vater stürzt mit einer Steinaxt auf das Tier zu.

Doch ich erkenne ein Raubtier, wenn ich ihm begegne. Dieses will sich nur verteidigen. Hat selber Angst. Schon bleibt es stehen, verwirrt vom Anblick der unzähligen Menschen.

»Halt«, schreie ich, »bleibt ruhig stehen.«

Verwundert werde ich angesehen.

»Aber es will meinen Sohn töten.« Freio, der Große, stürzt wieder nach vorn. Jetzt fühlt sich das Riesentier endgültig bedroht und wendet sich ihm zu. Es beginnt, auf ihn zu zu galoppieren. Freio verharrt nun und wartet ab, bis es sich ihm ausreichend genähert hat. Dann holt er aus und schleudert ihm die Axt entgegen.

Sie dringt tief in die Schulter des Tieres, doch sie vermag es nicht zu stoppen. Eher noch wird seine Wut entfacht, und es schnaubt, kurz bevor es ihn erreicht.

Freio will sein Messer ziehen. Er ist sehr mutig. Bleibt unverwandt stehen. Und wird seinen sicheren Tod erwarten. Schon springt das mächtige Tier auf ihn zu. Doch zum Glück hat es keine Reißzähne, sondern nur die breiten Mahlzähne eines Pflanzenfressers. Mit der Kraft seiner Füße springt es auf ihn und rammt ihn zu Boden. Auch wenn sein Maul nicht zum Töten geeignet ist, so ist es doch furchterregend groß.

Freio stößt einen verzweifelten Schrei aus, und viele andere Männer eilen ihm zur Hilfe. Doch das Tier hat sich schon in seinem vorgestreckten Arm verbissen und droht nun, ihn mit seinen schweren Beinen zu zertreten.

Da sirrt der erste Pfeil auf und bohrt sich in den Hals des Tieres. Ein weiterer folgt sogleich und verhakt sich daneben. Vor Schmerzen bäumt sich das schwere Tier auf und lässt von Freio ab. Wendet sich mir zu. Doch ein erneuter Hagel von Pfeilen dringt in die nun offene Unterseite und findet sein Herz. Mit einem röchelnden Klagelaut bricht es zusammen und hätte Freio fast unter sich begraben. Mit einem Bein klemmt er unter der Masse des Tieres und versucht, hervor zu krabbeln.

Andere Clanmitglieder sind inzwischen herangekommen und helfen ihm auf. Ein anderer rammt sein Messer in die Kehle des Tieres. Doch es ist bereits tot. Mein Pfeil und Bogen haben ganze Arbeit geleistet. Sie waren schnell und tödlich. Sie haben einen Menschen gerettet, und sie haben uns gleichzeitig zu essen gegeben.

Später wird Freio mir sagen, dass er das Sirren der Pfeile just in dem Augenblick gehört hat, als das Maul des Tieres über seinem Kopf aufschnappte. Und da hat er gewusst, dass er gerettet war.

»Aber es hätte dich gar nicht angegriffen, wenn du es nicht verletzt hättest.«

»Ich wollte nur meinen Jungen beschützen.«

Er hat recht. Wir können vorher nicht wissen, ob das Tier gefährlich ist oder nicht.

»Jetzt ist es aber klar. Es ist ein reiner Pflanzenfresser. Schaut euch nur sein Gebiss an. Und wär es nicht herausgefordert worden, hätte es gewiss nicht angegriffen.«

Nachdem sich der Tumult gelegt hat, beginnen einige Männer, das Tier auszunehmen. Zu häuten und all seine Teile auf ihre Verwertbarkeit zu prüfen.

»Ich denke, wir werden es wieder jagen.« Kalb kommt auf uns zu. »Halia beginnt, es im Ofen zu braten. Es riecht sehr gut.«

»Und schmecken tut es auch.« Ich schaue zu Mandarin. Er hat schon gekostet.

»Wenn das so ist, dann haben wir genug Vorrat für unsere Wanderung. Und über den Winter kommen wir auch problemlos.« Ich bin sicher, dass es hier Herden dieser Tiere gibt.

»Gleich in dieser Nacht werden ich den Großen Geist des Tieres mit dem Riesenkörper suchen. Ich werde Thoranda bitten, mir dabei zu helfen.«

»Ja, tu das, Sander.«

»Und frag ihn auch, wie es am besten schmeckt.« Mandarin und Kalb sehen sich beifällig an.

»Und ich möchte wissen, wozu sein großer Beutel da ist. Vielleicht können wir darin unsere Sachen tragen.« Taressa, eine der früheren Mütter Kalbs, ist immer sehr praktisch. Da bei ihm nur die Vaterlinie bleibt, sind seine weiblichen Ahnen alle verschieden. Die Erinnerung und den Namen erhält er von Kalb, während ihm die Mütter stets eine Abwandlung der Eigenschaften und des Aussehens des Vaters bringen.

»Lasst uns doch die Fortschritte ansehen, die der Braten macht.« Ich bin selbst gespannt und will wissen, wieweit das Fleisch und alle seine Teile genießbar sind.

Wir treten ins Kurul von Kalb und Halia ein. Schon von weitem haben wir den Duft gerochen, der aus dem schmalen Eingangsspalt der Fellwände dringt. Jetzt sehen wir den Dampf, wie er einem riesigen Lederbeutel voller Wasser entsteigt, der mitten über einer Feuerstelle hängt. Darin schwimmen zerkleinerte Fleischstücke. Hoch oben sammelt sich der Nebel und dringt durch eine Öffnung, die Kalb mit einem Seil erweitern und schließen kann.

Mandarin hält seine Nase über den Wasserbeutel. »Ich atme bereits die Brühe und sehe ihre Fettaugen schwimmen.« Fleisch in Wasser erhitzt sammelt am besten das Fett, das durch die Hitze herauskommt.

Aber da ist noch Kalbs letzte Errungenschaft. Es ist ein kleiner Ofen, der an der hinteren Seite der Hütte steht. Zunächst war es nur eine Kuhle, die er mit heißen Steinen vom Feuer ausfüllte. Sie diente seiner Familie im kalten Winter als Wärmung der Betten. Aber mit jeder Neuansiedlung baute er die Steine aus. Stopfte ihre Seiten und Risse. Beließ unten ein kleines Loch, das er mit einem weiteren Stein verengen konnte. Oben bildete er einen Trichter, der die geballte Kraft des Feuers hielt und nach oben führte. Dort, in halber Höhe, legte er seine Gefäße aus Lehm hin. Nach einiger Zeit wurden diese hart wie Stein. Und so schuf er sich zuguterletzt einen Ofen im Ofen. Dieser hier ist kleiner, dafür sind seine Wände aber undurchlässiger. Jetzt braucht er keine Steine mehr. Sein Tonofen brät besser als der Wasserbeutel. Doch er kann nur in kleinem Maße Hitze speichern. Ein größerer ist ihm schon oft um die Ohren geknallt. Er wurde einfach zu heiß und bekam sofort Risse.

Jetzt reihen sich Mandarin und Freio um ihn herum. Was wirst du darin kochen, Halia?«

»Ich denke, es wird etwas sein aus seinem Inneren. Dass neben dem liegt, wo das viele Blut rauskommt. Es ist auch rot, und ich werde es mit einigen Zusätzen probieren.« Dabei holt sie einige Gräser hervor und schneidet sie über das Fleisch.

»So, und nun geht wieder. Ich steht mir alle nur im Weg.«

Mandarin will sich noch einen Happen aus dem Wasserbeutel nehmen, aber Halia schlägt ihm die flache Hand über den schon kahlen Schädel. Schnell ist er draußen.

Inzwischen ist es dunkel geworden. Das Große Feuer ist nicht ausgegangen. Aber die anderen, kleineren werden wieder angefacht. Leichter Nebel senkt sich über den See. Die Leute frösteln und rücken dichter heran.

Sander kommt. »Ich habe mit Thoranda, dem Großen Geist, gesprochen. Er sagt, er wird den Geist dieses Tieres finden, wenn er seinen Namen weiß. So habe ich es Riesenbeutler genannt. Und da erschien sein Geist, der des Großen Riesenbeutlers. Und er bedeutete mir, dass er mich und meinen Clan anerkenne und uns helfen will, solange wir sie nicht maßlos töten. Es sind kleine Herden und deshalb ist nur ein Tier jeweils erlaubt, um seiner Familie nicht weh zu tun. Soviel wird er uns gewähren, um uns über den nächsten Winter zu bringen.«

Jubel bricht aus. Zufrieden wende ich mich an meinen Clan. »So lasst ihn uns jetzt essen. Denn sein Geist ist uns gnädig.«

Und schon rauscht Halia an, mit vielen Schalen aus Holz und einer großen aus Ton, in der die nahrhafte Fleischsuppe schwimmt. Und andere Frauen kommen und bringen weiteres Fleisch, gekocht und auf Holzkohle gegrillt. Und der Duft des Riesenbeutlers schwebt über allem und zeichnet Wolken des Behagens über die Landschaft und ihre Wälder.

Doch zuerst wendet sich Halia an mich. »Dir gebührt die Ehre, das besondere Fleisch aus dem Ofen zu essen. Du hast ihn erlegt und damit Freio gerettet.«

Sie legt mir ein Stück davon auf eine Schale.

Ich rieche die köstlichen Innereien.

»Erinnerst du dich noch an das Tier, dass unsere Speisen testen soll?«

Elase ist zu mir gerückt.

»Ja.«

»Ich will, dass es ab jetzt immer dabei ist.» Sie steht auf. »Ich werde es holen.«

»Glaubst du, dass das Fleisch des Riesenbeutlers giftig ist?«

»Nein, aber ich möchte ihm davon abgegeben. Denn es muss sich an mich gewöhnen.«

Gleich darauf kommt sie wieder und hält ein kleines, aufgeregtes Tierchen bei sich. Es hat weiß-graues, kurzes Fell, einen langen, nackten Schwanz und ist ungewöhnlich rund. Auf seiner Stirn hat es einen schwarzen Streifen. Sie gibt ihm etwas von dem Fleisch, dass Halia im Ofen gebraten hat. Das Kleine schnuppert hungrig daran, doch es will nichts essen.

»Vielleicht kann es das Gebratene nicht vertragen«, mutmaße ich.

»Doch, jetzt isst es davon. Es muss wirklich Hunger haben.«

Wir schauen weiter zu. Nur kurz, dann wird das Kleine unruhig und erbricht sich. Gelber Schleim kommt aus seinem Maul. Dann geht es ihm besser. Elase gibt ihm eine Schüssel mit Wasser. Gierig leckt es sie leer.

»Warum hat es sich erbrochen?« frage ich.

»Ich weiß nicht, aber ich würde dir nicht raten, davon zu essen.«

Ich schaue mich um. »Aber alle anderen essen bereits sein Fleisch. Und keinem wird schlecht.«

»Es ist wohl nicht das Fleisch des Beutlers allgemein. Es ist eher dieses Teil seiner Innerei, das vielleicht unverdaulich ist.«

Ich glaube ihr nicht und greife in meine Schale.

Da stöhnt Mandarin auf. Kriegt keine Luft mehr. Verdreht die Augen. Gelber Schaum quillt ihm aus dem Mund. Dann bricht er zusammen. Entsetzt springen die Herumsitzenden auf. Kalb beugt sich über ihn. »Er atmet nicht mehr.«

Sander horcht an seinem Herzen. Öffnet ihm das rechte Lid. Kein Lebenszeichen ist zu erkennen. Bald muss er eingestehen, dass es Mandarin nicht schafft. Einige Frauen beginnen bereits zu wehklagen. Das wird noch über mehrere Tage so gehen. Ich breche das Fest zunächst ab. Angstvolles Schweigen ruht über dem See. Ist dieser Ort böse?

Wir sollten morgen sofort weiterziehen. Fort von diesem See. Nicht weil er schlecht ist, sondern weil in seiner Erde bald einer von uns ruhen wird. Da wollen wir ihn nicht stören.

Ich zeige auf das kleine Tier. »Es hat mir das Leben gerettet. Aber „er“ musste sterben, weil er nicht wusste, dass es für ihn Vorkosten wollte.«

Sein Name darf jetzt nicht mehr ausgesprochen werden. Der Respekt vor seinem Leben verbietet uns, ihn im Tode zu erwähnen.

»Das Tierchen hätte auch sein Leben erhalten können, wenn wir eher von seiner magischen Kraft, die Gifte dieser Gegend zu kennen, gewusst hätten.« Sander schaut zu mir. »Auch es muss geehrt werden.«

»Einer musste sterben, damit unser Clan sich von seiner Fähigkeit, die unsichtbaren Dinge, die uns töten, zu sehen, überzeugen konnte.« Ich bin zu einem weitreichenden Entschluss gekommen. »Den Clan der Bären gibt es nicht mehr. Denn der Große Bär ist uns nicht bis hierher gefolgt. Und fast wären wir alle gestorben, und er hätte uns zu den Geistern geholt. Doch nun haben wir ein neues Tier, das unseren Clan führen kann. Und sein Geist ist der des Großen Anarigoras. So wird unser Totem ab heute heißen. Und wir werden es hüten und umsorgen, wie ein Mitglied unserer Familien. Und alle Anarigoras, denen wir begegnen, werden von uns beschützt. So wie wir selbst unter der Obacht seines Großen Geistes stehen.«

Ich halte inne. Wir sind gewöhnt, dass Clanmitglieder sterben. Dennoch ist der Tod eines von uns nach wie vor schmerzlich. Er wird für lange Zeit unvergessen bleiben. Auch wenn sein Name nie mehr erwähnt wird, solange sein Sohn als sein Nachfolger der Blutlinie noch ein Kind ist. Doch heute haben wir einen Tag, an dem gleichzeitig der Clan ein neues Totem erhält. Auch, weil der Tote die Ehre hatte, dafür zu sterben.

So wird die Trauer des Tages von einer Woge des Lichtes überstrahlt. Und er wird allen als der Tag in Erinnerung bleiben, an dem einer sein Leben gab, um ein neues Totem zu erwecken.

Kalb tritt leise an mich heran. »Orin«, fragt er, »ist das Fleisch des Beutlers denn nun essbar oder nicht?«

Ich überlege. Das Fest muss weitergehen. Denn nun wird die Geburt eines neuen Clans gefeiert. »Lass das Anarigora von dem restlichen Fleisch probieren«, rate ich ihm.

Und in der Tat. Es stürzt sich mit wahrer Wonne darauf. Alle beobachten es. Ihm scheint es zu schmecken.

»So lasst uns unser Clanmitglied, das sich für uns opferte, erst einmal zudecken, bevor wir ihm ein Grab aus Stein bauen.«

Und noch in derselben Nacht ist es fertig. Und der Tote findet zu seiner letzten Ruhe. Sein Körper erhält einen letzten Schmuck im Caribberi. Mit rotem Ton, Ocker und Holzkohle. Dann wird das Große Feuer geschürt und leuchtet heller denn je. Kalb holt seine Trommel heraus. Und wir beginnen zu tanzen. Nur diesmal, diesmal wird der Tote gefeiert, „er“, der uns endlich in diesem Land ankommen lässt. Und Anarigora zu Ehren werden wir einen neuen Caribberi tanzen. Und morgen werden wir weiterziehen. Um jeden Abend an einem anderen Platz unser Totem mit einem Feuertanz zu ehren. Solange, bis wir das Quuanqunquum gefunden haben. Und zurück finden zu den Tagen, an denen wir die Namen unser Toten wieder aussprechen können.



Wir haben die Wanderung heute Morgen wieder aufgenommen. Entlang des Flusslaufes ist der Wald nicht ganz so dicht. Doch mit unseren Messern müssen wir uns einen Weg durch die Lianen und das hohe Gras bahnen.

Immer wieder fliegen Vogelschwärme auf. Meistens sind es diese bunten Kerle, frech und aufdringlich. Ihr ständiges Geschnatter haben wir alle im Ohr. Aber wenn es ausbleibt, lauert eine Gefahr um uns herum. In Form einer Schleichkatze oder Schlimmeres. Manchmal kündigen diese Vögel ihre Warnung auch anders an: Unter lautem Krächzen fliegen sie alle auf und jagen den Feind so in die Flucht. Zumindest sind die anderen gewarnt.

»Das bringt mich auf eine Idee«, sagt Elase.

Ich schaue sie neugierig an. Mittlerweile kenne ich sie soweit, dass ihre Anregungen oft sehr fruchtbar sind.

»Was hältst du davon, einen dieser Krakras zu fangen.«

»Krakras?«

»Ja, so nenne ich sie. Wegen ihres ständigen Kra Kra.«

»Aha.« Ich warte noch auf ihre Idee.

»Was wäre, wenn wir einen dieser Krakras bei uns hätten.«

»Aber sie sind doch ständig bei uns.«

»Nein. Ich meine immer denselben.«

»Warum denn das? Es gibt sie hier doch genug.«

»Aber woanders nicht.«

»Du meinst, wir sollen einen mitnehmen?«

»Ja. Der wird immer bei uns bleiben. Und uns vor Gefahren schützen.«

»Aber er wird doch gleich wegfliegen. Abhauen.«

»Nicht, wenn er sich freiwillig für uns entscheidet.«

»Und wie soll das geschehen?«

»Wenn wir zu seiner Familie werden.«

Mir stockt der Atem. »Wir sind doch kein Vogelschwarm.«

»Das weißt du. Aber wenn er nichts anderes kennt als uns?« Das Nichtbegreifen ist mir ins Gesicht geschrieben. »Ich mein, wenn er von Kindesbeinen bei uns aufwächst«, ergänzt sie.

»Aber wir können doch keine Eier legen.«

»Wir holen ihn aus seinem Nest. Nur dass wir ihn diesmal nicht essen, sondern aufziehen. Wenn wir sogar warten, bis er schon fast flugfähig ist, wird das nicht weiter schwer sein.«

Ich versuche, mir ihre Gedanken durch meinen Kopf gehen zu lassen. »Du spinnst«, entfährt es mir nur. »Wir können doch nicht mit ihm reden. Wie soll er denn lernen zu fliegen und sich zu ernähren?«

»Das Fliegen ist ihm angeboren. Und ernähren müssen wir ihn selbst. Wir wissen ja, was er mag.«

Langsam nimmt ihre Idee Gestalt an. »Ok. Versuch es. Vielleicht solltest du trotzdem erstmal einen kleinen Kasten bauen, in dem er wohnt und getragen werden kann.«

»Das ist eine gute Idee. Ich muss sagen, du hast eine schnelle Auffassungsgabe, Orin. Auch bei Dingen, die nicht von dir kommen.«

»Schmeichelst du mir jetzt, Elase?«

Sie zwinkert mir zu und lacht. »Ich werde gleich daran gehen, mir ein Paar zu suchen. Sonst überlegst du es dir noch anders. Schließlich sollen sie ja nicht einsam sein.«

So wie Elase sich um die Vögel und andere Tiere kümmern will, gibt es welche, die Jäger sind wie ich. Und dazu gehören auch Kundschafter, die das Gelände erforschen, Tiere für die Jagd aussuchen und den besten Weg finden, der uns tiefer ins Innere des Landes führt. Wenn wir jedem Känguru oder Flusslauf mit den Familien hinterher laufen würden, der uns dann in die Irre führt, verlieren wir zu viel Kraft und werden langsam.

Freio, der Ältere, kommt jetzt zu mir. Ich habe ihn Tage nicht gesehen. Gleich nach dem Tod von „ihm“, seinem besten Freund, hat er sich zurückgezogen und ist nicht einmal zu den Mahlzeiten erschienen. Er wollte allein sein, um sich dem Schmerz und der Trauer hinzugeben. Dabei hat er natürlich auch weiterhin Ausschau gehalten, ob Gefahren oder Änderungen von Wegstrecken auf uns zukämen.

»Gut dich zu sehen. Wie geht es dir?«

»Orin, die Zeit der Einsamkeit hat meine Wunden geheilt. Hat sich mein Sohn indes als tüchtig erwiesen?«

»Er hat geholfen, wo er konnte, und getragen, was er musste.«

»So wird er bald ein vollwertiger Mann sein und meinen Namen übernehmen.«

»Und er wird ihm Ehre erweisen.«

»Dann kann er der nächsten Jagd als selbständiger Jäger beiwohnen.«

Das sagt er nicht von ungefähr. »Du weißt etwas?«

»Ja. Es sind Tagesmärsche von hier. Aber dort gibt es viele dieser Riesenbeutler.

Wir können einen großen Wintervorrat anlegen.«

»Weite Tagesmärsche? Du weißt, wir dürfen uns nicht zu sehr vom Lager entfernen und die Frauen und Kinder allein lassen. Hier kennen wir uns nicht aus.«

»Nein, nicht allzu lange. Aber die Sonne wird auf- und abgehen.«

Ich denke darüber nach. Es ist schwierig, die Entfernung einzuschätzen.

Ich muss wissen, wie groß die Strecke ist.

»Es ist nicht soweit, dass das Lager lange allein sein wird.« Freio gibt mir zu verstehen, dass wir aufbrechen sollten.

»Also gut. Kalb wird beim Lager bleiben. Nimm deinen Sohn mit und noch einige Träger.« Da kommt mir eine Idee. »Und sage Elase, sie soll auch dabei sein. Es wird ihr Gelegenheit geben, Krakras zu suchen.«

»Krakras?«

»Ja, Krakras. Kennst du die nicht?«

Nach einer Weile brechen wir auf. Ich nehme meinen Bogen. Die Sehne habe ich zusätzlich mit Baumbast und Tierdarm umwickelt. So reißt sie nicht. Die kleinen Pfeile mit ihren Feuersteinspitzen lege ich in einen Behälter aus Birkenrinde, den ich auf meinem Rücken befestige. Es gibt nicht viel vorzubereiten. Zu oft schon haben wir kleine Jagdausflüge in fernere Gebiete unternommen. Nur, dass ich das Lager allein lassen muss, gibt mir immer zu denken.

Den ganzen Tag laufen wir durch hohes Gras. Jenseits des Flusses ist der Wald einer buschigen Savanne gewichen. Abends rasten wir und ziehen bei Sonnenaufgang weiter. Der Tag wird sehr heiß und wir bedecken unsere Köpfe mit feuchten Tüchern. Allmählich macht sich das hohe Tempo bemerkbar. Die Glieder beginnen zu schmerzen.

»Worüber machst du dir Sorgen?« Elase mustert mich.

»Ich bin mir nicht sicher, wie weit weg wir vom Lager sind. Es ist mir zu ungewiss in dieser fremden Gegend.«

»Ich verstehe. Wir brauchen eine Art Maß, um eine Entfernung genau einschätzen zu können.«

»Genau. Aber wie?«

»Ich habe da eine Idee.« Schon wieder. »Vielleicht können wir ja die Tage zählen.«

»Tage zählen?«

»Ja. Sie als Maß der Entfernung einsetzen.«

»Aber was meinst du mit zählen?«

»Jedesmal, wenn die Sonne einen Bogen vollzogen hat, ergibt das einen Finger.« Dabei hält sie ihren linken Daumen hoch. »Jeder weitere Tag kriegt wieder einen Finger.«

»Also sind das Maß der Entfernung die Finger meiner linken Hand.«

»Zunächst einmal schon.« Sie zögert. »Ich kann mir das auch noch weiter vorstellen.« Sie bleibt stehen. »Aber zeig mir jetzt, wie viel Tage wir hinter uns haben, seitdem wir aufgebrochen sind?«

Ich überlege. Da war der eine Tag, als Freio zu mir kam. Und dann war da ein Tag, als es sehr heiß war. Und dann ein Tag, wo wir jetzt stehen.

»Halte die Finger hoch.«

Also Freio – ich hebe einen Finger, dann sehr heiß – ich hebe einen Finger, dann jetzt – ich hebe einen Finger.

Sie sieht sich meine linke Hand an. »Nein.« Sie nimmt einen Finger wieder weg. »Dieser Finger ist für den Tag, an dem wir aufgebrochen sind.« Sie sieht mich Bestätigung suchend an. Ich nicke. Soweit alles klar. »Dann haben wir übernachtet. Und dann sind wir die ganze Zeit in der Hitze bis jetzt gelaufen. Klar?« Klar. »Also dann dieser für heute.« Sie schaut mich unverwandt an. Mustert den Ausdruck in meinem Gesicht. »Du verstehst? Das ist einer weniger, als du gezeigt hattest.«

Ich verstehe nicht.

»Du hattest diese Finger alle oben.« Sie hebt den Daumen, dann den daneben und noch einen daneben. »Und ich«, hierbei nimmt sie jetzt ihre Hand, »ich hatte diese Finger oben.«

»Stimmt. Das sieht anders aus.«

»Also: die Finger meiner Hand geben die Tage an, die wir brauchten, um bis hierher zu kommen.« Und auf meinen skeptischen Blick hin: »Das wirst du schon noch verstehen. Ich werde es dir auf dem Rückweg beweisen.«

Da kommt Freio an. Ich bin ein wenig froh darüber.

»Orin, nicht weit von hier habe ich sie gesehen, die Riesenbeutler.«

»Bist du dir sicher?«

»Ja, ganz sicher!«

Das ist gut. Noch sind wir nicht zu weit vom Lager entfernt. Ich schaue auf meine Finger. Hebe den Daumen und den daneben hoch. Naja. Mein Gefühl sagt mir, dass es nur ein kurzer Weg zurück ist.

»Dann zeig mir die Stelle, wo du sie gesehen hast.«

Wir schleichen uns gebückt durch das hohe Gras. Dabei fällt mir etwas ein, an das ich schon die ganze Zeit gedacht habe. Was mir bei unserer Wanderung durch den undurchdringlichen Djungel aufgefallen ist.

»Hört mal her«, raune ich leise. »Wie wär es, wenn wir hintereinander gehen. Das sieht dann so aus, als wären wir nur ein einziger Mann.«

»Nur ein Mann? Und was ist mit den anderen?« fragt Freio.

»Sie sind natürlich auch da. Aber für die Tiere nicht, wenn sie uns von vorn sehen. Und«, füge ich stolz hinzu, »wenn der erste noch etwas Gestrüpp mit sich trägt, hinter dem er sich verbirgt, dann...«

»Dann sind wir unsichtbar!« Freio ist bereits dabei, sich einen entsprechenden Busch mit Wurzeln und allem auszugraben.

»He, es reicht, wenn wir ein paar Zweige abschlagen. Für die Tiere macht das keinen Unterschied. Und es ist nicht so schwer.«

Und schon nähern wir uns der Herde. Hintereinander. Alsbald können wir ihr Geschnaufe vernehmen und das Stampfen ihrer Beine. Außerdem ist ihr Geschmatze und das Zerreißen von Blättern nicht zu überhören.

Es ist eine große Herde. Wir können sie kaum überschauen.

»Was hat Sander gesagt?« flüstert Freio, »nur einen einzigen dürfen wir töten?«

»Das ist schade. Aber wir müssen ihren Großen Geist achten.«

»Das sind doch mehrere Herden«, mischt sich Elane ein. »Seht ihr denn nicht. Pro Bulle eine Herde.«

»Du meinst, eine Familie?«

»Ja.«

»Aber mehrere Familien bilden eine Herde,« erwidere ich. »Eine Herde ist wie bei uns der Clan.«

»Aber hinter dem Waldstück gibt es eine weitere Herde,« ergänzt Freio.

»Es müssen hier wirklich mehrere sein.«

»Doch wenn wir eine jagen, wird die andere gewarnt sein und fliehen.

Dann bleibt uns nach wie vor nur ein Tier.« Ich überlege. » Also müssen wir uns aufteilen.«

Mit Freio schleiche ich das Gelände ab. »Nehmt mich mit,« bittet Elane.

»Ich werde auch still hinter euch bleiben.«

Nachdem wir wieder zurück sind, beraten wir.

»Wie sollen wir uns aufteilen?« fragt Freio.

»Es sind so viele Herden und Tiere.« Ich bin unsicher.

Elane hält alle Finger ihrer linken Hand hoch.

»Was soll das?« Freio sieht sie entgeistert an.

»Das ist ihre neueste Idee«, sage ich, wobei ich die letzten Worte betone.

»Es gibt die Anzahl der Herden an, stimmt’s?« Ich wende mich ihr zu.

»Und wir sind soviel.« Dabei hält sie alle Finger der linken und den Kleinen der rechten Hand hoch. »Das heißt, wenn Freio, der Kleine und Freio, der Große zusammen gehen, die anderen aber alleine, kommt auf jeden Jäger eine Herde.«

Uns allen ist das zu kompliziert. Also schleichen wir um die Herden herum. Und bei jeder lassen wir einen Jäger. Nur bei Freio kommt der Sohn hinzu.

Nun müssen wir uns nur noch etwas ausdenken, um gleichzeitig unsere Bögen einzusetzen. Aber ich als der zuletzt Eingesetzte fange einfach an in der Hoffnung, dass die anderen, wenn der Tumult beginnt, ebenfalls zu ihren Pfeilen greifen.

Und in der Tat. Alsbald entsteht Geschnaufe und unruhiges Hin und Her. Einige der Riesentiere schauen verwirrt auf. Kinder laufen zu ihren Müttern. Ich habe mir einen großen Beutler ausgesucht. Mit gleichmäßigen Bewegungen hole ich meine Pfeile aus dem Behälter am Rücken und spanne sie in den Bogen. Einer nach dem anderen fliegt durch die nun vom aufgewirbelten Staub durchtränkte Luft. Es wird immer schwieriger, zu treffen. Doch ich sehe, wie der Bulle, an Hals und Seite getroffen, langsam zu Boden sinkt.

Bald sind alle Beutler davongestoben und ich bleibe allein zurück. Vor mir das Tier, das im Sterben liegt. Seine Augen sind geweitet, als ich mich ihm nähere. Ich ziehe mein Messer und schneide ihm schnell die Kehle durch. Es soll nicht leiden, wenn sein Großer Geist es für uns erwählt hat.

Ich knie nieder und trinke vom Blut, das ihm aus dem Hals fließt. Es ist warm und gibt mir Kraft für den Rückweg. Dann erhebe ich mich und halte nach den anderen Ausschau.

Allmählich senkt sich die Staubwand und zeigt wieder den klaren, blauen Himmel. Ich lausche. Das Donnern der fliehenden Herden verebbt. An ihrer Stelle sehe ich das zertretene Gras. Ich gehe den Weg zurück. Links von mir muss Elase sein. Wird sie ebenso vom Erfolg belohnt sein wie ich? Ich bin mir noch nicht sicher, wie viel sie seit ihrem Eintritt in unseren Clan gelernt hat.

Ich sehe sie knien. Eilig laufe ich auf sie zu. Vor ihr liegt ein weiterer Beutler. Auch er ist tot. Ihrem Mund sehe ich an, dass auch sie von seinem Blut gekostet hat. Sie benimmt sich bereits wie eine richtige Jägerin. Ich fühle Stolz in mir hochkommen. Bleibe vor ihr stehen.

»Hat er viel gelitten?«

»Alle meine Pfeile haben getroffen. Schau. Soviele –« und sie hebt alle Finger der linken Hand, »waren tödlich. Dein Bogen erweist uns gute Dienste.«

»Nur, wenn ihn ein flinker und kräftiger Arm bedient.«

Ich knie mich zu ihr. »Fang schon mal an, die Haut abzuziehen. Beginne mit dem Kopf. Hinter den Ohren schneide zuerst ein.«

»Ich weiß. Auch wenn du es mir damals an einer Steppenmaus gezeigt hast.«

»Dann werde ich jetzt die anderen aufsuchen.«

Alle haben einen der riesigen Beutler erlegt. Ihr Großer Geist wird zufrieden mit uns sein. Und weiteren Bitten bestimmt wieder entsprechen.

Nun müssen wir uns daran machen, die Tiere abzuhäuten, ihre Körper zu zerlegen und alle wertvollen Teile wie Knochen, Horn und Innereien, die wir zu Grab-, Schneide- und Nähwerkzeugen und Behältern gebrauchen können, ausweiden. In einem Fellsack haben wir Schlachterwerkzeug und Äxte für die Knochen.

In großen Säcken und auf Bahren, an deren Stecken das Fleisch gebunden ist, machen wir uns wieder auf den Rückweg. Die beiden Freios schleppen sogar eine Trage hinter sich, auf der mehr als ein Bulle liegt. Ich will keine Zeit verlieren. Und keinesfalls Tiere durch die Ausdünstungen anlocken, die uns gefährlich werden können.

Wir marschieren bis in die Dunkelheit hinein, und legen uns erst hin, als es schon lange Nacht geworden ist. Kurz bevor wir uns zudecken, kriecht Elase zu mir und hebt einen Finger. Dann krabbelt sie zurück, und wir schlafen ein.

Am nächsten Tag erreichen wir das Lager, gerade als die Sonne beginnt, erneut hinter dem Horizont niederzugehen. Alle sind wohlauf und begutachten unsere Beute. Wir sind sehr müde, denn wir haben viel geschleppt.

»Das scheinen mir sehr viele Beutler zu sein«, sagt Sander später.

»Soviel«, gebe ich zur Antwort. »Und genauso viele Herden. Wir haben uns an den Rat des Großen Beutlers gehalten.«

Er nickt, ist aber etwas irritiert darüber, wie ich meine Finger hebe.

»Elase hat mir gezeigt, dass wir mit unseren Fingern die Anzahl der Herden beschreiben können. Und somit wissen, wie viel Jäger wir genau brauchen werden. Damit nicht zu viele kommen und das Lager allein lassen.«

Sander nickt erneut. Da sieht er sie neben ihrem Kurul stehen und an einem Kasten basteln.

»Komm doch mal her, Elase.«

Sie eilt zu uns.

»Das ist sehr interessant, was du da mit den Fingern zeigst. Alles dient weitaus mehrerem und hat oftmals noch ungeahnte Zwecke.«

»Ja. Sie können die Menge der Menschen angeben, die wir für etwas brauchen. Aber auch die Anzahl der Tage zwischen zwei Orten.«

»Die Anzahl der Tage zwischen zwei Orten?«

»Sie geben durch die Anzahl der Tage die Entfernung wieder, die wir benötigen, um von einem Ort zum anderen zu gelangen.«

Sander blickt von ihr zu mir.

»Orin«, sagt Elase, »du wolltest doch eine Bestätigung dafür, wie viel Finger nötig sind für unsere Reise.«

»Stimmt.«

»Und? Weißt du sie?«

»Die Bestätigung?«

»Ja. Die Fingeranzahl.«

»Zurück?«

»Hin oder zurück. Es sind dieselben Tage.«

Ich zermartere mir den Kopf.

»Du weißt, wie viel ich dir gestern Nacht zeigte?«

»Diesen hier.«

»Und mit dem heutigen Tag?«

»Da ist der von gestern...« Ich starre auf meine Finger. Dann hebe ich noch einen hoch und sage erleichtert: »Und diesen.«

»Genau!« jubelt Elase.

Sander hat alles genau verfolgt.

Elase wendet sich an ihn. »Wenn du pro neuen Tag einen Finger hebst, dann hast du bei der Ankunft alle Tage deiner Reise.«

»Also...« Sanders Stirn rötet sich vor Anstrengung. »Ihr wart soviel Tage unterwegs, wie ich Finger sehe?«

»Mehr. Soviel jeweils für hin und soviel für zurück.« Dabei hebt sie erneut noch mal einige Finger, so dass es jetzt fast alle der linken Hand sind.

»Ich glaube, dass wir auch längere Strecken zeigen können. Nur brauche ich dazu auch die rechte Hand.

hexadezimalsystem
linke Hand | rechte Hand | Ergebnis
I - - - - | - - - - - | 1
I I - - - | - - - - - | 2
I I I - - | - - - - - | 3
I I I I – | - - - - - | 4
I I I I I | - - - - - | 5
- - - - - | I - - - - | 6
I - - - - | I - - - - | 7
       ... |        ... | ...
- - - - - | I I I I I | 30
       ... |        ... | ...
I I I I I | I I I I I | 35


Wenn diese Linke voll ist, hebe ich als nächstes einen Finger der Rechten. Und schließe gleichzeitig die Linke zur Faust. Der nächste Finger entsteht wieder links, bis dort alle oben sind und ich zur rechten wechseln muß (es muß immer mit der linken Hand begonnen werden).« Sie bemerkt unsere trüben Blicke und hält inne.

»Und so weiter und so fort. Den Rest erkläre ich euch, wenn es soweit ist.« Sander sieht sie groß an. »Ich wäre froh, wenn es sobald wie möglich ist. Ich glaube, da hast du etwas ganz Herausragendes entdeckt.«

Elase zögert. »Wenn es so wertvoll ist, dann bitte ich dich um einen Gefallen. «Sie schaut zu mir. »Orin hat bereits zusagt.« Sie greift hinter sich und holt den Kasten hervor. »Es ist ein Krakra. Besser gesagt, es sind soviel. « Sie hält Daumen und Zeigefinger hoch. »Es ist ein Pärchen.«

Sie öffnet ihn. Darin sind die Babies. Jetzt denken sie, es gibt was zu essen und piepsen.

»Aber sie sind ja gar nicht bunt?« Für mich sehen sie ungemein hässlich aus mit ihren wackligen Köpfen und langen Schnäbeln. Wie eine gerupfte Saquasi.

»Das kommt wohl noch. Jedenfalls sind ihre Eltern Krakras.«

Mit einem Mal entsteht Unruhe. Aufschreien. Einige Frauen rennen durcheinander. Vor mir greifen Männer zu ihren Messern. Aufgeregt beginnen die Krakras zu hüpfen. Mit ihren Stummelflügeln flattern sie umher. Sofort bin ich hellwach. Drehe mich herum. Zwischen den Büschen steht eine Gruppe Menschen. Fremde. Sie sind so groß wie wir. Und doch ist etwas an ihnen, das uns davon abhält, sie mit offenen Armen zu begrüßen. Vor allem ihre Gesichter sind anders. Sie sehen nicht einmal wie die Langnasen des Lamatt aus.

Mit sich tragen sie einen Körper. Er ist mehr tot als lebendig. An seinem Fuß sind rote Bissspuren. Und aus seinem Mund rinnt Schaum.



Trotz aller Vorsicht zeigen wir uns ihnen gegenüber gastfreundlich. Längst haben wir herausgefunden, dass es keine weiteren gibt, die irgendwo auf der Lauer liegen.

Auch sie sind zögerlich und kommen äußerst ängstlich in unsere Mitte. Aber sie haben offensichtlich Hunger, und der treibt sie letztlich an unser Feuer.

Dann legen sie ihren Verletzten hin. Ihm geht es sehr schlecht. Er stöhnt immer wieder, und die Stelle an seinem Fuß ist bereits blau angelaufen.

Sander sieht sie sich an. Ehrfürchtig reihen sich die Fremden um ihn herum und beobachten sein Tun. Er will sie fragen, was für ein Tier das gewesen ist, aber sie verstehen ihn nicht. Er glaubt, Anzeichen von Gift zu erkennen. Deshalb bindet er sofort das Bein oberhalb des Knies ab. Mit einem Pflog dreht er ein Schnürtuch herum, bis das Bein ganz weiß wird. Nimmt einen weiteren Holzstumpf aus dem Feuer und brennt die entzündete Stelle aus. Dann reibt er die Wunde mit Kräutern und einer Tinktur aus Baumsäften und Speichel ein. Verbindet sie mit Blättern und Gräsern, die er von der Küste her mitgebracht hat. Zuguterletzt öffnet er ihm eine Ader an der Wade und lässt das Blut in den Sand entweichen.

Mittlerweile ist der Verletzte ohne Bewusstsein. Still pendelt sein Kopf hin und her, während ihn Sander behandelt. Als er fertig ist, trägt er ihn in sein Samirat. Hier nun will er allein sein, denn im Silhamon spricht er nur mit den Göttern.

Ich habe mir inzwischen die Ankömmlinge genauer angesehen. Sie scheinen keine Bedrohung zu sein und mehr dem Leben als dem Tod nahe. Wie alle, denen wir begegnet sind, werden auch sie freundlich aufgenommen. Sie sind zwar keine von unserem Volk, den Tjuokurpa. Aber sie ähneln mehreren Stämmen, die wir jenseits des Großen Flusses gesehen haben. Als ob sie eine Mischung aus Langnasen und Flachköppen sind.

Wir kehren zum Großen Platz zurück. Es ist Abend geworden, und wir wollten eigentlich unsere überaus erfolgreiche Jagd feiern. Warum nicht mit ihnen. Wir haben genug zu essen. Auch wenn sie um das Leben ihres Freundes bangen, müssen wir die Entscheidung Thorandas abwarten, ob er ihn in das Reich der Toten aufnehmen will oder nicht.

Wir begeben uns wieder zum Feuer. Speisen werden vorbereitet. Ich schaue bei Ariane vorbei. Doch immer wieder kehrt mein Blick zurück zu den Neuen, während sie von unseren Frauen bewirtet werden. Hier bin ich ihnen noch nie begegnet. Unauffällig beobachte ich sie weiter. Sander ist mit seiner Zeremonie fertig und zu mir gekommen. »Komisch, dass ich vorher keinen Kontakt zu ihnen hatte. Ihr Auftauchen hier ist mir völlig schleierhaft.«

»Du meinst, sie haben keinen Schamanen, der wie du reisen kann?«

»Oder einen, der es nicht kann.«

»Aber das gibt es doch nicht...«

»Schau dir ihre Gesichter an. Diese breiten Nasen.« Er wendet sich zu mir. »Erinnerst du dich noch an die Flachköppe unserer ersten Ahnen?«

»Ja. Du meinst, sie kommen von da?« Ich teile ihm meine eigenen Überlegungen mit. »Ich glaube, dass sie unsere Brüder sind, die wie wir aus der Vermischung mit den Anderen hervorgegangen sind.«

»Sie sind nicht einmal entfernt mit den Tjuokurpa verwandt.« Er schnauft. »Nein. Sie haben nicht im Geringsten unsere Schädelform. Und unsere Gesichter. Geschweige denn die Klugheit.« Er kratzt sich hinter den Ohren. »Auch besitzen sie nicht die Schädelform der Vorfahren, die dort bereits wohnten. Die der Flachköppe. Deren fliehende Stirn, deren gedrungene Körper. Aber auch nicht die schlanken Gliedmaßen von denen, die dort zu ihnen stießen. Mit ihren langen Nasen.«

»Ja, sie sind Breitnasen mit hohem Körper.«

»Ich glaube eher, sie haben mehr von den Langnasen, als von den Anderen.«

»Wieso das?«

»Ihre Vorfahren taten es eben öfter mit den Langnasen und deren Nachkommen als mit denen der Breitnasen.« Sander hält erneut inne. Schnäuzt sich. Dann sagt er: »Aber sie sind nicht wie wir. Wenn du unsere kleinen Nasen siehst. Und da, wo ihre Stirn etwas zurückgeht, tut es unser Kinn.«

»Es sind die, die sich weiter vermischt haben. Denen unsere Blutlinie wieder verloren ging«, füge ich hinzu.

»Und die keine Schamanen mehr kennt.«

»Wenn selbst sie einstmals die Fähigkeit des Reisens besaßen, dann hat die stete Vermischung diese zerstört«, schließe ich. »Und wohl noch vieles mehr.«

»Aber am meisten macht mir ihre Sprache zu schaffen.« Sander grübelt. »Sie schnalzen noch viel. Reden hart und kurz. Haben aber keine Knacklaute. Ich kann sie kaum verstehen. Nur selten ergibt es einen Sinn für mich.«

»Deshalb ist es umso wichtiger, wenn wir sie genauer kennenlernen.« Ich stehe auf. Begebe mich zu den Gästen. Hocke mich hin und beginne, mit ihnen zu essen. Dann sage ich in meiner Sprache: »Ich bin Orin Schleuderhand.« Und berühre mit meiner Stirn die ihre.

»Orin Bundjil?« wiederholt der andere in meiner Sprache.

»Ja. Seid willkommen.« Ich bin nicht sicher, ob sie mich verstehen und weise deshalb mit der offenen Hand über den Großen Platz. Es riecht nach Blut und Fleisch, Innereien und den Kräutern, mit denen alles verfeinert wird. Das Feuer knackt, und wir rösten darin unser Bartenbrot. Trinken gegorenen Traubensaft.

»Wie heißt du?« Ich zeige auf ihn. Dann auf mich, während ich meinen Namen wiederhole.

Er versteht. »Permilawoy«, sagt er.

Dann greift er plötzlich unter seinen Umhang und holt einen Kopf hervor. Der ist abgetrennt von einem Tier, das wir noch nicht kennen. Er redet in seiner Sprache auf mich ein. Spukt plötzlich darauf und wirft ihn ins Feuer. Hell lodern die Flammen auf, und Funken sprühen auseinander.

»Was tut er da?« frage ich Sander, der nun zu uns gekommen ist.

»Ich kann seine Worte auch nicht verstehen. Aber soviel mir gelingt, in seine Träume zu schauen, ist dieses Tier böse und gefährlich. Es hat ihren Freund gebissen. Und sie wollen, dass es sein Gift verliert. Oder das es selbst vernichtet wird. Mit Feuer.«

»Gibt es viele dieser Tiere hier?« wende ich mich an Permilawoy. Deute mit der Hand auf den verkokelten Kopf und dann in die Umgebung.

Er springt auf und rennt nach hinten. Kommt zurück, redet auf mich ein und rennt wieder weg. Mit den Händen gestikuliert er immer wieder und reibt sich den Kopf, als wäre etwas Schreckliches über ihn hereingebrochen.

Ich stehe auf und gehe zu ihm. Da nimmt er mich bei der Hand und zieht mich in den nahen Wald. Ich rufe Kalb, mich zu begleiten, während die anderen unser Tun neugierig verfolgen. Dann erheben sich auch die anderen Besucher und kommen erregt schnatternd hinter uns her. Schnell nehme ich noch eine Flamme, die die Tiere sieht, aus dem Feuer. Und stecke sicherheitshalber auch Pfeil und Bogen ein.

Permilawoy läuft geschwind durch den dichter werdenden Djungel. Ich bin froh, dass Kalb hinter mir ist. Endlich gelangen wir an einem Felsenvorsprung, unter dem sich eine Erdhöhle verbirgt. Permilawoy weist nun aufgeregt immer wieder dort hinein. Ich gehe dichter an das Loch. Schon höre ich ein Geschnaufe. Ein Zischen und Fauchen. Unwillkürlich trete ich zurück und halte die Fackel, die die Tiere in der Nacht sieht, vor mich.

Mir ist schon aufgefallen, wie Permilawoy erstaunt die Fackel gemustert hat. Aber er und die anderen sind viel zu aufgeregt, als dass sie sich besonders um sie kümmern. Jetzt aber wird ihre Neugier vollends geweckt. Mit der Hand weist er auf meine Fackel und dann auf den Unterschlupf.

Ich will gerade näher rangehen, da zeigt sich eine lange, schuppige Schnauze. Und mit einem Satz schnellt eine riesige Echse hervor, dass ich vor Schreck die Fackel nach ihr werfe. Zischend weicht sie zurück. Doch bleibt vor dem Loch stehen.

Sie ist so lang wie mehrere Männer. Speichel rinnt ihr an den Lefzen herunter. Und immer wieder schnellt eine gespaltene Zunge zwischen ihren Lippen hervor. Wie bei einer Schlange.

»Serkata«, ruft Permilawoy nun wiederholt und läuft auf sie zu, um sogleich wieder zurückzuspringen. »Serkata«, tönen jetzt die anderen ein. »Serkata, Serkata.«

Schon schwirrt ein Pfeil aus meinem Bogen auf das Tier zu und durchdringt seinen Hals. Es faucht und schlägt den Kopf um sich. Erneut zerschneiden meine Pfeile seinen Körper. Und obwohl es riesig ist, sinkt es langsam in sich zusammen. Ein paarmal peitscht noch sein Schwanz auf, dann liegt es still.

Permilawoy wirft einen Stein auf seinen Rücken. Stößt dann mit der Fackel, die er vom Boden hebt, gegen den Körper des Riesenwarans. Als er sich nicht mehr rührt, erhebt sich ein Geschrei aus seiner Kehle. Und er hüpft auf und ab, die Fackel schwingend. Dann bleibt er plötzlich stehen, läuft dicht an das Loch und hält sie tief hinein. Schwarzer Rauch quillt in den Bau. Da hören wir eigenartige Kratzgeräusche. Ein Fiepen und Zischen. Sand wird aufgeworfen. Ein kleineres Tier will plötzlich heraus. Kann aber das Feuer nicht durchdringen. Seine Schuppenhaut fängt an, lichterloh zu brennen.

Mit einem Aufschrei stürzt sich Permilawoy nun auf das schon fast tote Tier, reißt ein kleines Messer aus Beatasarspitze hervor und sticht so oft darauf ein, bis es sich nicht mehr regt. Erst dann erhebt er sich wieder. Mit sichtlichem Behagen. Sammelt etwas Holz und wirft es in die Flamme, die sich im Höhlengang mittlerweile ausgebreitet hat.

Ich kriege mit, wie noch mehrere andere, die wahrscheinlich die Brut der Serkata sind, im Feuer, das sich immer tiefer hineinfrisst, vergehen. Als er glaubt, dass alles vorbei ist, wendet sich Permilawoy zu mir, nimmt meine Hand und hält sie sich an die Stirn. Ich will sie unwillkürlich wegziehen. Doch vielleicht ist dies ja ihre Sitte, ihren Dank auszusprechen.

Wir gehen zurück zum Lager. Ich ein wenig nachdenklich, die Fremden mit einsetzender Siegeslaune. Mir fällt auf, dass sie bei ihrem Geschnatter immer wieder auf uns zeigen. Dann rufen und jubeln. Mit offenen Armen nach oben zeigen. Uns mit glänzenden Augen verfolgen. Und uns manchmal auch von der Seite aufmerksam und prüfend betrachten.

Einige suchen jetzt direkt unsere Nähe und fassen uns an. Zupfen an unserer Kleidung. Streichen über unsere Haut. Das geht über Dankbarkeit hinaus. Das ist ungewöhnlich.

Jetzt sehen sich Permilawoy und ein anderer unsere Fackeln an. Anscheinend haben sie sowas noch nicht erlebt. Dabei haben wir das Feuer doch schon seit undenklichen Zeiten gebändigt.

Ich mache Sander darauf aufmerksam. »Sie verehren uns, als ob wir etwas besonderes sind.«

»Vielleicht sind wir das ja auch.«

»Und sie scheinen unsere ganzen Errungenschaften überhaupt nicht zu kennen.«

»Genau darüber mache ich mir schon die ganze Zeit Gedanken.« Sanders Stirn gerät in Furchen. »Wenn sie doch Schamanen hätten, könnten diese nicht mit ihrem Geist fliegen. Das erklärt auch, warum sie von den Fackeln und allem anderen nichts wissen.«

»Außerdem sprechen sie nicht unsere Sprache.«

»Ja. Es ist eindeutig. Sie sind nicht im Entferntesten von unserem Blut.«

»Wo kommen sie dann her?«

»Das muss ich herausfinden.«

»Wie?« frage ich.

»Auch wenn sie nicht die Fähigkeit haben, mit uns über den Geist zu sprechen, so kann ich doch in ihre Gedanken hinein.«

»Du verstehst also, was sie sagen?«

»Nein, aber ich lese ihre Bilder, wie die Träume der Nacht, die am Tage über die Zunge wandern.«

»Und? Hast du was herausbekommen?«

»Ja. Sie haben uns schon seit einiger Zeit beobachtet. Vielmehr euch, als ihr auf der Jagd ward. Dann sind sie euch hierher gefolgt.«

»Aber warum haben sie sich dann nicht eher zu erkennen gegeben?«

»Weil sie Ehrfurcht oder Angst hatten.«

»Wir tun ihnen doch nichts. Tragen unsere Waffen nur zur Jagd.«

»Doch solche Waffen haben sie noch nie gesehen.«

»Unsere Bögen?«

»Wohl alles. Aber hauptsächlich Bogen und Pfeil.«

Sander verharrt in sich gekehrt. Da kommt noch mehr. »Und sie haben euch beobachtet, wie ihr mit den Händen geredet habt.«

»Mit den Händen?«

»Ja. Ihr habt die Zeichen der Götter gemacht.«

»Welcher Götter? Welche Zeichen?«

»Eure Finger, die zählen.«

»Aber... das sind doch nur Finger.«

»Finger, die nach oben zeigen. Ihr haltet sie vor das Gesicht. Eure Augen, die sich mit den Geistern verbinden. Sie können den Wert dahinter nicht verstehen.«

»Und was sollen wir tun?«

»Ich sehe keine Probleme. Sie verehren uns halt. Wir stellen für sie wahrscheinlich einen guten Kontakt zu den Göttern dar.« Er schaut mich direkt an. »Und das ist auch nicht falsch. Schließlich reise ich ständig zu ihnen.«

Für Sander scheint das Thema erledigt. Er will jetzt versuchen, ihre Sprache zu entschlüsseln. Gemeinsam gehen wir zum Großen Platz. Das Feuer wärmt. Und es werden immer noch Speisen gereicht.

Ich sehe, wie die Fremden auch unser Essen und Trinken begeistert kosten. Nun nimmt Permilawoy etwas aus einem seiner Beutel heraus. Er reicht es Elane, die neben ihm sitzt. Es ist eine Art Maus. Sie ist schon tot und riecht bereits ein wenig übel. Deshalb holt sie das Anarigora. Es ist in den letzten Tagen vollkommen zahm geworden, denn bei uns hat es immer was zu essen. Erstaunt betrachtet Permilawoy das Tier und will sein Messer rausholen. Doch Elane fällt ihm in den Arm.

»Nein, nein«, sagt sie. »Es lebt mit uns.«

Er hält seinen Mund offen, als komme er aus dem Staunen nicht mehr heraus. Das Tier schnuppert an der Maus, macht aber keine Anstalten, sie zu essen. Ob es satt ist, oder der Gestank es abschreckt. Für uns ist es ein Zeichen, die Hände von der Maus zu lassen.

Aufgeregt schnattert Permilawoy mit seinen Freunden. Hoffentlich versteht er es nicht falsch. Um ihn abzulenken, holt Elane den Käfig, wie sie den Kasten mittlerweile nennt, aus ihrem Kurul.

»Das sind Krakras«, sagt sie zu ihm. Durch die kleinen Gitterstäbe kann man sehen, wie sie auf und ab hüpfen.

Sie öffnet den Deckel, und die beiden hüpfen heraus. »Kra Kra«, machen sie und flattern mit ihren Stummelflügeln. Sperren ihre Schnäbel auf in der Annahme, sie werden gefüttert. Elane schneidet einen Teil der Maus auf und gibt ihnen davon. Sofort verschlingen sie alles gierig, als wäre es ihre erste Mahlzeit des Tages.

»Sie werden einmal unsere Wächter sein«, versucht Elane zu erklären.

Doch die fremden Gäste verfolgen alles nur schweigsam. Ihr Erstaunen ist so groß, dass sie auch danach noch mit geweiterten Augen herumsitzen und sich nicht einmal etwas zu essen nehmen. Weder bewegen sie sich noch stellen sie Fragen.

Ich schaue zu Sander. Auch er scheint sich nicht im Klaren zu sein, was er von ihnen halten soll.

Da erhebt sich Permilawoy und sinkt zu Elanes Füßen nieder. In einer fremden Sprache redet er auf sie ein. Zum Schluss hebt er demütig seinen Kopf und berührt zaghaft ihren Arm. Dann hält er inne, als ob er etwas von ihr erwartet.

Irritiert wendet sie sich an mich. »Was will er von mir?«

Auch mir ist es nicht klar. »Er glaubt, dass wir in Verbindung mit den Göttern stehen. Wahrscheinlich hast du ihn mit deinen zahmen Tieren tief beeindruckt.«

Ich kann mir vorstellen, dass es für Menschen, die zeitlangs nur vor ihnen weggelaufen sind oder sie als Beute ansahen, einem Wunder gleichkommt. Jemand, der Tiere zähmt, muss etwas Außergewöhnliches in ihren Augen sein.

Als Elane immer noch nicht reagiert, wendet er sich an mich. »Bundjil.«

Alles, was ich tun kann, ist, seine Hände zu nehmen und meine Stirn an die seine zu drücken. Er braucht keine Angst haben. Sein Stamm ist immer bei meinem Willkommen.

»Bundjil«, sagt er nun wieder und deutet auf die Fackeln. »Serkata, Serkata.«

»Er redet vom Riesenwurm, der seinen Freund töten wollte.« Sander hat sich still zu mir gesetzt.

»Und was will er von der Fackel?«

»Er hat gesehen, wie ihr damit ein Feuer gelegt und die ganze Familie dieses Reptils verbrannt habt. Ich glaube, dass hat ihm gefallen. Er will auch Fackeln haben, um sie töten zu können.«

»Um die Riesenwürmer, die Serkata, alle umzubringen? Aber sie nehmen sich doch nur, was wir auch tun, um zu überleben. Hat er denn schon mit ihrem Großen Geist gesprochen, um zu erfahren, warum sie seinen Freund angegriffen haben?«

»Das glaube ich nicht«, antwortet mir Sander. »Wie du weißt, sind sie wohl nicht in der Lage, mit den Geistern zu sprechen.«

Dann sollten sie auch keine Fackeln kriegen. Ich deute auf das Feuer. »Nein«, sage ich eindringlich und schüttel den Kopf.

Anscheinend versteht er mich. Als Antwort aber übergießt mich ein Strom nicht endenden Geredes. Immer wieder streicht er auch über meinen Arm und betastet beinahe schon ehrfürchtig meine Haut.

»Er erzählt von einer Legende«, flüstert Sander mir zu.

Ich neige meinen Kopf und höre dem Schamanen mit einem Ohr zu, während Permilawoy mir weiter ins andere schnattert.

»Er erzählt von einer Frau aus alter Zeit. Sie war wunderschön wie eine Göttin. Und als sie zu seinem Stamm kam, erschuf sie ein großes Feuer. Aus ihrem Kopf wuchs ein Geweih und ihr Körper war voller Bilder. Und während sie aus dem Feuer stieg, erzählte sie ihnen Geschichten von Orten, wo die Götter lebten. Hinter den Sternen, die nachts auf uns leuchten und uns beobachten. Und nachdem sie ihnen das Feuer in einem Stein zurückgelassen hat, flog sie wieder zurück zu den Sternen.

»Sie haben eine Göttin getroffen?« Das ist mehr, als ich fassen kann.

Aber Sander dämpft sogleich mein Gemüt. »Da bin ich mir nicht so sicher. Es war wohl für sie ein Göttin, aber für mich ein bekanntes Antlitz.«

Zunächst wundert mich das nicht, da Sander sich ja öfters mit Göttern trifft. »Du kennst sie?«

»Ja, aber nicht so, wie du denkst. Ich habe sie zwar auf meinen Reisen getroffen. Aber sie ist eine von uns, eine Tjuokurpa.«

»Eine Tjuokurpa?« wiederhole ich.

»Ja. Aus Fleisch und Blut.«

»Sag mir ihren Namen.«

»Es war Isamira Baiame Sternenmund. Und mich wundert nicht, was sie ihnen über die Sterne erzählte.«

»Isamira,« entfährt es mir. »Doch was hat sie zur Göttin gemacht?«

Sander lächelt. »Natürlich ist sie keine Göttin. Es sind nur ihre Fähigkeiten, die ja meistens auch die aller unserer Stämme sind. Die der Tjuokurpa.«

In diesem Augenblick gefriert sein Lächeln und wir schauen uns an. Wir sind auf die Nachfahren der Menschen getroffen, die einst Isamira kannten und verehrten. Und die immer noch an Götter glauben, wenn sie vermeintliche Wunder erleben.

Da ertönt Geschreie jenseits des Feuers. Ich schaue erschrocken hoch. Es ist der Kranke, der eher dem Tod als dem Leben nahe war. Anscheinend geht es ihm wieder besser. Auf einen Begleiter gestützt, humpelt er zum Großen Platz.

Seine Freunde laufen auf ihn zu. Befingern sein Bein, seine alte Wunde. Sie ist zwar noch nicht verheilt, aber die Entzündung ist zurückgegangen. Die Schwellung und die Verfärbung der Haut abgeklungen. Er hat sichtlich Durst. Das ist ein gutes Zeichen. Er wird überleben.

Zur Freude klatschen sich seine Freunde in die Hände. Und blicken immer wieder zu Sander rüber. Zu mir. Zu uns allen.

Kalb kommt mit einer Trommel. Für ihn ist die Genesung des Gastes ein schöner Anlass, zu tanzen und zu feiern. Zudem unsere Jagd besonders erfolgreich war. Er stellt sich die Röhre aus Beinknochen mit der eingespannten Haut zwischen die Beine. Bald ist der Rhythmus gefunden. Schon wiegen sich Frauen und Männer nach seinem Schlag.

»Caribberi«, ruft Jemand und alle anderen fallen ein.

Einige haben sich die Gesichter bemalt, manche auch den ganzen Körper. Jetzt taucht der Schein des Feuers sie in den flackernden Glanz ihrer Farben. Das gestreifte Ocker der Rötel im Gesicht, in Wellen über die Wangen fallend. Arme und Beine mit weißen Punkten bemalt. Rot und Gelb leuchten die Körper vor der schwarzen Nacht. Dumpf hallt die Trommel und schwankend nehmen die Leiber den Rhythmus auf.

»Caribberi!« Jetzt setzt der Gesang meines Clans ein. Und erzählt von dem Bogen, der die Riesenbeutler überwindet. Und den vielen Pfeilen, die er in ihre Leiber schickt. Bis sie sich zur Erde beugen und sich vor dem Tod verneigen.

Ein äußerer Kreis entsteht, der auf der Stelle tanzt. Darin ein innerer, der sich rechtsherum bewegt. Das Gestapfe der Füße dröhnt weit in die Nacht. Sand fliegt auf und vereint sich mit dem Funkenflug. Wärme durchdringt uns. Außen vom Feuer, innen aus der Freude der Herzen.

Permilawoy und seine Freunde sehen dem Ganzen ehrfürchtig zu. Altes, fast Vergessenes taucht wieder auf. Die Erinnerung an Legenden. Der Tanz der Götter ums Feuer. Die Bemalungen, der Singsang.

Auf unsere Bitten, doch mitzumachen, gehen sie nicht ein. Sie wollen sich alles anschauen, betrachten und bewahren. Für die Erzählungen ihres Stammes. Die das Wissen sind, das sie dereinst an andere weitergeben werden.

Ich hole meinen Bogen hervor und spanne einen Pfeil. Doch diesen habe ich zuvor im Feuer entzündet. Hinter der Steinspitze beginnt sein Holz zu brennen. Ich lasse los, und hoch über die Gipfel der Bäume verschwindet er weißglühend in der Nacht. Wie ein Licht, dass am Himmel leuchtet und zu einem neuen Stern wird.

In der Tat muss er von Götterhand getragen worden sein. Denn wie kann so etwas soweit fliegen? Mit einem Schweif aus Feuer. Weit hinaus in den Himmel der Sterne. Da, wo den Augen nur ein Funkeln bleibt. Wo die Erde von den Lichtern der Nacht begleitet wird. Da, wo der Sitz der Götter ist. Für Permilawoy aber ist es, als ob er sie auf Erden wiedergefunden hat.