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Literatur

Saga Homo Novalis

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Saga Homo Novalis



Orin Schleuderhand 58.324

D ie Berge liegen nun hinter uns. Aber die Strapazen nicht. Im Gegenteil. Die vielen Sonnenläufe mit Kälte, Schnee und erneuter Wärme, die unzähligen Monde, die auf und zu gegangen sind. Ohne die Rast von Lagern zwischendurch würden wir es nicht überleben. Oder ohne die Wärme einer Höhle, die uns vor den bitterkalten Nächten schützt. Die erneute Wanderschaft beginnt bereits an uns zu zerren.

Hinzu kommt, dass wir mit zunehmender Schwäche nicht mehr in der Lage sind, uns vor den Angriffen der Leoparden und Höhlenlöwen zu wehren. Nun sind wir selbst zur Beute geworden. Deshalb haben meine Ahnen während dieser Reise beschlossen, sich zur Auffrischung und Erholung des Clans immer wieder niederzulassen. Eine Pause einzulegen. Sich mit anderen Stämmen unserer Art zu mischen, das Blut aufzufrischen. Töchter und Söhne zu tauschen, neue Familien zu gründen. Und zwischendurch Zeit für die Aufzucht der Kinder zu finden. Denn besonders die Kleinsten sterben als erste auf den langen Wegstrecken.

Einst waren wir soviele, dass ich die Neugeborenen erst kennenlernte, wenn sie überlebensfähig waren. Unsere Feuer reichten vom Rand einer riesigen Lichtung bis zum anderen, wo ihr Schein in den Wald eintauchte. Wenn wir aufbrachen, konnte ich vom Anfang des Trecks nicht sein Ende sehen. Clanmitglieder kamen und gingen. Aber wir achteten mit der Zeit darauf, dass wir keine Familienbande mit Menschen eingingen, die den Plattnasen ähnelten. Kinder mit ihnen verloren stets das Gedächtnis ihrer Blutlinie. Auch eine Bindung mit den seltenen Langnasen zerstörte unsere Fähigkeiten. Jetzt aber treffen wir kaum noch auf andere Stämme. Auch sind wir nur noch die Hälfte, die ich führe. Etwa soviel, wie ein kleiner Baum Blätter hat. Deshalb überlege ich, die Familien, denen ich vorstehe, eine weitere große Rast zu gönnen. Zumindest für die Zeit meiner Führung. Die Kinder nach mir mögen neu entscheiden.

Arine, die mein Lager teilt und meine Blutlinie erhält, nähert sich mir.

»Du siehst erschöpft aus. Lass uns anhalten.«

»Ja, und das für eine längere Zeit.«

»Da vorne ist eine kleine Baumgruppe. In ihrem Schatten können wir schlafen.«

»Nein, Arine, diesmal werden wir uns einen besseren Schutz suchen. Für ein festes Lager.«

»Du meinst, wir bleiben erstmal hier?«

»Viele von uns haben wunde Füße. Wir müssen neue Kleidung anfertigen. Und wir brauchen starken Nachwuchs, um es bis zum Meer zu schaffen.«

Sie sieht mich an. Sie kennt meine Augen. »Wenn wir nicht bald Fleisch finden, wird auch diese Rast uns nicht helfen.«

»Kalb hat vorhin die Spur eines Mammuts gesehen. Sie ist fest und ausgetreten«, sage ich.

»Du meinst, es ist ein richtiger Pfad?«

»Ja.«

»Aber enthält er auch frische Abdrücke?«

»Ich rufe ihn.«

»Gut. Und ich werde mich inzwischen nach einem geeigneten Ruheplatz umsehen.«

Hinter uns sind die Berge. Dort hätte es genügend Höhlen gegeben. Doch in der trockenen Savanne, auf der wir jetzt sind, erhebt sich kein Hügel. Geschweige denn, es gibt üppige Vegetation wie Wälder oder Flüsse.

»Du lässt mich rufen?«

»Ja, Kalb. Zeige mir den Pfad des Mammuts.« Und zu Arine sage ich: »Bevor wir etwas besseres finden, können die anderen sich bei der kleinen Baumgruppe dort niedersetzen.«

Ich folge Kalb.

Der rötliche Wüstensand brennt heiß unter meinen Füßen. Sie schmerzen, und ich bin furchtbar müde. Von oben schütze ich mich mit einem Geflecht aus Pflanzenblättern. Doch was uns allen fehlt, ist ausreichend Wasser. Das, was wir ausschwitzen, können wir uns kaum wieder zuführen.

Kalb geht neben mir her. Er schlurft, und sein Rücken ist gebeugt. Er gehört zu den Alten unter uns. Und soweit ich zurückdenken kann, gehört er seit langem zum Clan. Fast von Anbeginn meiner eigenen Blutlinie.

»Wir kennen uns nun schon so lange.« Ich wende mich ihm zu. »Du bist mir immer ein treuer Gefährte. Glaubst du, es war ein Fehler der Orins, aus dem sicheren Schutz der Höhlen des Lamatt aufzubrechen?«

»Es war der Berg Arahars, der unseren Clan ins Zeichen des Bären setzte. Und dort waren wir gut beschützt.«

»Du meinst also, wir hätten bleiben sollen?«

»Dort ist unser Clan groß und mächtig geworden. Und wir konnten vielen anderen Clans helfen, die durch unser Gebiet zogen.«

»Ja, aber sie erzählten uns von dem Land der unendlichen Reisen. Dort, wo das Leben ewig währt.«

»Davon hat auch Sander berichtet. Aber keiner weiß, was es uns wirklich bringt.«

»Wir werden die Hüter in Al Erador sein. Dort, wo Quuanqunquum, die Pflanze, die zu den Wegen führt, deren Tage noch vor uns sind, wächst.«

»Aber hat Aerandil auch gesagt, ob wir selbst mit der Pflanze sind?«

»Du meinst, mit ihr reisen?«

»Ja. Denn nur dadurch erhalten wir auch das ewige Leben.«

»Das wird niemand wissen, solange wir sie nicht gefunden haben. Denn nur dann wird sich herausstellen, wem sie die Kraft gibt, sie im Silhamon zu begleiten.«

»Also beruhen unsere Entbehrungen und Anstrengungen nur auf einer Hoffnung.«

»Für manche eine Hoffnung, für viele eine Verheißung.«

»Und für die meisten der Tod.«

»Tod?«

»Ja, viele sind an den Auszerrungen des Marsches gestorben. Von Leoparden gefressen. Von steilen Berghängen gestürzt. Und verdurstet in der flirrenden Hitze der Wüste.«

»Dann glaubst du also, dass es ein Fehler war.«

»Die Höhle Arahars zu verlassen? Ganz ohne Zweifel. So etwas finden wir nie wieder.«

»Wie kannst du wissen, dass die Höhlen von Al Erador im neuen Land uns nicht viel mehr bieten?«

»Dazu müssten wir sie erst einmal erreichen.«

»So glaubst du, dass wir sie nicht finden werden.«

Es ist mehr eine Feststellung denn eine Frage.

»Wir haben ja noch nicht einmal das Meer gefunden. Und das wäre der erste Schritt.«

Und mein großes Ziel, ich weiß.

»So sollten wir wenigsten die Spur des Mammuts finden. Ohne ihn werden wir nie die Kraft haben, zum Meer zu kommen.«

Der Sand der Savanne streckt sich bis zum Horizont. Überall sieht alles gleich aus. Nicht einmal ein Geier, der uns folgt.

»Wir sind da.« Kalb deutet auf eine ausgetretene Rinne im rotbraunen Erdboden.

Wir folgen ihr für einige Zeit. Dann sehen wir einen Kothaufen. Ich rieche an ihm. Hebe ihn auf. Zerteile ihn. Wiege ihn in meiner Hand und schaue zur Sonne.

»Er ist nicht älter als heute.«

»Und den Spuren entsprechend handelt es sich um ein Mammut, das soviel – er hebt Mittel- und Zeigefinger – weiteren wie heute im Abstand eines halben Sonnenbogens gefolgt ist.«

Wir blinzeln zum Horizont. Dort, wo sich die Tiere hinter einer Linie aus staubigem Rot und den Nebeln des Himmels verbergen.

»Hat es Sinn, ihnen weiter zu folgen?« fragt Kalb.

»Ja, unbedingt. Dasjenige, das ihnen folgt, ist verletzt.« Der Jäger in mir erwacht unvermittelt. »Es hinkt und kann ihnen kaum folgen. Und der Abstand wird sich vergrößern.«

»Du meinst, wir haben eine gute Chance, es zu erwischen?«

»Wenn wir die Jagd klug beginnen.«

Ein Mammut ist eigentlich viel zu groß und zu stark für uns. Nur mit dem Zusammenschluss mehrerer Clans ist es möglich, es zu erledigen.

Wir eilen zurück und präparieren unsere Speere. Dabei werden alle sein, die noch laufen können. Frauen und Kinder. Wir benötigen jeden, auch wenn er nur im entscheidenden Augenblick Lärm macht oder das gewaltige Tier sonstwie ablenkt.

Ich nehme meine Schleuder und suche mir die größten Steine aus. Die Lasche ist mittlerweile aus Büffelleder. Und der Riemen, der den Eibenstock zurückzieht, aus besonders elastischem Ziegengedärm. Beides ist sehr widerstandsfähig gegen Schimmelpilz und den Fraß von Insekten.

Sander formt mit seinen Händen einen Kelch. Hält ihn sich vor das Gesicht und ruft hinein. Es ist das kleine Samirat. Wenn wir keine andere Möglichkeit haben, die Geister zu rufen. Und sie zu fragen. Uns ihrer Gnade zu versichern.

Schnell sind alle fertig. Denn wir wollen dem verletzten Tier keine Zeit geben, sich zu erholen. Im Laufschritt der stärksten Jäger geht es voran. Die anderen bleiben zurück. Aber es ist zunächst die Aufgabe des Fährtenlesers, das Tier zu finden und eine Strategie zu erdenken.

Gnadenlos brennt die Sonne auf uns herab. Einige fangen an zu husten, weil der Staub und die Hitze der Wüste ihnen zusetzen. Wir teilen unsere letzten Wasservorräte. Nun bleibt uns nichts mehr als die Sicht nach vorn. Das Mammut wird über unseren Clan entscheiden. Unser Schicksal hängt von seinem Schicksal ab. Wenn es stirbt, leben wir. Wenn es weiterlebt, sterben wir.

Weit am Horizont baut sich eine kleine Staubwolke auf. Wir sind ihm auf der Spur. Die Sonne hat bald ihren tiefsten Stand erreicht, bevor sie hinter die Erde taucht. Als wir Einzelheiten des Tieres erkennen, schaut es auf. Hebt seinen Rüssel und stößt einen trompetenartigen Warnruf aus. Dann weitet es die Ohren und macht einen Scheinangriff. Es ist doppelt zu hoch wie einer von uns. Massiv wölbt sich sein Rücken mit dem dichten Fell. Unverwandt schaut es zu uns. Sein hoher Kopf mit dem Schädelhöcker ist riesig. Im Gegensatz zu den kleinen Ohren. Doch die gewaltigen, gebogenen und verdrehten Stoßzähne drohen uns herüber. Wir bleiben stehen. Jetzt sehe ich auch, was mit seinem Fuß geschehen ist. Seine Rüsselspitze fingert um sein Gelenk.

Es ist in eine Bromelie getreten. Diese Art strömt einen süßen Duft aus, so dass viele Tiere angelockt werden. Doch sobald die schweren Mammuts auf die Blütenkolonie treten, lockert sich der Sand unter ihren Füßen, der für gewöhnlich von verzweigtem Wurzelgeflecht zusammengehalten wird. Durch sein größeres Gewicht wird alles nach unten gedrückt, und er plumpst in die Vertiefung. Diese kann dem Mammut zwar nichts anhaben. Aber an den Wurzelenden sind kleine Stachel. Und die bereiten ihm große Schmerzen. Sie haben sich entzündet, so dass der linke Vorderfuß auf das doppelte angeschwollen ist. Sein kurzer Schwanz peitscht auf vor Schmerzen.

Doch das große Tier ist noch ziemlich gut bei Kräften und überhaupt nicht gewillt, aufzugeben. Im Gegenteil, unsere Annäherung macht es um so wütender. Vorsichtig schleichen wir heran. Sogleich beginnt es, auf uns zu zu galoppieren.

Wir verteilen uns in einem Bogen um das Mammut herum. Wie wir es immer tun. So bekommt mindestens einer die Gelegenheit, es mit seinem Speer zu erwischen. Aber wir sind viel zu wenige. Selbst sollte es gelingen, einige Speere in das Mammut hineinzudrücken, würde es davon noch lange nicht sterben.

Auch die, die hinter uns aufrücken, werden nicht sehr behilflich sein. Wir benötigen einen viel größeren Ring an Menschen. Oder zumindest eine natürliche Schutzbarriere. Eine Wand aus undurchdringlichen Büschen oder einen Fels, der dem Tier die Fluchtmöglichkeit nimmt. Aber hier ist rein garnichts.

Die einzige Wand, die es gibt, ist der Boden. Von allen anderen Seiten ist es frei. Da können wir wenigen Jäger nichts ausrichten.

Auch die Verletzung seines Fußes ist nicht so schlimm, dass sie es bei unseren Angriffen behindert. Ich sehe mir die dicke Schwellung an. Es ist schon bemerkenswert, was so eine kleine Pflanze mit noch viel winzigeren Dornen bewirken kann. Bei so einem großen Tier. Da müssen wir Menschen doch auch etwas ausrichten können.

Es sind schließlich die Tricks, die es den Kleinen ermöglichen, die Großen zu schlagen. Ich muss nachdenken.

Die Pflanze hat es geschafft, indem sie ihn anlockte. Das brauch ich nicht. Es ist schon hier. Dann hat sie ihm etwas vorgegaukelt. So getan, als ob es Nahrung gäbe. Doch das war eine Falle. Eine Art Tür, die nach unten nachgab. Oder die sich nach unten hin öffnete. Und dort warteten dann die Dornen. Oder unsere Speere.

Also muss ich es ihnen gleichtun. Auch eine Falltür bauen. Das ist ein Loch, in das er fällt. Aber er kann das Loch nicht sehen, weil es so aussieht, als ob es der Boden ist. Und dort muss das Mammut hin. Dafür verspreche ich ihm etwas zu essen. Seine Lieblingsfrucht. Oder einen Angriff auf uns.

Aber ich brauche es nirgends hinlocken, wenn ich die Falltür auf seinem Pfad errichte. Dort, wo es immer langgeht. Nur muss ich etwas finden, um das Loch zu verdecken. Und vorher etwas ins Loch tun, damit es ihn tötet. Oder verletzt. Wenn es hineinfällt.

Ich rufe Kalb. »Hole Sander, Freio und Mandarin. Wir müssen das Mammut umrunden. Die anderen sollen inzwischen warten, bis der Rest eingetroffen ist. Und es solange ablenken.«

»Was hast du vor.«

Doch ich habe für das, was gerade in meinem Kopf Gestalt annimmt, noch keine Worte. Wir laufen einen weiten Bogen, der uns schnell aus dem Sichtfeld des Tieres bringt.

Dann kehren wir zum Pfad zurück. Aber diesmal sind wir auf der anderen Seite des Mammuts, weit vor ihm. Mit kleinen Hirschgeweihen, die wir in einer Bauchtasche am Gürtel tragen, lockern wir die Erde und schaufeln sie allmählich aus. Es entsteht ein Loch, das ungefähr so tief ist, wie wir hoch. Das wird das Mammut nicht verschlucken. Uns bleibt keine Zeit. Ich stecke einige Speere mit der Spitze nach oben in den Boden der Vertiefung. Nun fehlt noch die Bedeckung.

Angestrengt denke ich nach. Ich ziehe mich aus. Auch die anderen sollen ihre Bekleidung ablegen. Verwundert tun sie es mir gleich. Ich sammle sie auf und breite sie über das Loch. Dann streue ich den Sand der Wüste über die Felle. Nach einer Weile sieht alles so aus, als ob hier nichts geschehen sei.

Keinen Atemzug zu früh. Von weitem hören wir das schwere Tier, wie es sich nähert. Wir verharren in sicherer Entfernung. Schnell kommt es auf uns zu. Wir weichen weiter zurück. Es folgt dem Pfad, den es so gut kennt. Dann bleibt es stehen. Direkt vor dem Loch. Es sieht, wie der Pfad aufhört. Unterbrochen wird vom losen Sand der Savanne. Die feste Spur der Wanderungen hat sich aufgelöst.

Ich merke, dass das Mammut zögert. Irgend etwas scheint ihm fremd. Es muss nun doch angelockt werden. Von seiner Nahrung. Aber es frisst nur Gras. Deshalb muss ich es ärgern, herauszufordern. Seine Urteilskraft schwächen.

Ich laufe auf die Falltür zu, schreie und fuchtel wild mit den Armen. Verblüfft starrt mich das Tier an. Dann dreht es sich verwirrt um. Von hinten kommen die anderen. Fast der ganze Clan ist nun da. Das gibt ihm den Rest. Mit wütendem Trompeten springt es nach vorn und will auf mich losrennen. Doch der Boden unter ihm bricht ein. Die Felle rutschen nach und reißen es mit. Voller Panik schlägt es mit seinen Beinen aus, einen Halt suchend. Das Loch nimmt es nur bis zur Mitte auf. Rücken und Kopf ragen noch heraus. Und es will schon den schmalen Rand erklimmen, sich mit den Vorderbeinen einen Weg nach oben graben. Da plötzlich steckt ihm einer der Speere bis zum Schaft im Bauch.

Vor Schmerzen schreit es auf, und umso wilder versucht es, sich zu befreien. Kalb erfasst die Situation und springt auf das Mammut zu. Stößt ihm seinen eigenen Speer durch den Hals, so dass das Blut herausspritzt und ihn rot färbt. Halbblind jagt er dem sich windenden Tier einen Steindolch in die Kehle. Nun schleudern auch Freio und Mandarin ihm ihre Speere ins Fleisch. Sein Todeskampf wird schwächer.

Dann nehme ich den schwersten Stein. Leg ihn in die Lederlasche. Und spanne meine Schleuder. Ziele genau auf den dicken Kopf des Tieres. Lasse los und gebe ihm den Gnadenstoß.

Seine Augen werden glasig. Es sinkt zusammen. Schnauft und prustet. Spuckt Blut. Lässt mich aber nicht aus dem Blick. Bis er gebricht. Der Moment währt nur kurz, aber er wird für mich nie an Eindringlichkeit verlieren. Wir Menschen sind es diesmal, die überleben. Wir haben es geschafft.

Erleichtert hole ich scharfe Messer aus dem Fellsack. Sie dienen speziell dem Zerlegen großer Tiere. Lange schon wurden sie nicht mehr genutzt. Das Hungern hat nun ein Ende.



Das Feuer brennt. Und saftiger Bratenduft entströmt ihm. An einem Spieß aus Fichtenholz hängen riesige Fleischpakete. Andere sind mit kleineren Stöckern durchbohrt. Sie werden direkt über die Flammen gehalten. Sie sind aus dem Holz einer Eibe und verbrennen nicht so schnell.

Auch wenn Kania schon lange von uns gegangen ist, besteht ihre Kunst der Flammenhand unter uns weiter. Andere haben auch viel gelernt. Und über Sander können wir jederzeit andere Schamanen befragen. In diesem Fall vor allem Henin. Dessen Clanführer ist mit der Fertigkeit geboren, die Flammen zu beherrschen. Sowie es mir eigen ist, neue Jagdmethoden zu entdecken. Vor allem mit der Schleuder, die mir meinen Beinamen gibt.

Aber, wie es sich zeigt, bin ich nicht allein auf sie fixiert. Die Falltür, mit der wir das Mammut erlegt haben, ist in aller Munde. Und auch sein Fleisch. Sämtliche Clanmitglieder schauen endlich wieder bewundernd zu mir hin. Es ist lange her, dass ich meine Aufgabe so vollkommen erfüllt habe wie heute.

»Orin Bundjil. Der du den Mammut fälltest«, ruft jemand.

»Ihn in eine Falltür locktest«, wird ergänzt.

»Es ist nicht nur die Tür gewesen, die er erfand. Es kommt das Lockmittel, das Verbergen und das Erstechen hinzu. Es ist alles in einem. Eine Falle.« Sander klopft mir mit seinen fettigen Fingern auf die Schulter. Er hat vielleicht das richtige Wort dafür gefunden. ‚Eine Falle.’

»Oder die Grube der Falle. Kurz, ich werde sie Fallgrube nennen.«

Alle stimmen mir zu.

»Du hast das Recht der Namensgebung, Orin. Und ich werde sie den anderen Clans unter diesem Namen vorstellen.«

Sander nickt und beißt erneut ins Fleisch.

Der Weg des Schamanen ist eine einzigartige Weise, unsere Fähigkeiten und Erkenntnisse weiterzugeben. Neuigkeiten auszutauschen, Treffen zu vereinbaren. So weit ich mich erinnere, sind nicht einmal die Langnasen dazu in der Lage. Obwohl sie in Sachen Erfindungen nicht hinter uns zurückstecken. Bei Schmuck und Malerei sogar auf interessante Gedanken kommen. Und, wie ich von Sander hörte, auf merkwürdige Weise ihre Toten zurück lassen. Sie häufen Gräber aus Steinen auf. Aber davon wissen wir zu wenig.

Ich betrachte noch eine Weile die kokelnden Äste im Feuer. Die Bäume, die uns Schatten spenden, erweisen sich nun mit ihren älteren, herabgefallenen Zweigen als nützlich für die Zubereitung unser Speisen.

Ich stochere nachdenklich in der Glut.

»Was gedenkst du jetzt zu tun«, fragt mich Kalb. Er kennt mich so gut, dass er sofort merkt, wenn etwas in mir vorgeht.

»Erinnerst du dich noch an unser Gespräch über die Wanderung?«

»So gut wie du.«

»Und? Glaubst du, dass wir hier einen neuen Platz gefunden haben?«

»Für ein festes Lager?« Er überlegt nicht lange. »Nein.«

»Warum nicht?«

»Das Land ist zu leer. Auch wenn wir mit deiner neuen Fallgrube jetzt Glück hatten, wird sie uns hier nicht viel nützen. Es gibt kaum Wild in dieser Gegend.«

»Dann ist es nur ein Gebiet, durch das wir ziehen.«

»Ja.«

»Wir haben im Augenblick genug Vorräte. Wenn wir mit denen weitergehen, und dann einen guten Platz für unsere Hütten finden. Würdest du bleiben?«

»Ja. Das kann ich nur raten.«

Ich kann mich nicht entscheiden. Da tritt Sander hinzu.

»Henin hat mir einmal gesagt, wir sollen uns gegenseitig helfen, um das Meer zu finden. Unser Wissen austauschen über Wege und Hindernisse. Und Ratschläge denen geben, die nicht weiter wissen. Aber vor allem denen zur Hilfe kommen, die in Schwierigkeiten sind.«

»Wie meinst du das? Wir wissen doch garnicht, wo die anderen sich jeweils befinden«, werfe ich ein.

»Iosain, sein Clanführer, meint, wir sollen uns nach den Sternen richten. Das sagt übrigens auch Isamira, die Führerin des Clans der Hyänen.«

»Isamira, Iosain? Welche Sterne?«

»Sie sagen, manche Sterne stehen an derselben Stelle. Sie können uns die Richtung geben, in die sich eine Familie zu wenden hat.«

Ich begreife nicht. »Wie sollen wir die Sterne denn erreichen? Wir können doch nicht fliegen wie ihr.«

Sander lächelt. »Ihr sollt auch nicht träumen. Ihr sollt wirklich dorthin gehen.«

»Aber wie?« wendet jetzt auch Kalb ein.

»Es ist bloß die Richtung, die ihr einschlagen müsst. Dabei bleibt ihr natürlich auf der Erde.

»Und wie soll das gehen?« Andere mischen sich mit ein.

»Indem ihr dem Großen Stern folgt, der am hellsten brennt.«

Und er zeigt nach oben. Dort funkelt der Nachthimmel nun in all seiner Pracht. Hoch über uns gewahren wir einen, der am stärksten leuchtet. »Ihm müssen wir folgen, denn unter ihm befindet sich die Große See.«

»Hat das Iosain gesagt?«

»Nein, Aerandil. Aber es ist Iosains Idee, die Wege der Clans über die Sterne zu führen.«

»Und was hat Isamira damit zu tun?«

»Sie hat den Lichtern des Himmels einst ihren Namen gegeben. Damit wir sie benutzen können.«

Ich sehe zu Kalb hinüber. Er kreuzt meinen Blick. ‚Den Sternen nach, so wird es sein.’ Wir schauen nach oben in die schwarze Nacht. Dort erkennen wir tatsächlich ein Licht, dass heller ist, als all die anderen. Wir nicken uns zu. Die Entscheidung ist gefallen. Wir stehen auf.



Matt leuchtet das Abendrot über die nahen Hügel. Hinter der Anhöhe schimmert es in unzähligen Farben. Von Zinnobergrün bis violett. Sowas habe ich noch nie gesehen. Das einzigartige Schauspiel entschädigt mich für so manches Ungemacht.

Unzählige Tage liegen nun hinter uns, an denen wir nicht weiter wussten. Auf der Suche nach Fleisch und Wasser. Wir haben die bitterkalten Nächte durchwacht, weil der Hunger unsere Träume vertrieb. Haben nahezu entmutigt nach oben geschaut, ob der Große Stern uns endlich von den Qualen erlösen würde. Bis wir morgens irgendwann in einen ohnmachtähnlichen Schlaf fielen. Am Tage sind wir dann der Richtung des Sterns gefolgt, in die er des Nachts geschienen hatte.

Bis wir endlich hier angekommen sind. Einem Ort, der Neues verspricht. Etwas, das zunächst nur wie der Hauch eines fremden Gewürzes erscheint und uns in die Sinne steigt.

»Riechst du das auch?« frage ich Kalb.

Ernst schnuppert er. Dann leckt er sich über die Lippen. Da beginnen seine alten Augen zu leuchten.

»Es ist das Meer, das wir riechen.«

Jetzt macht mein Herz einen Freudensprung. »Das Meer? Sind wir angekommen? Aber wie kann man es riechen?«

»Riechen und schmecken«, ergänzt Kalb. »Es ist das Salz seiner Wasser, das über die Lüfte zu uns kommt.«

Auch ich habe Erinnerungen an Flüsse und Seen.

»Wasser ist doch nicht salzig«, wage ich zu behaupten.

»Dieses schon. Es ist das des Großen Meeres.«

Jetzt können wir nicht mehr ruhig gehen. Laufen zur Anhöhe und erklimmen ihren Grat. Vor uns baut sich die Sonne noch einmal zu ihrer schönsten Rundung auf. Hier ist sie Goldgelb und Orangerot. Ganz groß. Und doch können wir in sie hineinsehen.

Aber das faszinierendste Erlebnis erwartet uns, als unser Blick weiter hinunter fällt. Da ist sie, die Blaue See. Das Ziel meiner Ahnen. Die Sehnsucht, die uns alle treibt. Und der Anblick, den die Blutlinie der Orins sich erhoffte. Für mich ist es nun wahr geworden. Und ich sauge alles in mich hinein, damit es meinen Kindern nicht an Erinnerung mangelt.

»Wie wunderschön«, sagt Arine, als sie mit den anderen bei uns angekommen ist. Doch in Wirklichkeit fehlen uns die Worte. Und nur die Bilder des Tages sprechen eine stumme Sprache.

Vor uns öffnet sich ein Abhang. Hier wachsen einige Zwergbirken und Polarweiden. Helles Silbermoos bricht durch grünende Flechten. Am Ende geht der braune Boden in weißen Sand über, der von kleinen Wellen vorsichtig beleckt wird.

Die Ufer des Großen Sees verschwimmen im Horizont. Blau in Blau reihen sie sich in der Ferne und verschmelzen mit dem Himmel. Vorne am Strand nähern sich Wogen und spritzen auf den Korallen zu weißer Gischt. Ihre hellen Schaumkronen glitzern im letzten Licht. Und wir stehen da, in Unglaube und Demut und sehen, wie die Sonne im Meer versinkt.

»Jetzt nimmt sie ein Bad und ruht sich aus«, flüstert Arine neben mir.

Dann gehen wir auf der anderen Seite des Hügels hinunter. Rutschen und Johlen, Lachen und Schreien.

Die Tiere um uns laufen davon, doch wir nehmen keine Notiz von ihnen. Rotfüchse und Pfeifhasen ducken sich ängstlich im Gras der Strauchtundra. Das erste Mal in meinem Leben bedeuten sie für mich nicht Nahrung. Ich verschwende keinen einzigen Gedanken, sie zu jagen, zu fangen oder zu töten. Ich laufe an den Rehen, Antilopen und Moschusochsen vorbei und überschlage mich. Verliere meine Beutel, lasse mein Messer fallen und werfe zum Schluss meine Schleuder weg.

Ich will nur noch mit Händen und Füßen das Wasser des Großen Sees erfühlen.

Später kann ich alles wieder einsammeln. Aber jetzt wanke ich mit den letzten Schritten durch tiefen, weichen Sand. Und meine Spuren graben sich wie Furchen über den Strand. Dann reiße ich mir den Mantel aus Bärenfell vom Leib, ebenso Hose und Hemd.

Und als ich endlich am Meer ankomme, springe ich hinein, mit meinem ganzen Körper. Der nackt ist unter dem Himmel, an dem die Sonne langsam dem Mond die Herrschaft der Nacht übergibt. Und ich tobe und springe, dass die Wellen hochplantschen und Wirbel erzeugen, als ob sie mit mir spielen. Und ich merke und koste das erste Mal, dass das Wasser salzig ist.

Alle anderen sind nun auch bei mir angekommen und tummeln sich im Wasser. Wir rufen und schreien. Fordern die Zögernden auf, es uns gleich zu tun. Dann erstarrt Sander plötzlich.

»Haltet ein.« Und er hebt die Hand.

Wir schauen in die Richtung seines Blickes. Dort erscheinen mehrere Menschen. Eine Magie geht von ihnen aus, die von der Bande unseres Blutes spricht. Bedächtig nähern sie sich uns. Bald erkennen wir ihre Gesichter. Sehen die hohe Stirn, das gerade herunter verlaufende Antlitz, die kleine Nasen, das zurückliegende Kinn.

Als sie uns erreicht haben, reden sie in unserer Sprache. Wir erkennen einige von ihnen wieder. Es sind die, die vor der Zeit unserer eigenen Geburt unsere Höhlen passierten. Als wir noch im Lamatt wohnten. Sie haben zwar nicht dieselben Gesichter, aber dieselben Namen.

Und sie führen uns zu ihren Unterständen. Gemeinsam essen und trinken wir. Feiern die Ankunft. Es gibt viel zu erzählen. Abgesehen vom Djibbiwaddi. Doch letzten Endes reden wir über die Pflanze am anderen Ende der Reise. Das Quuanqunquum in den Höhlen des Al Erador. Von wo wir alle über die Welt fliegen in eine neue Zukunft. In ein Leben, das wir nicht mit anderen teilen müssen. In dem unser Blut unvermischt bleibt und unsere Art erhält. Dann erzählen sie von ihren Schiffen. Denn ihre Überfahrt steht unmittelbar bevor.

»Hier gibt es genug Wälder, um Holz zu holen. Und genug Wild zum Essen. Wir raten euch, verschnauft eine Weile. Bleibt, solange es euch gefällt und ihr vielleicht einem anderen Clan die ersten Schritte beibringen könnt. Denn – wie wir hörten – ist die Große Überfahrt sehr schwer. Und nicht jedem gelingt sie.«

»Kommen sie dann zurück?« fragt Kalb.

»Nein. Sie werden nie mehr gesehen.«

»Aber andere kommen an?«

Ihr Anführer schaut zu mir. »Oh ja, Orin. Viele erreichen das andere Ufer. Und einigen wird es sogar bestimmt sein, die Pflanze zu finden.«

Ich werde hellhörig. »Ist es schon jemandem gelungen? Sag, wem.«

»Noch ist keiner bis ins Herz dieses Landes vorgedrungen, wo sie leben soll. Aber zu jedem Floß gehört ein Schamane. Und ein Kundiger der Schifffahrt. So dass alle große Chancen haben, das Meer heil zu überqueren. Und die Wege, die euch dorthin führen, anderen Schamanen zu beschreiben. Bis es einer sein wird, der den richtigen einschlägt. Und ihn wird Quuanqunquum zu ihrem Hüter erwählen.«

»Quuanqunquum, das in Al Erador wohnt«, füge ich hinzu. Und mein Herz jubelt. Denn zwischen ihm und mir liegt jetzt nur noch das Meer.