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Literatur

Saga Homo Novalis

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Saga Homo Novalis



Orin Schleuderhand 63.280

I ch bin erschöpft. Die langen Märsche haben mich und meinen Clan sehr angestrengt. Zunächst waren wir durch ein Tal voll dorniger Büsche und Kletterpflanzen gegangen. Ihre harten, langen Wurzeln ließen uns stolpern und misshandelten unsere Füße. Doch hier gab es zumindest Wasser.

Die Ebene, die sich dahinter erschloss, war offen und ohne Vegetation. Der braune Boden der Tundra weist mehr Geröll auf als Pflanzen. Diese wachsen nur noch zögernd und beinahe scheu durch den scharfkantigen Kies. Gleich darunter ist die Erde hart wie Eis.

Stetig streicht der Wind über unsere Köpfe und bläht die Kleidung mit kalter Inbrunst. Wir frieren schrecklich. Es ist so kalt, wie ich mich nicht erinnern kann. Nie zuvor hat es diese furchtbaren Stürme gegeben. Und mit ihnen kommen die Graupelschauer. Noch ehe die Tage kälter werden, und Schnee die Erde bedeckt.

So ziehen wir weiter. In ein Gebiet, das uns vor den kalten Tagen schützen kann. Am besten wäre ein Wald oder wenigsten die Höhle eines kleinen Berges. Immer öfter fällt mein Blick auf die Alten und Schwachen. Und mir wird klar, dass sie sterben werden, wenn die Kälte zunimmt.

Heute bedürfen alle einer Rast, sonst kann bald keiner mehr weiter. So sporne ich sie an, setze ihre letzten Kräfte frei. Noch hört mein Clan auf mich. Doch irgendwann wird es keinen mehr geben, der mir folgen kann. Ich stehe auf einer Anhöhe. Noch ist nicht der richtige Platz gefunden, an dem wir unsere Zelte aufstellen können. Ich schaue an meinen Beuteln und Taschen herunter, die mir schlaff am Gürtel hängen. Auch der Sack aus Hirschleder, den ich über die Schulter geworfen habe, ist fast leer und wippt leicht hin und her. Das Gebein und Fleisch des kleinen Bären, unsere letzte Beute, ist aufgebraucht. Es sind schon soviele Monde über uns gestrichen, seitdem wir aufgebrochen sind. Unsere Vorräte gehen zuende.

Weil ich stehen geblieben bin, haben sich mittlerweile viele liegen auf den Boden gesetzt. Hunger nagt. Es gibt kein neues Fleisch. Nur noch die wenigen Beeren, die Taressa in einem Korb aus Weidengeflecht auf dem Weg sammeln konnte. Und die paar Früchte vom Feigenbaum. Sie sind klebrig, aber schmecken süß. Viele von uns lutschen an der ledrigen Schale.

»Wo sind die Tiere, Orin?«

Das fragt mich der kleine Kalb schon wiederholt. Und doch gebe ich ihm immer dieselbe Antwort. »Sie wohnen weiter abwärts. Da, wo es wieder Gras gibt.«

»Aber wo ist das?«

»Noch soviel Tagesmärsche von hier,« rate ich, »wie die Sonne vom äußeren bis zum mittleren Finger auf- und untergeht.«

In der Tat weiß ich es nicht genau. Aber wenn ich nichts sage, dann verlieren sie auch ihre letzte Hoffnung. Und die, habe ich gemerkt, ist der einziger Ansporn, uns nicht aufzugeben.

Hier jedenfalls gibt es kaum noch etwas zu jagen. Die Ebenen sind zum Teil mit Schnee überzogen. Der Boden hart wie Eis. Die winzigen Büschel Gras, die aus den Spalten der Erdschollen herausragen, genügen nicht mal den wenigen Herden. Diese sind so scheu, dass sie uns nicht auf Speereswurfweite heran lassen. Wir haben kaum eine Chance, sie zu treffen. Geschwächt vor Hunger liegen wir auf dem Boden im Windschutz einiger Bäume. Sie geben uns ein wenig Schutz inmitten der endlos kahlen Steppe.

Kania bläst ins kleine Feuer. Es ist bitter kalt geworden, und wir alle frieren so sehr, dass der Schlaf uns nicht ereilt. Es ist unsinnig, unsere Hütte aufzuschlagen. Ihr Aufbau würde nur unsere Kräfte verbrauchen. Morgen müssen wir weiterziehen. Der Ort hier enthält zu wenig Leben, um uns zu ernähren.

Kania versucht, dass Feuer größer zu machen. Aus einem Gefäß aus gebranntem Lehm holt sie noch etwas Glut. Sie ist die Hüterin der Flammen. Sie muss darauf achten, dass sie nie ausgehen. Denn ohne ihre Hitze können wir tagsüber kein Fleisch braten und abends vor Kälte nicht schlafen.

Jetzt fehlt uns etwas Festes zu essen. Allein deshalb lässt uns der Hunger kein Auge zudrücken.

»Such noch Holz. Auf keinen Fall darf uns das Feuer ausgehen«, sage ich zu ihr.

Sie sieht mich an. »Hier gibt es nur nasse Äste, die nicht gut brennen. Es ist schwer, Eiche oder Erle zu finden.«

Sie guckt in ihre Tonschale. Die ist das einzige, worin die Glut glimmen kann. Sie ist es sehr heiß, und Kania fasst sie nur mit einem Lappen aus Biberfell an.

»Dann such dir irgendetwas anderes. Hier gibt es Akazien. Und lass das Eichenholz im Thasar.« So heißt das Gefäß, in dem wir das Feuer tragen. Es ist breit und hat eine runde, bauchige Wölbung. Oben gibt es nur eine kleine Öffnung, die die Glut mit Luft versorgt und vor Wind schützt.

Wenn es erlischt, wenn Thasar kalt wird, dann werden wir es schwer haben, neues Feuer zu bekommen. Es ist nicht so häufig, dass wir offenem Feuer begegnen. Meistens, nachdem der Himmel mit uns geschimpft und donnernde Schweife auf uns niedergeworfen hat. Dann verstecken wir uns in den Höhlen der Berge oder laufen ganz weit weg. So schnell wir können. Denn den Geist des Donners möchten wir nicht noch mehr reizen. Earazzil soll keinen Grund haben, länger als gewohnt zu grollen. Und nicht noch den Sturm schicken, der uns in die Luft hebt und durchs Land wirft. Dann werden wir schwer verletzt. Und es gibt viele Tote zu beklagen.

Aber Earazzil schweigt im Augenblick. Und selbst falls er sich über etwas aufregt, findet er doch kein Buschwerk, an dem er sich austoben kann. Es gibt hier kaum Bäume, den leuchtenden Speer zu schleudern. Und so müssen wir mit den letzten Überbleibseln seiner Wut achtsam umgehen. Keiner von uns will ihn freiwillig erzürnen, damit er wieder seine Speere auf uns wirft. Nur weil wir auf Thasar nicht genügend aufgepasst haben.

Kania geht, um gutes Holz zu suchen. Wir scharren uns derweil um das kleine, verbliebene Feuer. Es ist unser einziger Trost in dieser Nacht, die nun voranschreitet, und unsere Knochen erzittern.

Stetig weht ein feuchter Wind über unsere Köpfe. Wir rücken dichter zusammen. Auch Thasar haben wir in unsere Mitte genommen. Von ihr geht etwas Wärme aus, die die Kinder vielleicht schlafen lässt.

Ich schaue auf den kleinen Orin. Mit seinen großen, müden Augen blickt er mich unverwandt an. Als ob ich ihm Hoffnung geben könnte. Morgen etwas zu finden, ein Reh zu erlegen. Wenn er sich doch ausruhen würde. Denn die Märsche sind sehr anstrengend. Die Kinder sterben als erste. Sie werden schwächer. Und doch müssen wir immer wieder aufbrechen. Denn es gibt hier absolut nichts zu essen.

Jetzt kommt er zu mir angekrochen. Kuschelt sich an mich. Ich nehme ihn unter meinen Pelz aus Urmoschus. Der ist alt, denn dem Moschusochsen bin ich nie begegnet. Es ist so lange her, dass ich ihn nur aus den Erinnerungen von Orin, unserem ersten Anführer kenne. Er war es auch, der das Tier getötet hatte und ihm das Fell nahm.

Heute macht diese Arbeit Arine, meine Gefährtin. Ihre Familie weiß viel darüber, wie Haut und Fell der verschiedenen Tiere gegerbt werden. Sowas kann sie besser als meine Blutlinie. Wir sind Jäger. Und es gibt unter ihnen nur wenige, die das Leder zu Schuhen, Decken und Umhängen bearbeiten können.

Dazu bestreicht sie einige Sonnenbögen lang das Fell mit Salz, das wir aus der Erde gewinnen, und hängt es zum Trocknen auf. Mit einem scharfen Steinmesser schabt sie dann vorsichtig die Fleischreste ab. Einen kalkhaltigen Dolomit, den sie zerstoßen hat, löst sie in Wasser auf und tränkt das Fell mit der Haarseite nach unten solange, bis diese abgehen. Zusätzlich legt sie das Fell über einen Ameisenhaufen und walkt und dreht es mit einem abgerundeten Holzstab. Nebenher mischt sie in einem Topf Kleie in Wasser zu einem dicken Brei und legt das enthaarte Fell anschließend hinein. Darauf löst sie zerstoßene Tannennadeln in Wasser auf und gibt zusätzlich Fichtenrinde, Eidotter und Pflanzenöl hinzu. Einmal muss der Mond auf und zu gegangen ist. Solange wird die Haut darin umgerührt. Zum Schluss legt sie sie in die Sonne und streckt sie, indem sie sie an Pflöcken auf den Boden bindet.

Schon seit langer Zeit bin ich nun mit Arine der Anführer des Clans. Und vielleicht auch ihr letzter. Denn ich weiß keinen Ausweg aus der Kälte. Und es gibt keine neue, dichte Kleidung mehr für die Nachkommen. Ich weiß nicht, wo die Pflanzen geblieben und wohin die Tiere gewandert sind.

Ich schlage den Fellmantel über Orin, bis nur noch seine kleine Nase herausguckt. Dicht an mich gedrängt spüre ich seinen kleinen Leib, wie die Kälte aus ihm weicht. Ich weiß, er wird sterben, wenn ich nicht bald einen Hirsch oder wenigsten eine Schneegans stellen kann. Schon lange habe ich die Saquasis nicht mehr vorbeiziehen sehen. Ist es bereits einen Winter her, dass ich sie traf? Mit dem Speer, der eine Blutspur durch den Vogelschwarm zog.

»Wo sind die Tiere, die alle Orins vor uns gesehen haben?« höre ich es leise aus meinem Bauch fragen. Erstaunt schaue ich nach unten. Doch da ist nur Orin, wie er zu mir nach oben schaut. »Und wo sind die Beeren, die Arine und die Arine vor ihr immer fanden?«

Ich weiß es nicht. Da, von wo wir aufbrachen, habe ich sie lange nicht gesehen. Nur in den Träumen kenne ich noch die Himbeeren und Brombeeren der Büsche, die Wurzeln der Tamasotte, die Rotkugeln der Eibe und die Früchte der Apfelbäume. Das war vor vielen Wintern. Es gibt sie längst nicht mehr. Das Land ist wie ausgestorben.

Allein sich von den Wurzeln der Knollenbrust und der Bohnenschoten zu ernähren, reicht nicht. Und die Kräuter des Wegedorns, die wenigstens einen wärmenden Tee ergeben, lindern auch nicht den Hunger, der an unseren Gedärme zerrt. Eigentlich hat der Winter nie mehr aufgehört. Selbst wenn die Sonne am längsten scheint, erheben sich die Hügel der Savanne nur im spärlichen Grün.

»Hier lassen uns die Tiere nicht von nahem gucken«, sage ich. »Und es sind wenige. Wir kommen nicht an sie ran. Deshalb müssen wir über die Berge, die vor uns wachen. Sie lassen nur wenige durch. Und dahinter erstreckt sich eine weite Ebene, so fruchtbar, dass dort viele Tiere grasen. Und noch weiter, hinter allem, da kommt ein blauer See, so groß, dass seine Ufer im Horizont verschwimmen.

»Und wann werden wir da sein?«

»Nicht mehr lange. Sobald wir die Berge erreicht haben.«

Das einzige, was ich wirklich vor mir sehe, sind die Berge, wenn ich am Tag auf eine Anhöhe steige. Bleich schimmern sie in der Weite, im diffusen Zwielicht des grauen Himmels, von Wolken umhangen.

Ich hoffe, wir werden sie noch erreichen. Ich bin mir nicht sicher. Aber noch ein Tag ohne richtiges Essen, und die ersten werden sich vor Schwäche nicht mehr erheben können. Dann stehe ich vor der Entscheidung, sie zurück zu lassen. Oder mit ihnen unterzugehen.

Etwas Kaltes kitzelt meine Nase. Ich schaue nach oben. Kleine Flocken schweben leise herab. Es hat zu schneien begonnen. Es wird das Feuer löschen. Und uns unter einer Decke von Stille begraben. Wenn wir nicht bald das Gebirge erreichen. Trockene Höhlen finden. Die uns vor der Kälte, dem Wind und dem Schnee schützen.

Neben mir höre ich das Rollen von Steinen. Jemand kommt angelaufen und stürzt in unsere Mitte. Es ist Kania. Sie hat etwas in der Hand. Es ist ein Stück Feuerholz.

»Das ist nicht viel«, wundere ich mich.

Sie hält inne, um zu verschnaufen. Ist sie wegen diesem Stock da so gerannt? Und warum hat sie nur den einen gebracht?

»Er ist aber sehr merkwürdig.«

»Wieso«

»Er geht nicht kaputt.«

»Du meinst, er lässt sich nicht zerbrechen?«

»Nicht zerbrechen und noch viel mehr. Wenn ich ihn biege, dann neigt er sich mit, und wenn ich das eine Ende wieder loslasse, dann schnellt er in seine alte Form zurück.«

Ich wundere mich. Von so einem Stück Stock habe ich noch nie gehört. Geschweige denn es selbst gesehen. Vermutlich stammt er von einer ganz, ganz alten Eibe. Ihre ältesten Äste sterben mit den Bäumen.

Kania legt ihn in die Feuerschale. Doch er nimmt kein Feuer an. Und doch glüht er plötzlich, dass der Topf ganz heiß wird und eine kleine Ecke vom oberen Rand abspringt.

»Pass doch auf«, ruft Taressa. Du machst Thasar noch völlig kaputt.

Hastig nimmt Kania den Stock aus der Glut heraus. Er scheint in kurzer Zeit wieder abgekühlt zu sein.

Ich strecke die Hand aus, und sie gibt ihn mir.

Er fühlt sich geschmeidig an. Und glatt, obwohl er noch fast überall die Rinde hat. Diese ist trocken und sehr dünn. Ich lass ihn in meiner Hand wippen. Seine Spitze zittert ein wenig, bis sie sich wieder beruhigt.

»Versuch ihn zu biegen«, rät Kania mir.

Ich tue es. Es wird zwar immer schwerer, aber der Stab in meiner Hand lässt sich fast bis zu seinen Enden falten. Ich öffne die rechte Hand, und er reißt mir fast die Linke weg, als sich sein oberes Ende wieder aufrichtet.

Erschrocken werfe ich ihn hin. Wie betäubt spüre ich die Finger meiner linken Hand vibrieren. Ich schüttle sie aus.

Was ist das für eine Magie? Welcher Geist wohnt in diesem Holz? Erst erlaubt er, ihn zu formen. Doch dann wird er wütend und will wieder so sein wie vorher.

Immer noch entsetzt starre ich auf den Stock. Er liegt jetzt zu meinen Füßen. Und tut so, als wäre nichts geschehen. Hat er mir verziehen?

Tastend schleicht sich meine Hand wieder zu ihm. Ich will ihn nicht noch einmal verärgern. Aber ich bin neugierig geworden, was an ihm besonderes ist. Sowas habe ich noch nie gesehen.

Erneut halte ich ihn in der Hand. Doch jetzt ziehe ich nur ein wenig an seinem Ende und lasse gleich wieder los. Leicht wippt er, bis er in seiner alten Lage ruht. Das scheint er also nicht krumm zu nehmen. Ich probiere solange, bis ich seine Grenzen kenne. Wenn ich sie überschreite, wird er böse und will mir weh tun. Auch schlägt er dann unkontrolliert aus, so dass ich ihn kaum bändigen kann.

Allmählich finde ich heraus, wieweit er sich ziehen lässt und noch gehorsam bleibt. Das macht sogar Spaß, und alle andern am Lagerfeuer schauen mir zu.

»Damit kann ich sogar etwas fortwerfen.« Ich zeige es. Ich lasse das eine Ende los, und es schnellt in seine Ausgangsposition zurück.

Ich schaue mich um. Vor mir liegen kleine Kiesel, und ich nehme einen. Dann ziehe ich den Stab noch einmal an und lege den Stein auf. Alle vor mir weichen aus, dass der Sand auseinanderspritzt. Ich lache. Sander, der Schamane, wird wütend.

»Was hast du vor? Willst du uns alle erschrecken oder gar töten, bevor es die Kälte tut?«

»Nein, Sander. Ich hab doch noch gar nichts getan.«

»Dann ziel wenigstens in eine andere Richtung.«

Ich halte den Stab nun zur anderen Seite, wo das Lager endet. Mit dem Finger drücke ich den Kiesel fest ans Holz. Dann schaue ich noch einmal zum Schamanen hin und lasse los. Der Stock schnellt in seine Ausgangsposition. Doch der Stein purzelte kurz zuvor vom Holz und kullert nun dicht vor meinen Füssen davon.

Jetzt lachen die anderen.

»Ist das alles, Orin?« Sanders Stimme trieft vor Häme.

Ich wage kaum aufzuschauen. Doch dann muss auch ich kichern. Der Kiesel hat ein Tänzchen hingelegt, wie ich es gar nicht wollte. Warum aber ist er nicht hochgeflogen wie ein kleiner Vogel, wie ich es beabsichtigt hatte? Er muss mir kurz zuvor abgerutscht sein.

Also brauche ich etwas, dass ihn festhält. Das besser ist, als mein Finger? Der eigentlich genügen sollte...

Mit der Zeit ebbt das Gemurmel um mich herum ab, und die Köpfe neigen sich zur Seite. Der Schlaf hat sich endlich ihrer bemächtigt. Ich hingegen bin nicht müde. In meinen Erinnerungen purzeln die Bilder durcheinander. Orin, der Jagdahne, wie er versucht, mit einem Stein eine Saquasi zu treffen. Doch er wirft zu kurz. Er erreicht nur, dass sich die Gans in die Lüfte erhebt und schnatternd davon flattert.

Ich weiß, dass der Stab den Stein weiter fliegen lässt. Nur muss er solange daran bleiben, bis ich ihn loslasse. Und dabei in die Richtung zielen, in die ich ihn halte.

Immer wieder nehme ich den Stock und biege ihn. Doch jedesmal, wenn ich ihn loslasse, rollt der Stein beiseite. Zum Schluss schaffe ich es, ihn vielleicht eine Manneslänge von mir zu treiben. Aber dass ist natürlich zu wenig. Da komme ich ja mit dem Speer weiter.

Suchend nach einer Möglichkeit, den Stein zu fixieren, gleiten meine Augen über den Boden. Ich nehme ein zerfetztes Stück Weidengeflecht und probiere es damit. Doch es gibt nach, wenn ich den Stock spanne.

Zu guter Letzt nehme ich die Scherbe, die von Thasar abgeplatzt ist. Sie ist hart genug. Aber wie soll ich sie befestigen. Ich zerlege das alte Geflecht in seine Einzelfasern und binde das Tonstück an den Stab.

Doch auch diesmal, wenn ich es wegfliegen lassen will, purzelt der Stein nur wenige Manneslängen von mir weg. Das ist zwar viel mehr als zuvor, aber längst noch nicht der gewünschte Erfolg.

Ich sehe, dass die Scherbe am Stock verrutscht ist. Erneut binde ich sie an. Nur diesmal fester und mit einem Knoten, dessen Art Tresse genannt wird. Das ist eine besonders haltbare Methode, die sich einer meiner Urahnen von einer anderen Familie abgeschaut hatte. Damit wurde die Jagdbeute an einen Speer gebunden und so auf der Schulter getragen.

Jetzt probiere ich es noch einmal. Spanne das Holz, halte den Stein auf der Scherbe, die am oberen Ende wie eine Tasche angebunden ist. Und lasse los. Mit hohem Zischen jagt der Stock nach vorn. Als er sich beruhigt, ist die Scherbe noch dran. Aber den Stein habe ich nirgends aufkommen sehen.

Verwirrt blicke ich umher. Suche ihn am Boden. Dann auch außerhalb des Feuerscheins. Doch er bleibt verschwunden. Ich nehme einen neuen. Aber nach dem Zischen des Stabes ist auch dieser weg. Ich hole mir einen Dritten, der diesmal ganz rund und körnig ist. Ein Dolomit. Ist der Geist dieses Holzes so mächtig, dass er meine Steine einfach unsichtbar macht?

Ich halte den Stab diesmal in Richtung einer Baumgruppe und lasse los. Es pfeift, gefolgt von einem Klacken. Ich stehe auf. Gehe zu den Bäumen, die viele Manneslängen entfernt sind. Hier ist es dunkel, und ich glaube kaum, dass ich etwas finden werde. Doch da sehe ich den runden Stein am Fuße eines der Bäume liegen. Es ist der Dolomit, den ich abgeworfen habe. Ich hebe ihn auf und kehre zum Großen Platz zurück.

Noch immer betrachte ich ein wenig verwundert den Stab und den Stein in meinen Händen. Da regt sich etwas unter dem Fell mir gegenüber.

»Na Orin, hast du ihn gefunden?«

Es ist Sander, der sich nun erhebt.

»Was, den Stein?«

»Stein und Schleuder. Es gehört beides zueinander.«

»Der Stein und die, die...«

»Schleuder, Orin. Ich habe dich beobachtet, denn auch mein alter Leib kann nicht richtig schlafen. Du bist der Jäger mit der Steinschleuder. Ich habe es gesehen. Und mit den Jahren wirst du noch vieles mehr sein. Denn du bist Orin Bundjil, die Schleuderhand. Sie wird künftig die Tiere jagen, indem sie sie von weitem schaut.«

Unsere Augen gleiten zur Baumgruppe. Vom Lager sehen wir sie nur so klein wie unsere Finger. Das ist die Entfernung, die die Antilopen uns erlauben, sich ihnen zu nähern. Wir ahnen beide, dass das nun nicht mehr genügen wird.



Am nächsten Morgen begeben wir uns, Sander und ich, auf die Ebene. Es ist immer noch sehr kalt, und die Finger frieren uns in den Fellhandschuhen, die wir aus Bärenhaut hergestellt haben. Ohne das schützende Feuer ist es hier kaum auszuhalten.

»Nun lass mal sehen, Orin Bundjil Schleuderhand, was du kannst.«

»Meine Hände sind ganz klamm«, wage ich einzuwenden. Doch es ist nur der Mangel an Wagemut, der mir fehlt. Sander schaut mich durchdringend an. Ich bin der Clanführer. Ich muss es schaffen. Ich muss mich um die Familien, die mir vertrauen, kümmern.

»Ich werde es erst einmal hier an diesem Baum ausprobieren.«

Sander tritt zurück, und ich nehme den Stock. Lege einen Stein in die Tonscherbe. Spanne ihn bis zu einem leichten Widerstand. Ich weiß, dass das der richtige Moment ist, loszulassen. Mit einem Ratschen verlässt der Stein den Stab. Ich recke den Hals. Sander läuft zum Baum. Der Kiesel ist weit geflogen. Doch er hat nicht getroffen. Diesmal nicht. Ich hebe einen weiteren auf. Und ziele erneut. Erst nach mehrmaligen Würfen habe ich endlich getroffen. Sander schreit vor Begeisterung. Danach treffe ich noch öfters. Wir sind fertig für die Jagd. Ich hefte beides an meinen Gurt: die Schleuder und den Dolomit. Trage dazu einen Beutel mit weiteren Steinen. Und hole mein Messer und den Speer. Für alle Fälle.

Wir gehen einen schmalen, steinigen Pfad, den das Wild seit Urzeiten hier getrampelt hat. Doch ist er schon lange ohne Kot und Urin. Ausgetreten von zahlreichen Hufen bleibt er als narbige Erinnerung an frühere, warme und grüne Sommer.

Wir sind an einem Plateau angekommen. Hier haben einige aus unserem Clan in der Sonne des letzten Bogens eine Hirschkuh mit ihren Jungen gesehen. Vorsichtig schleichen wir uns auf die Ebene. Und in der Tat äst vor uns ein Rentier. Immer wieder wittert es und äugt auch in unsere Richtung. Doch wir sind gegen den Wind. Ich lege einen Stein in die Schleuder. Ziehe den Stab mit seiner Lasche weit nach hinten. Ziele. Lasse los.

Heulend flirrt der Dolomit auf das Tier zu und trifft es an der Schulter. Erschreckt bäumt es auf, dreht sich voller Panik und flieht in die andere Richtung. Wir wollen hinterher laufen. Doch geben bald auf. Das Ren ist zu schnell. Es ist nicht einmal betäubt. Es bleibt unverletzt und kann leicht entkommen.

Zu leicht. Wir wissen, dass es nicht mehrere Versuche gibt.

»Der Stein ist zu leicht«, konstatiert Sander.

»Aber wenn er schwerer ist, kann ich ihn nicht soweit schleudern.«

»Dann musst du versuchen, näher an das Tier heran zu kommen.«

Das erweist sich als äußerst schwierig. Die Fluchtdistanz der Hirsche muss deutlich unterschritten werden. Eine unlösbare Aufgabe in der Ebene, wo es kaum Buschwerk gibt zum Verstecken.

Dann sehen wir vor uns einen Hasen hocken. Er frisst an einer Wurzel und scheint uns noch nicht bemerkt zu haben.

Ohne Worte verständigen wir uns. Ich spanne den Eibenspan und lege einen besonders schweren Stein in die Tonscherbe. Dann lasse ich los. Aber mit einem Mal bricht der Stock entzwei. Genau an der Stelle, die noch schwarz verkohlt vom Feuer ist. Wo er fast entflammt war.

Enttäuscht schauen wir uns an. »Da lag er am längsten drin.« Ich zeige auf das kohlige Ende. Sander nickt. »Das hat ihm die Kraft geraubt.«

Mit hängenden Köpfen und leeren Mägen gehen wir zurück zum Großen Platz. Eine weitere Jagd auf die übliche Weise können wir nur mit den anderen durchführen.

Doch ich will nicht aufgeben. »Geht schon mal vor. Ich suche mir einen neuen Stock zum Schleudern.«

Ich wende mich an Kania. »Zeigst du mir, wo du dieses Holz gefunden hast?«

»Sicher, Orin, es ist nicht weit von hier.«

Und alsbald haben wir einige dieser Äste aufgelesen und sie ins Lager gebracht. Dort lege ich die Tonscherbe neu an und hantiere mit den Schleuderentwürfen. Benutze kleine, leichte Steine. Große, dicke und runde. Und komme zu dem Ergebnis, dass die kleinen runden zwar weit durch die Luft tragen. Es aber die größeren braucht, um das Wild zu erlegen. Die besten Steine sind dabei Dolomiten mit rauer Bruchfläche. Doch die zerbrechen meine Stöcke.

Kania nimmt mir einen aus der Hand. »Lass ihn mich für dich ins Feuer legen«, sagt sie und sucht sich einen großen, stabilen aus. Dann häutet sie die Rinde ab und legt ihn an den Rand des Feuers. So dass er nicht brennt, aber die Hitze spürt.

Ich schaue ihr zu. Sie scheint eine Vorstellung von dem Holz zu haben, wie es mit dem Feuer harmoniert. Sie stammt aus der Blutlinie der Flammenhände. Aber der Großteil ihrer Familie ist Töpfer. Ohne einen Clan zu führen.

Nach einer Weile reicht sie mir den Ast zurück. Dieser ist nun etwas braun geworden und, wie ich merke, zäher und elastischer. Ich prüfe seine Spannkraft. Er lässt sich zwar nicht mehr so stark durchbiegen. Dafür scheint er mir stärker und schneller wieder in seine alte Stellung zu schwingen.

Ich befestige die Tonscherbe darauf und lege den schwersten Dolomitstein hinein, den ich finden kann. Kania sieht mir zu. Auch Arine, meine Hüttengefährtin, ist nun hinzu gekommen. Neugierig hat der Rest des Clans, der zurückgeblieben ist, unsere Vorbereitungen verfolgt.

Ich blinzle zu Kania hinüber.

»Diesmal wird er nicht brechen«, sagt sie.

»Was macht dich da so sicher?«

»Das Holz hat eine Harmonie mit dem Feuer. Sie sind eine Gefährtenschaft eingegangen. Nun werden sie sich gegenseitig ergänzen.«

Ich wähle einen weit entfernten Baum. Zielen kann ich mittlerweile leidlich. Doch noch nie mit einem Stein, der so groß ist wie meine Faust.

Mit ziemlichem Aufwand spanne ich die Schleuder. Es ist die letzte Kraft, die ich habe. In meinem vor Hunger ausgemergelten Körper. Dann lasse ich los.

Jaulend zischt das Geschoß durch die Luft und schlägt neben dem Baumstamm durch dessen Geäst. Zerbricht es und donnert weiter durch die Blätter, als könne es nichts aufhalten. Doch der Stock hat gehalten. Ich schaue von ihm zu Kania.

»Jetzt kann die Jagd losgehen«, ruft sie aus.

»Und wir kommen alle mit!« Dabei blickt sie zu den uns umgebenden Hütten. In Wirklichkeit sind wir viel mehr als die, die auf die Jagd gehen. Nicht alle können fort. Viele haben andere Aufgaben. Auf die Kinder aufpassen. Sammeln von Beeren, Bauen von Unterständen. Töpfern, Flechten, Werkzeug und Waffen anfertigen, Gerben. So wie Arine. Liebevoll umfasst sie meine Hüfte. Es ist nicht oft, dass sie mich auf der Jagd begleitet. Aber wenn sie Erfolg verspricht, brauchen wir Träger, Häscher und auch weitere Speerwerfer. Dann bleiben nur noch die Alten bei den Kindern.

Schnell laufen wir den anderen hinterher, die schon vorgegangen sind. Als wir sie erreichen, sehen wir ihren Gesichtern an, dass sie noch nichts erlegt haben.

»Immer nur sehen wir die Hinterläufe der Tiere. Als ob uns das satt macht.«

»Wir bräuchten endlich wieder ein Quaratar«, fügt Sander hinzu. »Schon lange haben wir uns nicht mehr richtig auf die Jagd vorbereiten können.«

»Doch«, sage ich. Diesmal wird Arahar, der Geist, der Leben pflanzt, auch wieder mit dem Großen Ren sprechen. Denn ich habe ihn überzeugt, uns diesmal gnädig zu sein.«

»Wie hast du das gemacht?« fragt Sander ungläubig.

Ich halte die neue Schleuder hoch. »Hiermit.«

»Und glaubst du wirklich, dass es dir diesmal gelingt, einen Hirsch nicht nur zu treffen, sondern auch zu töten?«

Ich schaue zu Kania und Arine. »Ja«, antworte ich nur und eile über die frostdurchzogene Ebene. Die Sonne neigt sich schon dem Erdrand zu, und es wird zusehends kälter. Auch drohen von weitem dicke Wolken voller Schnee. Wenn wir nicht bald Fleisch haben, werden wir die nächsten Tage nicht mehr erleben.

Nur drei von uns gehen nun gebückt im Schatten der wenigen Büsche über das Plateau. Die anderen harren hinter einem kleinen Felsen gebannt und suchen den Horizont nach Tieren ab. Einer von ihnen zeigt auf den Rand am anderen Ende der Savanne. Im Rot der Abendsonne sehe ich die dunkle Gestalt eines riesigen Rens. Sein mächtiges Geweih zeichnet sich als herausfordernde Krone ab, die golden das letzte Licht höhnisch reflektiert.

Er steht zu weit. Wir müssen näher heran. Doch schon nimmt der Hirsch Witterung auf. Sieht zu uns herüber.

»Wirf den Stein, Orin. Jetzt. Eine weitere Chance wird sich uns nicht bieten«, wispert mir Sander zu.

Ich mache mich klein. Ducke mich. Drücke den Stab so sehr durch, wie es meine Kraft nur zulässt. Doch ich weiß, er ist zu weit weg. Dann knie ich, um mich besser abzustützen, klemme das untere Ende zwischen meine Füße. Arine reicht mir den schwersten Dolomit, den sie noch heben kann. Legt ihn auf die Schälung der Tonscherbe.

Dann lasse ich los. Mit leisem Zischen verlässt das Wurfgeschoß die Schleuder. Weit hebt es sich ab über den Boden und nimmt eine bogenartige Flugbahn ein. Dann sehen wir es nicht mehr. Gleich darauf aber stößt das Tier einen heiseren Schrei aus und will ausschlagen. Doch die Beine knicken ihm ein. Ungläubig versucht es, wieder hochzuspringen. Krampfartig öffnet sich sein Maul, und eine dünne Spur Blut fließt heraus. Schnell laufen wir zu ihm hin, die Speere wurfbereit. Es sieht uns kommen. Mit seinem schaufelartigen Geweih will es uns in einem letzten Kraftaufwand empor schleudern. Aber sein Kopf sinkt vor Schmerz und Erschöpfung nieder. Ich sehe ihm in die sterbenden Augen. Halte Kalb und die anderen zurück, als sie uns erreichen. Ich will dem Hirsch Gelegenheit geben, das Große Ren von mir zu grüßen und ihm meinen Dank auszurichten. Und ihm sagen lassen, dass es nun jemand gibt, der sich ihm ganz allein zu stellen bereit ist. Nur mit einer Schleuder. Ich, Orin Bundjil, werde den Clan fern von hier zum blauen Wasser bringen.

Ich warte geduldig. Ich spüre, wie das Tier die Kräfte verlassen und sein Körper in sich zusammensinkt. Ich fühle seinen Schmerz und begleite ihn eine kleine Strecke auf seinem Weg zum Großen Ren. Er soll nicht einsam sein in der Weite der Himmelslichter. Dann blickt er ein letztes Mal zu mir zurück, und ich lasse ihn ziehen.



Vor uns liegen die Berge. Sie sind mittlerweile so nah, dass wir ihre Ausläufer bereits vor uns haben. Und den Schnee riechen können, der uns von oben in die Nase steigt.

Ich umarme Arine. Bald haben wir es geschafft. Sander aber lässt uns kaum ruhen. Er will weiter. Auch wir wissen um den Schutz und die Wärme einer Höhle. Es ist eher ungewöhnlich, dass wir um diese Zeit überhaupt unterwegs sind. In der Kälte verbieten sich größere Reisen. Aber nicht, wenn wir keine Heimat haben, die uns ernährt. Ich hoffe, dass wir bald ankommen werden. Und doch weiß ich, dass es irgendwann wieder weiter geht. Über die Berge hinaus. Da, wo der riesige See liegt. Aber ich weiß auch, dass ich ihn persönlich nicht mehr sehen werde. Meine Kraft geht zuende. Ich werde der Anführer dieses Clans noch eine Weile bleiben. Doch meine Aufgabe ist es nicht, mehr zu finden als Gebiete, in denen es noch Wild gibt. Alles andere habe ich schon meinen Nachfolgern vermacht. Der Clan der Schleuderhände wird wieder mächtig werden und sich später über die Berge ausbreiten. Solange es Tiere gibt, werden wir nicht mehr Hunger leiden.

Mit diesen Gedanken widme ich meine Aufmerksamkeit wieder Sander, der bereits vor uns den Anhang des Berges hinauf stapft.

Wir schließen uns ihm an. Kraftvoll und mit nahem Ziel vor Augen sucht er seinen Weg durch die Berge. Sie sind nicht sehr hoch, so dass die Kälte nicht besonders zunimmt. Aber die schmalen Grate bilden oft eine Gefahr. Wir rutschen aus und drohen, in die Tiefe zu stürzen. Nur mit viel Glück gelingt es uns, unbeschadet den Pass zu erreichen. Von hier an überblicken wir einen großen Teil des Gebirges.

»Last uns rasten«, schlägt Taressa vor. Kalb, ihr halbwüchsiges Kind, ist am Ende seiner Kräfte.

Sander dreht sich zu ihr um. »Es ist nicht mehr weit. Da vorn ist das Tal der Bären. Wir wandern nur noch so weit, bis der Tag sich neigt.«

Ich frage mich nicht zum ersten Mal, ob Sanders den Weg ganz genau kennt oder nur eine vage Vorstellung davon hat, was er sich wünscht.

Aber wir folgen ihm auch hier. Er ist unser Schamane. Und er wird uns eine Höhle aussuchen, in der wir das Glück der Jagd und der Familie wiederfinden.

Und in der Tat, als wir um einen Felsvorsprung gehen, erblicken wir vor uns ein prächtiges Tal, eingebettet zwischen den Gipfeln weißer Berge. Es ist grün und mild hier. Der kalte Nordwind wird von den Felswänden aufgehalten und die Wolken daran gehindert, weiter zu ziehen. Hier regnen sie ab.

»Wie wunderschön ist dieser Ort«, ruft Kania und läuft hinunter.

»Vorsicht«, gemahnt Sander, »die Wege sind tückisch.

Aber alle folgen nun ihren Sprüngen, und alsbald sind wir im Tal angekommen. Wir riechen die Frische des Grases. Und ich bin sicher, dass es hier viel Wild geben wird. Meine Hand umschließt die Schleuder mit festem Griff.

»Sucht zuerst geeignete Höhlen aus«, rufe ich. Dann lasst uns die unmittelbare Umgebung erkunden.«

Kania ist schon in einer der Schluchten verschwunden, die sich hinter den Eingängen verbergen. Vor uns reihen sich Höhle an Höhle. Aber die schönste hat einen Vorsprung, der sich ein wenig über das Tal zieht. Von hier aus habe ich den besten Ausblick. Ideal für den Clan. Ich weiß, ich bin angekommen.

Da ertönt ein schrecklicher Schrei. Sogleich rennen wir alle in die Richtung, aus der er kommt. Doch gleich darauf bricht uns ein Gebrüll entgegen, dass wir sofort abstoppen. Dahinter taucht ein riesiger Bär auf. Sofort weichen wir zurück. Bis auf mich und Sander verstecken sich alle draußen hinter den Felsen. Ich warte vor dem Eingang und hole meine Schleuder hervor. Sander umfasst seinen Dolch.

Wir brauchen nicht lange warten. Der Bär läuft um die Ecke und hält abrupt inne. Durch seine Nüstern zieht er unseren Geruch ein. Ich lege auf ihn an und treffe ihn mit einem kleineren Stein auf die Nase. Wütend greift er sich mit der Tatze ans Maul und fängt fürchterlich an zu brüllen. Schnell lege ich einen größeren in die Scherbenmulde. Durch meine Bewegung wird er auf mich aufmerksam. Nun noch zorniger dreht er sich zu mir und richtet sich zu voller Größe auf.

»Vorsicht, Orin, er wird dich kriegen!« Sander zeigt mir an, zu verschwinden.

Doch ich habe ihn bereits ins Visier genommen. Und los fliegt der Stein. Der Bär wird mitten aufs Herz getroffen und bricht stöhnend zusammen. Sofort schicke ich ihm einen weiteren hinterher, der ihn an der Stirn trifft. Taumelnd sackt er zu Boden. Laut echot seine rasende Wut über das Tal. Ein paarmal zucken noch seine mächtigen Tatzen, als wollten sie nach mir zielen. Dann hängt seine Zunge aus dem Maul. Er ist tot.

Arine läuft auf mich zu. »Ist dir was geschehen?«

»Nein. Mir nicht. Aber wo ist Kania?«

Nachdem wir uns endgültig von dem Tod des riesigen Tieres überzeugt haben, gehen wir vorsichtig an ihm vorbei in die Höhle hinein. Da liegt sie. Blut rinnt ihr aus Wunden an Brust und Kopf. Die Augen sind bereits geschlossen, und sie atmet nicht mehr.

So habe ich mir den Einzug ins Tal nicht vorgestellt. Aber es ist das Opfer für den Höhlengeist. Arahar selbst hat hier gehaust, und muss sich nun einen anderen Bärenkörper suchen, in dem er leben kann. Diese Höhle hat er uns geschenkt.

»Sein Geist aber wird sie weiter bewohnen«, sagt Sander später. »Und er hat unser Opfer akzeptiert.«

Tief in den dunklen Gängen findet er geeignete Räume, in denen er in die Traumwelt entschweben kann. Es ist das Reich Arahars selbst, der ihn nun auf allen seinen Reisen begleiten wird.

Und vor der Höhle finden sich die schönsten Beeren. Sie schmecken nach Honig und frischen Blüten. Wir sind angekommen aus einer fernen Welt, die für uns zu kalt und karg wurde. Es ist schade, dass Kania nicht mehr bei uns weilt. Ihre Linie verliert sich hier, da sie kinderlos blieb. Wir werden sie sehr vermissen, auch ihre Feuerhand und die Fähigkeit, die Thasar zu bewahren. Wir können nur hoffen, wieder Jemanden zu finden mit ihren Anlagen und ihrer Geduld. Bis dahin werden wir versuchen, sie so gut es geht in den Geschichten der Feuer am Leben zu erhalten.